Aicha


איכה – so heissen die Klagelieder auf Hebraeisch, nach dem ersten Wort “wie”. Gestern abend in der Synagoge sassen wir auf niedrigen Stuehlchen (wohl aus dem Kindergarten der Gemeinde entlehnt) oder auf dem Boden um einige Teelichter herum, die ein Viereck bildeten. Nach den ueblichen Gebeten begannen wir die Klagelieder zu lesen. Die Wucht der Texte hat mich ueberrascht. Vielleicht verstehe ich das Hebraeisch inzwischen besser als auch schon, vielleicht liegt es auch den Gruenden, die mich dazu veranlassen, dieses Jahr zum ersten Mal auch zu fasten.

Wir haben keine Garantien.

In der Nacht traeumte ich von einer riesigen Rauchwolke ueber der Stadt:

Und das kurz vor dem 1. August!


Fuer Nichtschweizer: Der 1. August ist der Nationalfeiertag der Schweiz, und den feiern wir treu auch im Negev Jahr fuer Jahr. Dieses Jahr unter verschaerften Bedingungen, weil er auf Shabbat faellt, wir also erst nach Shabbatausgang feiern koennen und ich alle Vorbereitungen noch vor Shabbatbeginn abschliessen muss, mit Tisha B’Av heute, wo der Schwerpunkt auch nicht auf Festvorbereitungen liegen sollte. Und die Maedchen haben mich weichgeklopft, dass sie Freunde einladen duerfen, also muss ich die Feier vom Balkon in den Park verlegen und mir kindgerechte, schweizbezogene Aktivitaeten einfallen lassen.

Und dann so was: Frau Calmy-Rey muss dringend wieder einen anti-israelischen Vorstoss praesentieren.

Um der katastrophalen Situation im Gazastreifen Herr zu werden, regt die Schweiz die Schaffung einer Uno-Gruppe an, die die humanitäre Hilfe im Gebiet sicherstellen und die Wiederaufbau-Bemühungen vorantreiben soll. Der Schweizer Botschafter bei den Vereinten Nationen in New York, Peter Maurer, machte den Vorschlag Anfang dieser Woche in einer Rede vor dem Uno-Sicherheitsrat publik. In der Diskussion über die Situation im Nahen Osten sagte Maurer, die Schweiz sei tief besorgt über die gegenwärtige Lage im dichtbesiedelten Gebiet. Durch die Nachwirkungen des Kriegs zwischen Israel und der Hamas seien die Lebensbedingungen im Gazastreifen noch immer prekär.

Wie prekaer die Lebensbedingungen im Gazastreifen sind, koennen aufmerksame Leser meines Blogs im vollen Umfang ermessen. Da musste sich die erste Hamas-Filmproduktion mit einem Budget von 200.000 Dollar bescheiden! Glaubhaften Aussagen zufolge wurde aber nicht aus finanziellen Gruenden auf eine Liebesgeschichte verzichtet.

Als Besatzungsmacht ist Israel verpflichtet, humanitären Organisationen Zugang zu der notleidenden Bevölkerung zu gewähren

Eine glatte Luege! Wenn Israel Besatzungsmacht ist, weil es seine Grenzuebergaenge zum Gazastreifen streng kontrolliert, dann ist es Aegypten ebenfalls, das mit Rafah nicht anders verfaehrt. Irgendwie hoert man aber selten Appelle an die aegyptische Regierung…

Dass keine Not herrscht, die ein solches Eingreifen erfordern wuerde, sagt nicht nur der Vertreter Israels, sondern auch die norwegische Botschafterin. Norwegen sollte es wissen, steht das Land doch der Geberkonferenz fuer die Palaestinenser vor. Erfreulich und unerwartet aus meiner Sicht ist diese Feststellung:

Hilfe im Gazastreifen sei vornehmlich politischer und nicht humanitärer Art, argumentierte die Botschafterin Norwegens

Norwegen hat naemlich auch eine lange Tradition von einseitiger Parteinahme gegen Israel.

Die Schweiz dagegen bemüht sich um eine Entpolitisierung der Hilfe. Die Situation sei aus politischen Gründen blockiert und müsse mit grösserem, unpolitischem humanitärem Spielraum entschärft werden, sagte Maurer.

