SodaStream & Beduinen


Die Firma SodaStream war Anfang  des Jahres den Schlagzeilen:

Die angeblichen “Pro-Palaestinenser” zeigten dabei wieder einmal deutlich, dass sie in Wirklichkeit einfach Antisemiten sind. Von ihnen aus sollten Palaestinenser lieber arbeitslos darben als die gut bezahlten Jobs bei SodaStream anzunehmen.

SodaStream baut derzeit eine weitere Fabrik direkt neben der Beduinenstadt Rahat im noerdlichen Negev. Die dort entstehenden Arbeitsplaetze werden zu einem grossen Teil der beduinischen Bevoelkerung zugute kommen, vor allem auch den Frauen, bei denen die Arbeitslosigkeit besonders hoch ist. Deswegen wird diese Investition auch vom Staat Israel mit 25 Millionen NIS unterstuetzt.

Und wieder zeigen die Israelhasser, dass ihnen das Wohlergehen von Arabern keineswegs am Herzen liegt. ElectronicIntifada moechte auf keinen Fall, dass Beduinen (oder gar Beduinninnen!) eine Chance erhalten, ausserhalb der traditionellen Landwirtschaft zu arbeiten. Dass die rasant wachsende, beduinische Bevoelkerung mit dieser Landwirtschaft nicht zu ernaehren ist, interessiert in dieser Gemeinschaft niemanden. Wenn Israel fuer eine Modernisierung der beduinischen Lebensweise eintritt, dann kann das in den Augen von Israelhassern nur bedeuten, dass es sich dabei um etwas Boeses handelt. Das entspricht der antisemitischen Ueberzeugung von der boesartigen Natur des Juden. Das Insistieren darauf, dass die Beduinen weiterhin ihrer traditionellen Kultur entsprechend leben sollen, weist darauf hin, dass dieselben Personen auch Rassisten sind.

 

 

Hyperventilation – genauer betrachtet


Alle im UN -Sicherheitsrat vertretenen Staaten ausser den USA haben Israel wegen der Erteilung von Baugenehmigungen in umstrittenem Gebiet verurteilt, darunter auch Deutschland.

Die europaeische Erklaerung faselt  von ethnischer Saeuberung:

According to the European countries, “The reported planning in the E1 area would risk cutting off East Jerusalem from the rest of the West Bank and could also entail the forced transfer of civilian population.”

E1 ist bekanntlich ein kahler Huegel. Also machte ich mich auf die Suche, was mit “forced transfer of civilian population” gemeint sein koennte.

Anscheinend haben Journalisten eine Sippe Beduinen gefunden, die auf diesem Gebiet campen. Dabei handelt es sich nicht um irgendwelche Journalisten, sondern um das Team  der Webseite +972 Magazine, das  Israel als juedischen Staat ablehnt.

Obwohl dem Verfasser und dem +972 Magazin offensichtlich daran liegt, den antisemitischen Mythos vom Landraub zu bestaetigen, zeigen die Photos zum Artikel, dass es sich nicht um eine dauerhafte Siedlung handelt.

Das ist eine Beduinensippe, die noch immer als Nomaden lebt. Im Jahr 2010 wohnten laut Wikipedia 100 Beduinen in Khan Al-Ahmar.

Im Sueden Israels gibt es genuegend halbnomadische und sesshafte Beduinensippen:

So sieht die illegale Siedlung einer halbnomadischen Sippe in der Naehe von Dimona aus:

Und so sieht es aus, wenn Beduinen in einer legalen Siedlung sesshaft sind:

Der Unterschied ist mit blossem Auge erkennbar, nicht wahr?

Was die Ansprueche der Beduinen auf Landbesitz angeht und wie der Staat Israel damit umgeht, habe ich in einer mehrteiligen Serie beschrieben.

Haette die Jahali-Sippe in E1 irgendwelche Besitzurkunden wie in der Photounterschrift in der New York Times behauptet, so wuerde der Staat Israel den vollen Wert entschaedigen.

