Fuer den Rueckflug letzte Woche habe ich mir am Flughafen noch dieses Buch gekauft. Ich bin schon vor ein paar Tagen damit zuende, aber ein paar Gedanken dazu lassen mich nicht los.
Der Kulturpessimismus in Mankells Buechern ist natuerlich unuebersehbar. Alles wird immer schlechter. Die Zivilisation geht in die Brueche. Die Polizei hat immer weniger Mittel zur Verfuegung und muss immer mehr Arbeit bewaeltigen. In diesem Buch kommen schwedische Buerger auf eine eigentlich naheliegende Idee: Sie wollen sich als Buergerwehren organisieren und so einen Teil der Polizeiarbeit uebernehmen, zu denen die Polizei selber nicht mehr kommt. Die Ankuendigung solcher Plaene loest in der Polizeibehoerde offene Ablehnung, geradezu Feindseligkeit aus. Die Buergerwehren wuerden das Gewaltmonopol des Staates zerstoeren und damit faschistischen Tendenzen Tuer und Tor oeffnen. An keiner Stelle wird darueber nachgedacht, ob sich das nicht auch in einer Weise organisieren liesse, bei der diese Gefahr vermieden wuerde. Dabei scheint mir auch das auf der Hand zu liegen. Freiwillige, die die Polizei bei ihrer Arbeit unterstuetzen moechten, koennten von der Polizei rekrutiert und angeleitet werden. So ist es in Israel. Dass mein Chef als Freiwilliger schon seit Jahren auch unbezahlten Dienst als Verkehrspolizist leistet, hatte ich schon erwaehnt. Darueber hinaus gibt es auch “Civil Guards” (Buergerwehren). Ein benachbartes aelteres Ehepaar* zieht sich regelmaessig Leuchtwesten an. Jeweils zu dritt patroullieren solche Guards nachts die verschiedenen Viertel. Wenn sie Verdaechtiges sehen, rufen sie ueber von der Polizei gestellten Walkie-Talkies den naechsten Streifenwagen. Da Beer Sheva unter Einbruechen leidet – die benachbarten Beduinenstaemme haben traditionell das Gefuehl, das Eigentum von Sesshaften sei ihre rechtmaessige Beute – gehe ich davon aus, dass solche Freiwilligenpatrouillen durchaus helfen.
Nicht so in Mankells Vorstellung von Schweden: Die Polizei bietet den Buergern, die sich organisieren wollen, weder Anleitung noch Beratung, sondern lehnt sie und ihr Vorhaben rundum ab. Im Roman wird dann ein nachtblinder Autofahrer schwer verpruegelt, nur weil er nach dem Weg fragen wollte. Die Maenner, die dafuer verantwortlich sind, gehoeren einer Buergerwehr an, die eindeutig faschistische Zuege traegt. Die kleine Tochter eines Polizisten wird von Schulkameraden verpruegelt, nur weil ihr Vater Polizist ist. Diese Gewaltakte werden von der Polizei sehr ernst genommen. Obwohl die Abteilung unter enormem Zeitdruck dabei ist, eine schwere Mordserie aufzuklaeren und der Kommissar Wallander selbst die Trauer um seinen Vater, der mitten in der Handlung stirbt, deswegen zurueckstellt: Fuer das Niederschlagen der Buergerwehr und die Bearbeitung der Schuljungen fehlt es weder an Zeit noch an Personal.
