David Grossman: Rede zum 11. Todestag von Yitzchak Rabin


Hier zunaechst einmal der Text auf Englisch und auf Deutsch:
David Grossman’s speech at the Rabin memorial
„Wir sind Opfer unserer Ängste“

Eine Art Erwiderung hat bereits Anshel Pfeffer in der Jerusalem Post geschrieben.
Analysis: The Left and Rabin’s legacy

Ich werde mich im folgenden auf den deutschen Text beziehen.

Ich schaetze David Grossman als Autor sehr. Ich lese seine Buecher nicht nur (auf Englisch), sondern kaufe sie, damit ich sie immer wieder lesen kann. Ein guter Autor braucht aber keineswegs auch ein guter Politiker zu sein. Wo sich Autoren in die Politik eingemischt haben, ist historisch selten viel Gutes herausgekommen. Haclav Havel ist die einzige Ausnahme, die mir spontan einfaellt. Mir scheint, dass die beiden Taetigkeiten sehr unterschiedliche Faehigkeiten und Veranlagungen voraussetzen, so dass die seltene Konvergenz einleuchtet.

Zunaechst die Antwort an Herrn Meier: Ob Grossman links von Meretz steht, kann ich nicht mit Gewissheit feststellen, er steht auf keinen Fall rechts von Meretz.

Mit Yossi Beilin teilt der die nonchalante Verachtung demokratischer Legitimation. Waehrend Beilin ohne jede Legitimation selber fuer Israel verhandelt har, empfiehlt Grossman Olmert, das pal. Wahlergebnis einfach zu ignorieren, da es nicht gefaellt.

Die Palästinenser haben mehrheitlich Hamas gewählt, die sich weigert, mit uns zu verhandeln, uns auch nur anzuerkennen. (…)

Wenden Sie sich an die Palästinenser, Herr Olmert. Sprechen Sie sie über die Köpfe von Hamas hinweg an. Wenden Sie sich an die Gemäßigten unter ihnen, diejenigen, die Hamas und ihre Politik ebenso ablehnen wie Sie und ich. Wenden Sie sich an das palästinensische Volk. (…)

Hier scheint ganz deutlich ein Elitismus a la Rousseau durch. Die Volonte Generale ist nicht identisch mit der Mehrheitsmeinung, sondern wird auf hoehere Weise (oder durch hoehere Wesen) definiert. Ein mythisch ueberhoehtes pal. Volk ist nicht mit den pal. Wahlberechtigten identisch, sondern kann als Gegensatz zu ihm konstruiert werden.

Sprechen Sie die tiefe Verwundung dieser Menschen an, erkennen Sie ihre fortwährenden Leiden an. Künftige Verhandlungen werden Ihnen und der Position des Staates Israel keinerlei Abbruch tun. Nur die Herzen werden sich ein wenig füreinander öffnen, und das hat ungeheure Kraft. Dem schlichten menschlichen Mitgefühl wohnt die Kraft einer Naturgewalt inne, gerade bei Stillstand und Feindschaft.

Diesen Absatz sehe ich als das zentrale Credo von Grossman. Ein Glaubenssatz muss natuerlich nicht belegt werden, sonst waere er ja kein Glaubenssatz.

In dieser Wochenendausgabe der Jerusalem Post schreibt Sarah Honig ueber einen anderen Intellektuellen und Friedensfreund, der vor knapp 100 Jahren vom selben Punkt ausging, auf dem Grossman heute steht: Another Tack: Rude awakening

Arthur Ruppin, the famed „father of Jewish settlement,“ was one of the founders – in 1925 – of Brit Shalom, forerunner of Peace Now and assorted allied outlets of unflagging Jewish liberality, naivete, trust in the essential goodness of man and in the destiny of reasonable compromise to triumph over all adversity.

(…)

If we retain any residual self-preservation instincts, we need to own up to the fact that the lies so brazenly spread about us also, inadvertently, impart a critical truth – every bit as bitter as the one Ruppin was man enough to admit: „The conciliatory tone“ of the Brit Shalom he led, Ruppin candidly conceded, „was interpreted by the Arabs as weakness.“

Nothing new under our sun.

In derselben JP Wochenendausgabe schreibt Saul Singer ueber die Illusionen derjenigen, die das Heil derzeit in Verhandlungen suchen:

Interesting Times: Peace = capitulation

(…)

Rice is operating on a straightforward assumption: Palestinians are not embracing peace because they don’t believe it is possible, or that it is attractive enough. The West’s task, then, is to draw with increasingly vivid colors the „political horizon“ that is the Palestinians‘ for the asking.

From Rice’s point of view, the situation must seem quite absurd. She must ask herself, don’t the Palestinians realize that if they just stop „struggling“ they can have the state they are struggling for? Perhaps she wonders: why don’t Israelis see that, if they just put their cards on the table, the Palestinians are exhausted and ready for a deal?

(…)

This reigning hypothesis is unconsciously based on a misunderstanding of the Arab side. As hard as it is for us to comprehend, we must accept that in the Arab mind, peace with Israel – far from success – still represents capitulation, humiliation and defeat.

(…)

In Western eyes, peace is so obviously desirable that the idea that it could be seen negatively is rarely considered. But try, for a moment, to look at the situation through Arab eyes. Peace would be the ultimate ratification of Israel’s existence. It would be seen as an abject surrender to the West’s bid to dominate the Arabs.

(…)

Unfortunately, there is no direct way to change the fact that, to the bulk of Arab opinion, peace equals capitulation. All that can be done is to tip the scales of inevitability: from a world where it seems that Israel can be waited out, to one in which Israel is not only growing in strength but in legitimacy.

It may be counterintuitive, but the Palestinians‘ many allies who think they are promoting peace by vilifying Israel are doing the opposite. The same goes for Western governments who assume that „evenhandedness“ advances peace.

(…)

When it comes to a „political horizon,“ the problem is not that the Arabs cannot see a Palestinian state, but that they can see a Jewish one. The Arab world will settle for a Palestinian state only when it is convinced of the permanence of Israel.

Die These von Singer erklaert die Entwicklungen seit Oslo zwischen PA und Israel so viel plausibler, dass ich nicht ganz nachvollziehen kann, wie es moeglich ist, diese Erklaerung ueberhaupt nicht in Betracht zu ziehen?

4 Antworten

  1. […] Oz und ein Denkfehler Wie bei meinem Eintrag zu David Grossmann, moechte ich auch hier vorausschicken, dass ich Oz als Autor sehr […]

  2. […] in ihrer psychischen Grundstruktur so gut wie identisch sind. Diese Praemisse habe ich auch bei Grossman und Oz identifiziert. Wenn nun Menschen mehr oder weniger identisch ticken, dann muss moeglich […]

  3. […] in ihrer psychischen Grundstruktur so gut wie identisch sind. Diese Praemisse habe ich auch bei Grossman und Oz identifiziert. Wenn nun Menschen mehr oder weniger identisch ticken, dann muss moeglich […]

  4. […] zum Schluss das progressive Credo (nur schlechter formuliert als bei Oz und Grossman); Alle Menschen ticken so wie ich: Ich […]

Kommentar verfassen

Bitte logge dich mit einer dieser Methoden ein, um deinen Kommentar zu veröffentlichen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.

%d Bloggern gefällt das: