religionsphilosophisches Spekulieren fortgesetzt

zu meiner eigenen Bequemlichkeit mache ich aus der Diskussion zum vorigen Text einen neuen Eintrag.

Ickke fragt in seinem letzten Kommentar

Ist ein willkürlich agierendes Gottesbild nebst fest vorgeschriebenen Verhaltenskodex, dem man sich lediglich unterordnen kann ein Fortschrittshindernis?

Meine Antwort ist ein klares Nein. Das juedische Gottesverstaendnis beinhaltet auch, dass sein Handeln und seine Absichten von Menschen nicht nachvollzogen oder gar antizipiert werden kann. For all practical purposes kann das mit “Willkuer” gleichgesetzt werden. Die Halacha wiederum (die sich klar von der Thora ableitet) ist ein Verhaltenskodex, nicht weniger als die Sha’aria.

Man beachte, dass im Judentum Gott eben nicht nur das Gute umfasst, sondern ebenso das, was als boese empfunden wird. “I am the L-rd, and there is none else. I form the light and create darkness, I make peace and create evil. I am the L-rd, that does all these things.” (Is. 45:6-7)

Das Christentum entfernte sich etwas von diesem Gotteskonzept und uebernahm gnostizistische Elemente. Durch die Abspaltung des Boesen, konnte Gott als allgut definiert werden und damit verlor er das Element der Willkuer. Allerdings musste gleichzeitig der Gegenspieler aufgewertet werden, so dass fuer den Menschen das Wirken von spirtuellen Maechten in der Welt insgesamt nicht nachvollziebar und nicht vorhersehbar blieb.

Das Gotteskonzept im Islam ist mir viel weniger bekannt. Wahrscheinlich gibt es mehr als eines. Auf die Schnelle hat mich das Internet zu diesem Text gefuehrt. Der Autor ist offensichtlich Schi’ite und ein Anhaenger von Khomeini. Prinzipiell sehe ich keine intellektuellen Unterschiede zum juedischen Gottesbild, aber einen grossen emotionalen Unterschied.

Yasin T. al-Jibouri beginnt sein Kapitel “Knowing Allah” so:

Muhammed, the Messenger of Allah, has said, “One among you who knows Allah best is the one who fears Him most, and I fear Him even more than him.”

Dagegen lautet der Anfang des Shma-Gebets (zweimal taeglich und als letztes Gebet vor dem Sterben!) so:

Hear, Israel, the Lord is our God, the Lord is One.
Blessed be the Name of His glorious kingdom for ever and ever.
And you shall love the Lord your God with all your heart and with all your soul and with all your might.

Nicht Furcht, sondern Liebe wird als die richtige Haltung gegenueber derselben alles umfassenden, unerklaerbaren und ewigen Macht verstanden.

Al-Jibouri fuehrt im Kapitel “How to supplicate to Allah” weiter aus:

How are we to adore Allah? What are the best means to achieve this end?

The answers to these questions are provided by the best of creation, messengers and prophets, our master Muhammed . Having been asked once what adoration was, he answered, “Supplication is adoration,” then he recited the Qura’nic verse saying, “And your Lord says: Call upon Me, I will answer you; surely those who are too proud to worship Me shall soon enter hell abased” (Qura’n, 40:60).

Zur Bedeutung von “supplicate”

\SUP-luh-kayt\, intransitive verb:
1. To make a humble and earnest petition; to pray humbly.

transitive verb:
1. To seek or ask for humbly and earnestly.
2. To make a humble petition to; to beseech.

(…)

Supplicate derives from the past participle of Latin supplicare, from supplex, “entreating for mercy.” The noun form is supplication.

Ich nutze das zu einem Abstecher in einen religionsphilospohischen Splitter, den ich schon vor langem entwickelt habe:

Die drei abrahamitischen Religionen unterscheiden sich mE vor allem auch in der Positionierung Mensch gegenueber G”tt.