Ein aktuelles Beispiel findet sich in H’aretz. Der Tarabinstamm konnte mit Sicherheit keinen Nachweis bringen, dass das Land um Omer ihm gehoerte, er nahm Gewohnheitsrecht in Anspruch. Trotzdem erhielt jede Familie 180,000 NIS Entschaedigung und 1000 Quadratmeter Land an einem anderen Ort.  An dieser Stelle moechte ich daran erinnern, dass die hohen Wohnungpreise die sozialen Proteste im Sommer 2011 ausloesten. Juedische Familien wuerden sich die Finger lecken, so grosszuegig Baugrund und eine Startsumme fuer’s Bauen zu bekommen.

Die WELT hat die anti-israelische Proganda samt Haken geschluckt. Auf einmal werden aus einer Sippe mit ca. 100 Mitgliedern  2010, eine Bevoelkerung von 2500 Menschen, die angeblich seit Jahrzehnten dort leben! Mich hat die Recherche zu diesem Blogeintrag etwa eine Stunde gekostet, wobei ich zugegebenerweise den Vorteil habe, dass ich mich mit der Problematik um die Beduinen schon vorher befasst hatte. Aber haette Philip Kuhn nicht auch ein bisschen mehr Zeit und Sorgfalt investieren koennen?

Wegen derartiger Propaganda von interessierten Parteien und derartiger Schlampigkeit (bzw. willentlicher Blindheit), mit der sie geschluckt wird, warnt nun die EU vor ethnischen Saeuberungen.

Kleiner Nachtrag oder Beduinen V


Wie das so ist mit guten Vorsaetzen: Sie sind dazu da, um gebrochen zu werden.
After 15 years of waiting, first Bedouin town approved

(…)

The establishment of the community will call for the evacuation and compensation of Bedouins currently living in unrecognized communities.

Interior Ministry Chief Arie Bar told Ynet that completing the evacuation-compensation process was crucial to the establishment of the community. “Bedouin representatives from the region took part in the planning stages and have voiced their support for the plan and intention to cooperate with it,” said Bar.

(…)

MK Talab El-Sana (United Arab List – Ta’al) said he welcomed the council’s decision. “I hope that in the planning of this community they take into account its uniqueness, its nature and the demand for employment,” he said.

“What transpired here today teaches us that a political struggle can bear fruit when it is backed by the public. A public campaign that has no agenda or leadership to guide it is hopeless – and a political struggle that lacks public backing shares the same fate,” he added.

(…)

Ich freue mich ueber dieses Zeichen, dass eine Kompromissloesung fuer die Beduinen im Negev gefunden werden kann. Nach Angaben des Ministers unterstuetzt die traditionelle Fuehrung dieser beiden Beduinenstaemme den Kompromiss.

El Sana, der selber Beduine ist, sollte sich an seine Erkenntnis halten, dass politische Ziele in demokratischen Staaten ueber oeffentliche Unterstuetzung erreicht werden. Es waere daher an der Zeit, dass er aufhoert, sich mit den Palaestinenser zu identifizieren, Juden mit Nazis zu vergleichen etc.

P.S. Ich glaube, ich habe ihn missverstanden. El Sana meint wahrscheinlich, dass internationaler Druck auf Israel und nicht die oeffentliche Meinung in Israel die Politik bewegen. Was die gegenwaertige Regierung angeht, duerfte er Recht haben.

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Beduinen IV


Heute moechte ich diese Serie abschliessen.

Wir haben gesehen, dass selbst ernannte Sprecher fuer die Beduinen wie Abu-Ras und Abu-Saad versuchen, die realen Interessensgegensaetze und Probleme zwischen den Beduinen im Negev und dem Staat Israel an den pal.-isr. Konflikt anzukoppeln.

Ich glaube nicht, dass das fuer die Beduinen eine gute Strategie ist.

Die Beduinen sind keine “Ureinwohner”, sie sind es sogar noch weniger als die Palaestinenser. Die Interessen der Palaestinenser und der Beduinen waren sich jahrzehntelang diametral entgegengesetzt und konvergieren auch heute kaum.