Wie kann die Hilfe “entpolitisiert” werden, wenn sie auf jeden Fall zu einer Staerkung des Hamasregimes im Gazastreifen fuehrt?! Wie so oft, geht es Frau Calmy-Rey nur darum, ihre eigene Wichtigkeit aufzbauschen:

Die Schweiz hofft, in den USA einen gewichtigen Verbündeten für das Unterfangen zu gewinnen. Anzunehmen ist, dass Bundesrätin Calmy-Rey die Idee bei ihrem Treffen mit der amerikanischen Aussenministerin Clinton vorbringen wird.

Bei unserer 1.Augustfeier werden wir der anderen Schweiz gedenken.

P.S. Waere die Schweizer Unterstuetzung hier nicht noetiger?

Stimmung in Israel


Mir kommt es so vor, als ob nicht nur fuer mich Tischa B’Av dieses Jahr relevanter ist als auch schon. In der Kantine werden fleischlose Hauptgerichte angeboten. In den Tagescamps der Kinder wurden die Kinder befragt, ob sie Fleisch essen und ins Schwimmbad gehen koennen oder nicht. Gerade wurden die Mesusot in der ganzen Firma ueberprueft…

Elefanten weghalluzinieren


Der erste Elefant im Zimmer des “Friedensprozess” Nahost ist die Hamas. Alle Welt trompetet herum, die israelischen Siedlungen in der Westbank verhinderten den Frieden. Derweil wird erstaunlich ausdauernd darueber geschwiegen, dass in den letzten, halbwegs freien Wahlen Hamas die Mehrheit erhielt. Unleugbar ist die Vernichtung Israels und der bewaffnete Kampf in diese Richtung ein zentraler Punkt des Hamasprogramms. Seit der Machtuebernahme per Putsch im Gazastreifen exerzierte Hamas vor, dass sie ihr eigenes Programm ernst nimmt. Selbst im Fall, dass Israel alle Siedlungen schleift und Ostjerusalem judenrein macht, koennte im guenstigsten Fall mit der Fatah im Westjordanland ein Abkommen geschlossen werden, an das sich Hamas im Gazastreifen nicht gebunden fuehlte.

Wie der Elefant Hamas weghalluziniert wurde, laesst sich leicht zurueckverfolgen. Zunaechst wurde von linker Seite Wunschdenken als Analsyse praesentiert. Hamas sei nur als Protest gegen die korrupte Fatah gewaehlt worden, sie werde sich in der Regierungsverantwortung maessigen, usw. Die Wirklichkeit hielt sich leider nicht an diese Vorgaben.

Der zweite Elefant ist die Tatsache, dass die Fatah sich vornehmlich in der Taktik, aber kaum im angestrebten Ziel von Hamas unterscheidet, also auch kein Friedenspartner ist. Auch dieser Elefant wird angestrengt weghalluziniert. Ich gehe davon aus, dass auch ueber Rafik Natshehs eindeutige Aussage in der deutschsprachigen Medien nicht berichtet werden wird.

Natsheh’s remarks came days before Fatah’s general assembly that is slated to take place in Bethlehem on August 4.

The assembly, the first in two decades, is expected to bring some 1,500 Fatah delegates together to discuss ways of reforming the faction and holding internal elections.

One of the topics on the conference’s agenda is whether Fatah should formally abandon the armed struggle and recognize Israel’s right to exist.

“Fatah does not recognize Israel’s right to exist,” Natsheh said, “nor have we ever asked others to do so.” His comments, which appeared in an interview with Al-Quds Al-Arabi, came in response to reports according to which Fatah had asked Hamas to recognize Israel as a precondition for the establishment of a Palestinian unity government.

“All these reports about recognizing Israel are false,” Natsheh, who is closely associated with PA President Mahmoud Abbas, said. “It’s all media nonsense. We don’t ask other factions to recognize Israel because we in Fatah have never recognized Israel.”

Asked about calls for dropping the reference to armed struggle from Fatah’s charter, Natsheh said: “Let all the collaborators [with Israel] and those who are deluding themselves hear that this will never happen. We’ll meet at the conference [in Bethlehem].”

Wir muessen uns wieder einmal vor Augen halten, dass “Friedensprozess” zum Synonym fuer die Aufloesung Israels geworden ist. Die Scharade wird offensichtlich immer weniger gebraucht. Signifikante Bevoelkerungsgruppen koennen ihren Antisemitismus anscheinend besser mit ihrem Selbstbild vereinbaren. Und dazwischen gibt Leute, die sich was auf ihren Mut und ihre Differenzierungsfaehigkeit einbilden, waehrend sie im Strom mitschwimmen.

