ein gewisses Unbehagen


habe ich schon bei dem Artikel aus dem Jewish Daily Forward verspuert und meinem Impuls nachgegeben, es auszudruecken. Ich vermute, dass viele Israelis und Juden ein solches Unbehagen empfinden, dass es aber haeufiger heruntergeschluckt als ausgesprochen wird. Wenn schon mal ein Mensch, der sich dem feindlichen Lager zurechnet, etwas anderes als Hass aeussert, ist es dann wirklich angemessen, seine Worte auf die Goldwaage zu legen?

Trotzdem: Schaut Euch diese Beispiele an.

In y-net wird berichtet, dass Generalmajor der Reserve Doron Almog seinen Sohn Eran verloren hat. Im Artikel wird sehr deutlich, dass Doron Almog, obwohl er zum Top Brass der IDF gehoert und auf eine beeindruckende militaerische Laufbahn zurueckblickt, eben keine Hass- und Kill-Maschine war, wie Bassam Amarim grundsaetzlich IDF Kampftruppen unterstellt. In den bei y-net grundsaetzlich unmoderierten Kommentaren ueberwiegen die Beileidsbezeugungen. Die vierte davon lautet so:

Sorrow

God bless his soul and I hope that the loss of his child will open his heart and feel remorse for the children and people he has killed over the years. As a Palestinian..I can’t help but feel sorrow for the loss of this innocent boy..even though his father has blood on his hands.
Falasteeni , Canada (02.08.07)

Lisa von „On the Face“ ist zur Zeit in Schweden, dabei hat sie sich auch mit Imaan von ehemals „Living in Gaza“ getroffen.

Imaan schreibt dazu u.a. Folgendes:

On a less „world-peace’y“ kinda level (yes I am aware I make up my own words as I go along), that is on a personal level, it felt like a healing moment. On what ever side you are, there is too much hate and distrust going on, so just to sit and eat and talk and laugh with, in my case, a Jew (however secular and balanced she may be) was for me simply healing.

Bei Lisa dagegen ist zu lesen:

We never did manage to meet while she lived in Gaza, but somehow a multi-ethnic suburb of Stockholm seemed like an appropriate place for a Swedish convert to Islam who is married to a Palestinian to host a Jewish Canadian-Israeli for a dinner of fish pie and homemade lingonberry pie baked by Imaan’s grandmother.

Warum muss eine geborene Schwedin, die zum Islam konvertiert ist, derart betonen, dass es fuer sie alles andere als selbstverstaendlich ist, mit einer Juedin zusammenzusitzen, zu reden, lachen und essen? Auch die Klammer macht mir Bauchschmerzen: Sind religioese Juden automatisch nicht ausgewogen? Warum ist es offensichtlich hilfreich fuer die Kommunikation, dass Lisa mit der religioesen Seite des Judentums nichts am Hut hat, waehrend Imaan eine fromme Muslima sein kann, ohne dass dies irgendjemanden stoeren wuerde?

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14 Antworten

  1. Vorsicht – allerlei Annahmen und Hypothesen eines psych. Laien – und die noch mit einer Prise Sarkasmus:
    Die zum Islam konvertierte Schwedin hat sich mit der Konversion in ein virtuelles pal. Lager hineinziehen lassen und jedwede Objektivität verloren. Aus dieser angenommenen [vielleicht von der europ. pazifistischen Stimmung zuvor auch beeinflußt] Haltung heraus betrachtet sie Juden als Wesen, mit denen „normale“ Menschen nichts zu tun haben, da sie ja ins andere Lager gehören und das identitätsstiftende Feindbild sind. Da sie „natürlich“ etwas gegen den Haß tun will (und dabei nicht merkt, daß sie sich nur einen Schritt davon entfernt findet, nämlich in der Dämonisierung des Anderen) setzt sie sich mit einer Jüdin an einen Tisch. Ich nehme an, ausgerechnet religiöse Juden stellen noch eine Potenzierung des Feindbildes dar (wird „landläufig“ angenommen, sie seine per se Zionisten? Siedler?)
    An der Schwedin stört mich trotzdem das Versagen der europäischen Bildungspolitik.

