Die ZEIT titelt Keine Hoffnung und fasst die Ergebnisse folgendermassen zusammen:
Die Iraker trauen weder den ausländischen Truppen noch der eigenen Regierung. Sie fürchten die Gewalt und glauben nicht mehr an die Zukunft. Eine deprimierende Bilanz nach vier Jahren Krieg
Das passt gar zu gut zum links-liberalen Schema bzgl. Irak, daher interessierten mich die tatsaechlichen Umfrageergebnisse. Es spricht nicht fuer die ZEIT, dass sie keinen Link anbietet. Mit den gemachten Angaben wurde ich schnell fuendig. Der Denver News Channel berichtet ueber den 4. Jahrestag des Irakkrieges und bringt wie selbstverstaendlich auch den Link zur neuen Umfrage.
Die Schlagzeile und die Zusammenfassung der ZEIT sind so nicht richtig:
Auf die Frage 2: Compared to the time before the war in spring 2003, are things overall in your life much better now, somewhat better, about the same, somewhat worse, or much worse? antworten 43% besser gegenueber 36% schlechter (22% gleich). Deutlich zu sehen ist, dass die Werte ein Jahr beim ersten und zweiten Jahrestag des Krieges (zum dritten wurde anscheinend keine Umfrage durchgefuehrt) positiver waren. Ein Jahr nach dem Krieg 57% besser, 19% schlechter, zwei Jahre danach 52% besser, 29% schlechter. Meine vorsichtige Spekulation ist, dass sich die konkrete Erinnerung an das Leben unter Saddam Hussein mit zeitlichem Abstand abschwaecht, da ich kaum glauben kann, dass ein Jahr nach dem Krieg die allgemeine Situation wirklich deutlich besser war als heute.
What is the single biggest problem facing your life these days?: Security issues fuehrt mit 48% vor social issues mit 22%, dann folgen Wirtschaft 17% und Politik/Militaer 13%. (Q4)
Noch deutlicher ist die Prioritaet der Sicherheit, wenn allgemein gefragt wird: Not personally, but in terms of Iraq, what in your opinion is the single biggest problem facing Iraq as a whole? Sicherheit 53% Politik/Militaer 26%, Soziales 12%, Wirtschaft 9% (Q9)
Auf die Frage, welche Erwartungen man in einem Jahr bezueglich der Sicherheit habe, antworteten 44% besser, 32% gleich und 24% schlechter. (Q12 a)
Offensichtlich traut man der irakischen Armee und Polizei zu, mit dem Problem fertig zu werden: 61% aeussern Vertrauen in die Armee, 64% in die Polizei, dagegen nur 18% in die Koalitionstruppen. (Q16)
Dementsprechend antworten 49%, dass die Truppenerhoehung in Bagdad und Anbar die Lage verschlechtern wuerde, gegenueber 29%, die sich eine Besserung und 22%, die keine Aenderung erwarten (Q26). Und 69% antworten in Q28, dass die Anwesenheit von Koalitionstruppen im Irak die Sicherheitssituation nur verschlechtere. In Frage 31 werden die Koalitionstruppen mit 31% auch am haeufigsten fuer die Gewalt verantwortlich gemacht, gefolgt von Al Qaida und fremden Jihadi mit 18%. Dabei ist die Gewalt, die man am meisten fuerchtet, laut Q34 das Bombenattentat (Autobombe oder Selbstmordattentaeter) 38%. Die USA werden also nicht dafuer verantwortlich gemacht, selber Gewalt auszuueben, sondern nur, sie nicht zu verhindern.
Aber auf die Frage 27 How long do you think US and other Coalition forces should remain in Iraq? Should they leave now, remain until security is restored, remain until Iraqi government is stonger, remain until Iraqi security forces can operate independently, remain longer but leave eventually, or never leave? sprechen sich insgesamt 65% fuer ein laengeres Bleiben aus (verteilt auf die verschiedenen Kriterien Sicherheit 38%, Regierung 14, Sicherheitskraefte 11, ohne Kriterium 2) und nur 35% sprechen sich fuer den sofortigen Abzug aus.
Hier liegt ein Widerspruch vor: Anscheinend wird die Anwesenheit von Besatzungstruppen emotional als Belastung empfunden, obwohl man sich rational darueber im Klaren ist, dass sie vorlaeufig noch gebraucht werden.
Die Besatzer sind keineswegs die einzigen fremden Maechte, die man im Irak verwickelt sieht: 71% sehen Einmischung durch den Iran, 66% durch Syrien und 56% durch Saudiarabien (Q54). Grundsaetzlich wird Einmischung nicht gern gesehen, eine negative Rolle im Irak spielen nach Q29 folgende Staaten:
USA 77%, UK 75%, Iran 67%, Syrien 63%, Saudiarabien 52%, Tuerkei 46%. Nur Russland wird ueberwiegend neutral gesehen.
Einen irakischen Buergerkrieg kann eine Mehrheit von 56% nicht erkennen. Von diesen halten 57% es auch in Zukunft fuer unwahrscheinlich, dass sich ein Buergerkrieg entwickeln koennte. (Q52 und 53)
Die Zukunft der Kinder sieht man vorsichtig optimistisch: Besser 43%, schlechter 37%, gleich 21%. (Q5)
Die eigene unmittelbare Zukunft (in a year from now) sieht man immer noch leicht optimistisch: 35% besser, 32% schlechter, 32% gleich. (Q3)
Auf die Frage nach der bevorzugten Regierungsform sprechen sich 43% fuer Demokratie im gegenwaertigen Irak aus, gefolgt von 34% fuer einen Diktator und 22% fuer einen islamischen Staat. (Q17) Die Frage nach dem islamischen Staat ist natuerlich problematisch, da man sich durchaus eine Kombination von Demokratie und islamischem Staat vorstellen koennte. Klarer waere es gewesen nach einem islamischen Staat nach dem Vorbild des Irans zu fragen. In naher Zukunft (fuenf Jahre von heute) haetten gern 53% eine Demokratie, 26% einen Diktator und 22% einen islamischen Staat. (Q1
Offensichtlich decken sich Wunsch und Erwartung ganz gut, denn 53% sind auch zuversichtlich, dass der Irak dann eine Demokratie sein wird, waehrend nur 22% mit einem Diktatur und 24% mit einem islamischen Staat rechnen.
Angesichts der deutlichen Praeferenz fuer Demokratie gegenueber Diktatur und dem klaren Optimismus, dass die Demokratie sich durchsetzen wird, nimmt es wunder, dass der Irakkrieg, durch den Saddam Hussein gestuerzt wurde, von 53% im Nachhinein fuer falsch gehalten wird (Q10). Mir scheint, dass hier wieder zwischen emotionaler und rationaler Einstellung unterschieden werden muss: Zwar fuehlt man sich der Demokratisierung verbunden, sieht es aber mit Ressentiment, dass sie nur durch Gewalt von aussen moeglich war.