Antisemitimus als Krankheit des Denkens


Diese Analyse von Paul Johnson The Anti-Semitic Disease stellt folgende Thesen auf:

1) Antisemitismus unterscheidet sich in so vielen Punkten von Rassismus, dass es falsch waere, ihn als Untergruppe zu kategorisieren. Er gehoert in eine Kategorie fuer sich.
2) Antisemitismus ist eine „mentale Krankheit“ und irrational.
3) Sie ist „self-inflicted“, kann aber trotzdem ansteckend wirken, da es einer bewussten und je nach Umstaenden grossen Anstrengung bedarf, um sich der Ansteckung zu entziehen.
4) Diese Krankheit wirkt zerstoererisch beim kranken Individuum oder bei der kranken Gesellschaft.

Eher zwischen den Zeilen glaube ich zu lesen, dass die Krankheit, wenn sie einmal aus der Latenz hervorgetreten ist, nicht stagnieren kann, sondern sich fortwaehrend verschlimmert: Immer weitere Bereiche des Denkens werden angegriffen und deren Rationalitaet kompromiert.

Dr. Sanity vergleicht Antisemitismus und Islamophobie. PSYCHOLOGICAL SYMPTOM or MATURE ADAPTATION ?
Sie haelt fest:

The key to understanding psychological defenses is to realize that all of them–no matter how infantile or immature–are attempts to adapt to a difficult situation. What matters is not that an immature defense is being used, but how long the individual uses it before it becomes maladaptive, dysfunctional, pathological and/or potentially dangerous and life-threatening to the individual and/or group using it

Nach diesem Verstaendnis wuerde Antisemitmis nicht automatisch zur selbstzerstoererisch wirken, sondern nur, wenn ein Individuum ihn ueber einen zu langen Zeitraum einsetzt. „Zu lange“ kann schlecht quantifiziert werden.

Die Aussage von Victor Davis Hanson

Israel serves today as the ethical barometer in the western collective mind. Support for it brings no oil, no ingratiation with terrorists, no psychological lift of the usual easy bullying of a small democracy, but it does reveal respect for democracy, confidence in the history of the West, and respect for a humane culture and an accomplished people under terrible assault.

liesse sich also so modifizieren, dass Israel als Barometer nicht fuer die Ethik, sondern fuer die mentale Gesundheit verwendet werden kann. Oder gehoeren Ethik und mentale Gesundheit notwendig zusammen?

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17 Antworten

  1. Eine sache die den Antisemitismus schon fast „unknackbar“ macht ist,
    dass er ja sehr umfassend ist. Ich meine jetzt im Bezug auf Zeit, Kulturen,
    Klassen usw.

    jakobo

  2. Wie bei allen psychischen und mentalen Pathologien kann Behandlung nur dann greifen, wenn der Betroffene das selber will. Antisemitimus ist deswegen „unknackbar“, weil der Antisemit in den wenigsten Faellen aufhoeren will, antisemitisch zu denken. Allenfalls werden Definitionen angepasst (im im Fall der Schweizer Studie) um den real exisitierenden antisemitischen Diskurs als nicht-antisemitisch zu beschreiben. Diese Art von Studien sind selber ein Symtpon.

  3. Deinen Post mit der schweizer studie hab ich auch gelesen.
    Er klang auch für mich sehr hingebogen. Da stimme ich überein mit dir.
    Anderer seits, ich hab das „unknackbar“ nicht so im sinne von heilbar oder sowas
    gemeint. Es ist für mch aus meiner Position einfach sehr schwierig
    ihn theoretisch greifbar zu machen. Das wirkt sich ja auch auf die
    Studien aus. Von den ganzen Studien und auch egal zu welchem
    ergebniss sie kommen kann ich nichts für mich herrausziehen.
    Also nicths richtig greifbares. Im Gegensatz zu den Auswirkungen
    natürlich die sind da umso greifbarer.

    Von den Thesen die Du gepostet hast kann ich richtig nur die erste
    nachvollziehen. Die anderen sind schon wieder etwas verschwommen.
    Das heißt nicht dass sie falsch sind. ABer ich kann weder das eine
    noch das andere behaupten oder nachvollziehen.

    Die 2. und 3. These kann man eher als eine Art Grundannahme
    sehen, ok.

