zum Begriff „Weltkrieg“


Michael und ich diskutieren, ob es angemessen ist, den Begriff „Weltkrieg“ fuer den gegenwaertigen Konflikt zu verwenden. Weil ich das Thema interessant und wichtig finde, mache ich aus meiner Antwort auf Michaels letzten Kommentar einen neuen Beitrag.

bei der Bekämpfung des islamischen Extremismus gibt es zwar punktuell internationale Zusammenarbeit, aber im grossen und ganzen kocht jedes Land sein eigenes Süppchen.

Das Gleiche galt fuer die verschiedenen Fronten im II Weltkrieg. Die Alliierten kamen erst kurz vor Ende des Kriegs zu einer halbwegs funktionierenden Koordination.

Abgesehen davon: was soll’s denn bringen, die Auseinandersetzungen und Konflikte einfach über einen Kamm zu scheren und als Weltkrieg aufzublasen. Die Sache ist so schon schlimm genug. Da muss man nicht noch extra Öl in’s Feuer giessen. Denn genau letzteres wollen die Extremisten ja; das liefert ihnen ja gerade die Bestätigung, dass sie mit ihren Aktionen die Welt verändern können.

Das finde ich eine sehr eigenartige Argumentation. Sie scheint mir von magischen Vorstellungen gepraegt zu sein: „Beschreien“ heisst es, wenn implizit davon ausgegangen wird, dass das Nennen des (boesen) Namens dem Boesen Vorschub leistet.* Wuerde die Weltlage schlimmer, wenn sich der Begriff IV. Weltkrieg durchsetzen wuerde? Die Islamisten (ich stelle fest, dass Du auch es vermeidest, den Gegner beim Namen zu nennen. „Extremisten“ ist ganz und gar generisch und eignet sich schlecht zur exakten Beschreibung.) haben die Welt bereits veraendert. Wenn wir so tun, als ob dies nicht der Fall waere, dann leugnen wir Tatsachen. Wem soll damit genuetzt sein?

Was erhoffst du dir davon, dass man den “Krieg gegen den Terror” auf die Eskalationsstufe eines Weltkriegs hebt?

„Krieg gegen Terror“ ist keine angemessene Bezeichung. Der 1. Weltkrieg wurde ja auch nicht als Krieg gegen Schuetzengraeben und der 2. nicht als Krieg gegen Panzer und Flugzeuge definiert. In meinen Augen ist „Weltkrieg“ die angemessene Bezeichnung, weil es sich um einen Konflikt mit weltumspannenden Fronten und auf beiden Seiten um Ideologien mit Anspruch auf universaler Geltung handeln. Im Gegensatz zu Dir sehe ich nicht, dass die Bezeichnung eine Eskalation beinhaltet.

Glaubst du die Interessenlage ist in der nicht-islamischen Welt so einheitlich, dass ein koordiniertes Vorgehen zustande kommt ? Verglichen mit den Positionen Russlands und Chinas musst du doch zugeben, dass man fast behaupten kann, dass Europa, USA und Israel noch am gleichen Strang ziehen.

Einheitlichkeit war auch kein Kennzeichen im 1. und 2. Weltkrieg, daher sehe ich nicht, warum sie auf einmal ein definierendes Kriterium geworden sein soll.

Findest du nicht, dass du mit solch verbaler Säbelrasselei gerade jene arabischen Staaten in Bedrängnis bringst, die ohnehin Schwierigkeiten haben, ihre innenpolitische Situation einigermassen unter Kontrolle zu behalten ?

Wie gesagt, „Saebelrasseln“, „Eskalation“ ist Dein Empfinden, nicht meins, und hat wohl etwas mit Furcht vor dem Beschreien zu tun. Wenn ich Dich richtig verstehe, machst Du Dir Sorgen um Diktatoren wie Mubarak und Gaddafi und die Koenigshaeuser der Saudis und Hashemiten? Ich bin nicht sicher, ob alle diese Machthaber wirklich vom Westen unterstuetzt werden muessen. Wenn ihre Regime derart instabil sind, dass Worte sie in Bedraengnis bringen, dann lohnt sich das Stuetzen nicht. Denk‘ Mubarak: Die USA haben so viele technologisch fortgeschrittene Waffensysteme nach Aegypten geliefert. Die Nachfolge wird in absehbarer Zukunft geregelt werden muessen. Wenn die Muslimbruderschaft dabei an Einfluss gewinnt und von Gamal Mubarak an der Regierung beteiligt werden muesste, dann haetten die USA ihre eigenen Feinde ausgeruestet. Im Rueckblick koennte man dann ueberlegen, dass es fuer den Weltfrieden besser gewesen waere, wenn das aegyptische Regime frueher implodiert waere.

