Krankheiten, Kinder und Beruf


nach meiner Rueckkehr war voellig klar, dass ich erstmal ein bisschen krank werden wuerde. Das ist ein wiederkehrendes Muster. Die Anstrengungen der Vorbereitung (vor allem die Logistik um Kinder und Haushalt) und der Stress der Reise. Mit Glueck und Willenskraft kann ich den Moment, wo ich zusammenklappe bis nach der Reise aufschieben. Natuerlich schleppte ich mich trotzdem ins Buero, schliesslich muss eine Reise ja auch nachgearbeitet werden. Angebote muessen kalkuliert und geschrieben, versprochene Muster und Zeichnungen verschickt, was sich in der Zwischenzeit von anderen Kunden angesammelt hat, muss bearbeitet werden.

Dann kam die naechste logische Entwicklung: Sonntag mittag rief die Sekretaerin der Schule an. Die Kleine hat Fieber, ich soll sie abholen. Am naechsten Tag Arztbesuch, Huehnerbruehe, Tee mit Honig und das ganze Ritual um ein krankes Kind. Ich selber konnte die Ruhepause auch gut brauchen und legte mich gern neben die Kleine ins Bett. Am Dienstag dann kamen wieder die Gedanken an die Arbeit. Da ist noch so viel zu erledigen, der Kleinen geht es schon wieder besser, obwohl sie natuerlich noch nicht in die Schule kann. Also fuhr ich mit ihr, nachdem wir die Grosse in die Schule gebracht haben, kurzerhand ins Buero. Schon am Eingang hielt uns die Leiterin der Abt. Human Ressources auf. Aus Versicherungsgruenden duerfen keine Kinder mitgebracht werden. Sollte ihnen irgendetwas passieren, haette die Firma keinen Versicherungsschutz. Ich war frustriert und wuetend und drang bis zu meinem Chef vor, der inzwischen auch sichtlich vergrippt im Sessel sass. Nichts zu machen, so sind die Vorschriften. Nun gibt es einiges, was ich von zu Hause erledigen kann, aber in das Produktions- und Verkaufsprogramm komme ich nicht und genau das brauche ich natuerlich fuer akute Bestellungen.

Um Mittag dann der Anruf aus der Schule. Die Grosse hat Fieber. Damit ist klar, dass ich diese Woche in den Arbeitsstunden nicht im Buero sein kann. Unsere Familien wohnen beide weit weg. Zwar haben wir noch eine lokale Familie “adopiert” oder sie uns, aber die Familienmitglieder arbeiten alle auch, so dass sie mir allenfalls abends aushelfen koennen. Am Abend bringe ich also die Kinder ins Bett und fahre ins Buero. Es stellt sich heraus, dass noch viel mehr anfaellt, als mir klar war. Bis 11 Uhr sitze ich am Computer, mitunter kommt der Wachmann rein und prueft nach, ob ich noch nicht eingeschlafen bin. Als ich nach Hause komme, bin ich todmuede und stelle fest, dass mein Mann die schmutzigen Teller vom Abendessen gerade mal vom Tisch auf die Anrichte geschafft hatte. Wutschnaubend machte ich mich an den Abwasch und das erste, was er heute morgen zu hoeren bekam, war die warmgehaltene Empoerung ueber diesen Mangel an Mitdenken und Hilfe. Er schaute mich aus verquollenen Augen an und sagte heiser, dass er sich auch nicht wohl fuehle. Also machten wir um halb sieben einen Familienausflug zum Arzt. Mein Mann fuhr danach natuerlich zu seinem Arbeitsplatz. Die Kinder haben Tonsillitis und schon muessen sie wieder Pencillin nehmen. Beide Hausaerzte (es ist eine Gemeinschaftsklinik und vorgestern hatten wir die eine und heute den anderen) murmelten schon etwas von darueber nachdenken, die Mandeln rausnehmen…

Auf dem Rueckweg telefonierte ich mit meinem Chef und gab ihm Anweisungen, was und in welcher Reihenfolge erledigt werden muss. Die Maedchen hoerten stumm zu. Dann die Grosse: “Ich habe den Eindruck, dass er nett ist.” “Das ist er auch”, sagte ich. Und die Kleine: “Er laesst sich sogar von dir Anweisungen geben, dabei ist er doch dein Chef.”

Mord an einem “Kollaborateur” in Israel


Uri Avnery ist noch am Leben …

Leider sind solche Morde in den pal. Gebieten nichts Seltenes. Das Besondere in diesem Fall ist, dass das Opfer mitten in Israel von Vermummten niedergeschossen wurde. Tira ist eine fast rein muslimisch-arabische Stadt. Es ist wichtig, sich klarzumachen, dass wohl die meisten Bewohner die israelische Staatsbuergerschaft besitzen, an israelischen Wahlen teilnehmen, Leistungen des israelischen Staates entgegennehmen usw.

Trotzdem gibt es auf den brutalen Mord am hellen Tag solche Reaktionen:

Tira residents said that Samara had lived in Palestinian city of Qalqiliya in the West Bank until he married a Tira inhabitant whose father was a driving instructor and the owner of the school where he was killed.

“The victim was known as a collaborator,” a resident said. “In Tira, we don’t like collaborators, and that’s why no one is sad that he was killed.”

Diese hier anonym zitierten israelischen Staatsbuerger sehen also in der Zusammenarbeit mit dem israelischen Staat ein Verbrechen, das zu Recht mit dem Tod bestraft wird. Die Frage nach einer etwaigen doppelten Loyalitaet braucht gar nicht mehr gestellt zu werden, Loyalitaet gegenueber Israel wird verdammt, nur der “pal. Sache” darf ihre Loyalitaet gelten.

(Das sind natuerlich die gleichen Leute, die sich ueber israelischen Rassismus beschweren und denen Olmert in seiner Dummheit zuarbeitet.)

Das Bild ist aber nicht vollstaendig ohne diesen Kommentar zum Artikel in Y-Net:

10. SO NOW YOU UNDERSTAND WHAT WE WHO WANT PEACE HAVE TO ENDURE!

We cannot speak freely for peace in our villages… And you keep blaming us for not standing up sufficiently for our beliefs…
The only way we have to work for peace is through the general elections.

Ich gehe schon sehr lange davon aus, dass auch innerhalb der israelisch-arabischen Gesellschaft eine Einschuechterungskampagne stattfindet. Alle Beschwichtigungsversuche gegenueber Islamisten (Amos Oz!) geben implizit diejenigen Muslime oder Araber, die nicht extremistisch sind, dem “zarten Erbarmen” (tender mercy) der Islamisten anheim. Und heute kann niemand mehr in Anspruch nehmen, nicht genau zu wissen, welche Formen dieses “Erbarmen” anzunehmen pflegt:


(Attentat auf Bhutto)
Ob Amos Oz und andere, denen ich den guten Willen abnehme, manchmal auch in diese Richtung nachdenken?

crossposted bei Freunden der Offenen Gesellschaft

Im seit 2005 laufenden Entwaffnungsprozess


werden inzwischen richtig harte Bandagen angelegt:

The governor of the West Bank city Nablus, Jamal Muheisin, announced on Sunday that Palestinians wanted by Israel in the northern will receive a cash reward if they willingly turn over their weapons.

Muheisin said that wanted Palestinian activists will be placed under a three month probation period, but will not be arrested, as a precondition for being pardoned. He added that the Palestinian Authority is putting effort into providing the best detention conditions for those who take up this offer.

Wieviel Geld hatte die USA erst vor drei Monaten fuer die Befriedung von Nablus bezahlt? 1.3 Millionen Dollar!

Weiter heisst es bei Ma’an:

The governor of Nablus also stated that a member of the Abu Ali Mustafa Brigades, the military wing of the Popular Front for the Liberation of Palestine (PFLP), who was seized by Israeli forces on Saturday, intended to turn himself over to the Palestinian Authority.