    Ob der Antisemitismus sich als zerstörerisch auf einen Antisemiten
    oder seine Gesellschaft auswirkt weis ich auch nicht so genau. Das
    einzige Beispiel, das mir gerade dazu einfällt ist Deutschland.
    Aber da schätze ich eher, dass Deutschland an der Überheblichkeit
    gescheitert ist und nicht explizit am Antisemitismus.

    Jakobo

  4. Jakobo,

    wenn Du Paul Johnson liest, findest Du weitere Beispiele: Spanien nach Ausweisung der Juden 1472, die arabische Welt seit Anfang des 20. Jh.

    Hybris kann schlicht als ein Symtom von nicht-rationalem Denken gesehen werden. Nachdem die These lautet, dass andauernder Antisemitismus immer weitere Bereiche des Denkens ins Irrationale draengt, liegt darin kein Widerspruch. Auch koennte argumentiert werden, dass der herausragende Akt der Hybris – die Kriegserklaerung an die USA – ursaechlich vom Antisemitismus ausgeloest wurde.

  5. @ Ruth:
    Was die anderen Beispiele betrifft müsste ich mir da noch die Argumente
    gut durchlesen. Was mir spontan erst zu Spanien einfällt ist dass nach
    der Reconquista erstmal eine Bütezeit kam.

    Ich blick da nicht so ganz durch ehrlich gesagt. Auch was die Kriegserklärung
    an die USA betrifft.

    Jakobo

  6. Jakobo,

    numittelbar nach der Reconquista begann die Entdeckung und Ausbeutung Amerikas. Das Datum, an dem Columbus ablegte, war gleichzeitig der Stichtag, an dem Juden die vereinigten Koenigreiche von Spanien verlassen mussten. Auf dieser Tatsache aufbauend hat Simon Wiesenthal ein Buch geschrieben „Segel der Hoffnung“. Die ganzen Reichtuemer, die aus der Neuen Welt nach Spanien kamen, flossen aber wieder ab und zwar vor allem nach Asien. Die Parallele zum Oelreichtum, der die arabischen Laender wirtschaftlich und gesellschaftlich nur stagnieren laesst, hat einiges fuer sich.

  7. Gut, aber was ich noch nicht erkennen kann ist der direkte
    Bezug zum antisemitismus. Da würde ich den Bezug schon
    eher bei Deuschland sehen, weil da die deutsche überheblichkeit
    schon sehr stark mit dem Antisemitsimus verknüpft war.
    Aber wie gesagt bin ich mir da auch nicht so sicher.

    Jakobo

  8. Johnson meint, dass sich Spanien durch die Ausweisung der Juden genau der Bevoelkerungsgruppe beraubt hat, die mit Finanzen arbeiten konnten. Mein Zusatz: Die Beargwoehnung von Marranos mag auch als Abschreckung gewirkt haben, (frueh-)kapitalstisches Know-how zu zeigen.

  9. Diese These trifft durchaus zu denke ich. Aber aufbauend davon.
    Was ich jetzt zum Beispiel nciht weis ist, in welchen Feldern das
    jüdische wirtschaftliche Leben stattgefunden hat. Und das sind
    auch wichtige Detaills. Handel? Produktion? Ich verstehe zum
    Beispiel nicht, warum der Handel direkt zu investitionen in der
    Produktion führen soll? Und da kommen wir ja wieder in andere
    Theoretische Diskussionen. Es ist wie ein kleines Labyrint
    und sehr theoretisch.

    Jakobo

  10. das wird mir auch zu hoch. Mit einigem Wuergen kann ich etwas zu heutigen Wirtschaftszusammenhaengen radebrechen, aber die Verpflechtungen im Fruehkapitalismus habe ich nie genauer studiert.

  11. Für mich sind das ja auch nur fragen, die da offen sind. Was weis ich.. ich weis dass es Theorien gibt die besaen, dass der handel zur kapitalanhäufung führt der über das Bankenwesen zur Investition in der Produktion führt und es gibt Theorien die besagen, dass der handel nur im privaten bereich zur kapitalanhäufung führt. Was weis ich… es gibt für beides beispiel aber das etwas notgedrungen so sein muss… Was noch dazu kommt finde ich ist, dass man da auf eine Kette von theorien kommt wo jede einzelne angeschaut
    werden muss und man entfert sich da von der realität und auch von der ursprünglichen
    fragestellung. und auch von der ursprungsthese. Deshalb ist das so schwierig für mich.

    jakobo

  12. PS.: Man könnte ja auch sagen, dass Spanien immer unwichtiger geworden ist, weil
    die spanischen katholiken oder die spanische Oberschicht mehr an ihrem konsum
    interessiert war als in die investition in die produktion. Nur ein Beispiel aber das
    kann man leichter und vor allem auch direkter überprüfen.

