Religion - anachronistisch und gefaehrlich?

Ein Kommentar von Militarygirlfriend animiert mich zu diesem Eintrag. Aehnliche Einschaetzungen habe ich schon von sehr vielen Europaeern gehoert, das scheint zum derzeitigen europaeischen Weltverstaendnis zu gehoeren.

es ist klar das die Menschen ein Bedürfniss an Spiritualität haben, aber seitdem die Religion existiert wurden Menschen im Namen “Gottes” oder “Allahs” getötet und Kriege geführt und das wird immer so weitergehen, es wird niemals aufhören. Spiritualität hin oder her, nächstenliebe hin oder her… die Religion wird immer eine Entschuldigung sein um im Namen Gottes, für die eigenen Zwecke, töten zu können. Und das ist das traurige dabei.

Ich habe einige Einwaende:

Wir kennen keine menschlichen Gesellschaften, bevor Religionen existiert haben. Seit es schriftliche Zeugnisse gibt (per Definition der Beginn von historischen Zeiten), sind auch Religionen belegt. Was praehistorische Gesellschaften angeht, fehlt es an eindeutigen Belegen fuer Religionen, allerdings scheinen die Funde auch eher darauf hinzuweisen, dass religioese Riten praktiziert wurden.

Ebenfalls klar belegt seit der Praehistorie ist, dass Menschen einander getoetet haben und zwar nicht nur als Individuen, sondern im Kollektiv = Krieg.

Fuer weitaus groesste Geschichtsspanne gibt es also eine starke Korrelation von Religion und Toeten.

Eine Korrelation ist aber keine Kausalitaet. Militarygirlfriend geht unreflektiert davon aus, dass Religion Toeten verursacht. Umgekehrt koennte aber auch vermutet werden, dass Toeten (der aggressive Trieb im Menschen) das Beduerfnis nach Religion ausloest. Ausserdem koennten weitere Faktoren in den Zusammenhang hineinspielen, beispielsweise gehoeren sowohl Religion wie auch Toeten im Krieg zu hierarchischen Gesellschaften. Koennte die Hierarchie in einer Gesellschaft sowohl Toeten wie Religion bedingen?

Bevor wir uns weiter den Kopf darueber zerbrechen, muessen wir aber noch einen wichtigen Punkt betrachten: In der neueren Geschichte liegen uns zum ersten Mal Beispiele von komplexen Gesellschaften vor, in denen Religion kaum eine Rolle spielte. Wenn Religion das Toeten verursachte, muesste Toeten/Kriege in diesen Gesellschaften deutlich nachgelassen haben. Historisch ist aber das Gegenteil zu beobachten, der Nationalsozialismus mit seiner eher unterschwelligen und der Sozialismus mit seiner dezidierten Ablehnung von Religion an sich haben zu deutlich mehr Toeten und Kriegen gefuehrt als vorher in traditionell religioesen Gesellschaften geschehen ist.

G.K. Chesterton wird das Epigramm zugeschrieben:

The first effect of not believing in God is to believe in anything.

Ich denke, die Richtigkeit dieser Bemerkung sehen wir ringsum. Stolze Atheisten lassen sich von Horoskopen beeinflussen, richten ihr zuhause nach den Prinzipien von Feng Shui ein und sind sich nicht sicher, ob sie an eine weltweite Verschwoerung glauben sollen.

“Gagdad Bob” setzt sich in seinem Blog “One Cosmos” sehr originell mit dem Thema auseinander. Allerdings muss ich warnen, dass sein Englisch zwar witzig, aber fuer den nicht Muttersprachler nicht unbedingt leicht zu verstehen ist.

Hier eine Kostprobe: The Arc of Salvation in the Theo-Cosmic Drama

(…)

Now, in order for the arc of salvation to get underway, a group had to be chosen to receive the law. The Mishnah, or one of those other Jewish thingys, says that the Jews were not chosen in the sense of being better than other human groups. Rather, they were chosen for a divine mission — truly a Mission Impossible if you know anything about the hideous barbarity of ancient man.