Die Beduinen in Israel stammen zum groessten Teil aus dem Hejaz im heutigen Saudi-Arabien. Ihre Verdraengung von dort duerfte vor allem auf den Machtkampf zwischen Hussein von Mekka und Ibn Saud, dem Gruender des heutigen Saudi-Arabiens, zurueckgehen. Die Briten hatten im Machtkampf zwischen den beiden Dynastien auf das falsche Pferd gesetzt. Als Ibn Saud sich durchsetzte, fuehlten sie sich verpflichtet, der unterlegenen Dynastie in ihrem Einflussbereich ein Rueckzugsgebiet zu sichern. So setzten sie zunaechst Feisal (einen Sohn von Hussein) als Herrscher im Irak ein und dann Abdallah (einen anderen Sohn) als Koenig von Jordanien. Waehrend die Hashemitenherrschaft im Irak schnell gestuertzt wurde (die Franzosen, die dort mit den Briten um Einfluss konkurrierten, fuehlten sich der Familie nicht verpflichtet, warum sollten sie?), sitzt inzwischen mit Koenig Abdallah die vierte Generation auf dem Thron in Jordanien. Mit der Herrscherfamilie kamen natuerlich die Staemme, auf die sie ihre Herrschaft gegruendet hatten. Die jordanische Armee besteht noch heute ueberwiegend aus Beduinen und alle Schluesselpositionen der Macht in Jordanien sind mit Beduinen besetzt. Auf diese Weise kann sich die herrschende Elite gegenueber einer Bevoelkerungsmehrheit von Palaestinensern behaupten.

Wir sehen, dass in Jordanien immer noch ein klarer Gegensatz zwischen Beduinen und Palaestinensern besteht, obwohl die beiden Bevoelkerungsgruppen sich zunehmend miteinander vermischen. Als wir auf Hochzeitsreise in Petra waren, vertraute uns unser beduinischer Fuehrer an, dass er Palaestinenser hasse, aber mit einer Palaestinenserin verheiratet sei. Auch die derzeitige jordanische Koenigin z.B. ist Palaestinenserin.

Vor der israelischen Staatsgruendung war der Gegensatz zwischen Arabern und Beduinen auch hier sehr spuerbar. Ansaessige arabische Bauern litten nicht weniger als juedische Siedler unter den Raubzuegen der Beduinen. Noch in einer Studie von 1945 war fuer den Verfasser ganz selbstverstaendlich, dass arabischen Buerger und nomadische Beduinen unmoeglich in einer Kategorie zusammengefasst werden koennen.

Der Ansatz, die “Sache der Palaestinenser” mit den Anliegen der Beduinen zu verschmelzen, beruht mE vor allem darauf, dass die “Sache der Palaestinenser” als links-fortschrittlich empfunden wird und dass durch die Sympathie der Weltoeffentlichkeit fuer die Palaestinenser der Eindruck entsteht, sie seien erfolgreich in der Verfolgung ihrer Ziele. Diese selbst ernannten Sprecher gehoeren zur akademischen Elite in Israel. In diesen Kreisen ist marxistisches Gedankengut, vor allem auch die Tendenz durch die anti-imperialistische Brille zu sehen, immer noch weit verbreitet. Ben Gurion Univerisity hat ein geruettelt Mass an solchen Professoren. Ich wuerde daher vermuten, dass die politischen Ansichten von Abu-Ras und Abu-Saad nicht zuletzt aus diesem Zusammenhang stammen. Durch politischen Aktivismus uebernehmen sie mehr und mehr die Rolle als politische Fuehrung der Beduinen. Das duerfte in Konkurrenz zur traditionellen Elite sein, obwohl ich vermute, dass die Professoren der traditionellen Fuehrungsschicht entstammen und so auch ueber ihre Sippenzugehoerigkeit ueber Autoritaet verfuegen. Auch wenn die Professoren vorgeblich eine “eingeborene” Kultur vor zerstoererischen, westlichem Einfluss schuetzen wollen, sind sie selber schon zu einem grossen Teil ein Produkt eben dieser westlichen Gesellschaft.

