Bei Wolffsohn (s.u.) habe ich die Definition von Israelismus als Israelorientierung bei Diasporajuden gefunden. Wolffsohn sieht diese Orientierung als Element, mit dem die juedische Identitaet gestiftet werden soll bei Menschen, die weder zur Religion noch zur juedischen Geschichte einen echten Zugang haben. Dieser Mangel wird von Wolffsohn als Merkmal des modernen Menschen an sich gesehen.
Die nichtreligioesen Diasporajuden haben keine eigenstaendigen, juedischen Inhalte mehr. Sie sind negativ fremdbestimmt.
(Hervorhebung im Original)
Israel, die Religion oder das Nichts. Das ist die Kurzformel juedischen Seins heute. (…) Es gehoert zur tragischen Absurditaet diasporajuedischer Existenz, dass allein der Holocaust fuer die nichtreligioesen Diasporajuden das juedische Nichts ausfuellt und somit als einizger Stifter juedischer Existenz bleibt.
Diese Holocaustfixierung der nichtreligioesen, also der meisten Diasporajuden, hat weitreichende Folgen fuer das Verhaeltnis zu Deutschland: Sie nehmen das neue Deutschland der Bundesrepublik eigentlich immer noch als das alte, nationalsozialistisceh und strukturell judenmoerderische wahr. Das ist kein Antigermanismus oder Deutschenhass, sondern die verzweifelte und verstaendliche Suche nach juedischer Identitaet.
(Hervorhebung von mir)
Anti-Israelismus, wie bei Guenther Jacob (s.u.) definiert, beruht auf speziell deutschen Beduerfnissen. Bei Dr. Barcha geht das in Aus, schliesslich ist er nicht deutscher Abstammung (welche Staatsangehoerigkeit er hat, weiss ich nicht).
Die These, dass Anti-Israelismus bzw. Antizionismus (in beiden Faellen meine ich damit die Ablehnung des Staates Israels an sich) das konstituierende Element pal. Identitaet darstellt, ist weder neu noch gewagt.
Koennte es sein, dass Anti-Israelismus auch ein identitaetsstiftendes Element fuer Menschen aus anderen arabischen Laendern darstellt? Die Ablehnung des Staates Israels war – wie in der Konferenz von Khartoum und ihren drei Neins erkennbar – bis zu Camp David und dem aegyptisch-israelischen Frieden 1978 die Klammer um die arabischen Staaten. Dass sie noch immer eine solche Funktion hat, laesst sich aus der sog. Saudi-Friedensinitiative ableiten: Als Gegenleistung fuer Territorium wird Israel die Anerkennung seines Existenzrechts angeboten.
Koennte es nicht sein, dass Anti-Israelismus gerade bei Arabern in der Diaspora auch nicht Judenhass bedeutet, sondern ein Versuch der Identitaetsfindung? Koennte dieser Versuch nicht ebenfalls um so verzweifelter ausfallen, je weniger sich die Betreffenden ueber ihre Religion und ihre Kultur (Geschichte) definieren koennen?
Herr Dr. Barcha?
Abgelegt unter : Dr. Barcha


Ruth,
nix genaues weiss man nicht, gilt auch für Herrn Wolffsohns Thesen. Die Identität nicht-religiöser Juden allein auf eine negative, auf den Holocaust fixierte zu reduzieren ist doch auch ziemlich dürftig. Um sich mit einer bestimmten Kultur zu identifizieren, muss man m.E. nicht zwingend religiös sein. Es *kann* helfen, muss aber nicht wie z.b. im Falle von Bigotterie und Intoleranz.
Um die Pracht oberschwäbischer Barockkirchen zu verstehen, hilft es zwar katholisch zu sein, aber als zwingend notwendige Voraussetzung würde ich es nicht betrachten.
Ich habe den Eindruck, dass Herr Wolffsohn aber auch du selbst versuchst, einen Erklärungsansatz für allgemeingültig zu erklären. Auf welcher empirischen Basis ?
Micha,
ich finde Wolffsohn da auch eher duerftig, aber ich nehme seine Thesen mal versuchshalber als Basis fuer eine andere Argumentation.
