Ruth Guthmann


Ich bin die aelteste Tochter meiner Eltern. Vor 13 Jahren bin ich nach Israel ausgewandert. In Israel habe ich von Anfang an im internationalen Vertrieb gearbeitet und machte daher regelmaessig Geschaeftsreisen, bei denen ich immer wieder auch meine Eltern besuchen konnte. Seit ich Kinder habe, fahre ich regelmaessig im Sommer mit den Maedchen zu meinen Eltern, um der Beziehung zwischen Grosseltern und Enkelinnen ein halbwegs festes Fundament zu bieten.

Von meinem Vater wurde ich zur Leserin erzogen. Er hatte so seine Methode, Buecher herumliegen zu lassen, wenn er wollte, dass ich sie las. Es hat fast immer funktioniert. Von jeder Reise nach Europa bringe ich Buecher mit nach Hause und wenn ich zu meinen Eltern fahre, plane ich von vornherein den noetigen Stauraum fuer und das Gewicht von Buechern ein.

Es war also nichts Besonderes, als mir mein Vater am Tag vor der Abreise im vergangenen Sommer wieder einige Stapel Buecher anbot. Ich konnte nicht alle mitnehmen und besprach mit ihm, was ich bis auf weiteres zuruecklassen wuerde. Das Baendchen „Keiner blieb verschont. Die Judenverfolgung 1933-1945 in Worms“ von Annelore und Karl Schloesser war zu schmal, als dass ich es aus Platzgruenden aussortiert haette.

Wieder zuhause, gab es einiges auszupacken, Waesche zu waschen, den Schreibtisch im Buero freizuschaufeln, das neue Schuljahr vorzubereiten – die Kleine als Erstklaesslerin! – daher dauerte es einige Zeit, bis ich die Buecher, die ich mitgebracht und in die Regale eingestellt hatte, auch oeffnete.

Eines Abends nahm ich mir das genannte Baendchen und ein themenverwandtes Buch „Warmeisia“ ins Schlafzimmer (ich lese naemlich am liebsten auf oder im Bett). Als ich sie nicht gerade behutsam auf Bett plumpsen liess, fiel ein A5 Umschlag heraus, an meinen Vater adressiert. Der Umschlag war schon geoeffnet, der Absender war mein Onkel in Worms. Ich zog ein paar Papiere heraus und eine schwarz-weiss Photographie. Man sieht darauf ein laechelndes kleines Maedchen mit einem grossen Hund an der Leine vor einer Steinmauer. Mein Mann kam in diesem Augenblick ins Zimmer und fragte: „Wer ist denn das?“ Ich hatte die Papiere noch nicht angeschaut und antwortete ihm trotzdem auf Verdacht: „Das ist die Ruth, nach der ich benannt wurde.“

Ich hatte mich immer ein bisschen gefragt, warum ich den Namen Ruth trage. Meine Mutter haette mich lieber Bettina genannt, aber mein Vater hatte auf Ruth bestanden. Durch verschiedene Andeutungen wusste ich, dass es in dem Vorort von Worms, aus dem mein Vater stammt, eine Familie Gutmann gab, die in der Shoah umgekommen ist.

Ruth Guthmann wurde am 10.01.1931 in Worms geboren (und war damit gute 3 Jahre juenger als mein Vater, der gegen Jahresende 1927 zur Welt kam). Am 19.03.1942 wurde sie zusammen mit ihrem Bruder (der ziemlich genau ein Jahr aelter war als mein Vater), ihrer Mutter (ihr Vater war schon 3 Jahre zuvor in Buchenwald ermordet worden) und weiteren 78 Juden aus Worms nach Mainz verschickt und von dort ging der endgueltige Transport mit ca. 1000 Menschen nach Osten ab. Schloesser (s.o.) gibt an, dass dieser Transport mit hoher Wahrscheinlichkeit nach Pialski fuehrte. Alle 81 Wormser verschwanden spurlos. Die naechstgelegenen Vernichtungslager waren Belzec und Maidanec.

Die beiliegende kurze Korrespondenz zwischen meinem Onkel und meinem Vater datiert vom Januar/Februar 2003. Mein Onkel schreibt nur kurz „da ich annehme, dass Dir diese Aufnahme einiges bedeutet, habe ich eine Foto-Reproduktion fuer Dich anfertigen lassen. Es ist Ruth Gutmann etwa 1935.“ Mein Vater antwortet: „Du hast recht mit der Annahme, dass mir das Foto einiges bedeutet. Ich weiss nur nicht, wie ich „einiges“ definieren soll. Uebrigens haette ich das Maedchen mit dem Hund ohne weiteres erkannt, nur den Vornamen habe ich nicht mehr gewusst. Eine Erinnerung, die in mir haftet: Sie sitzt mit ihrem Bruder allein im Eisenbahnabteil, mit grossen Angstaugen, den gelben Stern am Kleid.“

Ich glaube keine Sekunde lang, dass mein Vater den Vornamen wirklich vergessen hatte, da er ihn ja mir, seiner erstgeborenen Tochter, gegeben hatte. Ich bin auch nicht sicher, ob er sich wirklich an die Geschwister (allein!) in einem Eisenbahnabteil erinnert, da koennte sich das Wissen um den Transport mit einer anderen Erinnerung vermengt haben.

Ich verstehe nicht, warum mir dieses Bild und dieses Wissen im Sommer 2006 uebergeben wurde und nicht vorher oder auch erst spaeter, spaetestens mit dem Nachlass? Es ist ein merkwuerdiges Gefuehl, auf einmal ein Bild des Maedchens zu sehen, das ich zwar irgendwo im Hintergrund vermutet hatte, von dem ich aber nichts wusste. Bei jeder kritischen Entscheidung in meinem Leben kann ich sicher sagen, dass ich sie selber getroffen habe und meine eigenen Gruende hatte. Trotzdem kann man auch ein Muster erkennen, das fast so wirkt, als habe ich nach einem Programm gehandelt, das jemand anders fuer mich geschrieben hat.

שיהיה זיכרונה לברכה

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