Zu allen Festen gehoert das vorangehende Schuften und Hasten bei den Vorbereitungen. Jedes Jahr wieder fuehle ich mich irritiert, dass vor einem Fasttag soviel gekocht werden muss. Die letzte Mahlzeit vor dem Fasten und die Mahlzeit nach dem Fasten sollen festlich sein.
Weil ich befuerchtete, es sonst nicht zu schaffen, fing ich am Donnerstag abend schon zu kochen an. Gleichzeitig begann ich, literweise Wasser zu trinken.
Am Freitag morgen kam der obligatorische Markteinkauf, obwohl ich diesmal mehr fuer die folgende Woche als fuer das Fest einkaufte. Ein Besuch in der Buchhandlung gehoert auch dazu: Diesmal habe ich mir Kenneth Levin “The Oslo Syndrome” und Michael Oren “Six Days of War” gegoennt. Beide Buecher kannte ich schon in Auszuegen, habe sie aber noch nicht systematisch gelesen. Dann die letzten Gerichte zubereiten und putzen. Mein Mann half fleissig mit und brachte auch die Fahrraeder der Maedchen in Ordnung.
Schliesslich wurde es Zeit, die Maedchen abzuschrubben, selber in die Dusche zu steigen und sich an den Tisch zu setzen. Zu meiner Genugtuung waren alle Gerichte gelungen und schmeckten rundum. Da komplexe Kohlenhydrate am Besten vorhalten, gab es eine Gerstensuppe vorweg, dann Reismischung aus rotem und weissem Reis mit Pinienkernen und Rosinen, gebackene weisse Boehnchen, Jerusalemartischoken (eine Kartoffelart) mit Zuchhini und Erbsen, weil zu einer Mitzwa-Mahlzeit aber auch Fleisch gehoert, auch Rinderbraten mit Steinpilzsauce. Zum Nachtisch Obstsalat und Honigkuchen.
Alles abwaschen, den letzten Muell fortbringen, Zaehne putzen, Feiertagskleider anlegen, Kerzen anzuenden. Der Countdown ist bei Null angelangt. Sofort veraendert sich die Stimmung. Wir spazieren alle zusammen Hand in Hand zum Beit HaKnesseth. Shimon findet sogar noch einen Sitzplatz. Ich haette auch einen bekommen koennen, verzichte aber, weil ich nicht glaube, dass ich die ganze Zeit im Beit HaKnesseth sein kann. Richtig, wir haben noch nicht einmal ein Viertel der Liturgie hinter uns - die allerdings durch das Versteigern der Ehren unnoetig verlaengert wurde (an diese separdische Sitte kann ich mich nicht gewoehnen!) - da werden die Maedchen ungeduldig. Viele anderen Kinder haben schon an diesem Abend ihre Fahrraeder dabei, waehrend wir ihnen das Fahrradfahren eigentlich erst am folgenden Tag erlauben wollten. Schliesslich gebe ich nach, auch, damit die anderen Frauen nicht weiter durch meine zwei gestoert werden. Inzwischen ist es die Frauenabteilung so dicht, dass ich manche Beterinnen fast beiseite schieben muss, um ueberhaupt ins Freie zu gelangen. Ich hole die Fahrraeder der Maedchen und sitze nun draussen, wo ich nur noch die Haelfte hoere… Wehmuetig denke ich an letztes Jahr, wo in der Stuttgarter Synagoge mitbeten konnte.
Wir gehen nach Hause. Ich singe den Maedchen zum Einschlafen und gehe dann selber ins Bett. Der Countdown hat muede gemacht.
Am naechsten Morgen wache ich frueh auf. Ich setze mich auf den Balkon und geniesse die Stille. Als die Maedchen auch aufstehen, draenge ich sie, raus zu gehen. Solange es noch kuehl ist, macht Fahrradfahren am meisten Spass. Ich setze mich dazu mit Levin an eine Ecke, waehrend alle Nachbarskinder auf ihren diversen Gefaehrten an mir vorbeiflitzen. Gegen Mittag werden die Maedchen hungrig und ich muede. Ich schlafe auf dem Sofa ein. Die Kinder spielen sehr ruhig und phantasievoll. Sie basteln einen Aufzug, mit dem ihre Puppen zwischen ihren Stockbetten hin und her fahren koennen. Der einzige Nachteil ist, dass das Kinderzimmer danach aussieht, als sei eine Bombe eingeschlagen.
Am Nachmittag gehen wir wieder zum Beth HaKnesseth. Diesmal versuche ich gar nicht mehr, hinein zu kommen. Ich sitze draussen mit vielen Nachbarinnen, die ich teilweise schon lange nicht gesehen habe. Die Gespraeche drehen sich vor allem um die Kinder. Schliesslich meine ich mit Blick auf den Nachthimmel, dass nun die Zeit fuer den Schofar gekommen waere. Waehrend ich meine Toechter suche, um mit ihnen naeher ans Gebaeude heranzugehen, wird der Schofar schon geblasen und ich habe ihn diesen Jom Kippur nicht gehoert. Diesmal gehen wir nach Hause, ohne auf meinen Mann zu warten.
Ich habe den Tisch schon gedeckt, die Eier gekocht und die Grosse hat den Salat gerichtet, waehrend die Kleine im Kinderzimmer wenigstens die Betten frei geraeumt hat, als er auch nach Hause kommt. Wir trinken langsam ein Glas Tee und essen ein paar Datteln. Dann setzen wir uns an den Tisch, diesmal zu einer milchigen Mahlzeit. Zur grossen Freude der Maedchen gibt es Eis zum Nachtisch.
Eigentlich wollte ich noch die Bretter fuer die Sukkah aus dem Keller holen, aber dann bin ich doch zu muede. Vor dem Einschlafen lasse ich mir den Tag noch einmal durch den Kopf gehen. Eigentlich haette ich ihn gern spiritueller erlebt. Aber zuhause ist das anscheinend schwieriger, wenigstens solange die Kinder noch klein sind. So lag der Schwerpunkt fuer mich auf der Familie.

September 23, 2007 um 7:14 Uhr nachmittags
Ich habe mich immer gefragt, welchen Sinn diese komplexen jüdischen Speisevorschriften haben. Durch Deinen Beitrag ist mir ein Licht aufgegangen: Sie zwingen einen, sich stets auf dem neuesten Stand der Ernährungswissenschaft zu halten.
September 24, 2007 um 6:12 Uhr vormittags
Manfred,
mein Verstaendnis ist, dass die komplexen juedischen Speisevorschriften den Sinn haben, das kreatuerliche Beduerfnis nach Nahrung auf die Ebene von Reflexion zu erheben. Der neueste Stand der Ernaehrungswissenschaft ist nur ein Symptom.
September 24, 2007 um 1:04 Uhr nachmittags
Aber nicht das schlechteste Symptom. (Ich hoffe, Du nimmst mir meine flapsige Art in diesem Zusammenhang nicht übel, das täte mir leid.)
September 24, 2007 um 2:01 Uhr nachmittags
Nein, ich schaetze Deine flapsige Art, mir ist das nur nicht gegeben, daher lese ich mich - glaube ich - ziemlich humorlos.