Im Judentum ist der Mensch ein wichtiger Partern G’ttes. Ihm obliegt es, bei der Verbesserung der Welt mitzuwirken. (Tikkun Olam) Abraham rechtete mit G”tt, ob Sdom wirklich so boese war, dass die Vernichtung gerechtfertigt war. Noah wird aus juedischer Sicht vorgeworfen, dass er in keiner Weise versucht hat, G”tt von der Sintflut abzubringen oder andere Menschen zu retten. Hier steht der Mensch G”tt als Erwachsener gegenueber.

Im Christentum verschiebt sich das Verhaeltnis zu einem Vater-Kind (tendenziell Kleinkind) Verhaeltnis. Jesus brachte seinen Anhaengern bei, G”tt als “abba” anzusprechen und das heisst nicht Vater, sondern Papa. Die Infantilisierung der Glaeubigen vor G”tt kann natuerlich einerseits eine Geborgenheit vermitteln, die wir im besten Fall als Kleinkinder wirklich erlebt haben, andererseits fuehrt sie zu einer Erosion der eigenen Verantwortung bis hin zu deren voelliger Verneinung durch Calvin.

Im Islam (wo ich mich aber am wenigsten auskenne) gilt das Verhaeltnis als eines von Dienern zu ihrem Herrn. Islam heisst Unterwerfung und der Name Abdullah z.B. heisst Diener G”ttes.

Eigenverantwortung ist mE eine Voraussetzung fuer Fortschritt. Ein menschliches Selbstverstaendnis, dass diese Verantwortung betont, waere demnach fortschrittstauglicher als eines, bei dem diese Verantwortung so nicht empfunden wird.

8 Antworten zu “religionsphilosophisches Spekulieren fortgesetzt”

  1. Rika sagt:

    Ruth,
    der Gedanke der Infantilisierung gefällt mir naturgemäß als Christin gar nicht!
    Mit der Anrede “Abba, lieber Vater” beschreibt und vergleicht Jesus das Verhältnis zu G’tt als dem einer vertrauensvollen Beziehung und Hinwendung zu G’tt. An keiner Stelle redet er davon, dass wir als unmündige Kleinkinder durch die Welt tapern sollen, im Gegenteil! In seinen berühmten endzeitlichen Reden macht er die Verantwortung der Menschen für sich selbst und die ihnen anvertraute Welt deutlich! Nachzulesen bsplw. bei Matthäus 24 ab Vers 32 ff.
    Calvins Lehre ist nicht als Ausdruck der Unmündigkeit des Menschen zu verstehen, sondern vom Ansatz her als die unbegreifliche Allmacht und Heiligkeit G’ttes, derzufolge es allein in G’ttes Macht liegt, Menschen zu retten oder zu verwerfen, was aber den Menschen in keinster Weise davon entbindet, tätig und auf G’tt hörend sich mit ihm auseinander zu setzen.
    Nicht zuletzt deshalb gilt der Calvinismus ja als die strengste Form christlicher Lebensführung bei den protestantischen Kirchen.

    Und die Worte aus Dewarim 30, 15 : “Siehe, ich habe dir heute vorgelegt das Leben und das Gute, den Tod und das Böse…” diese Entscheidung gilt doch nicht nur für Juden, sondern im hohen Maße auch für die Christen. Nach unserem christlichen Selbstverständnis haben wir den freien Willen uns für oder gegen das Gute, das wir mit G’tt verbinden, zu entscheiden. Und wie im Judentum können wir tagtäglich umkehren, uns neu am Guten ausrichten, wenn wir das “Böse” getan haben.
    Calvin meint, wenn ich ihn richtig verstehe, dass es aber einer kirchlichen Institution nicht zukommt, darüber zu entscheiden WIE in letzter Konsequenz G’tt über die Menschen richtet, ob sie, wie Du sagen könntest, in das Buch des Lebens geschrieben werden oder nicht! Denn auch die Prädestination verlangt dem Menschen alles ab zu tun, was G’ttes Willen entspricht.

    Ich stimme vollkommen mit Dir darin überein, dass Eigenverantwortung wesentlich, wenn nicht DIE wesentliche Prämisse ist für Fortschritt und Entwickelung.