Im Gegensatz zu dem mE regressiven Ansatz von Abu-Ras und Abu-Saad steht der Ansatz, die beduinische Gesellschaft zu modernisieren. Dabei wird vor allem eine Verbesserung der Stellung der Frau zentral gesehen und der Weg dazu fuehrt ueber Schulbildung und Ausbildung.

Dabei duerfen wir uns nichts vormachen: So oder so befindet sich die beduinische Gesellschaft im Umbruch. Die romantischen Vorstellungen der “freien Wuestensoehne” (Laurence of Arabia) gehoeren der Vergangenheit an, waren immer schon mythisch ueberhoeht, und selbst der Mythos sprach nie von freien Toechtern!

Die Beduinen in Israel stehen vor der Wahl, sich entweder dem letztendlich selbstzerstoererischen Kollektiv der Palaestinenser anzuschliessen oder sich in die moderne israelische Gesellschaft zu integrieren (mehr oder weniger, wie wir wissen, gibt es in dieser Gesellschaft sehr viele Subgesellschaften mit ihren eigenen Nischen, Beduinen koennen sich wie Haredim in einer Nische einrichten). Choose life!

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Beduinen in Israel III


Hier habe ich noch einen Artikel aus der Feder eines beduinischen Professors an der Ben Gurion Universitaet in Beer Sheva gefunden. Dr. Ismail Abu-Saad konzentriert sich in seinem Artikel The Palestinian Bedouin Arabs in Israel: Historical Experience and Development Needs for the Future mehr auf die soziale Lage der beduinischen Bevoelkerung.

Der Titel signalisiert uebrigens, dass Abu-Saad wie Abu-Ras Interessenskonflikte zwichen dem isr. Staat und Beduinen in das Muster des pal.-isr. Konflikts pressen moechte.

Die Lage wird so beschrieben:

The family earned income of Bedouin in the towns is about half that of the average family in Beer Sheva, and generally less than half of the national average. Since the average household size in the Bedouin towns is roughly double that of the national average, and the family salary per person (per capita earned income) falls to under 25% of that of Beer Sheva and about 20% of the Israeli average.

Der Vergleich mit der Durchschnittsfamilie in Beer Sheva hinkt an mehreren Fuessen und Abu-Saad geht im folgenden teilweise auch darauf ein. Der typischen Familie in Beer Sheva stehen zwei Einkommen zur Verfuegung, da auch die Frauen arbeiten, obwohl sie in der Regel weniger Geld nach Hause bringen, dazu hat die durchschnittliche Familie in Beer Sheva weniger Kinder als die typische Beduinenfamilie (wo es auch mehr als eine Ehefrau geben kann).

Ein sehr viel passenderer Vergleich waeren die ultraorthodoxen juedischen Familien, die zu einem grossen Teil ebenfalls von nur einem Einkommen leben (dort sind ueberwiegend die Maenner nicht oder nur eingeschraenkt erwerbstaetig) und viele Kinder haben:

Moderate estimates place Israel’s current Haredi population at around 650,000, with more than 50% living below the poverty line. With a high fertility rate (some experts place it as high as 7.6 children per family), Haredim will continue to comprise an increasingly large percentage of the total Israeli population. This, combined with a 60% unemployment rate, means that addressing the Haredi community’s economic crisis is becoming more urgent with each passing year.

Ein Unterschied zu den Beduinen liegt darin, dass die Haredim in der Regel zwar keine saekulare Schulbildung oder Ausbildung haben, aber durch ihre religioesen Studien intellektuell sehr entwickelt sind. Sie koennen durch Fortbildung und spezielle Arbeitsbedingungen (Geschlechtertrennung) wesentlich leichter in den Erwerbsprozess integriert werden.