Das Gewaltmonopol des Staates scheint fuer Mankell derart zentral zu sein, dass keine Zusammenarbeit mit nicht-vollstaatlichen Organisationen denkbar ist. Aber das scheint nur so. Die Moerderin im Roman ist eine Frau, die ebenfalls das Recht in die eigenen Haende nimmt. Sie mordet Maenner, die Frauen misshandelt und/oder getoetet haben. Dieser Teil des Buches ist kaum ausgearbeitet. Es bleibt voellig unklar, wie die relativ junge Frau ueberhaupt von der 27 Jahre zurueckliegenden Toetung einer Polin erfahren konnte, ebensowenig gibt es eine Erklaerung fuer die Wahl ihres zweiten Opfers, dessen Tat auch schon sehr lange zurueck liegt. Das dritte Opfer dagegen wird sehr viel direkter gewaehlt. Die Beziehung zwischen der Moerderin und der jungen Frau, die von diesem Mann angeblich (ueberhaupt nicht ausgearbeitet) misshandelt wurde, wird ebenfalls nicht ausgearbeitet. In diesem ganzen Komplex fehlen die Beziehungen, die psychologischen Motive sind hoechstens angedeutet und auffallend oberflaechlich. Die Moerderin soll ihren “Knacks” bekommen haben, als sie als Kind beobachtet hat, wie ihre Mutter einer Zwangsabtreibung unterzogen wurde. Auch da ist vieles unklar, nicht ausgearbeit. Z.B. heisst es der Abtreiber sei betrunken gewesen. Der Ehemann, ebenfalls betrunken, haette sich im Keller eingeschlossen. Dass eine Frau sich nicht gegen einen Betrunkenen wehren kann, bzw. es nicht einmal ernsthaft versucht (sie haette nach dem Szenario ihre halbwuechsige Tochter leicht um Hilfe schicken koennen), wirkt nicht plausibel. Der Gedanke liegt nahe, dass die Mutter die Abtreibung mindestens akzeptiert hatte. Das waere fuer ein beobachtendes Kind natuerlich immer noch extrem traumatisch, aber doch wohl in eine andere Richtung: Die Mutter als Frau, die ihre Kinder auch toeten kann. Die Moerderin und Mankell ueberhaupt im Roman dagegen idealisieren die Mutter und die Frauen an sich, zumindest als Opfer. Und alle Maenner, auch der Kommissar, sind Taeter. Ihre Brutalitaet ist nur graduell verschieden, wie Wallander sich selber eingesteht, nachdem er gerade das Telefongespraech mit der Frau, die er heiraten will, beendet hat, indem er gereizt den Hoerer auflegte.
Hier haben wir Relativismus vom Feinsten. Zwischen dem geplanten und grausamen Mord an einer Frau und dem Aufknallen des Hoerers bestehen nur graduelle Unterschiede. Im Prinzip stammt beides aus derselben Brutalitaet des Manns an sich.
Owohl die Moerderin bei ihren Morden mit einer Grausamkeit vorgeht, die mE auch die Misshandlungen, die die Maenner begangen haben, noch hinter sich laesst, erkennt Mankell nicht auf Brutalitaet des Charakters und Lust an der Grausamkeit. Schliesslich ist die Moerderin eine Frau und kein Mann. Da sie der Opfergruppe angehoert, kann sie nicht einfach als Taeter gesehen werden. Tatsaechlich entwickelt der Kommissar am Ende jede Menge Sympathie fuer die Moerderin. Ihr Morden wird als verstaendliches, fast zu rechtfertigendes Vorgehen empfunden.
Das schwedische Original stammt von 1996. Ich hoffe leise, dass sich selbst der skandinavische Postmodernismus inzwischen etwas gebessert hat, aber ich habe meine Zweifel…
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du vergisst glaube ich einen nicht zu unterschätzenden aspekt. ich reg mich fürchterlich über leute auf, die israel kritisieren wie es z. b. mit den steinewerfenden jugendlichen in der ersten intifada umgegangen ist. man kann die situation in israel, obwohl es ein westliches land ist, nicht mit europa vergleichen. ich komme aus österreich. würden hier die soldaten ihr gewehr mit munition immer bei sich haben, auch am wochenende in der disco, gäbe es massaker ohne ende. die würden sich im vollrausch wegen jeder kleinigkeit niedermetzeln. so wie sie es ohne gewehr mit dem auto machen, mit dem sie volltrunken nachhause rasen.
faschistoide strömungen gibt es hier in jeder freiwilligen feuerwehr. mir graut vor jeder zivilen bürgerwehr. die würden nicht telefonieren sondern halbbesoffen lynchen und grölen. sowie die österreicher vor menschlichkeit triefen, wenn sie über arme palestinenser reden, würden sie das gewaltmonopol einer bürgerwehr ins unerträgliche ausnutzen und einer gang gleich, ganze viertel kontrollieren. israel mit europa zu vergleichen funktioniert nicht. weder so, noch so!
Oren1,
Wenn ich Dich richtig verstehe, dann meinst Du, dass Israels existenzielle Bedrohung die israelische Bevoelkerung zu reiferen Personelichkeiten erzieht. Da dieser Erziehungsdruck in Europa (noch?) nicht vorliegt, neigten die Menschen dort eher zu unreifem, faschistischem Verhalten?