Angesichts solcher Arrangement ist das nicht verwunderlich:

(…)

A group of Palestinian militants who walked out of a Palestinian Authority prison in the West Bank town of Nablus on Thursday returned to jail voluntarily, a Palestinian security official said Friday.

The prisoners, members of the Al-Aqsa Martyrs Brigade, had been involved in fighting against the IDF in recent months and were hiding in Nablus’ old city, the Kasba. Some six weeks ago, the group turned itself in to the PA, following a comprehensive IDF operation in the Kasba.

The IDF agreed to let the militants, who are wanted by Israel, stay in the Palestinian prison on condition that the Palestinian security forces keep them incarcerated and deny them weapons and contact with terror organizations until Israel pardons them.

(…)

Thursday afternoon the entire group broke out of prison, apparently with the help of their Palestinian wardens. One of the escaped prisoners is Mahdi Abu Ghazale, commander of the Al-Aqsa Brigades’ Night Horsemen.

Ghazale announced Thursday that the group had decided to leave after the prison authorities reneged on the conditions they had agreed on when they turned themselves in. Ghazale and his group were set to hold a news conference in Nablus but apparently canceled, fearing for their
safety.

Palestinian journalists who visited Jneid Prison recently reported that the militants had been kept in real prison conditions. They had mobile phones but were not allowed to contact militant organizations and their calls were being monitored.

(…)

Das ist ja wirklich unzumutbar. Bedingungen wie in einem wirklichen Gefaengnis (aber mit Pressekonferenzen und Mobiltelefonen)!

crossposted bei Freunde der offenen Gesellschaft

Regierung ohne Hopfen und Malz


Gestern haben sich unsere Regierungsmitglieder mit dumpf-dummen Aeusserungen geradezu ueberschlagen:

Ben-Eliezer: Israel must release Barghouti

Unser Minister fuer Infrastruktur ist mit der gegenwaertigen, pal. Fuehrung unzufrieden. Das bin ich auch. Und da kommt er auf die Idee, es waere doch am praktischsten, wenn Israel einfach eine pal. Fuehrung backen koennte.

Man nehme “einen halben Zentner Zucker von Palermo, einen halben Zentrner ambrosinische Mandeln, dazu vier bis sechs Flaschen Riechwasser und etwas Moschus und Ambra, eine Handvoll Granatsteine und Rubine, ferner vierzig Perlen, zwei Saphire, ausserdem Goldgespinst, vor allem aber einen Backtrog und ein silbernes Schabmesser.” Moment, das war das Rezept fuer Marzipanchen (Lisa Tetzner: Maerchen, p. 90), das hat Ben-Eliezer doch nicht gemeint. Er ist dafuer einen rechtskraeftig verurteilten Moerder zu nehmen…

Noch eine Nuance dumpfer unser Regierungschef
Olmert: ‘Israel’s non-Jews suffer from inequality’

Das ist bei uns aehnlich wie in Daenemark, wo nicht-muslimische Asiaten irgenwie auch ganz verpassen, dass die Daenen allesamt Rassisten sind, vergleiche hiermit Israeli Arabs’ self-inflicted misery. Ueber einen damit verbundenen Aspekt hatte ich auch schon geschrieben:

Ich kann diese katgorische Ablehnung nur so verstehen: Israelifizierung wird als Gefahr empfunden, eben weil die jungen arabischen Israelis daran interessiert sein koennten, als gleichwertige Buerger in einer westlichen Demokratie zu leben, anstatt sich als Kanonenfutter der pan-arabischen Ablehnung des Staates Israels zu definieren. Die arabische Kultur, die geschuetzt werden muss, beinhaltet offensichtlich das konstituierende Element, Israel abzulehnen.