    Der Pal. in Kanada kann nicht über sein Vorurteil hinweg: um den Jungen tut es mir leid, aber ein Angehöriger der Armee *muß* ja böse sein bzw. hier „Blut an den Händen haben“. Die „pal. Massen“ in den Flüchtlingslagern werden von ihrer eigenen Regierung klein, will heissen ohne adäquate Schulbildung, gehalten.

    Dass meine Argumentation hier gerade wegen der Schwedin wie auch dem allg. europ. mehr o. minder latentem Antisemitismus hinkt, ist mir durchaus bewußt.

  2. medbrain,

    ich habe bei Imaan auch direkt nachgefragt und bekam eine seltsam ausweichende Antwort. Gleichzeitig schrieb ein Anonymus ihr, ob sie kein Problem damit habe, dass Lisa Siedlerin sei. Lisa kann nur dann als Siedlerin bezeichnet werden, wenn auch Tel Aviv als besetztes Gebiet definiert wird, mit anderen Worten von jemandem, der Israel keinerlei Existenzrecht zuerkennt. Auch darauf antwortet Imaan ausweichend. Das bringt mich auf den Gedanken, dass Imaan so formulieren muss, wenn sie nicht Repressalien riskieren will. Ihr Mann ist wahrscheinlich in die schwedische, palaestinensische Gemeinschaft integriert und dort duerfte man ihr und ihrem Blog auf die Finger sehen.

    Ich werde diese Vermutung formulieren und ihr als Kommentar schreiben. Wenn der Kommentar nicht erscheint, weiss ich, dass ich richtig liege.

    Der Count-down hat begonnen, geben wir dem Test 48 Stunden…

  3. Wenn Deine Theorie stimmt, verstehe ich noch weniger als zuvor, wie sie sich in eine solche Gesellschaft begeben kann.

    Ich habe den Blogeintrag und die Kommentare gelesen. Sie hat geantwortet. Instinktiv traue ich der Antwort nicht. Ihren Blog kenne ich nicht gut genug.
    Hat die Hamas nicht auch viele soziale Strukturen? Wenn man in Gaza lebt (und das hat sie wohl), in wieweit kann man denen dann entkommen oder auch nicht?

    Bei aller Liebe zum Dialog bleibt für mich das Fragezeichen der Anerkennung des Existenzrechtes Israels doch sehr lange – ich bin mir nie sicher, wie tief die indoktrinierten Tiraden sitzen.

    Aus Zeitgründen lese ich Lisa selten. Schöne Photos.

    Just for the record – den derer, die die Vielfalt der isr. Gesellschaft nicht kennen – nicht alle Siedler sind Radikale.

  4. Dass man in Schweden erzogen und in Gaza gelebt haben kann ohne zu wissen, dass TA in den Grenzen von 1948 liegt erscheint auch unglaubwürdig.

    Geographisch bin ich ein Looser – schon immer, aber TA kann ich denn doch als isr. Kernland einordnen (und das schon vor meinem ersten il-Aufenthalt).

    Ich suche nach einem obj. Grund für *mein* Unbehagen, aber ich finde keinen – ich kann nicht sicher festmachen, warum ich Imaan mißtraue.

  5. Du hast mich zum Nachdenken gebracht – darf ich Deinen Beitrag zitieren und verlinken?

  6. Natuerlich darfst Du, medbrain. Mich hat Imaans Antwort auch nicht ueberzeugt. Wenn meine Vermutung in die richtige Richtung geht, tut sie mir leid. Vielleicht haette ich sie nicht so in die Ecke draengen sollen.

    Imaan selber konnte im Gazastreifen bestimmt der Hamas entkommen, wenn Du damit meinst, ob sie persoenlich gezwungen sein koennte, sich mit ihnen einzulassen. Aber ihre Schwiegerfamilie wird gross und vielseitig versippt sein, da muessen Ruecksichten genommen werden. Und gerade in „Exil“-Gemeinschaften wird empfunden, dass man eher noch mehr zusammen halten muesse als im Ursprungsland, daher wird darauf geachtet, dass niemand aus der Reihe tanzt. Es braucht auch nicht Hamas zu sein, auch die PLO hat durchaus mafiaaehnliche Strukturen in Europa aufgebaut.

