Antisemitismus in der Schweiz


Verschiedene Umfragen in Deutschland bringen regelmaessig das Ergebnis, dass der Anteil der Antisemiten in der deutschen Bevoelkerung um die 20% herum liegt.

Da kann sich die Schweiz ja beglueckwuenschen, dass der Anteil der Antisemiten in der Bevoelkerung bei nur 10% liegt. Wenig Antisemitismus in der Schweiz schreiben die Schweizer Medien denn auch voneinander ab. Schoen waer’s. Aber irgendwie fehlt mir der Glaube, dass die Schweiz eine Insel der Seligen im Europa des wieder erstarkenden Antisemitismus darstellt.

Also schaue ich mir die Studie etwas genauer an (Dank an Urs Schmidlin). Wie so oft, kommt es auf die Definitionen an.

Antisemit wird sehr eng defininiert:
„antisemitisch“ ist in dieser Studie nur, wer sowohl negative Meinungen ueber Juden, wie auch anti-juedische Stereotypen wie auch negative Gefuehle gegenueber Juden von sich gibt und zwar „wiederkehrend“. (Wieviele Wiederholungen erforderlich sind, kann ich der Studie nicht entnehmen.) Die Studie kommt zum Ergebnis, dass 10% der Schweizer Bevoelkerung Antisemiten in diesem Sinn sind.

Die naechsthoehere Stufe ist „antijuedisch“. Anscheinend sind das Menschen, die bei der Ablehnung von Juden nicht die geforderte Konsistenz und Ausdauer an den Tag legen und so die Qualifizierung zum Antisemiten verpassen. Laut Studie sind 28% der Schweizer Bevoelkerung Judenfeinde, aber keine Antisemiten.

Die hoechste Stufe waere dann „antiisraelisch“. Eine Daemonisierung von Israel kann die Studie beim besten Willen nicht entdecken, es muss sich um „Enttaeuschung“ handeln, was impliziert, dass Israel durch seine Politik selber schuld hat. Diese Enttaeuschung ist auch auf nicht-israelische Juden ausgedehnt. Weitere 15% der Schweizer Buerger sind Antiisraelis, aber weder Judenfeinde noch Antisemiten.

Wenn ich richtig addiere, kommen wir also auf insgesamt 53% der Schweizer Bevoelkerung, die mehr oder weniger antisemitisch sind. Eine Bestaetigung meiner Interpretation finde ich schon auf Seite 3. Wenn 50% der Schweizer Israel unterstellen, einen „Vernichtungskrieg“ gegen die Palaestinenser zu betreiben, dann handelt es sich klar um eine Gleichsetzung von Israel mit Nazideutschland. Genau diese Gleichstellung wird aber von der EU sehr wohl als Antisemitismus definiert. Immer noch 34% der Befragten stimmen sogar voll oder eher der expliziten Aussage zu, dass Israel heute mit den Palaestinensern prinzipiell nichts anderes mache, als was die Nazis mit den Juden getan haben. (p. 41)

Auf S. 36f der Studie finde ich witzig, dass die Verfasser der Studie sich offensichtlich nur eine Richtung der Beeinflussung vorstellen koennen.

„Zwar loest die Politik Israels nur bei rund jeder vierten Person starke Emotionen wie Wut oder Ablehnung aus. Wo die aber der Fall ist, faerben diese Gefuehle auf die Haltung gegenueber den Juden/Juedinnen als Volk ab. (…) Persoenlich danach befragt, widersprechen allerdings mehr als zwei von drei Befragte (68%) der oben formulierten These, dass das Verhalten des Staates Israel Einfluss auf die Einstellungen gegenueber Juden und Juedinnen haben soll.“

Ist denn der Gedanke so fernlieged, dass vielleicht umgekehrt ein Schuh daraus werden koennte: Wer Juden gegenueber Vorurteile hegt, betrachtet auch die Politik Israels in voreingenommener Weise?!

Dass die Verfasser der Studie selber nicht frei von anti-israelischer Befangenheit sind, wird mir auf Seite 42 klar. Unter 2.4.1 Zwischenbilanz lesen wir folgendes:

  • (…)
  • (…)
  • Israel wird allerdings in weiten Kreisen als verlaengerter Arm der USA im Nahen Osten wahrgenommen, was auch antiimperialistische Einstellungen umso mehr Aufwind gibt. Diese ernten vor allem in linken Kreisen Zustimmung, wo die Enttaeuschung ueber Israels Politik besonders gross ist.
  • Die – sowohl auf emotionaler wie auch kognitiver Ebene – grundsaetzlich positive Einstellung der Schweizer Bevoelkerung gegenueber Juden/Juedinnen wird getruebt durch die politische Haltung Israels im Nahen Osten sowie generell durch den Vorwurf der uebermaessigen Einflussnahme aufs Weltgeschehen. An diesem Punkt vermischen sich das Bild von Israel und jenes der Juden/Juedinnen zu einem einzigen. Die ehemaligen Opfer werden im Israel-Palaestin-Konflikt offenbar zum Taeter, was Unverstaendnis ausloest.
  • Das laesst an Deutlichkeit wirklich kaum zu wuenschen uebrig: Wenn linke Kreise etwas gegen Israel haben, dann kann das allenfalls Antiimperialismus sein (und der ist grundsaetzlich positiv), aber nicht Antisemitimus (der ja negativ waere). Die Opfer-Taeter-Umkehr wird durch die Verfasser in keiner Weise qualifiiziert (vgl. „Vorwurf der uebermaessigen Einflussnahme“), sie wird nicht nur als Fakt praesentiert, sondern noch durch das Wort „offenbar“ verstaerkt. An etwaigen negativen Einstellungen gegenueber Juden in linken Kreisen hat nur der Staat Israel schuld!

