Rechtsstaat, Mehrheitsentscheidung und Minderheitenschutz im Talmud


Fuer alle, die mich (noch) nicht kennen, sei vorausgeschickt:

Um meine Talmudkenntnisse ist es duerftig bestellt. Seit Herbst besuche ich einen „Shiur“ (Kurs), der mir wunderbar passt, fast keine Voraussetzungen, hohes Diskussionsniveau und grosse Offenheit. Gestern abend fand wieder ein Treffen statt. Ich schildere im Folgenden meine eigenen Gedanken und Spekulationen. Eine irgendwie verbindliche Exegese ist das mit Sicherheit nicht.

Gestern lasen wir im Babylonischen Talmud Baba Mezia 59.b – ich konnte nur den ersten Teil im auf Deutsch im Internet finden:

Dort haben wir gelernt: Hat man ihn in einzelne Ringe geschnitten und Sand zwischen die Ringe getan, so ist er nach R. Elieser nicht verunreinigungsfähig und nach den Weisen verunreinigungsfähig; das ist der Schlangenofen. – Weshalb [heißt er] Schlangenofen? R. Jehuda erwiderte im Namen Schemuels: Weil man ihn mit Worten gleich einer Schlange umringt hat. Schließlich erklärten sie ihn als verunreinigungsfähig. Es wird gelehrt: An jenem Tage machte R. Eliezer alle Einwendungen der Welt, man nahm sie aber von ihm nicht an. Hierauf sprach er: Wenn die Halakha wie ich ist, so mag dies dieser Johannisbrotbaum beweisen! Da rückte der Johannisbrotbaum hundert Ellen von seinem Orte fort; manche sagen: vierhundert Ellen. Sie aber erwiderten: Man bringt keinen Beweis von einem Johannisbrot baume. Hierauf sprach er: Wenn die Halakha wie ich ist, so mag dies dieser Wasserarm beweisen! Da trat der Wasserarm zurück. Sie aber erwiderten: Man bringt keinen Beweis von einem Wasserarme. Hierauf sprach er: Wenn die Halakha wie ich ist, so mögen dies die Wände des Lehrhauses beweisen! Da neigten sich die Wände des Lehrhauses [und drohten] einzustürzen. Da schrie R. Jehoschua sie an und sprach zu ihnen: Wenn die Gelehrten einander in der Halakha bekämpfen, was geht dies euch an! Sie stürzten hierauf nicht ein, wegen der Ehre R. Jehoschuas, und richteten sich auch nicht gerade auf, wegen der Ehre R. Eliezers; sie stehen jetzt noch geneigt. Hierauf sprach er: Wenn die Halakha wie ich ist, so mögen sie dies aus dem Himmel beweisen! Da erscholl eine Hallstimme und sprach: Was habt ihr gegen R. Eliezer; die Halakha ist stets wie er. Da stand R. Jehoschua (auf seine Füße) auf und sprach: Sie ist nicht im Himmel. – Was heißt: sie ist nicht im Himmel? R. Jirmeja erwiderte: Die Tora ist bereits vom Berge Sinaj her verliehen worden. Wir achten nicht auf die Hallstimme, denn bereits hast du am Berge Sinaj in die Tora geschrieben: nach der Mehrheit zu entscheiden. R. Nathan traf Elijahu und fragte ihn, was der Heilige, gepriesen sei er, in dieser Stunde tat. Dieser erwiderte: Er schmunzelte und sprach: meine Kinder haben mich besiegt, meine Kinder haben mich besiegt.

Bis zu dieser Stelle kannte ich den Traktat gut. Er wird haeufig verwendet, um die rechtsstaatlichen Prinzipien im Judentum zu illustrieren. Der Text geht aber weiter.

Man erzählt, daß sie an jenem Tage alles holten, was R. Eliezer als rein erklärt hatte, und im Feuer verbrannten. Alsdann stimmten sie über ihn ab und taten ihn in den Bann.

Und hier dann weiter auf Englisch

Ich lese die Fortsetzung auch als Fortsetzung zum Verstaendnis des Rechtsstaats:
Zwar gilt die Mehrheitsentscheidung und R. Eliezer haette bessere Einsicht gezeigt, wenn er auf die Wunder verzichtet haette. (Im Unterschied zu Shear-Yashuvs Interpretation sehe ich uebrigens den Johannisbrotbaum, das Wasser und die Waende nicht als Symbole der Elemente, sondern der menschlichen Grundbeduerfnisse: Essen, Trinken, Behausung.) ABER der Rechtsstaat verlangt nicht nur von der Minderheit, sich der Mehrheit zu beugen, sondern auch von der Mehrheit, die Minderheit zu schuetzen. Das geschieht in dieser Geschichte anscheinend nicht in ausreichendem Mass. Ich kann nicht beurteilen, ob der Bann oder das Verbrennen aller von R. Eliezer fuer rein befundenen Gefaesse exzessiv war. Vielleicht auch die Uebereiltheit, mit der noch am selben Tag ein endgueltiges Urteil gefaellt wurde!

Dass ein exzessives Element vorlag, wird mE auch durch die Reaktion des Rates selber vermittelt, der sich fuerchtet, R. Eliezer ueber den Bann zu informieren. In den Worten von R. Akiva, der sich freiwillig zu dieser Aufgabe meldet, empfinde ich mit den „ungeeigneten Personen“ eine Spitze gegen die Ratsmitglieder.