  2. Rika sagt:

    Nachtrag:
    Gerade aus der Verantwortung der Christen für die Menschen der Welt hat sich der Gedanke der Mission entwickelt. Wir sind dazu aufgerufen, G’ttes Wort zu den Menschen zu bringen - dass Christen dies mit der christlichen Variante tun, versteht sich von selbst.
    Wäre es uns egal, trügen wir keine Verantwortung für die anderen, könnten wir uns ja in unserer christlichen “Heilsgewissheit” gut einrichten und alle anderen sich selbst überlassen.
    Zur Missions ist in dem Zusammenhang zu sagen, dass sie - leider - mit allzu vielen negativen Assoziationen verknüpft ist, die ja auch eine beklagenswerte historische
    Basis haben, die aber heute allzu leicht übersehen lassen, wie viel positive Aspekte den Menschen der Welt durch den Glauben an G’tt zukommen.

  3. Rika sagt:

    Und noch ein letztes:
    Auch Christen sagen und glauben, dass G’tt Alles in Allem ist.
    Gegen die Gnosis wendet sich schon Paulus in seinen Schriften auf’s Allerschärfste!
    Ich kann deinen Satz sooo nicht stehen lassen.
    Muss aber jetzt dringend in Altenheim und werde diesen Gedanken zu einem späteren Zeitpunkt wieder aufnehmen!

  4. Ickke sagt:

    (Die Shia sollten wir aus der Diskussion herauslassen, sie ist m.E. wesentlich besser mit der Moderne vereinbar. Persönlich glaube ich fast, das alles was mir am Islam akzeptabel erscheint, entweder aus christlich-jüdischer Tradition stammt oder von Schiiten und/oder Sufis beeinflusst ist.)

    Ich hatte meine, den Islam beschreibene, Aussage als Gegensatz zur christl.-jüdischen Welt formuliert – nur so macht sie Sinn, denn natürlich hat es in islamischen Welt auch Fortschritte und Veränderungen gegeben, nur wesentlich weniger und meist nur kopierender Art. Natürlich gibt es Unterschiede zwischen Judentum und Christentum (auch jeweils innerhalb) nur reduzieren sich beide kulturellen Welten nicht auf die der jeweils gesetzestreuen (nach welcher Art und Weise, bitteschön?) Menschen. Und wenn Christen oft vom „lieben Gott“ heißt das wohl nicht, das sie oft von ihm enttäuscht sind. Nebenbei Jesus dachte und sprach als Jude, nicht als Christ! Gemeinsam ist aber z.B. Sichtweise des Menschen als Gottes Ebenbild (Christen mögen halt gerne möglichst bunte Bilder aus der Alltagswelt! :D)

    Deine Sichtweise der jüdischen Geschichte teile ich so nicht. Im Judentum gibt es stetige Bemühungen um eine Erneuerung, Anpassung und die Frage nach der jeweiligen Notwendigkeit. Die Propheten nach Moses waren die ersten. Es folgten die großen Gelehrten. Juden sind eben keine Samariter. Sie haben es irgendwann (es war wohl zuerst den Umständen geschuldet) aufgegeben den Tempel immer wieder neu aufzubauen, haben den Opferdienst eingestellt, haben die Synagogen als Lehr- und Gebetsstätten geschaffen. Auf ihre Art etwas Griechenland aufgenommen (Kohelet), Maimodines usw. bis in die Neuzeit. Es ist eben keine stupide Unterwerfung auf das Althergebrachte.
    Ähnlich ist es mit der ewigen Reformation im Christentum (Augustinus/Protestantismus). Im Islam (i.o.S.) scheint mir das anders.

    Naja ich glaube nicht, das wir viele gemeinsame Sicht- oder besser Denkweisen haben, aber deinen letzten Absatz (warum kann ich hier nicht kopieren?) stimme ich zu, er zeigt m.M. einen gewaltigen Unterschied zw. den Islam einerseits und Christentum und Judentum andererseits.

  5. Naomi sagt:

    Hallo Ruth –

    zum Islam gibt es m.M.n. einen sehr guten ZEIT-Artikel von Jörg Lau, der dir vielleicht inhaltlich so einiges der islamischen Religion und seinem Gottesbild erklären kann.

    http://www.zeit.de/2007/09/Islam?page=all

    Er wurde im Zusammenhang mit einem anderen sehr guten Artikel zum Judentum von J. Joffe (”Wie kommt ein Jude in den Himmel?”) und mit einem informativen Artikel zum Christentum in der ZEIT veröffentlicht.