Wie ich hier schon einmal erwaehnt hatte, ist die beduinische Bevoelkerung in Israel das Schlusslicht bei der Bildung. Ich kann es nicht beweisen, gehe aber davon aus, dass das damit zu tun hat, dass diese Gesellschaft am konservativsten patriarchalisch organisiert ist. Hier hatte ich gestreift, dass gerade in Beer Sheva besondere Foerderung fuer Beduinen existiert. (Dass wir nun schon zwei beduinischen Professoren an der BGU begegnet sind, ist kein Zufall.)

The Bedouin do receive some compensation for these gaps in the form of greater benefits from transfer payments from the government. Child allowances for larger families are larger, but many Bedouin families do not receive them. In Israel as a whole, 98% of children receive child support allowances, but in the Bedouin towns, the proportion ranges from 49 to 92% (Lithwick, 2000). Unemployment benefits should also be higher, but again, their payments are lower than for non-Bedouin.

Das Kindergeld wird nicht nach ethnischer Zugehoerigkeit bezahlt. Bedingung ist, dass 1) das Kind beim Innenministerium registriert wurde und 2), dass die Mutter ein eigenes Bankkonto hat. Der Staat besteht darauf, Kindergeld nur an die Mutter zu ueberweisen. Der niedrigere Anteil von Beduinenkindern, fuer die Kindergeld bezahlt wird, bedeutet daher, dass manche Familienoberhaeupter lieber kein Konto auf den Namen der Frau einrichten, auch wenn sie dadurch auf das Kindergeld verzichten muessen. (Patriarchalische Geselschaft). Aehnlich bei der Arbeitslosenhilfe. Um sie zu bekommen, muss sich der oder die Arbeitslose regelmaessig beim Arbeitsamt melden, einmal in der Woche, wenn ich mich Recht erinnere. Dabei muessen lange Wartezeiten in Kauf genommen werden (wie bei jeder isr. Behoerde). Wer sich das sparen will oder wer seine Frau nicht so lange in der Oeffentlichkeit sehen will, der muss halt auf die Arbeitslosenhilfe verzichten.

Ich sehe im Ansatz von Abu-Saad einen gewissen Widerspruch. Einerseits moechten Beduinen den traditionellen Lebensstil weiter pflegen, andererseits wuenschen sie sich den Lebensstandard von Buergern einer Industrienation. Diesen Spagat koennen nur die arabischen Buerger von oelreichen Staaten schaffen…

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Beduinen IV

Beduinen in Israel II


Heute betrachten wir die Lage der Beduinen im Negev mal durch die Brille von Adalah. Mit Land Disputes in Israel: The Case of the Bedouin of the Naqab hat Dr. Thabet Abu-Ras fuer Adalah eine Analyse der Situation der Beduinen im Negev vorgelegt, die in der Ausrichtung nicht viel anders ist als die von HRW, aber den Vorteil hat, dass sie praezise und konkret geschrieben wurde und nicht im emotionalen Stil, wie er leider fuer viele Menschenrechtsorganisationen typisch ist.

Gestern hatte ich geschrieben:

Stattdessen suggeriert der Bericht, dass israelisches Staatland mit juedischem Landbesitz gleichzusetzen waere. Das ist demogogischer Unsinn. Die Beduinen sind genauso Staatsbuerger wie juedische Israelis.

Bei Abu-Ras finden wir genau diese Aussage:

As long as the discourse of Israeli citizenship runs parallel to the boundaries of Jewish nationalism – and not to the country’s geo-political boundaries – we will continue to speak about state land as the
land of the Jewish people and perpetuate the existing image of the country’s Arab citizens as land-grabbers, in particular with regard to the Bedouin inhabitants of the Naqab.

Ein nur angedeuteter “Diskurs” (es geht wohl um Israel als juedischen Staat, wie ihn auch die PA nicht anerkennen will) genuegt Abu-Ras als Begruendung, warum Staatsland mit Land in juedischem Besitz gleichgestellt werden kann. Dazu wird auch gleich gedroht: Wenn Israel nicht bereit ist, auf den juedischen Charakter zu verzichten, dann werden Abu-Ras und Adalah weiterhin alles tun, um die Auffassung von Israel als Landraeuber in der Weltoeffentlichkeit zu verewigen.

