In seinem Kommentar zu “Philosophie/pal. Narrativ” formuliert Dr. Barcha, was er seine Praemissen nennt:
Beide Seiten des Konflikts haben sich unendlich viel Leid zugefügt und werden es vermutlich in den kommenden 60 Jahren auch weiterhin tun, wenn sie nicht von ihren unhaltbaren Maximalforderungen und Manichäismen abrücken.
Beide Seiten sind mit Blindheit beschlagen; Extremisten und Terroristen nur auf einer Seite zu sehen – diese Sicht scheint mir falsch zu sein, genauso wie jene, die versucht, ihr eigenes Leid zu verabsolutieren oder Fakten aus Vergangenheit und Gegenwart einseitig für sich in Anspruch zu nehmen.
Pauschale Einteilungen wie hier die Selbstverteidiger, dort die Terroristen; hier die legitimen, dort die illegitimen Forderungen lehne ich ab. Von Fall zu Fall wäre zu erwägen, was eher vorliegt. – Aber an einer solchen buchhalterische Akribie habe ich kein Interesse.
Ich werde gleich naeher darauf eingehen. Zunaechst schulde ich ihm, meine eigene Ausgangsposition zu klaeren. Dazu zitiere ich mich selber aus zwei Beitraegen, die ich vor Jahr und Tag im HaGalil Forum geschrieben hatte:
am 01. Dezember 2005 – 10:22 Uhr
Du siehst politisches Engagement als moralische Anforderung, die Du an Dich selbst richtest, habe ich das richtig verstanden?
Zwar siehst Du die Notwendigkeit, Dich ausreichend zu informieren, doch scheint der moralische Winkel von Anfang an festzustehen. Geht das denn? Wie kannst Du denn so sicher sein, dass alles, was unter der Flagge “Antifaschismus” segelt, wirklich die moralisch ueberlegenere Position ist? Ist es nicht bereits Narzissmus, von der eigenen moralischen Ueberlegenheit a priori ueberzeugt zu sein?
Meine Herangehensweise ist anders (nicht unbedingt besser): Ich moechte fuer mich selbst verstehen. Politisches Engagement leitet sich fuer mich daraus noch gar nicht ab. Das ist natuerlich der moralische Schwachpunkt bei mir. Andererseits bin ich – seit es mir um’s Verstehen geht – einfach wirklich noch nie zu einwandfreien Ueberzeugungen gekommen. Je mehr ich weiss, um so unsicherer erscheint mir alles: Keine gute Grundlage fuer politischen Aktionismus.
und ein Jahr spaeter 06. Dezember 2006 – 14:33 Uhr:
Mein Motto hatte ich ja schon einmal zitiert:Jeder hat das Recht auf eine eigene Meinung, aber nicht auf eigene Fakten.
1) Fakten existieren unabhaengig von unserer Wahrnehmung.
2) Unsere Persoenlichkeit, unser Standpunkt, unbewusste Wuensche etc. beeinflussen unsere Wahrnehmung der Fakten.
3) Daher ist es noetig, moeglichst verschiedene Darstellungen und moeglichst die Originalquellen zu lesen.
4) Es ist auch noetig, die eigene Position mit zu reflektieren und wo moeglich, eigenem “Bias” entgegen zu steuern.Die obigen Punkte und noch ein paar mehr fasse ich unter dem Stichwort “intellektuelle Integritaet” zusammen.
5) Fuer mich finde ich die Diskussion mit Menschen sehr fruchtbar, die unterschiedliche Sichtweisen haben, aber sich ebenfalls intellektueller Integritaet verpflichtet fuehlen.
Zu den Praemissen von Dr. Barcha: Die erste Praemisse fuehrt Behauptungen ein, die so nicht einfach postuliert werden.
- Es handle sich um einen Konflikt zweier Parteien.
Dem widerspreche ich und halte dagegen, dass deutlich mehr als zwei Seiten in diesen Konflikt verwickelt sind. “Araber” koennen nicht als Ueberbegriff fuer eine Konfliktpartei verwendet werden, dazu sind die Interessen von Aegypten, Syrien, Libanon und Jordanien (um nur mal die Anrainerstaaten zu nennen) zu unterschiedlich.
- Beide Seiten vertraeten unhaltbare Maximalforderungen.
Das Ziel Ausloeschung des Staates Israel wuerde ich tatsaechlich als unhaltbare Maximalforderung sehen. Aber wird dieses Ziel tatsaechlich von allen arabischen/muslimischen Parteien des Konflikts geteilt? Welche unhaltbare Maximalforderung gaebe es auf israelischer Seite? Das Ziel als demokratischer Staat mit einer juedischen Bevoelkerungsmehrheit in halbwegs sicheren Grenzen existieren zu koennen, erscheint mir nicht ueberzogen.
- Beide Seiten haetten eine manichaeische Sichtweise
Was Israel angeht, bestreite ich das ganz entschieden. Den Diskurs der verschiedenen politischen Lager, die “neuen Historiker” usw. erlebe ich zu nahe und unmittelbar, als dass ich in Israel die Herrschaft von Schwarz-Weiss-Denken behaupten koennte.
Auf der arabischen Seite ist der Diskurs sehr viel weniger oeffentlich, was natuerlich auch an den Staatsformen liegt. Und weil ich kein Arabisch kann, stehe ich auch vor einer Sprachbarriere. Immerhin habe ich ein paar Blogs von Buergern arabischer/muslimischer Laender gefunden, die eine wesentlich komplexere Sichtweise vertreten.
Auch mit dem Schlussatz kann ich nicht umgehen. Wir sind uns einig, dass eine Aufteilung in Schwarz-Weiss nichts bringt. Wenn wir aber nicht die Einzelheiten akribisch betrachten, werden wir kaum zu einer angemessen differenzierten Beurteilung in der Lage sein. Und genau diese Akribie moechte Dr. Barcha nicht leisten. Die richtige Konsequenz waere dann mE auf eine Beurteilung zu verzichten, was er aber auch nicht tut.
Abgelegt unter : Dr. Barcha