Lisa Goldmann schreibt ueber einen anderen Aspekt: Prime Time Palestinians

(…)

One of those critics is Juliano Mer (Number 15 on Motek’s list, but with a 20 year-old photo). The son of a Jewish mother and an Arab father, Juliano has been working as a Hebrew-speaking actor for years; lately, he has turned most of his attention to activism on behalf of Palestinian causes. He tells Aharish that he disapproves of these actors who behave as the Jews want them to behave, and who give the false impression that Arabs are on the same footing as Jews in terms of rights and benefits in Israeli society. Mer achieved his fame and success as a Hebrew-speaking actor – which didn’t stop him from signing the international artists’ petition for a culture boycott of Israel. He only became politically active after he achieved his fame, but he tells these young actors that they should devote themselves to political activism now (assuming they want to be politically active), rather than enjoying the fleshpots of Tel Aviv.

(…)

Hier haben wir dasselbe Muster: Arabische Israelis, die es in der israelischen Gesellschaft weit gebracht haben, wollen die jungen Leute in ihrer Gemeinschaft daran hindern, sich in Israel zu integrieren. Und die Ermutigung dazu kommt inzwischen von ganz oben in Israel.

Ich kann nur hoffen, dass diese Regierung faellt, bevor sie noch mehr Schaden anrichtet.

Leben in Sderot


via Achse des Guten bin ich auf diesen Artikel im Daily Mail gestossen. Ich finde ihn so beeindruckend, dass ich ihn ins Deutsche uebersetzt habe.

Code Rot in Sderot: Leben im meistbombardierten Ort der Welt
Von PHILIP JACOBSON – zuletzt bearbeitet 17:58pm am 15. Februar 2008

Auf einem ausgedoerrten Streifen an der isr.-pal. Grenze liegt eine staubige Grenzstadt mit besonderem Anspruch auf Beruehmtheit: Pro Kopf ist das der meistbombardierte Ort der Welt. Philip Jacobson berichtet von seiner Zeit in Sderot.
Ein klarer Wintermorgen und nichts regt sich im unfruchtbaren Streifen Niemandsland, der die israelische Kleinstadt Sderot vom unruhigen Gazastreifen trennt, der nur zwei Kilometer entfernt ist.

Auf der palaestininesnischen Seite der Grenze glitzter das Sonnenlicht von der Windschutzscheibe eines Lastwagens, der neben einem heruntergekommenen Bauernhaus parkt, wo die Waesche zum Trocknehn herausgehaengt wurde. Zwitschernde Voegel kreisen ueber einem nahegelegenen Reservoir.

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Flugzeuglektuere: Postmodernismus in Henning Mankells “Die fuenfte Frau”


Fuer den Rueckflug letzte Woche habe ich mir am Flughafen noch dieses Buch gekauft. Ich bin schon vor ein paar Tagen damit zuende, aber ein paar Gedanken dazu lassen mich nicht los.

Der Kulturpessimismus in Mankells Buechern ist natuerlich unuebersehbar. Alles wird immer schlechter. Die Zivilisation geht in die Brueche. Die Polizei hat immer weniger Mittel zur Verfuegung und muss immer mehr Arbeit bewaeltigen. In diesem Buch kommen schwedische Buerger auf eine eigentlich naheliegende Idee: Sie wollen sich als Buergerwehren organisieren und so einen Teil der Polizeiarbeit uebernehmen, zu denen die Polizei selber nicht mehr kommt. Die Ankuendigung solcher Plaene loest in der Polizeibehoerde offene Ablehnung, geradezu Feindseligkeit aus. Die Buergerwehren wuerden das Gewaltmonopol des Staates zerstoeren und damit faschistischen Tendenzen Tuer und Tor oeffnen. An keiner Stelle wird darueber nachgedacht, ob sich das nicht auch in einer Weise organisieren liesse, bei der diese Gefahr vermieden wuerde. Dabei scheint mir auch das auf der Hand zu liegen. Freiwillige, die die Polizei bei ihrer Arbeit unterstuetzen moechten, koennten von der Polizei rekrutiert und angeleitet werden. So ist es in Israel. Dass mein Chef als Freiwilliger schon seit Jahren auch unbezahlten Dienst als Verkehrspolizist leistet, hatte ich schon erwaehnt. Darueber hinaus gibt es auch “Civil Guards” (Buergerwehren). Ein benachbartes aelteres Ehepaar* zieht sich regelmaessig Leuchtwesten an. Jeweils zu dritt patroullieren solche Guards nachts die verschiedenen Viertel. Wenn sie Verdaechtiges sehen, rufen sie ueber von der Polizei gestellten Walkie-Talkies den naechsten Streifenwagen. Da Beer Sheva unter Einbruechen leidet – die benachbarten Beduinenstaemme haben traditionell das Gefuehl, das Eigentum von Sesshaften sei ihre rechtmaessige Beute – gehe ich davon aus, dass solche Freiwilligenpatrouillen durchaus helfen.