Dieses Jahr werde ich zu Tischa B’Av definitiv fasten.

Unberichtete Nachrichten aus dem Libanon


Fathi Yakan, sunnitischer Kleriker im Libanon mit einem Herz fuer Al-Kaida, ist letzten Monat eines natuerlichen Todes gestorben.

Vorgestern, zum 40. Tag danach hielt Hassan Nasrallah eine Rede. (Komsich Sunniten und Schiiten koennen doch unmoeglich kooperieren?!) Darin prophezeit er, dass Israel demnaechst einen Krieg gegen den Libanon beginnen wuerde, um den Libanon samt seinen Wasserresourcen zu erobern und bei der Gelegenheit eine ethnische Saeuberung gegen arabischen Israelis durchzufuehren. Diese Prognose wiederholt sich. Wahrscheinlich sind die Akademiker, die 2002 davon sprachen, zutiefst davon ueberzeugt, dass nur ihre mutige Warnung das Schlimmste verhindern konnte. Gewiss gibt es auch viele Deutsche, die in diesem Paralleluniversum leben, wo nur der Sieg Hisbollahs 2006 eben diese Kriegsziele Israelis verhindert hat.

Menschen, deren Gehirn noch nicht gewaschen wurde, koennten einen andern Schluss ziehen. Wenn Nasrallah einen bevorstehenden Angriff Israels prophezeit, hat er womoeglich im Sinn, einen solchen anzuzetteln. Die Schlussfolgerung kann aber nur gezogen werden, wenn man von Nasrallahs Rede ueberhaupt Kenntnis hat. Deutsche Medien haben darueber aber nicht berichtet.

So ergibt eine vereinzelte, kleine Meldungen in der NZZ von gestern keinen weiteren Sinn und wird ueberlesen:

Zehn Terrorverdächtige in Libanon festgenommen
Ziele nahe israelischer Grenze und im Ausland im Visier

Umso mehr, als dies die einzige Meldung in deutscher Sprache zu sein scheint. Nur in der englischen Ausgabe von Al-Jazeera konnte ich eine weitere Nachricht zum Thema finden. Dort wird ein Zusammenhang zu “Fatah-al-Islam” hergestellt, die mit hoher Wahrscheinlichkeit eine syrische Hilfstruppe ist.

Hatz auf Siedlungen


Malte Lehming schreibt im Tagesspiegel:

Der Siedlungsbau ist völkerrechtlich illegal. Kein Jurist von Weltrang bestreitet das.

Ich bin sicher, dass er von der Wahrheit seiner Aussage ueberzeugt ist. Und das ist ein Jammer.

So lange ist 1997 naemlich noch nicht her. Damals erregte die US Aussenministerin Madeleine Albright den Unwillen u.a. von Radio Islam, weil sie trotz insistierendem Nachfragen nicht bereit war, die Siedlungen fuer illegal zu deklarieren. Nun kann natuerlich argumentiert werden, dass Albright selber keine Voelkerrechtlerin von Weltrang war, aber in ihrer Position standen ihr alle Koryphaeen als Berater zur Verfuegung. Und der Punkt war ihr weder gleichgueltig, noch hatte die Clintonregierung ein weiches Herz fuer die Siedlungen, bestand doch auch sie auf einem Siedlungsstopp.

Victor Kocher in der NZZ von gestern ist sich seinerseits sicher:

Die Landnahme ist der Kern des Nahostkonflikts

und die Redaktion, die ja fuer Titel und Untertitel verantwortlich zeichnet, unterschreibt:

Das Ringen zwischen den USA und Israel um einen Siedlungsstopp wirft ein Schlaglicht auf das zentrale Problem der Aneignung palaestinensischen Landes. Alle uebrigen Hindernisse im Friedensprozess wie Widerstandskampf und Terror lassen sich darauf zurueckfuehren.

Das mag man so sehen, nur entsprechen dann nicht Siedlungen in den Gebieten von 1967, sondern jede Existenz eines juedischen Gemeinwesens im ehemaligen Mandatsgebiet dem “zentralen Problem”. Terror, der hier zum Widerstandskampf verniedlicht werden soll, gab es naemlich nachweislich auch schon vor der Gruendung des Staates Israel. Die Pogrome von 1929 sollten eigentlich nicht ganz vergessen sein. Und seither ist weder der “Widerstandskampf” noch der Terror je eingestellt worden.

