Unversoehnliche Juden – mal wieder


In Deutschland wird anscheinend eine israelische Umfrage verbreitet. http://www.n-tv.de/politik/Israelis-verzeihen-Deutschen-nicht-article1977896.html

Für die Studie befragte das Geokartografia-Institut 500 erwachsene Israelis, die eine repräsentative Stichprobe der jüdischen Bevölkerung darstellen. Eine der Fragen lautete: “Ist es heute, 65 Jahre nach dem Holocaust, den das jüdische Volk in Europa erlebt hat, an der Zeit, dem deutschen Volk und Deutschland die Verbrechen der Shoah zu vergeben?” 23 Prozent der Befragten antworteten mit “Ja”, 70 Prozent mit “Nein” und die restlichen sieben Prozent konnten sich nicht entscheiden.

Das Institut wies auf die überraschende Tatsache hin, dass die Bereitschaft zur Vergebung größer war, je älter die Befragten waren. Zudem neigten säkulare Juden laut der Umfrage eher dazu, den Holocaust zu verzeihen, als religiöse.

Der Tenor der deutschen Berichterstattung geht dahin, dass Juden unversoehnlich sind – ob das an ihrem Rachegott liegt? – obwohl schon 65 Jahre vergangen sind! Selbst bei wohlwollenden Kommentatoren toent das durch.

Ich lese, dass uns 70 Prozent der Israelis nicht verziehen haben. Und ich frage mich: Wem haben sie nicht verziehen? Meinen Kindern? Was haben die getan?

Auf die naheliegende Frage, welche Instanz denn die zum groessten Teil ebenfalls nachgeborenen Israelis zum Verzeihen ermaechtigt, kommt Rainer Bonhorst leider nicht. Ebensowenig, wie die deutschen Kinder und Enkel fuer etwas verantwortlich gemacht werden koennen, was fruehere Generationen verbrochen haben, koennen israelische Kinder und Enkel etwas vergeben, was nicht ihnen angetan wurde.

Im Judentum wird betont, dass nur derjenige, dem Unrecht angetan wurde, dieses auch vergeben kann. Vor dem Versoehnungstag machen sich daher viele Juden die Muehe und bitten alle Menschen um Vergebung, denen sie im vorangegangenen Jahr vielleicht Unrecht getan hatten:

“Sünden des Menschen gegen Gott sühnt der Versöhnungstag, Sünden des Menschen gegen den Mitmenschen sühnt der Versöhnungstag nicht, ehe man dessen Vergebung erlangt hat” (Mischna Joma 8,9).

Vor diesem Hintergrund finde ich es sehr einleuchtend, dass Holocaustueberlebende verzeihen koennen; Israelis, die den Holocaust nicht erlebt haben, aber keine Vergebung austeilen koennen, weil das gar nicht in ihrer Macht steht.

Auch der Unterschied zwischen saekularen und religioesen Juden erklaert sich mE aus diesem Hintergrund; Religioesen Juden ist bewusster, dass es nicht in ihre Zustaendigkeit faellt, Unrecht zu verzeihen, das nicht ihnen angetan wurde.

Auch in den Leserkommentaren zum Bericht der Jerusalem Post thematisiert eine Mehrheit (8 von 14) die Ungenauigkeit der Fragestellung:

1. “Germany” is too ambiguous a term. If we are talking about Germany of then, then forgiveness is never an option. If we are speaking of Germany today, are these people- who weren’t even born yet, guilty? Not in the least. There is nothing to forgive because they are guilty of nothing. We need to relate to Germany of today as such. Yes, they must continue to make reparations to those who suffered at their hands, but beyond that, their actions NOW are what matter, and they cannot be held accountable for acts that they did not commit.

3. The living have no right to forgive. They should ask the victims!

4. do I forgive Nazis or those who helped them? NO and never Do i forgive all the rest? I dont need to, cause they havent done anything

5. It is not the place of non-survivors to forgive. It is not even the place of survivors to forgive the cruelties done to other survivors or to those who were murdered

6. Firstly, 500 people don’t make a representative sample. Secondly, how can one forgive something one did not personally experience?

