Vom Heidentum zum Monotheismus (mehr religionsphilosophische Splitter)


Rami hat auf der Grundlage unserer Diskussion bei Lisa einen Eintrag in seinen Blog geschrieben. Er nennt ihn „We’re all pagan, in the end …“ Inzwischen hat er den Titel geaendert in „All religion have pagan roots, after all …“

Ich habe viele Einwaende. Das faengt schon mit dem Titel an. „Heide“ als Begriff setzt das Konzept „der einen, wahren Religion“ voraus, schon seine Verwendung verraet also, dass nicht alle Heiden sein koennen. Ausserdem ist der Gedanke von fehlerhafter Logik. Auch wenn alle Menschen einmal Saeuglinge waren, kann ja nicht behauptet werden, dass sie letzten Endes immer noch alle Saeuglinge seien.

Die drei abrahmitischen Religionen koennen auch nicht auf derselben Ebene behandelt werden. Christentum und Islam stammen mehr (Christentum) oder weniger (Islam) direkt vom Judentum ab. Die eigentlich interessante Frage ist dann, wie sich das Judentum aus einer Stammesreligion zu einer universalen Religion entwickelte.

Das Gotteskonzept in der Thora beginnt mit dem Stammesgott. „Stamm“ kann unmoeglich mit „Rasse“ gleichgesetzt werden, wie Rami faelschlich tut. „Rasse“ ist ein Begriff aus dem 19. Jahrhundert. Er fusst auf Charles Darwin, vor allem „The origin of the species“ (1859).

Das Konzept der Rasse basiert auf angeborenen Eigenschaften, so dass die Zugehoerigkeit zu einer bestimmten Rasse ein Fakt ist, der zu Lebzeiten eines Individuums unabaenderlich ist. Das biologische Konzept ist hierarchisch geordnet: Jedes Lebewesen kann eingeordnet werden in 8 Gliederungsstufen: 1) Reich, 2) Abteilung, 3) Stamm, 4) Klasse, 5) Ordnung, 6) Familie, 7) Gattung und achtens Art. Rasse wurde als 9. Gliederungsstufe eingefuehrt, um eine weitere Subkategorie zu Art zu gewinnen. Das war vor allem fuer Zuechter relevant, da verschiedene Zuechtungen zwar nicht als „Art“ definiert werden koenenn (sie koennen sich weiterhin untereinander paaren und fortpflanzungsfaehigen Nachwuchs produzieren), aber dennoch voneinander abgegrenzt werden sollten. Dementsprechend haftet dem Begriff selbst in der Zuechtung etwas Beliebiges an.

Ganz und gar beliebig wird der Begriff „Rasse“, wenn er auf Menschen angewandt wird. Im englischen Sprachgebrauch kann er fuer jede Gruppe mit einem gemeinsamen Merkmal verwendet werden, z.B. auch „a race of lawyers“ (wobei Juristerei nun wirklich nicht angeboren ist). Im deutschen Sprachgebrauch bezieht er sich ausschliesslich auf angeborene Merkmale, wobei jedoch immer nur oberflaechlich sichtbare Merkmale gemeint sind. Der sog. Phaenotyp beim Menschen (Haut-, Haar-, Augenfarbe, Koerperbau etc.) basiert aber auf einer sehr kleinen Anzahl von Genen vom gesamten genetischen Setup. Prozentual gesehen koennen die genetischen Unterschiede zwischen zwei Menschen des gleichen Phaenotyps ohne weiteres groesser sein als die prozentualen Unterschiede zwischen zwei Menschen von unterschiedlichem Phaenotyp. Die Entzifferung des menschlichen Genoms hat den Rassisten endgueltig jede moegliche Grundlage entzogen. (Natuerlich brauchen Rassisten und Antisemiten keine Grundlage, ihre Weltanschauung basiert auf psychischen Beduerfnissen und muss allenfalls rationalisiert werden.)