Meine Rechenkuenste von gestern werden ebenfalls bestaetigt.

(…) over 93% of the land is state-owned. There is no free real estate market in Israel. Arab citizens of Israel, who represent 19% of the country’s population, hold only 3.5% of the land

Wieder sehen wir, dass die arabische Minderheit in Israel in Sachen Landbesitz positiv diskrimiert wird. Ein Fuenftel der Bevoelkerung besitzt die Haelfte des nicht-staatlichen Grundes.

Land has always been the most important resource in the lives of Bedouin. Those who held large tracts of land held a high social status; those with no land remained at the bottom rungs of Bedouin society in the Naqab. Most of the land in the Naqab was held by Bedouins who had inherited it, with no written record of any sort.

Das scheint mir geklittert. Land wurde nicht im engeren Sinn besessen (von sitzen, wie in sesshaft), sondern genutzt und zwar vor allem als Weideland. Die Groesse der Herden vermittelte den sozialen Status, das dazugehoerige Weideland duerfte ein untergeordneter Faktor gewesen sein.

Wie Abu-Ras festhaelt, wirkte das Einfrieren der Landansprueche 1974 zu Gunsten der Beduinen:

Over the past 20 years, the Bedouin have ceased their attempts to register their land. The clear result is a fait accompli with regard to the disputed territory: the Bedouin continue to cultivate the land and build light structures on it such as huts or sheds.

Vor diesem Hintergrund ist nachvollziehbar, warum die beduinische Bevoelkerung den Kompromissvorschlag von 1975 immer noch ueberwiegend ablehnt. Danach wuerden 20% der Ansprueche als Landbesitz anerkannt und fuer die restlichen 80% wuerde finanzielle Entschaedigung geleistet. (An dieser Stelle moechte ich daran erinnern, dass wir uns im Nahen Osten befinden, wo jedes Feilschen mit unerhoert hohen Forderungen beginnt. Bis zum Beweis des Gegenteils gehe ich davon aus, dass das Gros der Landansprueche an den Haaren herbeigezogen wurde, um einen ordentlichen Einstieg zum Feilschen zu haben. 20% sind moeglicherweise nicht weit von den tatsaechlichen Verhaeltnissen entfernt.)

Bei der wilden Besiedelung der umstrittenen Gebiete werden keineswegs nur “leichte Strukturen” gebaut. Die Bilder in dieser Veroeffentlichung (die ich als staatliche Gegenpropaganda zu Adalah einordnen wuerde) geben einen Eindruck, den ich aus eigenem Augenschein bestaetigen kann. An den Strassen entlang stehen vor allem Wellblech- und Bretterhuetten. Etwas weiter von der Strasse entfernt, stehen dann die Villen. Der isr. Staat kontrolliert im Negev a priori nur die Strassen und das Gebiet, das problemlos mit dem Auto erreicht werden kann. Der Rest ist Beduinenland.

The current government, led until recently by Ariel Sharon, and now by Ehud Olmert, has planned dozens of new settlements and isolated individual farms in the Naqab. These farms are not being created out of an essential need to strengthen outlying areas: 13,000 apartments in the Naqab currently stand empty, and several existing towns and villages are on the verge of collapse.

Hier fehlt der Kontext. Wie Abu-Ras mit Sicherheit weiss, aber lieber nicht erwaehnt, war nach dem Gazastreifen ein einseitiger Rueckzug auch aus dem Westjordanland geplant. (Das war das Wahlprogramm auf dessen Grundlage Olmert gewaehlt wurde!) Viele der aus dem Gazastreifen evakuierten Familien haben immer noch keine dauerhafte Bleibe, dabei waren das nur ca. 7000 Menschen. Im Westjordanland leben aber weitaus mehr Israelis. Bei einer etwaigen Raeumung muessen sie irgendwohin und der Negev ist eigentlich die einzige groessere Landreserve des Staates.

Schauen wir uns mal Dr. Abu-Ras’ Empfehlungen an die Regierung an:

Recommendations to the Government of Israel
1. Relate to the issue of land in the Naqab and the unrecognized Arab Bedouin villages as a national problem. As such, special laws must be enacted to settle the matter and special resources must be allocated to that end.
2. Determine a solution to the issue based on ethical, not legal, grounds.
3. Do not impose a solution. Mediation between the two sides – the Bedouin and the state – may be the best strategy if the mediators are an independent international body with expertise in the area of land and indigenous populations.
4. Allow Bedouin claimants holding 240,000 dunams (less than 2% of the total area Naqab) and over and living on their land to register the land in their name. Allow all other claimants to lease the land in question for a period of 49 years.
5. Pay compensation for land expropriated for public purposes or land with legal owners according to its full value, to be determined by an independent assessor.
6. Offer a number of settlement options to Bedouin citizens, not only urbanization. For example, the model of the agriculture village, the Jewish moshav, is quite popular among the Bedouin.
7. Separate the question of land ownership from the granting of services and recognition of unrecognized villages.
8. Recognize all of the unrecognized villages under the jurisdiction of one or two regional councils.

Aus dem 2. Punkt wird klar, dass Abu-Ras genau weiss, dass seine Forderungen keine legale Grundlage haben. “Ethik” ist eine sehr schwammige Grundlage fuer Konfliktloesungen. Gerade im arabischen Sprachgebrauch bedeutet “gerecht” (s. auch den Namen der Organisation) in der Regel, dass die eigenen Forderungen absolut gesehen werden und keine Kompromisse moeglich sind.

Der 3. Punkt moechte auch die Streitpunkte zwischen den Beduinen und dem Staat internationalisieren, nach dem Vorbild des pal.-isr. Konflikts.

Punkt 4 bevorzugt eindeutig Grossgrundbesitz, damit wuerde die derzeitige Elite der Beduinen auf ein dauerhaftes Fundament gestellt. Ich koennte mir gut vorstellen, das Abu-Ras selber zu dieser Schicht gehoert und/oder sich als ihr Interessenvertreter empfindet.

Kein Einwand zu Punkt 5 und 6.

Zu 7: In Israel sind die Kommunen fuer die Infrastruktur und die dazugehoerigen Dienste, wie Wasser, Abwasser zustaendig. Fuer ihre Ausgaben erheben die Kommunen auch Steuern, die auf der Grundlage der Quadratmeterzahl berechnet werden, die sog. Arnona. In allen arabischen Kommunen wird kaum Arnona bezahlt, so dass die Kommune kein Geld hat, das sie in Buergersteige, Kanalisation etc. investieren koennte. Ich gehe davon aus, dass die Lage in den nicht anerkannten Doerfern noch schlechter ist.

Mit Punkt 8 muesste ich mich naeher beschaeftigen, aber eine Blankoanerkennung von “allen” Doerfern (definiere Dorf?) waere sicher der falsche Ansatz, siehe meine Bemerkungen zum Feilschen oben.

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Beduinen IV

Beduinen in Israel


Human Rights Watch hat einen neuen Report herausgebracht, in dem – welche Ueberraschung – Israel angeklagt wird. Israel: End Systematic Bias Against Bedouin

In der Zusammenfassung fuer die Presse stosse ich auf ein paar schraege Aussagen.

Today, the Bedouin community comprises 25 percent of the population of the northern Negev, but controls less than 2 percent of the land there.

Die anderen 75% der Bevoelkerung in der noerdlichen Negev sind demnach Juden (oder Menschen, die nach dem Rueckkehrgesetz Israelis wurden, ohne nach der Halacha juedisch zu sein). Wenn 25% der Bevoelkerung knapp 2% des Landes besitzen, dann muessten die restlichen 75% mehr als 6% des Landes besitzen, damit von Diskriminierung die Rede sein kann. Ich gehe davon aus, dass es weit weniger ist.

