A.B. Yehoshua als falscher Prophet

Wie bei David Grossman und Amos Oz will ich auch hier vorwegschicken, dass ich A.B. Yehoshua als Schriftsteller sehr schaetze.

Seine politischen Auffassungen teile ich aber nicht, im Gegensatz etwa zu Bert von Dutchblog Israel. Ganz im Gegenteil finde ich den bei ihm sehr ausgepraegten Paternalismus selbst in seinen Buechern schon bedenklich.

In einem Ha’aretz- Interview von vor fast vier Jahren (Maerz 2004 - Sharon liess den Gazastreifen im August 2005 raeumen) gab Yehoshua folgendes zu Protokoll:

Beyond the political argument, there are those who say that a unilateral withdrawal could trigger an eruption of violence, maybe even a full-scale war.

“I don’t think so. They tried to scare us before the withdrawal from Lebanon, too. It’s possible that there will be a war with the Palestinians. It’s not necessary, it’s not impossible. But if there is a war, it will be a very short one. Maybe a war of six days. Because after we remove the settlements and after we stop being an occupation army, all the rules of war will be different. We will exercise our full force. We will not have to run around looking for this terrorist or that instigator - we will make use of force against an entire population. We will use total force.

“Because from the minute we withdraw I don’t want to know their names. I don’t want any personal relations with them. I am no longer in a situation of occupation and policing and B’Tselem [the human rights organization]. Instead, I will be standing opposite them in a position of nation versus nation. State versus state. I am not going to perpetrate war crimes for their own sake, but I will use all my force against them. If there is shooting at Ashkelon, there is no electricity in Gaza.”

(hat tip David Hazony)

Wie wir inzwischen wissen, lag Yehoshua mit allen seinen Prognosen drastisch daneben:

  • Der Krieg ist alles andere als kurz. Er begann kurz nach der Raeumung und dauert in unterschiedlicher Intensitaet immer noch an.
  • Ein grosser Teil der Weltoeffentlichkeit sieht Israel immer noch als Besatzungsmacht im Gazastreifen.
  • Niemand scheint Israel das Recht zugestehen zu wollen, sich als kriegsfuehrende Nation gegenueber einer angreifenden Nation zu verhalten.
  • Selbst eine Reduktion der Diesellieferung wird bereits als voelkerrechtswidrig bezeichnet. Nicht auszumalen, welche Reaktionen ein tatsaechlicher Stop der Stromversorgung ausgeloest haette!

5 Antworten zu “A.B. Yehoshua als falscher Prophet”

  1. Lila sagt:

    Yehoshua hat den Fehler gemacht, den viele Israelis allzuoft gemacht haben, auch ich - bis die Palästinenser selbst mich mit Gewalt belehrt haben. Sie spielen das Spiel der souveränen Nation, die auf einen Staat hinarbeitet, einfach nicht mit. Sie bleiben trotzig in ihrer Ecke, schmeißen mit Bauklötzen und sind nicht bereit, an den Tisch zu kommen.

    Es bestand die Hoffnung, daß nach der Räumung des Gazastreifens tatsächlich mal jemand dort begreifen könnte, daß sie eine Chance haben, einen Schritt auf den Staat hin zu machen, von dem sie immer reden.

    Sie haben uns bewiesen, daß es ihnen weniger um einen Staat geht, sondern um das Remmidemmi des Widerstand und der Gewalt. Auf daß der Judenstaat im Blute unterginge - nur kein Kompromiß.

    In gewisser Hinsicht bin ich den Palästinensern dankbar, daß sie mir und uns allen diesen Zahn gezogen haben - ohne Betäubung und mit quälender Langsamkeit. Aber die Chance mußten wir ihnen schon geben, finde ich.

    Sie haben uns in gewisser Hinsicht damit den besten Grund geliefert, ihnen bis auf weiteres keine weitere Vorgaben zu machen. Mir wäre eine andere Art Gegner lieber, aber man kann es sich leider nicht aussuchen.

    Yehoshua und Oz und Grossman sind linke Idealisten und ausgezeichnete Schriftsteller. Naomi Ragen ist eine wesentlich seichtere Schriftstellerin, aber wesentlich mehr “mefukachat”, was unsere Lage hier im Nahen Osten angeht. Ich teile nicht alle ihre Positionen, mag diese Idealisierung der Siedler nicht partout, aber ihr Buch “The Covenant” hast Du bestimmt gelesen.

    Sehr eindrucksvoll. Schade, daß es wohl nie ins Deutsche übersetzt werden wird.

    Ist ein lohnendes Geschenk für alle, die gut Englisch lesen. Beklemmend.

  2. beer7 sagt:

    Nein, ich kennen “The Convenant” noch nicht. Danke fuer den Tipp, ich werde es mir morgen besorgen.

    Aber findest Du es nicht auch bedrueckend, dass Oz, Grossman und Yehoshua einfach weitermachen, als waeren ihre Prognosen nie durch die Wirklichkeit widerlegt worden? Du erinnerst Dich an die Petition, mit Hamas zu verhandeln? Oder das da We need America’s help

    If the US is a true friend of Israel, it must help her through a symbolic act of protest that would express its dissatisfaction. By doing so, it would boost and stimulate it, like a loving yet strong father, to start overcoming its addiction to this destructive drug.

