Amos Oz und ein Denkfehler


Wie bei meinem Eintrag zu David Grossmann, moechte ich auch hier vorausschicken, dass ich Oz als Autor sehr schaetze.

Und wie bei Grossman finde ich einen grundlegenden Denkfehler in Oz‘ Ansatz: Israel partly at fault

Israel’s actual admission to part of the responsibility for the Palestinian refugees‘ plight, the actual preparedness to bear part of the solution’s burden – is likely to send an emotional shockwave through the Palestinian side. It will serve as an emotional breakthrough of sorts that will significantly facilitate the continuation of talks – because the tragedy of the 1948 refugees is an open and bleeding wound in the flesh of the Palestinian people.

Das entspricht schon fast eins zu eins der Aussage von David Grossman:

Sprechen Sie die tiefe Verwundung dieser Menschen an, erkennen Sie ihre fortwährenden Leiden an. Künftige Verhandlungen werden Ihnen und der Position des Staates Israel keinerlei Abbruch tun. Nur die Herzen werden sich ein wenig füreinander öffnen, und das hat ungeheure Kraft. Dem schlichten menschlichen Mitgefühl wohnt die Kraft einer Naturgewalt inne, gerade bei Stillstand und Feindschaft.

Beide Autoren projezieren ihre eigenen Reaktionen und ihr Menschenbild auf die Palaestinenser, sowohl den „emotionalen Druchbruch“ wie die „Oeffnung der Herzen“. Eine solche Projektion ist nicht automatisch zutreffend und auch nicht unbedingt zulaessig. Auf die Ausfuehrungen von „Breath of the Beast“ zum Thema habe ich schon einmal verwiesen.

(…) She was speechless with rage that the professor was accusing her innocent, noble Indians, the people she was convinced were so much closer to truly enlightened and pure beings of being chauvinist, Neanderthal dorks. I was filled with a new appreciation of how prejudiced, ignorant and agenda-driven my fellow intellectuals-in-training were.

Some time later, perhaps as a response, that same professor used the following quote from D.H. Lawrence’s book, Mornings in Mexico. I think it conveys very well the problem of understanding a culture so different from one’s own and it offers an insight into the clash of cultures that is difficult for a westerner to grasp.
“It is impossible for white people to approach the Indian without either sentimentality or dislike. The common, healthy, vulgar white usually feels a certain native dislike of those drumming aboriginals. The highbrow invariably lapses into sentimentalism like the smell of bad eggs. Why? – Both reactions are due to the same feeling in the white man. The Indian is not in line with us. He’s not coming our way. His whole being is going a different way from ours. And the minute you set eyes on him you know it. And then, there are only two things you can do. You can detest the insidious devil for having an utterly different way from our own great way. Or, you can perform the mental trick, and fool yourself and others into believing that the befeathered and bedaubed darling is nearer to the true ideal gods than we are. The Indian way of consciousness is different from and fatal to our way of consciousness. Our way of consciousness is different from and fatal to the Indian. The two ways, the two streams are never to be united. They are not even to be reconciled. There is no bridge, no canal of connection. The sooner we realize this, and accept this, the better, and leave off trying with fulsome sentimentalism, to render the Indian in our own terms.”

Gerade fuer Autoren muss die Versuchung gross sein, eigene Gedanken, Gefuehle und Verhaltensmuster auf andere zu projezieren. Als Autoren beweisen Grossman und Oz, welche weite Bandbreite menschlicher Moeglichkeiten sie zu erfassen verstehen. Vielleicht faellt es ihnen deshalb schwer, die Grenze zu erkennen, die auch ihnen gesetzt ist. Als Autoren liegt ihre Aufgabe darin, Charaktere zu „erfinden“. Als menschliches Gegenueber duerfen sie aber nicht die Deutungshoheit ueber andere beanspruchen, sondern muessen vor allem zuhoeren und die Moeglichkeit zulassen, dass der andere eben nicht so tickt wie sie.

Hier faellt Oz auf ein altes und laengst widerlegtes Klischee herein.

Both from moral and security standpoints Israel should seek a solution to the 1948 refugee issue. It would involve a financial burden that would have to be met by Western states, Israel and the wealthy Arab states.

In such an eventuality, the level of violence would drop, and the desperation that breeds extremism will begin to wane once the occupants of the refugee camps begin hearing that their lives in the gutters are about to end.

Nicht Verzweiflung schafft Extremismus, sondern die Erfahrung, dass er effektiv ist. Wuerde Israel den Palaestinensern finanzielle Hilfe anbieten, um die Nachkommen von Fluechtlingen aus den Lagern zu holen, wuerde das als Versuch, sich loskaufen zu wollen, aufgenommen. Wie leicht nachvollzogen werden kann, wuerde dies dazu fuehren, dass die Forderungen erhoeht werden. Und der Terror natuerlich auch, da er sich als begleitendes Druckmittel ja bewaehrt hat.