Dr. Barcha hatte den Eindruck, dass ich mit der Antisemitismuskeule auf ihn eindresche. Daher versuche ich hier einen Ansatz, der Antiisraelismus auf andere Weise herleitet.
Wolffsohn spricht uebrigens nicht ausschliesslich von Religion. Judentum ist ja auch Kultur und Geschichte. Die oberschwaebischen Barockkirschn koennen natuerlich auch von Nicht-Katholiken geschaetzt werden (z.B. von mir), aber eine gewisse Kenntnis der Kultur und Geschichte ist wohl doch Voraussetzung.
Barockkirschen ? Richtig, wir haben gerade Kirschensaison, mnjiammi.
Eben, je nach Hintergrund befasst man sich eher mit der einen oder anderen Kultur, identifiziert sich mit deren Werten, mit einigen mehr, mit anderen weniger. Diese heute verbreitete Beliebigkeit wird manchmal von kirchlicher Seite kritisiert. Dabei wird gern übersehen, dass sie immer noch Kennzeichen einer gewissen Prägung unserer Gesellschaft durch die Religion ist, die unsere heutigen Lebensverhältnisse nicht mehr so grundsätzlich im Konflikt mit religiösen Idealen versteht, und darum mit beidem unbefangener umgehen kann. Vermute ich mal …
Wolffsohn tut so als wäre das Judentum weniger religiöser Menschen nur durch eine Katastrophe geprägt. Ich habe so meine Zweifel, dass ein Mensch eine solche Einstellung, in der sich ja z.T. auch eine Einstellung zu sich selbst widerspiegelt, lange aufrecht erhalten kann. M.a.W. ohne eine positive Anstösse wird das vermutlich eine ziemlich traurige wenn nicht gar selbstzerstörerische Angelegenheit.
Ich habe mich eine Zeit lang mit der Verfolgung im Dritten Reich befasst, ohne irgendeine Ahnung davon zu haben, was Judentum eigentlich ist. Irgendwann stellte ich fest, dass es mir nicht reicht, mich nur in diesem Zusammenhang über Judentum zu informieren, und so habe ich angefangen, mich damit ausserhalb dieses engeren, geschichtlichen Zusammenhangs zu befassen. Ich halte das inzwischen für mindestens so wichtig.
Natuerlich Micha,
der Text von Michael Wolffsohn liest sich sehr autobiographisch.
Schade, dass Dr. Barcha sich nicht mehr meldet.
Die Frage, wie jemand wie er seine Identitaet konstruiert, faende ich sehr interessant. Da duerfte doch die eine oder andere Paralelle zu finden sein. Es gibt ja nicht nur Diasporajuden, sondern eben auch entwurzelte, entfremdete Menschen aus anderen Kulturen.
Ruth,
konstruieren bedeutet für mich, dass man etwas sehr bewusst tut. Es mag zwar für einen Menschen möglich sein, dass er sein Selbstbild und sein Selbstverständnis bewusst aufbaut; bei den meisten Menschen vermute ich jedoch, dass der unbewusste Anteil daran recht stark ist.
Verbindest du die jüdische Diaspora mit Entwurzelung und Entfremdung ? Muss man das ? Ich habe eher den Eindruck, dass sich dieses Judentum im Lauf der Zeit ein eigenes, sehr starkes Selbstverständnis aufgebaut hat. Die Diasporajuden haben darauf eine Kultur aufgebaut, von der sie ab der Aufklärung hofften, dass sie in ihr gesellschaftliches Umfeld eingebettet werden könnte. Leider hat diese Entwicklung durch die mörderische Vernichtung im 3.Reich zumindest in Europa einen schlimmen Rückschlag erlitten. Ich würde zwischen Verwurzelung und Integration unterscheiden.
Frau Bracha,
ich habe diese Seite erst jetzt entdeckt. Es ist sehr spät, daher nur einige Worte.