Der springende Punkt ist, dass es in Israel nur sehr wenig privaten Landbesitz gibt, wie HRW selbst festhaelt, sind 93% allen Landes im Besitz des Staates. Die Briten und dann der israelische Staat haben im Grunde die osmanischen Verhaeltnisse uebernommen. 70% des gesamten Landes sind seit dem Osmanischen Reich Staatsbesitz, nur der Staat ist ein anderer. Weitere 12% des Landes wurden von dem Jewish National Fund noch vor der Staatsgruendung kaeuflich erworben. Etwa 11% waren das Eigentum der 1947/48 geflohenen, arabischen Bevoelkerung und wurden 1950 ebenfalls dem Staat zugeschlagen.

Nur 7% des Landes sind ueberhaupt in nicht-staatlichem Besitz, davon ist ein Teil Eigentum von verschiedenen Kirchen. Israel hat ohne die besetzten Gebiete laut CIA FActbook insgesamt 20.770 km2. Die Ausdehnung der Negev wird zwischen 12.200 und 13.310 km2 angegeben. Wenn ich den Mittelwert bilde, dann sind das immer noch 61% des gesamten Gebietes. Wie genau der noerdliche Negev definiert ist, kann ich nicht finden. Vermutlich gibt es keine solche Definition. Ich teile einfach mal die gesamte Flaeche durch 3 – Norden, Mitte, Sueden – von westlicher und oestlicher Negev ist selten die Rede und bei der klaren vertikalen Ausrichtung macht das auch wenig Sinn. Dann haetten wir noerdliche Negev = 20% des gesamten Landes (ohne besetzte Gebiete). Und jetzt nehmen wir die genannten 7% von privatem Landbesitz, teilen sie durch 5 und kommen damit auf 1.4%. Mit knapp 2% an Landbesitz in der noerdlichen Negev haben die Beduinen das Soll schon uebererfuellt, fuer die restliche Bevoelkerung bleibt nichts uebrig… Dazu sollte auch notiert werden, dass die beduinische Bevoelkerung ein sehr viel hoeheres Wachstum aufweist als die restliche Bevoelkerung. Sie verdoppelt sich etwa alle 15 Jahre. Es liegt auf der Hand, dass sich Landbesitz nicht im selben Tempo vermehren kann. Wenn heute 25% der Bevoelkerung im noerdlichen Negev 2% des Landes kontrollieren, dann bedeutet das, dass vor 15 Jahren ca. 15% der Bevoelkerung 2% des Landes kontrolliert haben und der Rest so gut wie nichts und vor 30 Jahren haben ca. 9% der Bevoelkerung 2% des Landes kontrolliert und die restliche Bevoelkerung so gut wie nichts. (Mitte der 70er Jahre wurde den Beduinen – und nur ihnen! – die Moeglichkeit geboten, Besitzansprueche an Land registrieren zu lassen.)

Natuerlich meint HRW das nicht so. Stattdessen suggeriert der Bericht, dass israelisches Staatland mit juedischem Landbesitz gleichzusetzen waere. Das ist demogogischer Unsinn. Die Beduinen sind genauso Staatsbuerger wie juedische Israelis. Insofern haben sie genauso viel oder genauso wenig Anteil am staateigenen Land wie jeder andere Israeli.

Im Gegenteil wurden fuer sie ein paar Sonderwuerste gebraten. Land fuer landwirtschaftlich Zwecke wird fuer wesentlich niedrigere Gebuehren an sie verpachtet als an nicht-Beduinen. Vor ein paar Jahren hat ein juedischer Farmer im Raum Beer Sheva hat dagegen geklagt, weil er dieselben Bedingungen erhalten wollte. Das Gericht hat ihn aber abschlaegig beschieden.

wird fortgesetzt Beduinen in Israel II, Beduinen III, Beduinen IV

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