    Herzlichen Gruß – Naomi

  6. beer7 sagt:

    vielen Dank, Naomi, fuer den Link zum Artikel.

    Ich zitiere:

    “Der Islam ist im Kern eine einfache Religion. Gerade dies zieht viele christliche Konvertiten an: eindeutiger Monotheismus, keine Erbsünde, keine Ambivalenz in der menschlichen Natur. Die Schöpfung ist gut und gerechtfertigt, weil sie von Allah erschaffen wurde. Der Koran ist das unverfälschte Wort Gottes und enthält alles, was der Mensch zur »Rechtleitung« braucht. Mohammed war ein Mensch, wenn auch ein ganz besonderer. Punkt. Aus.

    Nicht nur Konvertiten, auch geborene Muslime schätzen die Klarheit, Entschiedenheit und das Positive der Botschaft Mohammeds: das eindeutige Gottesbild (statt der vertrackten Dreiecksgeschichte der Trinität), die heroische Leitfigur des Propheten (anstelle des leidenden und zweifelnden Christus), die klaren Unterscheidungen von Verbotenem und Erlaubtem (statt der christlichen Dialektik der menschlichen Freiheit), die Unantastbarkeit der Schrift (anstelle der kritischen Bibelwissenschaft). Und ebenda beginnen die Probleme. Denn was den Stolz der Muslime ausmacht, darin sieht der Rest der Welt lauter Gründe für ihre Rückständigkeit. Wohl bei keiner anderen Weltreligion klaffen das Selbstbild und die Außenwahrnehmung so sehr auseinander wie beim Islam.”

    Das Aufhaltenkoennen von Ambivalenzen und Widerspruechen in komplexen Zusammenhaengen gerade auch im eigenen Ich gelten als Kriterien des psychisch reifen Menschen. Der Ansatz Alles oder Nichts, Schwarz oder Weiss, Erlaubt oder Verboten dagegen gilt als charakteristisch fuer Pubertierende.

  7. beer7 sagt:

    Rika,

    natuerlich vereinfache ich ganz fuerchterlich, das ist mir klar. Es geht mir um Tendenzen.
    Auch im Judentum gibt es sehr verschiedene Stroemungen. Der Chassidismus (vor allem der, den Buber dann verkitscht hat!) geht auch ein bisschen in die Richtung Infantilisierung, scheint mir.

  8. beer7 sagt:

    Hier ist ein Text, der mir sehr gut gefaellt:
    “How does a healthy person relate to God?”

    (…

    When we accept our ‘humaness,’ we are accepting our imperfections. As humans, we are not blessed with perfection. We are blessed with something far greater- free will. And, we are blessed with doubt.

    Doubt is indeed a blessing, perhaps the greatest of God’s gifts to His Creation, because every time we overcome that doubt and behave in a way that honors God, we have chosen to honor both Him and us. Only those that have experienced darkness can experience and appreciate light and the ability to see both the beauty and the dangers of our surroundings. In fact, if we do not acknowledge that darkness even exists, we can never see and appreciate the light.

    We are supposed to struggle with faith and even tire of the struggle. It is the burden of that struggle that makes us whole and makes us complete. When we experience the doubt, the pain, and the despair of our search for God and meaning, we are not in violation of spirituality- just the opposite, really. When we are dealing with our doubts and pains, we begin to approach the final spirituality of acceptance.

    (…)

    If we presume we can understand the ‘absolute truth’ about God, we are destined to fail in our desire to know God and to accept God as God. The ‘absolute truth’ about God changes as we come to understand ourselves, our world and even others.

    That ‘absolute truth’ can never be corralled or understood because only God is ‘absolute.’ As humans, we are the opposite of absolute. We can be ‘good’ and ‘bad,’ we can be ‘more’ or ‘less.’ For us to exist as God’s creations, we must know joy and we must know suffering. We need to succeed and we also need to fail. We are meant to be less than perfect because it is through our imperfections that we find ourselves and our potential.

    (…)

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