Sie schreiben in Ihrem Kommentar unter “Israelismus/Anti-Israelismus”
denn den Staat lehne ich nicht ab, sondern bloss die politisch-militärischen Doktrinen der israelischen Führung (und vieler anderer Länder!!!!).
und unter “Philosphie/pal. Narrativ”
Am Liebsten wäre es mir, wenn wir von den einschlägigen Begriffen abrücken und wenn wir versuchen würden, ein anderes ABC zu verwenden, andere Worte, Ausdrücke, die nicht mehr die konnotative GEWALT der abgegriffenen Begriffe transportieren. “Wir müssen wahre Sätze finden” hat die österr. Lyrikerin Ingeborg Bachmann gesagt. Und dieses Ziel – so mein Gefühl, meine Erfahrung, mein Denken – lässt sich nur durch ein Abrücken von der üblichen Nahost-Terminologie erreichen. Längst sind die kursierenden Begriffe zu Trojanischen Pferden mutiert, weil die Tendenz vorherrscht, jeden Andersglaubenden als einen potenziellen Feind zu betrachten.
Ich stimme Ihnen vollkommen zu: der Nahostkonflikt und seine Terminologie sind sehr beladen. Ich bin direkt involviert, Sie moegen sich weniger direkt betroffen fuehlen, aber ganz ohne emotionalen Belast treten auch Sie nicht in eine Diskussion zu Nahost ein. Ich unterstelle ausserdem allen Deutschen, dass sie ebenfalls emotional involviert sind.
Da Sie festhalten, dass die politisch-militaerische Doktrin, die Sie an Israel ablehnen, auch in vielen anderen Laendern zu finden ist, schlage ich vor, dass Sie eins oder mehrere solcher Laender nennen und anhand dieses Beispiels ausfuehren, was Sie genau meinen. Durch das Abloesen vom konkreten Nahostkonflikt koennen wir vermutlich leichter sachlich bleiben.
P.S. Vielleicht sollte ich noch in aller Deutlichkeit festhalten, dass ich nicht daran interessiert bin, die konkreten Vorgaenge durchzukauen. Arabische Abstammung macht Sie noch weniger zum Experten als mich mein Leben in Israel. Mir geht es darum herauszufinden, in welcher Weise unsere Herangehensweise unterschiedlich ist und was der Grund fuer diese unterschiedliche Sichtweise sein koennte.
Fuer mein Teil wuerde ich gern jeden Interessierten zum Mitdiskutieren einladen. Das ist natuerlich der Grund, warum ich die Diskussion in meinem Blog eingeleitet habe, anstatt es per e-mail Korrespondenz zu versuchen. Wie stehen Sie dazu?
Abgelegt unter : Dr. Barcha


Frau Bracha,
ich vermute, dass der Hauptgrund für unsere verschiedenen Sichtweisen in unseren Prämissen liegt. Meine habe ich ja genannt, Sie die Ihren noch nicht, zumindest nicht explizit. Für mich gibt es Unterschiede & Nuancen und möchte daher nicht einebnen. Aber ich sehe nicht ein, warum das Leid eines Menschen (ich gehe nicht vom Kollektiv aus) – warum das Leid eines Menschen besser, wahrer, legitimer sein soll, nur weil er/sie aus einer bestimmten Ecke kommt. Die Vereinseitigung muss überwunden werden, und man muss sich auf Kriterien einigen, damit man nicht mit zweierlei Mass spricht.
Heute Nacht hatte ich die Idee: Ok, wir könnten weiterhin so sprechen und die übliche Nahost-Begrifflichkeit verwenden. In einem zweiten Schritt ersetzen wir alle einschlägigen Begriffe (ohne Ausnahme) durch eine Leerstelle, eine Lücke. Mit den Mitteln des PC kein Problem (ich könnte unsere bisherigen Texte und natürlich andere Texte in diesem Sinne bearbeiten, doch vorher müssten wir uns auf die Liste der Worte einigen). Dann sehen wir uns die Texte an, und ich bin mir sicher, unsere Augen würden uns aufgehen, und wir könnten erkennen, wie sehr die Kommunikation in Bezug auf den Konflikt von Leerläufen bestimmt, ja beherrscht ist.