Bedenkenswert auch die nicht ausgefuehrte Definition, was “palaestinensisches Land” darstellt. Auf eine fruehere staatliche Entitaet kann man sich nicht beziehen, pal. Privatbesitz passt auch nicht, da Siedlungen nur sehr selten auf enteignetem Land gebaut wurden. Und im vorliegenden Fall handelt es sich nachweislich um juedischen Privatbesitz. Ob “palaestinensisches Land” einfach aller Grund ist, auf den Palaestinenser Anspruch erheben?

Victor Kocher und die NZZ Redaktion plaedieren verdeckt fuer die Aufloesung des Staates Israels als einziger Loesung des Nahostkonflikts.

Dass zwei nachweislich falsche Aussagen in zwei anspruchsvollen, deutschsprachigen Zeitungen mit derartiger Selbstverstaendlichkeit vorgetragen werden koennen, weist darauf hin, wie sehr die pal. Propaganda und die anti-israelische Stimmungsmache in Europa schon gekommen ist. Obama scheint doch geschickter zu sein, als ich dachte: Auf die Siedlungen wird eingedroschen, Israel als juedischer Staat ist gemeint. Alle Antizionisten fuehlen sich angesprochen und selbst Menschen, die Israel nicht abgeschafft haben wollen, koennen sich damit identifizieren.

Fuer eine realistischer Einschaetzung, was das zentrale Problem des arabisch-israelischen Konflikts darstellt, verweise ich auf meine Uebersetzung von Bernard Lewis.

Jordanien und die Palaestinenser


Jordanien arbeitet daran, moeglichst vielen Palaestinensern die jordanische Staatsbuergerschaft zu entziehen.

Dieser politikwissenschaftliche Aufsatz gibt einen guten Ueberblick ueber die verschiedenen Bevoelkerungsgruppen und Migranten nach oder von Jordanien.

Mit einer eklatanten Auslassung: Das Herrscherhaus und die Stammeselite, auf die es sich stuetzt, sind ebenfalls Zuwanderer aus dem Suedwesten der arabischen Halbinsel. Erst als die Staemme unter Ibn Saud ihnen die Herrschaft im spaeteren Saudiarabien abnahmen, verpflanzten die Briten die hashemitische Dynastie in ihr Einflussgebiet. Da wirkt es schon etwas verlogen, dass eine herrschende Elite, die aus 1200 km Entfernung eingefuehrt wurde, ur-jordanisch sein soll, waehrend Menschen, die aus ca. 70 km Entfernung zugewandert sind, eine Ueberfremdung darstellen.

Ich kann nicht ueberpruefen, ob diese Angaben hieb- und stichfest sind, sie scheinen aber plausibel:

Heute leben etwa 6 Millionen Menschen in Jordanien, 37 % der Bewohner sind noch keine 15 Jahre alt. Der Anteil der Nachkommen der Flüchtlinge aus den Kriegszeiten von 1948 und 1967 liegt bei ca. 70 %. Die ursprünglich schon palästinensische Bevölkerung macht inzwischen etwa 20 % aus. Etwa 10 % der Bevölkerung sind die Nachkommen der aus Saudi-Arabien eingewanderten haschemitischen Dynastie und ihrer Gefolgsleute.

Demnach waere der “Fremdkoerper” eindeutig nicht in der zugewanderten pal. Bevoelkerung zu sehen, sondern in der herrschenden Elite. Ebenso eindeutig ist, dass Jordanien unmoeglich alle zugewanderten Palaestinenser ausweisen kann. Zurueck bliebe ein entvoelkertes Land. Machbar ist allenfalls, den zugewanderten Palaestinensern die Buergerrechte zu beschneiden oder ganz abzunehmen, ohne dass sie das Land verlassen. Das Ergebnis waere dann eine Gesellschaft im Stil des alten Sparta, wo eine duenne Herrscherschicht die zahlenmaessig ueberlegenen Heloten ausbeuten.

Die westliche Welt hat sich anscheinend derart auf Israel eingeschossen, dass sie die Unterdrueckung der Palaestinenser in arabischen Staaten mit Schweigen quittiert.

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