Nicht so in Mankells Vorstellung von Schweden: Die Polizei bietet den Buergern, die sich organisieren wollen, weder Anleitung noch Beratung, sondern lehnt sie und ihr Vorhaben rundum ab. Im Roman wird dann ein nachtblinder Autofahrer schwer verpruegelt, nur weil er nach dem Weg fragen wollte. Die Maenner, die dafuer verantwortlich sind, gehoeren einer Buergerwehr an, die eindeutig faschistische Zuege traegt. Die kleine Tochter eines Polizisten wird von Schulkameraden verpruegelt, nur weil ihr Vater Polizist ist. Diese Gewaltakte werden von der Polizei sehr ernst genommen. Obwohl die Abteilung unter enormem Zeitdruck dabei ist, eine schwere Mordserie aufzuklaeren und der Kommissar Wallander selbst die Trauer um seinen Vater, der mitten in der Handlung stirbt, deswegen zurueckstellt: Fuer das Niederschlagen der Buergerwehr und die Bearbeitung der Schuljungen fehlt es weder an Zeit noch an Personal.

Das Gewaltmonopol des Staates scheint fuer Mankell derart zentral zu sein, dass keine Zusammenarbeit mit nicht-vollstaatlichen Organisationen denkbar ist. Aber das scheint nur so. Die Moerderin im Roman ist eine Frau, die ebenfalls das Recht in die eigenen Haende nimmt. Sie mordet Maenner, die Frauen misshandelt und/oder getoetet haben. Dieser Teil des Buches ist kaum ausgearbeitet. Es bleibt voellig unklar, wie die relativ junge Frau ueberhaupt von der 27 Jahre zurueckliegenden Toetung einer Polin erfahren konnte, ebensowenig gibt es eine Erklaerung fuer die Wahl ihres zweiten Opfers, dessen Tat auch schon sehr lange zurueck liegt. Das dritte Opfer dagegen wird sehr viel direkter gewaehlt. Die Beziehung zwischen der Moerderin und der jungen Frau, die von diesem Mann angeblich (ueberhaupt nicht ausgearbeitet) misshandelt wurde, wird ebenfalls nicht ausgearbeitet. In diesem ganzen Komplex fehlen die Beziehungen, die psychologischen Motive sind hoechstens angedeutet und auffallend oberflaechlich. Die Moerderin soll ihren “Knacks” bekommen haben, als sie als Kind beobachtet hat, wie ihre Mutter einer Zwangsabtreibung unterzogen wurde. Auch da ist vieles unklar, nicht ausgearbeit. Z.B. heisst es der Abtreiber sei betrunken gewesen. Der Ehemann, ebenfalls betrunken, haette sich im Keller eingeschlossen. Dass eine Frau sich nicht gegen einen Betrunkenen wehren kann, bzw. es nicht einmal ernsthaft versucht (sie haette nach dem Szenario ihre halbwuechsige Tochter leicht um Hilfe schicken koennen), wirkt nicht plausibel. Der Gedanke liegt nahe, dass die Mutter die Abtreibung mindestens akzeptiert hatte. Das waere fuer ein beobachtendes Kind natuerlich immer noch extrem traumatisch, aber doch wohl in eine andere Richtung: Die Mutter als Frau, die ihre Kinder auch toeten kann. Die Moerderin und Mankell ueberhaupt im Roman dagegen idealisieren die Mutter und die Frauen an sich, zumindest als Opfer. Und alle Maenner, auch der Kommissar, sind Taeter. Ihre Brutalitaet ist nur graduell verschieden, wie Wallander sich selber eingesteht, nachdem er gerade das Telefongespraech mit der Frau, die er heiraten will, beendet hat, indem er gereizt den Hoerer auflegte.