Anstatt der ganzen Welt, wie R. Akiva befuerchtet, wird „nur“ jeweils ein Drittel der Olivenernte, der Weizen- und Gerstenernte vernichtet.

R. Gamliel, der anscheinend weder bei der Auseinandersetzung noch beim Urteil anwesend war, traegt als Praesident des Lehrhauses trotzdem die institutionelle Verantwortung. Anscheinend war er auch ueber die Vorgaenge unterrichtet, denn als eine grosse Welle sein Schiff zu ueberspuelen und ihn zu ertraenken drohte, konnte er das gleich R. Eliezer zuordnen. Da es damals noch keine Technologie gab, die erlaubt haette, ihn on-line auf dem Laufenden zu halten, frage ich mich, ob die Konfrontation nicht mit Wissen R. Gamliels geplant und provoziert wurde. Wie aus der Verteidigung R. Gamliels ersichtlich ging es um die Fuehrung des juedischen Volkes nach der Zerstoerung des Tempels, in einer Zeit also, wo jede Spaltung extrem gefaehrlich gewesen waere. R. Eliezer scheint die Fuehrung R. Gamliels in Frage gestellt zu haben. Der Vorwand – ob ein bestimmter Ofen rituell verunreinigt werden kann oder nicht – klingt zumindest mir laeppisch. Daher scheint es mir plausibel, dass R. Gamliel mit den Ratsmitgliedern abgesprochen hatte, in seiner Abwesenheit eine Konfrontation zu provozieren, um R. Eliezer entweder dazu zu bringen, den Mehrheitsentscheid eindeutig anzuerkennen (und damit die „Konstitution“ des juedischen Volkes nach Zerstoerung des Tempels und des staatlichen Gemeinwesens) oder ihn zu bannen. In jedem Fall waere so eine klare Fuehrung etabliert.

Warum in Abwesenheit von R. Gamliel? Zum einen waere seine Fuehrungsautoritaet geschwaecht worden, wenn er allzu deutlich als Kontrahent von und damit auf derselben Ebene mit R. Eliezer aufgetreten waere (Managerhandbuch xyz), zum anderen hatte er einen persoenlichen Grund: Seine Schwester war mit R. Eliezer verheiratet.

Die Welle akzeptiert R. Gamliels Rechtfertigung, dass er nur zum Besten des Volkes gehandelt habe und ertraenkt ihn nicht. Trotzdem ist R. Gamliel am Ende des Traktats tot. Die zwischen die Fronten geratene Frau, Ehefrau von R. Eliezer und Schwester von R. Gamliel, sieht es kommen: Das persoenliche Gebet von R. Eliezer wird leisten, was die Welle nicht geleistet hatte. Dementsprechend verhindert sie ueber Tage hinweg sein persoenliches Gebet. Eines Tages verpasst sie es trotzdem. Kaum sieht sie ihren Mann auf dem Gesicht liegen (im persoenlichen Gebet), weiss sie, dass ihr Bruder gestorben ist. Sie geht davon aus, dass auch ihr Mann wissen musste, wie sein Gebet wirken wuerde. Er aber scheint sich nicht darueber im Klaren gewesen sein. (Man beachte, dass R. Eliezer als der Gelehrte seiner Generation galt, trotzdem war seine Frau ihm in diesem Punkt an Wissen ueberlegen.)

Warum muss R. Gamliel nun sterben, nachdem die Welle (der Ewige) doch seine Rechtfertigung akzeptiert hatte? Imma Shalom (uebersetzt Mutter Frieden) gibt die Antwort. R. Gamliels Gruende koennen sein Vorgehen an sich rechtfertigen, aber nicht die persoenliche Beschaemung, die R. Eliezer angetan wurde. Offensichtlich ist auch der Grundsatz „Die Wuerde des Menschen ist unantastbar“ im talmudischen Rechtsverstaendnis bereits enthalten.

3 Antworten

  1. liebe ruth,

    herzlichen dank fuer deinen spannenden beitrag.

    ein schiur ist wirklich sehr spannend, ich habe ja auch das grosse vergnuegen einen solchen zu besuchen und bin jedesmal wieder erstaunt was man in 90 minuten lernen kann. und
    zugleich finde ich es spannend festzustellen das ich so wenig weiss ueber den talmud. aber man kann das ja auch als chance sehen, der schiur bringt immer neue erkenntnisse und zum lernen ist es nie zu spaet.

    darf ich ganz neugierig fragen wie viele leute in deinem schiur sitzen ?? bei mir sind es
    5-8 leute, nicht sehr viel, aber auf der anderen seite wird der unterricht dadurch um so
    spannender.

    liebe gruesse,
    grenzgaenger

  2. Lieber Dirk,

    gestern waren wir zu siebt, mehr als 12 waren wir nie. Die Besetzung wechselt ein bisschen, aber ich gehoere zu denen, die regelmaessig kommen.

  3. liebe ruth,

    7 – 12 ist doch schon ganz toll. ich denke es ist wichtiger das die anwesenden mitarbeiten und das gefuehl haben etwas zu lernen, anders gesagt: das die leute zufrieden nach hause gehen. die zahl der anwesenden ist wohl weniger wichtig, in einer zu grossen gruppe kann das lernen auch schwieriger sein(ist meine ganz subjektive erfahrung).

    viele gruesse,
    dirk

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