    Das ist zwar deutlich besser formuliert als, was David Landau von sich gab, geht aber genau in dieselbe Richtung. Die eigene Auffassung (demokratisch voellig unlegitimiert) wird als absolut richtig und wahr gesehen und nach dem maechtigen Mann gerufen, der sie den Israelis aufzwingen kann.

  3. Lila sagt:

    Ich weiß nicht. Ich erwarte von ihnen keinen politischen Sachverstand. Ich würde mir von Bully (A.B.) ja auch keine tropfende Wasseleitung reparieren lassen.

    Was Nahostpolitik angeht, quaken viele, die sonst nichts verstehen. Was diese Trias an politischem Schaden vordergründig anrichtet, ist glaube ich zu vernachlässigen angesichts ihrer Leistung, in ihren Büchern Israelis als menschliche, atmende, bewegende Personen darzustellen, die in die innere Welt ihrer Leser Einzug halten und sich dort selbständig machen. Indirekt leisten sie uns damit einen großen Dienst und außerdem sind sie Zeugen, wie die vielen, vielen anderen international bekannten Schriftsteller (Librecht, Z. Shalev, M.Shalev, Castelbloom, Keret… you name it), wie lebendig, vielfältig und kulturell fruchtbar unsere Gesellschaft ist.

    Wenn jemand sonst was leistet, seh ich ihm eine falsche Prognose oder eine ins Optimistische verzerrte Weltsicht gern nach. Sie sind ja keine Propagandisten, die persönlcihen Vorteil daraus ziehen, sondern soweit ich beurteilen kann, redlichen Sinnes und Patrioten.

    Und Grossman sehe ich sowieso viel nach (erinnerst Du Dich an seine Lesereise durch die Bunker?) . Nach dem, was er mitgemacht hat, wundert es mich nicht, daß er seine Weltsicht so hält, wie sie ihm irgendwie das Überleben ermöglicht. (Und hat er nicht Recht, was unseren Grotten-Olmert angeht???)

    So wie ich auch Noam Shalit verstehe, der der Hamas vorne und hinten reinkriecht, in der verzweifelten Hoffnung, daß sie seinen Gilad dann besser behandeln oder freilassen oder austauschen.

    Wenn Oz den Nobelpreis kriegt, stehe ich jedenfalls auf dem Stuhl und klatsche und jubele. Halevai halevai tfu tfu tfu.

  4. beer7 sagt:

    Da gebe ich Dir insgesamt Recht. Und trotzdem irritiert es mich immer wieder, dass sie sich auch als politische Orakel aufspielen und von einigen auch ernstzunehmenden Israelis (Bert z.B.) auch als solche akzeptiert werden.

    Ein bisschen denke ich auch, dass Hayeks Diagnose zutreffen mag.

    In all democratic countries, in the United States even more than elsewhere, a
    strong belief prevails that the influence of the intellectuals on politics is negligible. This
    is no doubt true of the power of intellectuals to make their peculiar opinions of the
    moment influence decisions, of the extent to which they can sway the popular vote on
    questions on which they differ from the current views of the masses. Yet over
    somewhat longer periods they have probably never exercised so great an influence as
    they do today in those countries. This power they wield by shaping public opinion.

    (… ;)

    But it would be a fatal mistake to underestimate their power for this reason. Even though their
    knowledge may often be superficial and their intelligence limited, this does not alter the
    fact that it is their judgement which mainly determines the views on which society will
    act in the not too distant future. It is no exaggeration to say that, once the more active
    part of the intellectuals has been converted to a set of beliefs, the process by which
    these become generally accepted is almost automatic and irresistible. These intellectuals
    are the organs which modern society has developed for spreading knowledge and ideas,
    and it is their convictions and opinions which operate as the sieve through which all
    new conceptions must pass before they can reach the masses.

    (… ;)

  5. Lila sagt:

    Ehrlich gesagt, sehe ich die meinungsbildende Macht der Intellektuellen in Israel nicht. Vielleicht sind sie im Ausland beliebt und ihr Wort hat Macht. Aber welchen öffentlichen Diskurs hätten sie hier bestimmt? Grossman als verwaister Vater, in seiner Rede - das war die Autorität des Mannes, dessen Sohn im Krieg gefallen ist. Ohne diese Aura, die hier einfach zählt, wäre es einfach eine weitere Intellektuellen-Rede gewesen.

    Wer bestimmt hier den Diskurs? Die Medien doch viel mehr. Amnon Abramovitch oder andere einflußreiche Journalisten, die Leitartikler von Haaretz und Yediot und Maariv, Ben Caspit, Akiva Eldar, Yair Lapid. Ehemalige Politiker schreiben da auch, meist sehr interessant, Yossi Sarid und Moshe Arens… jeder auf seine Weise skeptisch.

    Ich weiß es nicht, egal wie selbstbewußt sie sind, ich glaube nicht, daß sie wirklich Einfluß haben.

    Eher schon Historiker der Neuen Linken, die die Forschung in neue Richtungen lenken, unabhängig davon, was man hinterher in der Wurstfabrik daraus machen kann. Tja, ich weiß es auch nicht….

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