Ich finde, dass man so lange wie irgendmöglich eine Verhandlungslösung verfolgen und höchstens punktuell militärisch vorgehen soll, solange es international weder einen breiten Konsens über die Ziele noch über die Verfahrensweise gibt.

Die Forderung, dass ein Weltkrieg an den Hauptfronten heiss zu sein habe, stammt ebenfalls nur von Dir. Ich zaehle wie gesagt auch den Kalten Krieg als Weltkrieg, bei dem genau die von Dir empfohlene Vorgehensweise zum Erfolg gefuehrt hat.

Hätte man sich zunächst allein auf die Sache konzentriert, zu der es noch den grössten Konsens gab – Afghanistan – wären wahrscheinlich alle in einer erheblich besseren Position, meiner Meinung nach auch Israel. Ein konkret vorweisbarer Erfolg hätte allen vernünftigen Seiten eine erheblich bessere Ausgangsbasis verschafft.

Ich glaube nicht, dass der Krieg gegen die Taliban ausreichend gewesen waere, die US-Abschreckung wieder herzustellen. Ob der Irak das richtige Ziel war, kann diskutiert werden. Vielleicht waere es besser gewesen, gleich den Iran anzugehen. Aber der Irak war auf jeden Fall das leichtere Ziel.

* Gerade  fiel mir noch ein sehr zeitgenoessisches Beispiel fuer „Beschreien“ ein: You-know-who versus Lord Voldemort. Ja, ich lese die Harry Potter Buecher und warte mit Spannung, welchen Abschluss sich Rowling ausgedacht hat.

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2 Antworten

  1. Ruth,

    ich gebe dir insofern recht, dass es zu Anfang keine gemeinsame Linie gab. Stalin versuchte sich zumindest vorübergehend mit Hitler zu arrangieren. Die USA wollte sich zunächst möglichst heraushalten. Doch je schwieriger die militärische Situation Grossbritaniens wurde, und je deutlicher die Absichten Japans wurden, desto unhaltbarer wurde diese Position.
    Spätestens ab dem Zeitpunkt, als die UdSSR massive Militärhilfe aus den USA bekam, waren alle ideologischen und strategischen Vorbehalte zwischen Ost und West in den Hintergrund gerückt und das gemeinsame Interesse, das nationalsozialistische Deutschland und seine aktiven Verbündeten zu überwinden, vor alle anderen gestellt. Diese Allianz hielt nicht länger, als von beiden Seiten für unbedingt als nötig erachtet, und so brach der bereits bestehende Konflikt auch unmittelbar danach wieder auf. Aber: es gab keinen dritten Weltkrieg, denn dieser würde, falls ausser Kontrolle geraten, eine imense Katastrophe bedeuten, die sich mit keinem strategischen Ziel rechtfertigen liesse.
    Man kann den kalten Krieg in gewisser Weise sogar eher als eine komplementäre Entwicklung zum 2.WK sehen: während im 2.WK zeitweilig ein Zwang zum Konsens für militärische Zusammenarbeit bestand, erzwang anschliessend die Situation mühsame, viele Jahre andauernde, diplomatische Verhandlungen und einiges mehr, um den Ausbruch eines Krieges zu vermeiden. In den militärischen Konflikten jener Zeit spiegelten sich zwar oft die Spannungen zwischen Ost und West wider, aber lokale bzw. regionale Ursachen spielten meist eine ebenso grosse Rolle (z.B. Angola, Namibia, Südafrika oder auch in Vietnam).
    Letztlich sind Differenzierung immer etwas willkürlich und subjektiv. Andererseits läuft man mit dem Vorgehen, jeden Begriff auf alles anzuwenden, Gefahr, Unterschiede zu verwischen. Mit einem hinreichend grossen Hammer kann man vieles für Nägel halten.

  2. Würde der Krieg gegen Taliban und al-Qaida nur das militärische Abschreckungspotential des Westens vorführen, könnte man die Sache meiner Meinung nach in der Tat bleiben lassen. Dass es bei uns viel Feuerwerk gibt, hat sich wohl schon länger herumgesprochen und beeindruckt in dieser Region nicht wirklich viele.

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