Freilassung von Gefangenen

Offensichtlich ist es gar nicht einfach, 250 pal. Gefangene zu finden, die nicht direkt oder indirekt “Blut an den Haenden” haben, soll heissen an Anschlaegen mit Toten/Verwundeten beteiligt waren. Das gilt auch fuer die Gefangenen, die der Fatah angehoeren. Da Olmert leider nicht auf meine Ratschlaege hoert und ganz im Ernst beabsichtigt, Abbas und die Fatah zu staerken, zieht er in Betracht, auch solche Gefangene zu befreien.

Als ich heute morgen zur Arbeit fuhr, hoerte ich im Radio: Eli Yishai, Shas-Parteivorsitzender und Minster fuer Industrie, Handel und Arbeit, schlaegt vor, nicht nur palaestinensische Gefangene “mit Blut an den Haenden” freizulassen, sondern auch juedische Gefangene, die wegen vergleichbaren Delikten an Arabern verurteilt wurden.

In den Internetausgaben der isr. Zeitungen konnte ich nichts dergleichen finden.

Mein erster Reflex beim Radiohoeren war: “Nein, das kommt nicht in Frage!” Dann allerdings begann ich mich zu wundern, dass ich die Freilassung von pal. Moerdern mit so viel mehr Nonchalance akzeptiere als das ev. Freilassen von juedischen Moerdern. Die Antwort, die mir als erstes einfiel, war, dass juedische Moerder in unsere Gesellschaft zurueckkehren wuerden, sie waeren unsere Nachbarn, Kollegen usw., und solche Menschen moechte ich eigentlich erst dann wieder in die Gesellschaft aufnehmen, wenn sie ihre Strafe verbuesst haben.

Das “pal. Narrativ” verbreitet die Vorstellung, dass pal. Terroristen Freiheitskaempfer sind in einem totalen Krieg, so dass sie keine Moerder sind, obwohl sie zum groessten Teil zivile Opfer auf dem Gewissen haben. Wer dieses Narrativ akzeptiert, muesste eigentlich auch Baruch Goldstein rechtfertigen. Er war vielleicht kein “Freiheitskaempfer”, aber in einem totalen Krieg muesste auch dem Gegner das Recht zugestanden werden, sich mit denselben Mitteln zu verteidigen.

Was mich angeht, definiere ich den Konflikt als einen, indem Kriegsvoelkerrecht gilt und das erlaubt keiner Partei (inkl. “unterdrueckten, besetzten Freiheitskaempfern”) den gezielten Angriff auf Zivilisten. Aus diesem Grund muessten eigentlich alle in Terroranschlaege verwickelten pal. Gefangenen weiterhin im Gefaengnis bleiben. Hoechstens koennte argumentiert werden, dass die Gerichtsverfahren vor Militaergerichten nicht ausreichend gruendlich waren. Im Zweifelsfall koennte gefordert werden, dass ein ziviles Gericht das Verfahren noch einmal aufrollt. Diese Argumente habe ich uebrigens noch nirgends gehoert oder gelesen. Ganz im Gegenteil wird immer wieder auch ueber die Freilassung von Marwan Barghouti nachgedacht, der in einem zivilen Gerichtsverfahren, das international scharf beobachtet wurde, rechtskraeftig verurteilt wurde.

Als ich die Titelzeile zu diesem Beitrag schrieb, fiel mir sofort das 18-Bitten-Gebet, auch Amida genannt, ein “matir assirim” (Loesen der Gefesselten oder Befreiung der Gefangenen) findet sich in der Aufzaehlung zur Macht Gottes:

König, Beistand und Retter und Schirm! Gelobt seist Du, Ewiger, Schirm Abrahams! Du bist mächtig in Ewigkeit, o Herr ! Du belebst die Toten, stark, um stets zu helfen.

(Je nach Jahreszeit, im Winter wird um Regen gebetet, im Sommer um Tau):

Der wehen läßt den Wind und herabkommen den Regen./ Der den Tau herabschickt.

Der die Lebenden in Gnaden erhält, die Toten belebt in großer Barmherzigkeit, die Fallenden stützt und die Kranken heilt, die Gefesselten löst und seine Treue bewährt den im Staube Schlafenden. Wer ist wie Du, Herr mächtiger Taten, und. wer ist Dir ähnlich, König, der tötet und wieder belebt und sprossen lässet das Heil.

Instinktiv hatte ich zuerst die Assoziation “Imitation Gottes”. Das passt aber nicht so ganz zum Kontext. Menschen koennen weder das Wetter kontrollieren noch Tote wiederbeleben. Ob die Position von “matir assirim” zwischen zwei Akten Gottes, die Menschen nicht nachahmen koennen, darauf hinweist, dass es uns auch nicht obliegt, Gefesselte zu loesen?

Obendrein ist “Loesen der Gefesselten” natuerlich sehr viel weiter als das Freilassen von Gefangenen. “Gefesselt” im weiteren Sinn sind wir alle.

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