Dr. Barcha,
nein, das halte ich nicht fuer eine sinnvolle Vorgehensweise. Das liefe in meinen Augen auf ein Durchkauen der Spiegelung der konkreten Vorgaenge in der Berichterstattung heraus. Wir sind keine Zweier-Friedenskonferenz und es waere sehr anmassend, wenn wir aufgrund unseres lueckenhaften Wissens uns einbildeten, wir koennten Wege aus dem Nahostkonflikt aufzeigen.
Dass unsere verschiedenen Sichtweisen auf unterschiedlichen Praemissen beruhen, ist einleuchtend und banal. Ich kann nicht feststellen, dass ich Ihre Praemissen erfasst haette. Koennten Sie sie bitte (noch einmal) sehr klar darlegen? Ausserdem haette ich gern, dass Sie Ihren Begriff “Israelismus” definieren. Ich nehme zur Kenntnis, dass Sie meine verschiedenen Deutungsversuche als unzutreffend ablehnen. Aber was ist denn nun tatsaechlich darunter zu verstehen?
Im Uebrigen, gehen Sie davon aus, dass Ihre Praemissen alle bewusst und rational sind? Fuer mein Teil gehe ich nicht davon aus.
Mir leuchtet nicht ein, was das Leid des einzelnen Menschen hier erhellen soll. Unser Diskurs hat nichts damit zu tun, dass einer von uns beiden (oder beide) bestimmten Menschen mehr und anderen weniger Menschsein zugestehen wuerden. Das Menschsein ist per definitionem absolut, da sind wir uns wohl einig, hilft uns in der Diskussion aber nicht weiter.
Ich für mein Teil würde mir eine dahingehende Diskussion wünschen und sähe ihr mit Spannung entgegen.
Ich sehe es schon als großen Gewinn an, wenn Problemstellungen so weit durchdiskutiert werden, daß hinterher jeder noch fester – und vor allem bewußter – auf seinem Standpunkt steht. Auf den Anderen in Verhandlungen zugehen kann man nur, wenn man sich sicher ist, von wo man losgeht.
Talmida,
siehe meinen Satz zur Anmassung einer “Zweier-Friedenskonferenz”. Ich bin nicht Israels Premierminister (zum Glueck!) und Dr. Barcha ist weder Abbas, noch Mubarak noch Koenig Abdalla von Jordanien, noch Assad, usw. usw.
Ich will ueberhaupt nicht mit Dr. Barcha verhandeln, ich will ihn verstehen! Ausserdem erhoffe ich mir, dabei auch ueber mich selber neue Ansaetze zu erfahren.
ja Ruth,
).
mein letzter Satz ist ein Ende meiner Gedanken, die ich innerlich fortführte… das soll man nicht tun
Mein Gedanke ist der, daß Politik – sprich Verhandlungen – auf einer Meinungsbildung fußt – jedenfalls auf jeden Fall fußen sollte – die im Diskurs zwischen Menschen zustandekommt.
In diesem Sinne würde ich es begrüßen, wenn – nicht nur hier – eine Diskussion stattfände, die von den schon tausendmal gehörten Allgemeinplätzen auf eine persönliche Ebene rutschen würde.
Und um das Wort persönlich genau zu definieren: nicht im Sinne von persönlich angreifbar, sondern aus dem eigenen Erleben der Situation heraus.. (ich komme aus dem pädagogisch-psychologischen Bereich
Frau Bracha,
Sie halten die vorgeschlagene Vorgangsweise nicht für sinnvoll.
Sie stimmen nicht mit meinen Prämissen überein.
Beides vollkommen legitim – nur sehe ich keinen Sinn für die Weiterführung der Diskussion auf dieser Grundlage.
Vielleicht gibt es einen anderen Ansatz, und vielleicht komme ich später darauf zurück. Vielleicht.
Ich danke sehr.
Fady Barcha