Wie Sie selber den Anti-Israelismus definieren (“Anti-Israelismus bzw. Antizionismus: in beiden Faellen meine ich damit die Ablehnung des Staates Israels an sich”), so trifft dies nicht auf mich zu; denn den Staat lehne ich nicht ab, sondern bloss die politisch-militärischen Doktrinen der israelischen Führung (und vieler anderer Länder!!!!). Ich selber definiere den Israelismus anders, und zwar als beschreibenden Begriff für die besagten (hier nicht näher erläuterten) Doktrinen. In Ihrem Sinn bin ich kein Anti-Israelismus-Mensch (denn ich habe nichts gegen die Existenz des Staates); in meinem Wortsinn sehr wohl (denn ich lehne eine bestimmte israelische Politik ab), und zwar nicht, weil ich als “Diaspora-Araber” auf der Suche nach meiner Identität wäre, wie sie scharfsinniger Weise vermuten, sondern weil ich diesen Konflikt für eine Katastrophe, weltpolitisch für bedrohlich halte und weil ich es nicht fassen kann, mit welchen Parolen und politischen Zielen Parteien mit und ohne demokratische Legitimation Menschen einerseits mobilisieren, andererseits terrorisieren und morden lassen. Ich fasse es nicht. Dieses “es” bezieht sich also nicht auf meine Identität, mit der ich mich auseinandersetzte und die ich im Gegensatz zu Ihnen nicht auf meine ethnische Herkunft/Entwurzelung beschränke. Das Ich ist unendlich geräumig, und wer sich deshalb in eine Ich-Verengung flüchtet und sein Heil darin sucht (Extremisten, Manichäer, Fanatiker), tut sich selbst und Anderen Gewalt an.
Ich finde Ihren Identitäts-Begriff sehr problematisch, weil er viel zu eng ist und zudem “rassistisch” (nicht im abwertenden Sinn) ist. Im Übrigen hat das Gefühl der Entwurzelung viele Facetten, die über das Religiöse, Sprachliche, Ethnische hinausgehen.
Was ich aus Ihrer scharfsinnigen Konstruktion heraushöre ist der Versuch (= die bewusste Konstruktion), so etwas wie Antisemitismus herzuleiten, ohne ihn vom Judenhass ableiten zu müssen, sondern ihn zu personalisieren. Sie selbst sprechen’s aus. Jemand wie Herr Barcha, der in Wirklichkeit entwurzelt ist, versucht, sich seiner Selbst zu vergewissern, indem er sich auf den Israelismus (in Ihrem Verstand) einschiesst. Eine schöne, eine luftige, eine psychlogisierende Theorie, die natürlich politischen Zwecken dient oder der eigenen Beruhigung, dass man sich nicht argumentativ mit solchen Menschen beschäftigen soll. Wenn ich Freudianer wäre, dann müsste ich von einer klassichen Rationalisierung sprechen.
Und das finde ich interessant bzw. ungeheuerlich. Übrigens, in diesem Unternehmen befinden Sie sich in bester Gesellschaft; das tun auch einige Kreise (die allesamt interessanter Weise Anhänger des Israelismus in meinem Sinn sind), indem sie einen “neuen” Antisemitismus-Begriff kreieren, der dann auf jene anwendbar ist, denen man zwar eine kritische Haltung gegenüber der israelischen Politik nachweist, nicht jedoch einen genuinen Antisemitismus, also Judenhass.
Diese Erweiterung des Begriffs ist politisch motiviert und zudem Zeichen für eine diskursiv-argumentatve Verweigerung. Was die Leute, die den neuen Begriff zielstrebig einführen, nicht bedenken ist, dass diese Erweiterung zugleich eine Pervertierung des eigentlichen Begriffs darstellt. Denn jemanden Antisemit zu nennen, obwohl man ihm keinen Judenhass unterstellt, ist ungeheuerlich – dann mutiert der Begriff zu einer universellen Kampfparole, mit der man politisch Missliebige denunziert.
Es ist nun wirklich spät…
Dr. Barcha,
in der Tat habe ich den Identiaetsbegriff hier sehr eng gefasst und ihn auf einen Text zurueckgefuehrt, den ich selber als “eher duerftig” bezeichnet habe.