Hier haben wir Relativismus vom Feinsten. Zwischen dem geplanten und grausamen Mord an einer Frau und dem Aufknallen des Hoerers bestehen nur graduelle Unterschiede. Im Prinzip stammt beides aus derselben Brutalitaet des Manns an sich.

Owohl die Moerderin bei ihren Morden mit einer Grausamkeit vorgeht, die mE auch die Misshandlungen, die die Maenner begangen haben, noch hinter sich laesst, erkennt Mankell nicht auf Brutalitaet des Charakters und Lust an der Grausamkeit. Schliesslich ist die Moerderin eine Frau und kein Mann. Da sie der Opfergruppe angehoert, kann sie nicht einfach als Taeter gesehen werden. Tatsaechlich entwickelt der Kommissar am Ende jede Menge Sympathie fuer die Moerderin. Ihr Morden wird als verstaendliches, fast zu rechtfertigendes Vorgehen empfunden.

Das schwedische Original stammt von 1996. Ich hoffe leise, dass sich selbst der skandinavische Postmodernismus inzwischen etwas gebessert hat, aber ich habe meine Zweifel

Amos Oz zum Gazastreifen und mein Senf dazu


Der Text von Amos Oz ist zwar schon eine Woche alt, aber ich komme erst jetzt dazu, mich damit auseinanderzusetzen.

Amos Oz hat Recht mit seiner Beschreibung, was eine Bodenoffensive im Gazastreifen bedeuten wuerde:

The occupation of Gaza will not necessarily put an end to the rocket attacks on Sderot and its environs. In addition to the attacks on Sderot, the occupying forces will be attacked on a daily basis – roadside bombs, shooting attacks, and bloody suicide bombings.

Oz gleitet ein bisschen zu nonchalant darueber hinweg, dass das Niveau der Kassamraketen aus dem Gazastreifen signifikant niedriger war, als die IDF noch im Gazastreifen war. Trotzdem ist die Frage legitim, ob eine zeitweilige Beruhigung den Preis wert sein kann.

Relevant zum Theme finde ich diesen Beitrag von Michael J. Totten, auch wenn er ueber Hisbollah und nicht ueber Hamas schreibt:

American General David Petraeus proved counterinsurgency in Arabic countries can work. His surge of troops in Iraq is about a change of tactics more than an increase in numbers, and his tactics so far have surpassed all expectations. The “light footprint” model used during former Secretary of Defense Donald Rumsfeld’s tenure may have seemed like a good idea at the time, but American soldiers and Marines had no chance of defeating insurgents from behind barbed wire garrisons. Only now that the troops have left the relative safety and comfort of their bases and intimately integrated themselves into the Iraqi population are they able to isolate and track down the killers. They do so with help from the locals. They acquired that help because they slowly forged trusting relationships and alliances, and because they protect the civilians from violence.

The Israel Defense Forces did nothing of the sort in Lebanon. Most Lebanese Shias are so hostile to Israel that such a strategy might not work even if David Petraeus himself were in charge of it. Even then it would take years to produce the desired results, just as it has taken several years in Iraq. Israelis have no wish to spend years fighting Hezbollah in Lebanon. International pressure would force them out if they did.

Die beiden wirklich Einschraenkungen, die Israel gegenueber der Hamas und der Hisbollah auferlegt sind, sind
1) die internaitonale Gemeinschaft gesteht Israel kaum das Recht auf Selbstverteidigung zu
2) Israel ist in den arabischen Laendern so verhasst (die systematische und ueber Generationen erfolgende Verhetzung hat natuerlich Folgen), dass es kaum eine Chance hat, wirklich “hearts & minds” der Bevoelkerung im Gazastreifen zu gewinnen, obwohl schon Stimmen gehoert wurden, die sich eine neue Besatzung wuenschten.

Die Vorstellung, dass internationale Truppen Israel im Gazastreifen abloesen koennten, ist einfach lachhaft, nicht zuletzt angesichts der Erfahrungen, die wir schon im Suedlibanon machen.

Vor diesem Hintergrund bin auch ich gegen eine Bodenoffensive im Gazastreifen. Die Frage, die Oz aber gar nicht stellt und die ich nicht beantworten kann, lautet: Kann es sein, dass wir die Verluste, die wir heute einsparen, spaeter teuer bezahlen muessen? Diese Erfahrung haben wir im Libanon gemacht: Die 6 Jahre vom unverhandelten Rueckzug 1999 bis zum Ausbruch des 2. Libanonkriegs waren ruhig, es gab kaum Verluste. Aber es war die Ruhe vor dem Sturm. In dieser rughin Phase konnte die Hisbollah sich in einer Weise bewaffnen und in Bunkern verschanzen, dass der Kampf fuer Bodentruppen im Libanon sehr verlustreich wurde. Das Gleiche blueht uns auch im Gazastreifen. Wenn wir ueberhaupt eine Bodenoffensive dort fuehren muessen, dann waere es mit Sicherheit besser, das so schnell wie moeglich zu tun.

Am Ende seines Artikels ist Amos Oz wieder bei den alten und inzwischen weithin als falsch erkannten Mantren angelangt:

we must not forget that the root of the Gaza problem has to do with hundreds of thousands of people who are rotting there in refugee camps; camps that are hotbeds of poverty and despair, ignorance, religious and national zeal, hatred, and violence.

Den Menschen im Gazastreifen – auch in den Fluechtlingslagern – geht es besser als Buergern arabischer Staaten in den dortigen Slums. Armut ist nicht die Ursache fuer Fanatismus und Gewalt.

From a historical perspective, there is no solution to the Gaza problem without having, at least on the horizon, a measure of hope for those desperate people.

Aus der historischen Perspektive kann es keine Loesung fuer den Gazastreifen geben, solange die Bevoelkerung dort die Hoffnung nicht aufgegeben hat, Israel zerstoeren zu koennen. Nicht ein Mangel an Hoffnung, sondern ein Uebermass an Hoffnung in diese Richtung ist der Grund dafuer, dass Hamas im Gazastreifen ihren eigenen Terrorstaat gruenden konnte. Mit etwas mehr Berechtigung als die Armut, koennte der Iran als “root cause” fuer die Hamas im Gazastreifen bezeichnet werden.

And what can we do now? We can and should reach a ceasefire with Hamas in Gaza. Such ceasefire, of course, comes with a difficult political price. Yet out of all the prices that Israel may pay for a false and hasty decision, this is the least lethal and most tolerable price.

Zugestaendnisse an die Hamas waeren genau das Signal, dass sie sich auf dem richtigen Weg befindet und wuerden sie damit staerken. Abgesehen davon sehe ich nicht, welche Zugestaendnisse Israel ueberhaupt machen kann und was es dafuer bekommen koennte.

Dass Oz nur die Alternative Bodeninitiative oder Zugestaendnisse an Hamas sieht, ist Aktionismus: Er (und nicht nur er) tut sich schwer damit, dass Israel im Moment kaum Optionen hat.

crossposted bei Freunde der offenen Gesellschaft

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