  7. Spannende Sache – die beiden Blogs kannte ich vorher nicht.

    Als jemand, der sozusagen die genaue Gegenrichtung einschlug (bin zum Judentum konvertiert und habe in Israel geheiratet), kann ich überhaupt nicht nachvollziehen, was „Imaan“ erstens zu dem Treffen veranlaßt und warum sie es zweitens dann so mit Pathos ausschlachtet und seltsam zu rechtfertigen scheint. Beim ersten Lesen dachte ich, es ginge um eine geborene Palästinenserin aus Gaza! Dann hätte das zwar auch einen eigenartigen Sinn ergeben, aber immerhin nicht so einen pathetischen.

    Also ich für meinen Teil würde mich vice versa jedenfalls nicht mit einer Palästinenserin treffen wollen, nur um den Weltfrieden im Kleinen zu üben. Und wenn ich einer begegnen sollte, einfach so, dann gäbe es nichts zu schwadronieren über die „innere Heilung“ (oder was war das was sie da schrieb?) Höchstwahrscheinlich würde ich meine Biografie verschweigen und mich in unpolitischem Smalltalk üben.

    Ich kann es mir die Geschichte so erklären, daß diese Frau ihre alte Identität (Pazifistin etc.) eben nie erkannt hat und sich in Wirklichkeit nie mit dem palästinensischen Volk solidarisiert hat. Sie scheint nicht aus Liebe zu ihrer neuen Heimat zu handeln sondern aus Selbstliebe: Allen zeigen müssen was man doch für ein guter Mensch ist. Evt. steckt dahinter ein Distanzierungswunsch: „Ich bin ein GUTER Palästinenser – nicht so wie das Bild in den Nachrichten“ und „nicht alle Palästinenser SIND SO – sieht mich an.“

    Solche Distanzierungsforderungen werden an mich auch oft herangetragen. Man erwartet immer wieder, ich müsse mich irgendwo außerhalb Israels bewegen, müsse über „Propaganda drüberstehen“ und irgendwie „besser als die sein“. Höchstwahrscheinlich würde ich ihnen nachgeben (müssen), wenn ich in Schweden leben würde.

  8. Ich habe ein bisschen in Imaans Blog herumgestoebert und bin dabei auf folgenden Eintrag gestossen

    http://living-in-gaza.blogspot.com/2006/02/bomb-us-but-dont-laugh-on-us.html

    „And, for God’s sake, Palestine has been occupied for close to 60 years – where is the united ummah to free Palestine?“

    Ganz offensichtlich betrachtet Imaan ganz Israel als besetztes pal. Gebiet – kein Existenzrecht fuer Israel. In den Kommentaren von Judy, die ich nicht kenne, darauf angesprochen, weicht sie aus. Ihr Geschwafel von „Friede“ koennte auch die Ein-Staaten-Loesung bedeuten, mit dem Israel als juedischer Staat innerhalb von absehbarer Zeit (mit pal. Rueckkehrrecht noch schneller) beendet waere.

    Imaan scheint tatsaechlich selber eine Hamas-nahe Haltung einzunehmen.

    Schmettelingsfrau, ich glaube, dass das Abschwoeren von Palestinensern viel weniger verlangt und erwartet wird als von Juden. Deine Beschreibung trifft eher auf Lisa zu, die sich wirklich manchmal verrenkt, um stoerende Elemente auszublenden, damit sie weiterhin links und progessiv sein kann. Sie scheint mir auf Imaan aehnlich hereinzufallen, wie es ihr mit Hossein Derakhshan gegangen ist.

  9. Vielleicht vertritt sie einfach die palästinensische Mehrheitsmeinung? Sogar in den Schulbüchern wird gelehrt, daß ganz Israel besetztes Palästina ist. Bei allem politischen Gegensatz, ich würde es ihr nicht verübeln, wenn sie so denkt wie alle Palästinenser. Das tue ich doch auch. Man nennt das Solidarität. Der einzige Unterschied ist nur, ich tue nicht so, als wäre ich friedensbewegt.