Ich tue mir ein bisschen schwer mit solchen Erklaerungen. Zum einen ist die Verkehrstatistik auch in Israel alles andere als erfreulich. Ohne es nachgeprueft zu koennen, wuerde ich bei uns mehr Verkehrstote pro Bevoelkerung annehmen als in Oesterreich.
Zum anderen muessten wir auch die USA mit einbeziehen, um sinnvoll vergleichen zu koennen. Zur mangelnden Korrelation von freizuegigen Waffengesetzten und gewalttaetigen Todesfaellen habe ich schon recherchiert. Civil Guards gibt es auch in den USA, dazu muesste ich noch lesen.
Kann es nicht sein, dass Du mit Mankell einen Kulturpessismus teilst, der spezifisch europaeisch ist und etwas mit der Geschichte Europas im 20. Jh zu tun hat? Und das faende ich dann ein bisschen ironisch. Aus Angst vor der Gleichschaltung der Buerger im totalitaeren Staat wuerde dann jede Einbeziehung von Buergern auf freiwilliger Basis bereits verteufelt.
*Meine Nachbarn, das aeltere Ehepaar, die regelmaessig (aber nie zusammen) patrouillen gehen, sind von faschistischen Umtireben meilenweit entfernt. Sie koennen nicht zusammen auf Streife gehen, weil immer jemand bei der schon erwachsenen, aber zurueckgebliebenen Tochter zu Hause bleiben muss, um die sie sich in vorbildlicher Weise kuemmern.
beer7.
für europa kann ich nicht sprechen. österreich kenne ich gut genug. hier gibt es keine bedrohung von aussen. das militär ist nicht wirklich notwendig, die einzige notwendigkeit des “bundesheeres” ergibt sich bei naturkatastrophen. man leistet seinen präsenzdienst ab und damit hat es sich. hierin ist der unterschied zu israel schon gewaltig. erstens ist in israel fast jeder mehr oder weniger dauernd soldat, durch die jährlichen einberufungen, zweitens ist die bedrohung mehr als real. durch die ständige bedrohung, die von aussen, aber auch von innen da ist, ist die bevölkerung israels eigentlich dauernd im einsatz, sei es zivil oder militärisch. man ist prinzipiell auf der hut, muss auf der hut sein. ich hab eine zeit lang in beersheva gewohnt, mit meiner freundin im viertel wo die studentenwohnungen waren. meine freundin machte einmal im monat patroulliendienst in diesem viertel, sebstverständlich. man bekam einen bonus auf die studiengebüren. das war 1990. der eindruck für mich war, dass alle hellhöriger und hellsichtiger waren, als ich es gewohnt war. jedes alleingelassene gepäckstück oder tasche sorgte aus gutem grund für strassensperren und den einsatz der bombsquad. durch die dauernd drohende gefahr war man wachsam, es gab eine ausgeprägte zivilcourage, vielleicht bedingt dadurch, dass jeder militärisch gut ausgbildet war. gleich zeitig gab es unglaubliche toleranz für kleinigkeiten, zumindest damals. wie oft bin ich bei verkehrsdelikten, gröberen oder leichteren erwischt worden und nach kurzer kontrolle und erklärung weitergewunken worden. oft hab ich mich über mein glück gewundert. ein ausländer in österreich, ich meine kein italiener oder deutscher, sondern ein bosnier, albaner usw. käme nicht so glimpflich davon, wohl aber auch kein israelischer araber, dies ist jedoch eine vermutung. die ernsthaftigkeit der situation in israel, bedingt automatisch eine wachsame gesellschaft. in österreich nicht. eine zivile wachgesellschaft auf freiwilliger basis, ohne honorar verkäme rasch zu einem verein mit zweifelhaften zielen. aus langeweile würden delikte erfunden werden und durch die permanente hetze gegen ausländer, die hier stattfindet, würde sich das projekt in eine nicht wünschenswerte richtung entwickeln.
Oren, schade, dass wir uns da nicht kennengelernt haben. 1990 war ich noch in Muenchen… Ob die oesterreichische Polizei Freiwillige sinnvoll beschaeftigen koennte, kann ich natuerlich nicht beurteilen. Wenn nicht, da hat es natuerlich keinen Sinn. Wenn ja, sollte Langeweile eigentlich nicht das Problem sein.