  13. PPS.: Auf was ich eher hinaus will ist dass der Antisemitismus für uns Juden in unserer
    Geschichte immer eine sehr zentrale Rolle gespielt hat, von dem oftmals persönliches
    Glück oder Unglück abhingig war. Ohne rücksicht auf Klassenzugehörigkeit oder
    politische Einstellung zu nehmen und das der Antisemitissmus auch nicht halt vor
    einer Epoche, einer Ideologie oder ähnlihches nimmt und genommen hat.

    Aber ich denke das ist eine jüdische Sicht. Und ich weis auch nicht in wieweit
    Nichtjuden aus einem natürlichem interesse den Antisemitismus als „ihren eigenen
    Feind“ betrachten können.

    Das ist doch eine Essenz die hinter solchen Theorien steht, oder? Ich weis nicht ob
    uns das so weiterbringt. Auch wenn es so zutrefefn sollte und man diese VErbindungen
    so herstellen könnte auf eine zweifelsfreie weise. Wenn es gesellschaften gibt, die
    sich gerne selbst zerstören?

    Klar, aus menschlicher Sicht besteht für mich vor allem die Frage in wie weit
    sich ein Antisemit selbst überhaupt als mensch begreifen kann? Er nimmt sich
    ja selbst die Möglichkeit sich als mensch begreifen zu können. Und ist auch
    abgehärtet genug dass er selbst das nicht ein mal merkt.

    jakobo

  14. Jakobo,

    vor ca. 20 Jahren als Studentin und erst vor ca. einem Monat wieder habe ich auf eine Frau, die sich als Opfer – weil in der maennlich dominierten Gesellschaft diskriminiert – darstellte, etwa so reagiert: Ich bin kein Opfer. (Tatsaechlich wuerde ich wahrscheinlich mehr verdienen, wenn ich ein Mann waere. Andererseits haette man mir dann ins Gesicht gelacht, wenn ich mit Hinweis auf die Kinder eine Verringerung der Arbeitszeit verlangt haette.) Vor allem aber: Fuer mein Teil bin ich davon ueberzeugt, dass ich die Realitaet besser erfasse und klarer denke, weil ich nicht in Versuchung kam, eine fuer mich guenstige Praemisse ungeprueft zu uebernehmen und zu rationalisieren.

    Solche Weltbilder wirken attraktiv, weil sie das Selbstbewusstsein stuetzen (s.o. meine beiden Lesetips). Um sie auf Dauer aufrecht erhalten zu koennen, muss immer mehr psychische Energie investiert und immer mehr Realitaet abgewehrt werden. Realitaetsabwehr aber fuehrt unweigerlich zu einem Verlust an Lebensqualitaet, wobei ich damit nicht ausschliesslich den materiellen Aspekt meine.

  15. Ich hab deine oberen Posts gelesen. Ich denke dass diese „Opferidentität“
    problematisch wird, wenn sie von einer konkreten Situation auf die ganze
    Person abstraiert wird und dadurch identitätsstiftend eben zur „Operidentität“
    wird. Das kann von außen her passieren oder auch von einem selbst so
    gemacht werden. (Oder beides.) Es ist eine menschliche Reaktion, aber sie ist nicht
    gut und hilfreich um die Konkrete Ursprungs-Situation zu überwinden und mit ihr
    umzugehen.

    Jakobo

  16. Jakobo,

    das ist doch genau das, was der Antisemit macht. Er verallgemeinert eine Erfahrung, die er moeglicherweise nicht einmal gemacht hat, und wird zum ewigen Opfer des boesen, gerissenen usw. Juden. Jeder Antisemitismus definiert sich als Notwehr gegenueber der Uebermacht der Juden.

  17. Passt vielleicht hier rein (habe nichts passenders gefunden).

    antisemitische Karrikaturen:

    http://www.taz.de/1/politik/europa/artikel/1/daenische-verdrehungen/

    Handelt Israel in Gaza wie die Nazis im Warschauer Ghetto? Eine Karikatur in der Tageszeitung „Politiken“ legt das nahe. Die sieht sich nun dem Vorwurf des Antisemitismus ausgesetzt.

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