7. To ask people born long after the war if they forgive people long since dead for the Holocaust seems strange. I can’t forgive Germany for what they did to my in-laws. Only survivors can forgive. Most of today’s Germans were not alive during the war. To hold them accountable is like the traditional Christian view that Jews for all time are guilty of deicide. On the other hand the Vilna equated Amalek with Germania!

9. Nothing is forgiveen or forgoten. However the present generation of Germans has nothing to do with their grandparents who committed those crimes. They are not held accountable and therefore have nothing to be forgiven for. I am a 75 year old holocaust survivor.

11. I was born in the Budapest ghetto during the Holocaust: as a small child I survived but my family was deported to Buchenwald. I agree with with #1.YBM that post war Germany did its utmost effort to rectify the horrors of Nazism, helping the survivors in the world and the State of Israel. They also succeeded to extinguish the old Antisemitism which is raging now in Britain. Today’s Germany is more of our friend than the Brits.

Zwei Kommentare stammen offensichtlich von Antisemiten:
12. vertritt die These, dass die Juden durch das Trauma des Holocausts psychisch deformiert wurden und dass sich die Konflikte im Nahen Osten darauf zurueckfuehren lassen und
14. ist ein Holocaustleugner

Nullsummenprinzip und Wasserfrage im Nahen Osten


Das Nullsummenprinzip beschreibt die Auffassung, dass ein bestimmtes Gut oder auch alle Gueter begrenzt sind. Bei ihrer Verteilung gibt es also immer Gewinner und Verlierer. Die Gewinne der einen entsprechen den Verlusten der anderen. Die daraus gebildete Summe ist Null, von daher der Name.

Spaetestens seit der Industrielle Revolution sollte die umfassende Version dieser Auffassung als Vorurteil zu den Akten gelegt worden sein, aber anscheinend ist sie tief in der menschlichen Psyche verankert.

Gerade auch die Wasserfrage im Nahen Osten wird beharrlich als Nullsummenspiel wahrgenommen. Israelis verbrauchen pro Kopf mehr Wasser als Palaestinenser. Fuer den Nullsummentheoretiker ist der Fall damit klar: Israel stiehlt den Palaestinensern Wasser. Genauere Betrachtungen eruebrigen sich. Der innovative Umgang Israel mit Wasser bleibt ausgeblendet.

Diesen Shabbat hatten wir Parashat “Toldoth” (entspricht Genesis 25.19 bis 28.9) Bei der Lesung heute in der Synagoge fiel mir auf einmal auf, wie sehr 26.12 bis 22 ein Pendant zur heutigen Situation ist.

Yitzchak und sein Haushalt gedeihen im Gebiet des Philisterkoenigs Avmelech. Die Phillister werden neidisch und schuetten die Wasserloecher zu, die noch zu Avrahams Zeiten von dessen Knechten gegraben wurden. Man beachte, die Psychologie der Nullsumme: Das Wasser, das Yitzchak nicht mehr zur Verfuegung steht, sehen die Phillister bereits als eigenen Gewinn. Dabei schuetten sie die Brunnen zu, so dass niemand mehr ihr Wasser geniesst. Avimelech schickt Yitzchak und die Seinen fort: Sie seien ihnen zu maechtig geworden. Im Hebraeischen klingt im “ki azamta mimenu meod” deutlich mit, dass Yitzchak auf Kosten der Phillister zugenommen habe. Yitchak weicht dem Konflikt aus. Anstatt die alten Wasserstellen wieder herzustellen, laesst er neue Brunnen graben und gibt auch die auf, sobald sie ihm streitig gemacht werden, bis er endlich einen Brunnen erhaelt, den ihm niemand streitig macht. Soviel Nachgiebigkeit verbunden mit soviel Erfolg veranlasst schliesslich auch die Phillister, einen Friedensvertrag mit Yitzchak abzuschliessen.

Auf die Parallele zur letzten Entwicklung warten wir noch…

Folgen

Erhalte jeden neuen Beitrag in deinen Posteingang.

Schließe dich 114 Followern an

%d Bloggern gefällt das: