Amok – spezifische US-Kultur der Gewalt?

Meine Ergebnisse zur umgekehrten Korrelation (wobei Korrelation nicht Kausation ist, wie immer wieder erinnert werden sollte!) zwischen Waffenverbreitung und Gewaltverbrechen widersprechen offensichtlich der Intuition vieler Menschen. Mit meinem Mann habe ich lebhafte Diskussionen zum Thema und auch Yael empfindet meine Ergebnisse als falsch.

Intuitive Einschaetzungen koennen richtig sein, sie muessen es aber nicht zwangslaeufig sein. Oft ist “intuitiv” nichts weiteres als eine Beschreibung fuer Auffassungen, die wir nicht naeher ueberprueft haben und/oder nicht naeher ueberpruefen wollen. Sowohl mein Mann wie auch Yael gehen davon aus, dass die Menschen in den USA zur Gewalt neigen.

Laesst sich so etwas belegen?

Yael verlinkt zu einem Artikel aus den Oberoestreichischen Nachrichten. Der ist nicht sonderlich ernst zu nehmen, vor allem auch, weil er offensichtlich ohne Hintergrundinformationen geschrieben wurde. Dem Amoklauf ging kein Streit mit einer Freundin voraus. Der Taeter hatte keine Freundin und war aufgrund seiner Persoenlichkeitsstruktut auch gar nicht zu einer intimen Beziehung in der Lage.

Das Wort Amok kommt aus dem Malayischen.

The expression “to run amok” derives from the Amok Syndrome associated with Malaysian men among whom it was common in the 1800s and into the 1900s. Amok was a sudden eruption of homicidal violence during which the perpetrator, armed with a Kris (later with guns), would race through the streets in a frenzy, killing any person or animal he came upon. When the attack burned out and ended, the attacker would commonly be in a state of exhaustion and often amnestic for the attack; not infrequently the attacks would end with the attacker’s suicide.

I do not have a citation but recall reading that the attacker believed that his victims would appear as his slaves in Heaven.

Typically the attack was found to have been preceded by a period of pre-occupation, brooding and depression. Further, there was often an incident that evoked extreme shame in the person preceding the attack. In the Malay Honor-Shame culture, intense shame was incompatible with continued involvement in the community.

zitiert aus Honor and Courage

Ich neige dazu, diese Verbindung zwischen ‘Scham’ und Amok zu akzeptieren, nicht zuletzt deshalb, weil ich keine scharfe Trennung zwischen Amoklaeufen und Selbstmordattentaten sehen kann. Offensichtlich koennen auch einige Muslime keinen Unterschied erkennen.

Hier finde ich einen Hinweis, dass auch historisch eine Verbindung von Amok und Islamischen Jihad gesehen wurde:

Im malaiisch-indonesischen Kulturkreis wurde mit der Einführung des Islam im 14. Jahrhundert das Amoklaufen gegen die “Ungläubigen” zu einem Akt religiösen Fanatismus. Der für den Amok-Läufer ja meist drohende Tod wurde dann auch als Allah wohlgefällig betrachtet, im Gegensatz zum Selbstmord, der bekanntlich einem Muslim verboten ist.

Diese Tradition erhielt sich bis in die späten Kolonial-Zeiten, zum Beispiel in den so genannten “Aceh-Morden” an Holländern, ausgeübt von islamischen Fanatikern auf Sumatra sowie in den amok-ähnlichen indirekten Suizidritualen auf den südlichen Philippinen. (Interessanterweise hielt sich der so genannte “Gruppen-Amok”, z. B. als Kampftaktik von Piraten in dieser Region bis zur Mitte des 19. Jahrhunderts und konnte schließlich nur durch intensive militärische Anstrengungen der Kolonialbehörden gestoppt werden.)

Sobald wir Amok nicht mehr ausschliesslich als sinnloses Massentoeten in einem westlichen Industriestaat definieren, verwischt sich das Bild.

Noch eine methodische Anmerkung: Es ist nachvollziehbar, dass weitere Verbreitung von Waffen mit groesserer Anzahl von Toten und Verletzten bei Amoklaeufen korreliert. Die Korrelation, die ich gefunden habe, dass naemlich Verbreitung von Waffen in umgekehrtem Verhaeltnis zur Haeufigkeit von Gewaltverbrechen steht, bildet keinen Widerspruch. Beides kann zutreffen. Amoktaten sind sehr selten und beeinflussen daher die Statistik von Gewaltverbrechen nur in geringem Mass.

Spielt es eine Rolle fuer unsere Einschaetzung, ob Menschen “sinnlos” durch Amoklaeufer getoetet werden oder “sinnvoll” durch Raubmoerder (nur als Beispiel)? Wenn die Verbreitung von Waffen einerseits unser Risiko erhoeht, von einem Amoktaeter getoetet zu werden, aber gleichzeitig unser Risiko vermindert, einem Raubmoerder zum Opfer zu fallen – wo laegen unsere Praeferenzen? Vielleicht wirkt das voellig Unberechenbare von Amoktaten so angsteinfloessend, dass wir uns entgegen der Statistik entscheiden wuerden? Bei Raubmord neigen viele Menschen wohl zu der Einschaetzung, dass ihr eigenes Verhalten ihr Riskio vermindern kann. (Nicht in bestimmte Gebiete gehen, nicht nach Einbruch der Dunkelheit, nicht allein, sich nicht zur Wehr setzen usw.) Aus aehnlichen Gruenden reagieren Israelis viel mehr auf Tote bei Terroranschlaegen als bei Autonunfaellen.

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