At the time, what God was asking of the Jews could not have been more against the grain of what passed for “humanness”: child sacrifice, cannibalism, slavery, horrible treatment of women, and incredible intergroup violence and paranoia. The ancient Hebrews were not just given a “religious” mission, but a civilizing mission. In short, in order for the arc of salvation to leave the starting post, it was necessary to prepare a human group. This group turned out to be the Jews, something which in hindsight is obvious, as all Raccoons may trace their own spiritual descent to father Abraham, who got the old ka-ball a-rolling. (In Coonspeak, this is referred to as our “Abraham Linking.”)

Spirituality, since it involves a vertical descent, accounts for the sudden, otherwise inexplicable “right angles” in horizontal human history. Thus, the story of the Jews is one long line that runs perpendicular to profane history, and which created a space for the ongoing ingression of divine energies — including the preparation of a human body for the next phase of the mission.

(…)

4 Antworten zu “Religion - anachronistisch und gefaehrlich?”

  1. militarygirlfriend sagt:

    Es ist mir vollkommen klar das Religion auch gute Seiten hat. Es ist mir auch bewusst das man an irgendetwas glauben muss. Ich sage ja nicht das ich zum Beispiel an nichts glaube. Es geht mir rein nur um die Menschen die im Namen Gottes töten. Die meinen zu wissen was Gott will und für was Gott steht. Das geht schon seit Jahrhunderten so, und es ist nicht von der Hand zu weisen das es Menschen gibt die den Glauben für ihre Zwecke missbrauchen. Ich habe niemals gesagt das es ansonsten keine Kriege gibt die durch irgendetwas anderes gestartet wurden.

    Es geht mir in diesem Fall rein nur um die Religion und wie der Name Gottes missbraucht wird um Menschen zu töten. Es kommt dabei nicht darauf an wieviele Menschen bereits in seinem Namen getötet wurden, sondern alleine die Tatsache dass Menschen im Namen Gottes getötet wurden reicht aus, denn manchmal frage ich mich wozu es eigentlich die Gebote gibt, wenn trotzdem in seinem Namen getötet wird.

  2. schmetterlingsfrau sagt:

    Religionsfeindlichkeit dient auch dazu, die Gefahren durch den Islam zu relativieren. Wenn alle Religionen an sich böse sind, dann kann man dem Islam ja nichts mehr vorwerfen.

  3. militarygirlfriend sagt:

    Ob Christentum oder Islam. Beide Religionen glänzen bzw glänzten bereits durch Grausamkeit, beide Religionen haben ihre guten und schlechten Seiten. Ich bestreite nicht das der Islam eine grausame Seite hat, die hatte/hat das Christentum auch.

    Mittlerweile haben wir uns aber im Westen weiterentwickelt, wir haben andere Standards, andere Prinzipien und sind freizügiger geworden. Wieviele nehmen in Deutschland denn die Religion noch ernst? Wieviele gehen denn noch regelmäßig in die Kirche? Die meisten müssen Sonntags doch erst mal ihren Rausch ausschlafen, dazu zähle ich auch die ach so religiösen katholischen Studentenverbindungen die sich gegenseitig in die Kanne schicken.

    Ohne die Kirche würde Deutschland jedoch verhungern… auch wenn die Leute durch die Wissenschaft mehr und mehr den Glauben verlieren ist die Kirche ein wesentlicher Bestandteil unseres Systems.

    Wenn man nur den grausamen Aspekt von Religion abschaffen könnte wäre ich schon zufrieden. Sollen die Menschen doch an das glauben was sie wollen.
    Warum muss man einem anderen Menschen einen Glauben aufzwingen? Weshalb gibt es Menschen die das nicht akzeptieren können? Weshalb wollen sie anderen ihren Glauben aufzwingen und sind sogar bereit sich und andere zu töten?

    Religionskriege wird es wohl immer geben… darüber würde ich mir persönlich nichts vormachen, denn es wird immer jemanden geben der meint er wüsste was Gott denn nun tatsächlich möchte…

  4. beer7 sagt:

    Militarygirlfriend,

    Du hast kaum verstanden, was ich eigentlich sagen wollte. Es wird immer Kriege geben (bis der Moshiach kommt). Sie koennen durch Religion, durch Ideologie oder auch “wissenschaftlich” begruendet werden.

    Was Du gern abschaffen moechtest, ist nicht der grausame Aspekt der Religion, sondern die grausame Seite im Menschen. Es ist gar zu bequem, das nach aussenauf Religion oder dgl. abzuspalten. Atheismus macht niemandem zum besseren Menschen.

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