  10. Das Problem bei der pal. Mehrheitsmeinung ist, dass sie in sich widerspruechlich ist. Man kann nicht gleichzeitig darauf bestehen, dass ganz Israel besetztes Gebiet ist und dass eine friedliche Loesung nur an den Israelis scheitert.

    Solidarisch sein besteht aus meiner Sicht nicht darin, die Mehrheitsmeinung nachzubeten. Meinen Kopf habe ich nicht abgeschruabt, als ich nach Israel einwanderte.

  11. Natürlich nicht beer7, ich sehe ja deinen Kopf 😉

    So war das auch nicht gemeint.

    Israelis und Pal. haben dennoch einen Minimalkonsens, innerhalb dessen man sich als Zugehöriger bewegen kann, ohne als verrückt, Spinner, Extremist oder gar Feind eingestuft zu werden.

    In Israel ist der Minimalkonsens, daß Israel ein souveräner, jüdischer Staat ist, der „zu Recht“ gegründet wurde und bestehen bleiben soll. Innerhalb dessen kann man alles vertreten, Zweistaatenlösung, Gleichberechtigung der Araber, Rückzug auf die Grenzen von 67, sogar Rückkehr der Flüchtlinge, solange jüdische Souveränität erhalten bleibt. Minimalkonsens ist auch, daß Terror nicht zu rechtfertigen ist.

    Bei den Palästinensern dürfte der Minimalkonsens darin liegen, alles dieses abzustreiten. Was auch sonst – ihre ganze ideologische Existenz beruht darauf. Wäre das nicht so, wäre 48 schon ein Nachbarstaat dagewesen und alles wäre Friede Freude Eierkuchen. Daß eine Schwedin, die als islamische Konvertitin und Frau eines Palästinensers in Gaza lebt, das auch so sieht, wundert mich nicht. Was SONST soll sie denken? Was soll ich als jüdisch Konnvertitin und Frau eines Israelis denken?

  12. Die schwedische Konvertin hat genau ein Jahr in Gaza gelebt und will zumindest in absehbarer Zukunft nicht dorthin zurueckkehren.

    Ich verstehe immer noch nicht, warum die Konversion zu einer Religionsgemeinschaft und die Ehe einem die politische Ueberzeugung diktieren sollen, vor allem, wenn es sich um eine Richtung handelt, die konstruktive Loesungen von vornherein ausschliesst.

    Hast Du die Ueberschrift von Imaans Beitrags zu den Mohammed-Karikaturen beachtet? „Bombardiert uns, aber lacht uns nicht aus“. Jeder halbwegs erwachsene Mensch muesste sich gleich eingestehen, dass eine solche Haltung pubertaer ist. Nur in der Pubertaet ist unser Selbstbewusstsein noch so ungefestigt, dass wir lieber ernsthaften gesundheitlichen Schaden in Kauf nehmen, um uns keiner Laecherlichkeit auszusetzen. (Daher auch der gefaehrliche Einfluss von peer-groups z.B. beim Drogeneinstieg.)

    Auch die aggressive Opferhaltung ist darin klar enthalten: Wir sind Opfer, aber wenn Auslachen schlimmer ist als Bomben, dann sind gewalttaetige Krawalle als Reaktion eigentlich ziemlich gerechtfertigt. Immerhin werden die Zeichner und die Jylland Posten nicht ausgelacht, sondern „nur“ bedroht, also ernst genommen.

    Wenn jemand der in einer Scham-Ehre-Kultur aufgewachsen ist solche Konzepte verinnerlicht hat, dann ist das nachzuvollziehen, aber sie durch Heirat zu erwerben?!

  13. Offenbar ist es möglich. Wobei der Schritt in eine arabisch-islamische Kultur ein sicher extremer ist. Der Druck auf Frauen durch ausschließlich männliche Alphatiere spielt sicher auch eine Rolle.

  14. Natuerlich ist es moeglich, aber es sagt einiges wenig Schmeichelhaftes ueber die Person aus.

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