ein paar Ueberlegungen zur menschlichen Natur
Rami gibt vor, dass er mit mir nicht kommunizieren kann, weil ich behaupte, dass Aggression Teil der menschlichen Natur ist. Ich nehme ihm das zwar nicht ab - mit intellektueller Redlichkeit tut sich Rami (noch?) ein bisschen schwer.
Auf alle Faelle ist es ein interessanter Ausgangspunkt fuer Ueberlegungen.
Den Menschen im Naturstand gibt es nicht. Seit der Mensch sich als Mensch definiert, lebt er im Kulturzustand. Die Anfaenge des menschlichen Bewusstseins in der Art koennen wir nicht aufspueren, sie liegen noch lange vor den ersten historischen Zeugnissen.
Bis zu einem gewissen Grad kann man Rueckschluesse von der Entwicklung des Einzelnen auf die Entwicklung der Art ziehen. Friedrich der II. von Hohenstaufen soll auf der Suche nach der Ursprache ein Experiment durchgefuehrt haben, wonach Saeuglinge ohne verbale oder soziale Zuwendung versorgt wurden. Wahrscheinlich handelte es sich dabei um Propaganda von politischen Gegnern. Aber der Ansatz zeigt, dass die Rueckschluesse auf die Entwicklung der Art Homo sapiens sehr begrenzt sind.
Dass Menschen aggressiv sein koennen, wird eigentlich von niemandem bestritten. Dieser Seminar(?)-Text aus dem Fach Psychologie der Universitaet Utah gibt einen kurzen Ueberblick ueber verschiedene Aggressionstheorien in der Psychologie. Von Freuds Todestrieb, ueber die Frustrations-Wut Theorie von Berkowitz, die Betonung der Rollenmodelle bei Bandura und Patterson sehen wir eine Tendenz, die Ursachen von menschliche Aggression nach aussen zu verschieben. Bei Freud ist Thanatos ein integraler Bestandteil des Menschen, nicht weniger fundamental als der Selbsterhaltungstrieb, bei Bandura und Patterson ist aggressives Verhalten ganz und gar erlernt und koennte dementsprechend vermieden werden.
Mir fehlt in dieser Auflistung die Aggressionstheorie von Heinz Kohut. Ich gebe zu, dass ich Kohut nicht selber gelesen habe. Er wird (oder wurde zu meiner Zeit, e.g. bis vor knapp 15 Jahren) in Europa kaum rezipiert. Ich bin durch Dr. Sanity auf Kohut gestossen und zwar in ihrem dreiteiligen Essay “Narcissism and Society”
Die Graphik habe ich ebenfalls bei ihr entliehen.
Angesichts der Fuelle und Breite von psychologischen Aggressionstheorien, wirkt es im besten Fall naiv und oberflaechlich, wenn Rami meine Auffassung, dass Aggression Teil der menschlichen Psyche ist, dahingehend missverstehen will, dass ich aggressives Verhalten legitimiere. Waeren dann alle Aggressionstheorien ebenfalls Legitimation?
Im Grunde geht es um die alte Debatte “nature versus nuture”. Diese Debatte hat deutliche, politische Obertoene. Rassismus basiert natuerlich auf der Annahme, dass Eigenschaften grundsaetzlich angeboren und unveraenderlich sind. Klar daraus abgeleitet wurde “unwertes” Leben von den Nazis vernichtet. Der neue Sovietmensch dagegen basierte auf der Annahme, dass die menschliche Natur vollkommen flexibel ist und durch die Gesellschaft nach ihren Wuenschen und Beduerfnissen geformt werden kann. Die vollkommene Gesellschaftsform brint damit automatisch auch den idealen Menschen hervor. Das ging so weit, dass in der Sovietunion bis in die 1960er Jahre hinein Genetik offiziell abgelehnt wurde und man sich an die ueberholten Theorie von Linne hielt, nach der erworbene Eigenschaften vererbt werden koennen.
Ob Rami sich bewusst an links-orthodoxe Prinzipien haelt oder ob er unbewusst Teile dieser Ideologie uebernommen hat, kann ich nicht beantworten.
Fuer mein Teil bin ich wieder mal am Balancieren. Ich halte es fuer ausgeschlossen, dass menschliches Verhalten in seiner ganzen Bandbreite angeboren ist. Das widerspricht auch der Beobachtung, dass sich menschliches Verhalten in einem Individuum entwickeln kann. (Lernprozess!) Auf der anderen Seite halte ich es fuer extrem unwahrscheinlich, dass es keinerlei genetische Grundlage fuer prototypisches Verhalten geben soll. Gerade aggressive Triebe sind so univeral und historisch so ununterbrochen nachgewiesen, dass es mir hanebuechen erscheint, sie ausschliesslich auf erlerntes Verhalten reduzieren zu wollen.