4 Antworten

  1. sicher hast du,
    liebe Ruth,
    eine hervorragende analyse geschrieben.
    ich möchte aber einwenden, dass autoren wie oz und grossman ( die ich sehr gerne lese und schätze!) nicht in erster linie sachlich-politisch schreiben – auch wenn sie es manchmal so verkaufen – sondern in ihrer eigenschaft als schriftsteller auch (immer?) ihrer rolle treu bleiben und damit auch die einschätzung der realität nicht nach wissenschaftlichen methoden betreiben. sie bleiben in ihrem metier – zu schreiben und beschreiben und damit ihre gefühle und einschätzungen einfließen zu lassen in das, was sie schildern.
    damit liefern sie nicht „den“ abgleich der realität sondern bestenfalls das, was sie dafür halten. ( du sagst es ja selbst!) und so kann ich sie auch verstehen – ohne ihnen zustimmen zu wollen oder zu müssen!
    ich lese „sie“ als eine stimme mit dem ausdruck von verzweifelung, als solche, die wider besseres wissen die hoffnung auf verstehen nicht aufgeben … es macht mich traurig.

  2. Rika,

    sowohl Grossman wie Oz mischen sich aktiv in israelische Politik und nehmen fuer sich in Anspruch, sachlich-politische Ansaetze zu praesentieren.

    Ich kann und will keinem Schriftsteller verwehren, politisch aktiv zu sein. Aber dann gelten fuer ihn die gleichen Regeln wie fuer alle anderen auch. Aus ihrer Rolle als Schriftsteller leiten beide (und nicht nur sie – Grass u.a. fallen mir ebenfalls ein) den Anspruch ab, besonders authentisch und tiefschuerfende Beitraege zur Politik zu leisten. Es geht nicht an, aus derselben Sonderrolle einen Anspruch auf Schonung abzuleiten…

  3. Nun, immerhin haben sie, und auch A.B. Yehoshua, intellektuelles und menschliches Format. Unter den Pygmäen, die sich in der Politik tummeln, fallen sie einfach positiv auf, ohne daß man mit ihnen übereinstimmen müßte. Ich habe sie schon öfter reden gehört, und sie sind eindrucksvoll und charismatisch, wie man es bei unserer bläßlichen Gurkentruppe in der Knesset bitter vermißt. Darum bekommen ihre Worte vielleicht mehr Gewicht, als man ihnen sonst zugestehen würde.

    Ich bin Künstlern gegenüber toleranter, denn ihre gesellschaftliche Rolle kann auch die der vielleicht naiven, aber lebenswichtigen Utopie sein. So wie Rubens, der als Shuttle-Diplomat so gern Frieden machen wollte und riesige Bilder voll Allegorien des Friedens malte, auch wenn außer ihm niemand daran interessiert war.

    Natürlich sieht die Realität, gemessen an den hehren Idealen, desto häßlicher aus. Trotzdem wäre es für uns alle besser, wenn auch bei den Palästinensern so eloquente Stimmen mal andere Visionen als nur von Blutvergießen und Märtyrertum zu hören wären.

    In privaten und auch dienstlichen Begegnungen habe ich übrigens nie Probleme mit Arabern gehabt, viel weniger als mit verbohrten deutschen Friedensfreunden. Dan Shiftan erklärt das ganz einleuchtend, daß es nämlich möglich ist, „den Juden“ (den ich für Araber natürlich auch repräsentiere) freundlich zu bewirten, aber „die Juden“ und ihren Staat bitter zu hassen und zu bekämpfen. Auch Deutsche und Franzosen haben sich von Schützengraben zu Schützengraben zugetrunken, bevor weiter geschossen wurde.

    Wir sollten uns keine Illusionen über ein solches Zutrinken machen – aber ich persönlich lasse mir von der Kraft des Hasses, der mir von gegenüber entgegenschlägt, die Empathiefähigkeit nicht kaputtmachen. Mir werden traurige Schicksale der Palästinenser immer leidtun, auch wenn ich die Übeltäter woanders vermute als die leidenden Palästinenser selbst. Ich glaube, mein Wunsch, Kinder in Gaza mit Teddybären, Schultaschen und Büchern ausgestattet zu sehen, vergnügt und spielend, ist viel brennender als das Verlangen der arabischen Führung nach solchen Verhältnissen. Deswegen lasse ich mir aber mein menschliches Mitleid nicht nehmen, wie es sich auxh Oz und Grossmann nicht nehmen lassen.

    Ob man daraus eine Haltung in Verhandlungen ableiten kann – vermutlich eher nicht.

    Und totally unrelated: ich habe gestern dienstlich mit Oz´ Tochter telefoniert und BOAH ist die nett. Vollkommen unisraelisch. Ich war ganz bezaubert.

  4. Lila,

    Grossman, Oz und Yehoshua haben auf alle Faelle literarisches Format. Das intellektuelle Format wuerde ich bereits vorsichtiger beurteilen. Da ich keinen der drei persoenlich kenne, entzieht sich das menschliche Format meiner Beurteilung. Vermuten wuerde ich es bei Grossman und Oz, bei Yehoshua schon weniger.

    Mitgefuehl ist es nicht, was ich beanstande. Das Einfuehlen in andere Menschen setzt voraus, ihnen sorgfaeltig zuzuhoeren. Sich die Deutungshoheit ueber sie anzumassen, bedeutet das Gegenteil. Besonders bei Yehoshua wuerde ich schon fast von einer Sonderform von Rassismus sprechen. Wenn Araber grundsaetzlich die besseren Menschen sind, dann wird dem Individuum die ans Kollektiv gerichtete Erwartung aufgezwungen. Dieses Kollektiv dient meist obendrein als Projektionsflaeche fuer eigene Sehnsuechte…

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