Der Stamm dagegen ist eine soziale Einheit, die durch Loyalitaet gegenueber dem Kollektiv charakterisiert ist. Schon beim Auszug Israels aus Aegypten haben sich laut juedischer Tradition verschiedene Menschen angeschlossen, die nicht von den Kindern Israels abstammten. Auch diese standen am Berg Sinai und nahmen die Thora an. Meine Namenspatronin Ruth war eine Moabiterin. Sie schloss sich dem Volk Israel mit der folgenden Erklaerung an „dein Volk ist mein Volk und dein Gott ist mein Gott“. Sie wurde nicht nur aufgenommen, sondern ist nach der Tradition eine Vorfahrin von Koenig David. Heute ist der Prozess der Konversion formaler geworden, aber die Option existiert fuer jedermann, ohne Einschraenkung nach Abstammung. Diese Beispiele sollten ausreichen, um zu belegen, dass im Judentum immer noch das Bekenntnis, die Loyalitaet zum Kollektiv und nicht die Abstammung das entscheidende Kriterium ist.

In der Thora ist Gott urspruenglich ein Stammesgott, der die Naturgottheiten in sich aufgenommen und daher ueberfluessig gemacht hat. Ebenfalls sichtbar ist aber der Prozess, wonach Er auch fuer andere Staemme zustaendig ist, also ueber den reinen Stammesgott hinauswaechst. Aus den Propheten erinnere ich mich an eine Stelle, wonach Er die Kinder Israels ermahnt, sich nicht fuer etwas Besonderes zu halten, indem aufgezaehlt wird „Habe ich nicht die xxx (verschiedene Stammesnamen) aus oder nach xxx (geographische Bezeichnungen gefuehrt.“ Offensichtlich ist der Exodus aus Aegypten kein exklusiver Vorgang, andere Staemme wurden ebenfalls auf ihnen entsprechenden Wegen gefuehrt.

Die „Erwaehlung“ Israels wird vielfach (vor allem von Antisemiten) mit einem rassistischen Ueberlegenheitsanspruch gleichgesetzt. Auch das ist nicht haltbar. Erwaehlt wurde das Volk Israel fuer eine Aufgabe, nicht aufgrund angeborener und unveraenderlicher Kennzeichen. „Ihr sollt mir sein ein Volk von Priestern!“ ist ein Imperativ und keine Beschreibung. Entsprechend nahmen die Kinder Israel die Thora an mit dem Geloebnis „Wir werden tun und wir werden hoeren“. Die Reihenfolge und die Wortwahl verraten deutlich, dass es um ein aktives Umsetzen geht und nicht um ein „so-und-nicht-anders-sein“.

Weil das Judentum die Reste des Stammeskonzepts bewahrte, verzichtete es weitgehend auf Missionierung. Wenn Gott gleichzeitig die einzige und universale Gottheit und der Stammesgott eines Volkes ist, dann bedeutet das, dass fuer andere Staemme/Voelker gleichwertige Wege zu Gott existieren muessen. Ethischer Monotheismus, nicht weltweites Judentum ist die Vision des Judentums. Diese Vision wird am Ende des Aleinu-Gebetes bei jedem Gottesdienst beschrieben, ist also im juedischen Bewusstsein sehr praesent.

Das Christentum und der Islam entfernten die Reste des Stammeskonzepts aus dem Judentum, sie wurden damit zu Religionen mit universalem Geltungsanspruch. Dieser universale Anspruch bedingt eine inhaerente Aggressivitaet. Wer im Besitz der einen und absoluten Wahrheit ist, muss notwendig versuchen, sie anderen nahezubringen. Das ist die Grundlage von Mission, die sowohl im Christentum wie auch im Islam auch gewalttaetige Phasen und Elemente hatte/hat: Heiliger Krieg und Jihad nach aussen, Ketzerverfolgung und Todesstrafe fuer Apostaten nach innen. Beides kann so nicht auf das Judentum zurueck gefuehrt werden, sondern entspringt gerade aus der Losloesung von juedischen Konzepten.

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2 Antworten

  1. Sehr schöner Artikel – allerdings gab es auch im hebreäisch/jüdischen/israelitischen Kontext Phasen von Zwangsbekehrungen ganzer Stämme zum Glauben an Jaweh. Es finden sich im AT durchaus einige interessante Stellen dazu.

  2. Hast Du da Quellen? Im Index meiner Thora habe ich nichts gefunden.

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