    Danke, an dieser Stelle reicht es mir fuer heute. Ich muss mir die Pessachstimmung ja nicht mit Gewalt verderben.

    Mein Fazit: Der Antisemitismus ist in der Schweiz tendenziell weiter verbreitet als in Deutschland, darueber hinaus praesentiert er sich mit gutem Gewissen.

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    11 Antworten

    1. Hm, ich hab das auch gelesen und mir gedacht, schreib ich was? Denn im Grunde sieht es in Deutschland ja nicht anders aus – von Schweden, UK, Spanien, Griechenland, was Du willst!, ganz zu schweigen. Mein anecdotal evidence oder mein rosig gefärbtes Brillchen meinen in Dänemark und den Niederlanden weniger Feindseligkeit gegen Israel wahrgenommen zu haben – aber unterfüttern Studien diesen Eindruck?

      Nein, die europäische Welt hat längst entschieden, wer in diesem Theater der Kasper und wer das Krokodil ist. Haut drauf, Kinder! Es ist ja böse.

    2. Auf die Gefahr hin, dir die Pessach-Laune zu verderben: Der Antisemitismus ist in Deutschland weiter verbeitet als in der Schweiz. Laut der Bundeszentrale für politische Bildung glauben 68,3 % der Deutschen(und „nur“ 50 % der Schweizer), dass Israel einen vernichtungskrieg gegen die Palästinenser führt und 51,2 % der Deutschen(und „nur“ 34 % der Schweiz) glaben, Israel handelt genauso wie die Nazis.
      Aber zumindest steigen laut Studie die „Projüdischen Einstellungen“ mit dem Bildungsgrad.

      Ich hab mich mal auf die Suche nach Studien über Dänen und Holländer gemacht ;), und was ich gefunden habe, ist ausnahmsweise ziemlich erfreulich:

      Laut Wikipedia sympathisierten im letzten Krieg 48 % der Dänen im letzten Krieg mit Israel und 7 % mit der Hisbollah. Wenn man davon ausgeht, dass so gut wie die ganze 4% starke muslimischen Gemeinde eher pro-Hisbollah war, ist die Unterstützung für Israel unter den nicht-muslimischen Dänen für europäsiche Verhätnisse fast schon unglaublich.
      http://en.wikipedia.org/wiki/International_reactions_to_the_2006_Israel-Lebanon_conflict#.C2.A0Denmark_2

      Wie die Holländer über den Nahost-Konflikt denken, weiß ich nicht, aber laut Wikipedia sind die Niederlande der einzige EU-Staat, der die gesamte Hisbollah als terrororganisation listet, und die Holländer betrachten laut einer Umfrage aus dem Jahr 2005 das Judentum von allen befragten Ländern am positivsten, es ist auch, neben China, das einzige Land, in dem das Judentum von allen drei monotheistischen Weltreligionen am positivsten gesehen wird(sogar positiver als das Christentum!)
      http://en.wikipedia.org/wiki/Hezbollah#Designation_as_a_terrorist_organization
      http://pewglobal.org/reports/display.php?ReportID=248

    3. Danke fuer die ausfuehrliche Recherche, G.G.,

      die Situation in Daenemark kann ich leicht erklaeren: Nach dem Aufruhr um die Cartoons haben die Daenen gemerkt, mit wem sie es zu tun haben…

    4. Vielleicht sehe es auch in Deutschland anders aus wenn die Kofferbomben gezündet hätten. Um Gottes Willen, sowas würde ich keinem Menschen wünschen.

      Anders jedoch wird es nicht verstanden werden.

    5. Meinst du mit „anders“ weniger antisemitisch? Das kann ich mir kaum vorstellen. Wenn es einen Terroranschlag in Deutschland gibt(was in meinen Augen nur eine Frage der Zeit ist), dann werden die Leute die relativ israelfreundliche Politik der regierung dafür verantwortlich machen. War ja auch schon in Spanien so: Direkt nach den Anschlägen wurde die konservative Regierung abgewählt und an die Macht kam ein Witzbold, der zwar selber auch nicht mit der ETA verhandeln will, aber meint, Israel soll mit der Hamas verhandeln

    6. G.G.,

      das war die Instantreaktion in Spanien. Aber es braucht nicht die letzte Position zu sein. Was haelst Du davon AGAIN, MADRID has taken to the streets in protest against Zapatero’s anti-terror policies:?

    7. Ruth,
      ist es möglich ein Feld einzufügen, wo auf der Startseite die letzten Kommentare aufgezeigt werden?

      G.G.

      du kannst natürlich Recht haben.
      mit weniger antisemitisch war „anders“ jedoch nicht gemeint. Ich kann mich nicht erinnern wie die Bevölkerung in England über den Libanonkrieg urteilte und über die Parteien Israel und Hezbollah. Jedoch wird dort die linke antizionistische/semitische Bewegung immer stärker.

      http://www.ynetnews.com/articles/0,7340,L-3387995,00.html

    8. Eran,

      ich bin computertechnisch nicht sehr bewandert, aber ich werde versuchen, das hinzukriegen.

      Zu England schreibe ich gleich noch etwas…

    9. Hat ja geklappt.
      So ist es auch übersichtlicher.

      Merci

    10. Ja, WordPress ist sehr gut gemacht – ich finde mich schnell zurecht. Gleichzeitig habe ich noch ein Headerbild eingefuegt. Das kann ich dann immer wieder mal auswechseln, wie ich Laune habe…

    11. Lila hat Recht, hier in Schweden ist es leider dazu noch so das der Antisemitismus nicht direkt ist sondern versteckt und das finde ich noch viel schlimmer.
      Übrigens Dein Bild da oben macht sich sehr gut, Gute Nacht Anneka

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