Im Diskursen, (wie sie frueher einmal gerade im akademischen, philiosophischen Bereich ueblich waren) werden Thesen gelegentlich einfach mal durchzugespielt, um ihr Potential zu testen. Ich dachte, ich haette klar gemacht, dass es sich um einen solchen Versuch handelt.
In solchen Diskursen kommt es auf den Austauch an. Ich bin gerade an Ihnen als Partner interessiert, weil Sie einerseits eine voellig andere Ausgangsposition haben, ich andererseits aber doch vermute, dass es gewisse Parallelen in unseren Erfahrungen geben koennte.
Das Thema, in welcher Weise Identitaet entsteht, wird ja im Zeitalter der Globalisierung fuer immer groessere Teile der Bevoelkerung relevant. Wir beide, Sie und ich, haben aber bereits mehr Brueche in unserer Biographie und wohl auch Identitaet als derzeit normal. Sie haben als Kind die Erfahrung gemacht, ein Land, eine Kultur und eine Sprachgemeinschaft gegen ein anderes auszutauschen. Der Bruch in meiner Kindheit war weniger hart: ich bin in Deutschland aufgewachsen und hatte Schweizerdeutsch zu Hause und Deutsch ausserhalb. Eine gewisse Aussenseitererfahrung duerften wir beide schon als Kinder erlebt haben. Inzwischen habe ich Israel zu meiner Heimat gemacht, erhebe aber immer noch emotionale Ansprueche auf die Schweiz. Sie leben in der Schweiz, fuehlen Sie sich da zuhause? Wo fuehlen Sie sich zuhause? Welche Sprache ist die Ihrige?
Micha,
natuerlich verweist “konstruieren” auf einen bewussten Vorgang. Ich meine nicht, dass Dr. Barcha oder auch ich unsere Identitaet allein bewusst konstruieren, sicher gibt es einige Elemente, die uns selber nicht bewusst sind. Aber ich gehe davon aus, dass wir beide zum Typ Menschen gehoeren, die versuchen, sich diese psychischen Vorgaenge bewusst zu machen.
Michael Wolffsohn verbindet juedische Diaspora mit Entwurzelung und Entfremdung. Ich habe das erst einmal von ihm uebernommen.
Wenn ich allerdings meine eigene, nicht-repraesentative Erfahrung zum Vergleich heranziehe, dann ist da etwas dran. Meine eigene Identitaet als Juedin wurde in israel viel unproblematischer als sie in Europa gewesen war. Gerade auch in der Auseinandersetzung mit religionsphilosophischen Gedanken, fuehle ich mich hier freier, weil meine Identitaet weniger direkt davon abhaengt.
[...] an Dr. Barcha Sie schreiben in Ihrem Kommentar unter “Israelismus/Anti-Israelismus” denn den Staat lehne ich nicht ab, sondern bloss die politisch-militärischen Doktrinen der [...]
Ich halte die Identitätsdebatte für wesentlich, doch glaube ich, dass sie die Tendenz zum Personalisieren und Psychologisieren hat und dass sie das Hauptthema überlagert. Beide Themen (Identität; Nahost) miteinander verbinden zu wollen kann nur auf Kosten einer doppelten Verengung erfolgen. Ich sage nicht, dass diese Verbindung falsch wäre, sondern nur, dass sie eine Verengung darstellt, die dem doppelten Thema nicht gerecht wird.
Wie oben schon gesagt, wir sind beide nicht in Positionen, die uns erlauben wuerden, den Nahostkonflikt zu loesen. Allerhoechstens koennen wir unsere jeweils spezifische Wahrnehmung des Nahostkonflikts erweitern und verbessern. Die Verengung laesst sich mE nicht verhindern. Wollten wir beide das Thema in seiner ganzen Weite angehen, wuerde es beliebig und belanglos.
[...] an Dr. Barcha Sie schreiben in Ihrem Kommentar unter “Israelismus/Anti-Israelismus” denn den Staat lehne ich nicht ab, sondern bloss die politisch-militärischen Doktrinen der [...]
leer Karl Liebknecht y rosa luxemburg. Antigermanismo