Micha schrieb in den Kommentaren:
Unsere Geschichtswissenschaften haben an der Welt recht wenig verändert, die Natur- und Technikwissenschaften haben demgegenüber auch unsere eigene Kultur sogar schon so verändert, dass sich kaum noch jemand ausmalen kann, wie das Leben vor 100 oder 200 Jahren bei uns aussah (vom Mittelalter ganz zu schweigen).
Im Namen der Geschichtswissenschaft bin ich jetzt natuerlich beleidigt und behaupte mal frei weg von der Leber, dass die US Founding Fathers ohne Geschichtsverstaendnis und ohne Philosophie die Unabhaengigkeitserklaerung der USA nicht haetten schreiben koennen und dass dieser Text und seine Folgen nicht weniger als die Naturwissenschaften und Technik zur Umgestaltung der Welt beigetragen haben.
Aber dies nur nebenbei.
Ich habe einen Text gefunden, der vielleicht ganz gut vermittelt, wofuer “Mittelalter” im gegenwaertigen Diskurs steht: Dark Ages Redux?
Die Autorin macht selber klar, dass das europaeische Mittelalter nur bedingt als “Dark Age” bezeichnet werden kann.
Not if we understand that a Dark Age does not mean a return “to the days of cowled priest, belted knights and feudal barons.” Instead, it means a return to an era when people “were straitened by the limitation of thought”; when “the thought and feelings of men worked in the same groove, and everything outside was ignored.”
Zivilisation bedeutet die Freiheit des Individuums und Dark Age bedeutet die Unterordnung (Unfreiheit) des Individuums unter ein wie auch immer definiertes Kollektiv.
Abgelegt unter : Psychologisches, Religionsphilosophie


Ruth,
könnte es nicht sein, dass es gerade die Naturwissenschaften und die Technik waren, die das kirchlich beherrschte System der mittelalterlichen Scholastik so in Frage gestellt haben, dass sich mit Beginn der Neuzeit denkende Menschen zunehmend zu ihren eigenen Erfahrungen und Gedanken Vertrauen fassen konnten ?
Und derart ermutigt immer selbstbewusster ihre eigenen Interessen verfolgten, zumal, wenn das Königshaus durch einen Ozean getrennt am anderen Ende lag ?
Naja, ich gebe gerne zu, dass sich die Kirche auch mit ihren eigenen Werten ziemlich in die Bredouille brachte, da spielten damals sogar Theologie und Philosophie noch eine revolutionäre Rolle. Aber heute … ????
Der Text auf den du verweist ist aber auch ziemlich politisch motiviert … Und “dark ages” – dunkles Zeitalter – der Begriff wird doch auch nicht so einheitlich verwendet, manchmal mehr in dem Sinn, dass zu einem bestimmten Zeitabschnitt kaum Quellen und sonstige Funde vorliegen. Die Erklärung , die sie dafür liefert mag in manchen Fällen zutreffen, aber immer – da wäre ich mir nicht so sicher. Ich habe bei diesem Text das ungute Gefühl, dass da jemand auf Teufel-komm-raus versucht, ein paar geschichtliche Fakten vor den eigenen Karren zu spannen. Dementsprechend bemüht liest sich’s – jedenfalls für mich.
Wenn du solche Texte für überzeugend hältst, müsstest du eigentlich auch T.Segev einiges durchgehen lassen können;-) (sein Buch über den 6-Tage-Krieg ist wirklich interessant).
Micha,
es kann gut sein, dass ich auch Tom Segev einiges durchgehen lassen werde. Bis jetzt habe ich noch kein Exemplar seines neuen Buches in der Angebotskiste der Buchhandlung gefunden. Sobald es dort auftaucht, kaufe und lese ich es, das verpreche ich ohne Zoegern.
Das Problem bei einem Text wie von Klinghoffer liegt darin, dass sie philosophische Begriffe, die sich klar definieren lassen (s. meinen letzten Absatz) und historische Begriffe, die sich einer solchen klaren Definition entziehen, mischt.
Mir passiert das Gleiche, wenn ich versuche Tendenzen in den drei abrahamitischen Religionen zu abstrahieren. Rika hat sehr Recht, wenn sie da Einspruch erhebt.
Aber das Mischen der Ebenen ist ja gerade das Befruchtende an solchen Spekulationen und ich wiederhole noch einmal ganz ernsthaft: Hier ist der Weg das Ziel.