Bernard Lewis zur Judenfrage


On the Jewish Question

Weil mir der Text in seiner Klarheit so gut gefaellt, werde ich ihn uebersetzen:

Anbei ein paar Gedanken zur Friedenskonferenz in Annapolis morgen und zum groesseren Problem, wie der isr.-pal. Konflikt angegangen werden kann. Die erste Frage (man sollte meinen, das waere selbstverstaendlich, ist es aber nicht) lautet: „Worum geht es in diesem Konflikt?“ Grundsaetzlich gibt es zwei Moeglichkeiten: es geht um die Ausdehnung Israelis oder um seine Existenz.

Wenn der Knackpunkt die Ausdehnung Israelis ist, dann haben wir es mit einem klaren Grenzstreit zu tun, wie Elsass-Lothringen oder Texas. Soll heissen, nicht einfach, aber grundsaetzlich loesbar auf die langen Sicht und in der Zwischenzeit kann damit gelebt werden.

Wenn es andererseits um die Existenz Israels geht, dann gibt es klarerweise keine Verhandlungsloesung. Zwischen Existieren und Nicht-Existieren gibt es keinen Kompromiss, und keine denkbare israelische Regierung wird darueber verhandeln, ob es dieses Land geben soll oder nicht.

PLO-Vertreter und andere pal. Sprecher haben gelegentlich die formelle Anerkennung von Israel angedeutet, in ihrem diplomatischen Diskurs und in fremden Sprachen. Aber diese Botschaft wird zuhause auf Arabisch nirgends vermittelt, nicht in Grundschulbuechern, politischen Reden und religioesen Predigten. Die im Arabischen verwendeten Begriffe bezeichnen nicht das Ende der Feindseligkeiten, sondern eine Waffenruhe oder einen Waffenstillstand bis der Krieg gegen Israel mit besseren Erfolgsaussichten wieder aufgenommen werden kann. Kein Friede kann verhandelt werden ohne die grundsaetzliche Anerkennung des Existenzrechts von Israel als juedischem Staat, in derselben Weise wie die 22 Mitgliedsstaaten der Arabischen Liga als arabische Staaten und die weit mehr Mitglieder der Islamischen Konferenz als islamische Staaten existieren.

Die viel diskutierte Fluechtlingsfrage ist ein gutes Beispiel. Waehrend der Kaempfe 1947-48 flohen etwa eine dreiviertel Million Araber aus Israel oder wurden vertrieben (beides ist richtig an verschiedenen Orten) und fanden Zuflucht in den benachbarten arabischen Laendern. Im selben Zeitraum und danach floh eine um wenig hoehere Zahl von Juden aus arabischen Laendern oder wurde vertrieben, zuerst aus den arabisch kontrollierten Gebieten des Mandatsgebiets Palaestina (wo kein einziger Jude bleiben durfte), dann aus den arabischen Laendern, wo sie und ihre Vorfahren seit Jahrhunderten und in einigen Orten seit Jahrtausenden lebten. Die meisten juedischen Fluechtlinge fanden Zuflucht in Israel.

Was passierte, war also ein Bevoelkerungsaustausch, aehnlich demjenigen,der im vorangegangenen Jahr im indischen Subkontinent stattgefunden hatte, als die Briten Indien in Indien und Pakistan aufteilten. Millionen Fluechtlingen flohen oder wurden vertrieben – Hindus und andere aus Pakistan nach Indien und Muslime aus Indien nach Pakistan. Ein anderes Beispiel waere Osteuropa nach dem Ende des II. Weltkriegs: Die Sovjets annektierten ein grosses Stueck von Ostpolen und kompensierten die Polen mit einem Stueck des oestlichen Deutschlands. Das loeste ebenfalls eine massive Fluchtbewegung aus – Polen flohen oder wurden vertrieben aus der Sovjetunion nach Polen, Deutsche flohen oder wurden vertrieben aus Polen nach Deutschland.

Die Polen, Deutschen, Hindus, Muslime und die juedischen Fluechtlinge aus arabischen Laendern wurden alle in ihrer neuen Heimat ansaessig und erhielten normale Buergerrechte. Noch bemerkenswerter ist, dass dies ohne internationale Hilfe geschah. Die eine Ausnahme waren die palaestinensischen Araber in den arabischen Nachbarlaendern.

Die jordanische Regierung gewaehrte den pal. Arabern eine Art Buergerecht, hielt sie aber in Fluechtlingslagern. In den anderen arabischen Laendern, waren und blieben sie staatenlose Auslaender ohne Rechte oder Chancen, unterhalten durch UN Gelder. Paradoxerweise konnte ein Palaestinenser, wenn er nach Grossbritannien oder in die USA floh, sich nach fuenf Jahren naturalisieren lassen und seine dort geborenen Kinder waren ab Geburt Staatsbuerger. Wenn er dagegen nach Syrien, Libanon oder Irak floh, blieben er und seine Nachkommen staatenlos, heute schon die vierte und fuenfte Generation.

Verschiedene arabische Sprecher haben den Grund dafuer angegeben: Die Palaestinenser muessen als separate Einheit erhalten bleiben, bis sie zurueckkehren und ganz Palaestina fuer sich beanspruchen koennen, soll heissen, die ganze Westbank, den Gazastreifen und Israel. Die Forderung nach einer „Rueckkehr“ der Fluechtlinge bedeutet mit anderen Worten die Zerstoerung Israels. Sehr unwahrscheinlich, dass eine israelische Regierung dem zustimmt.

In manchen arabischen Kreisen gibt es Anzeichen fuer einen Sinneswandel, fuer die Bereitschaft, Israel zu akzeptieren und sogar die Moeglichkeit in Betracht zu ziehen, dass israelische Beitraege sich im oeffentlichen Leben der Region positiv auswirken koennten. Aber solche Ansichten werden nur verstohlen geaeussert. Manchmal landen diejenigen, die sie aeussern, im Gefaengnis oder schlimmer. Solche Meinungen haben bisher wenig oder keinen Einfluss auf die Fuehrung.

Damit kommen wir zum Gipfel in Annapolis zurueck. Wenn es nicht um die Ausdehnung Israels geht, sondern um seine Existenz, dann sind Verhandlungen zum Scheitern verurteilt. Im Licht der vergangenen Erfahrungen ist klar, dass es darum geht und darum gehen wird, bis die arabische Fuehrung entweder ihr Ziel erreicht oder es aufgibt – die Zerstoerung Israels. Beides scheint derzeit gleichermassen unwahrscheinlich.

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8 Antworten

  1. Danke fuer den Artikel, Ruth. Gruss, Gerd.

  2. Danke fuer Deine gute Meinung, Gerd. Darf ich Dir hier antworten, statt im Hagalilforum, das ich lieber meiden moechte?

    Ich hatte nicht angenommen, dass Du etwas gegen meine Seite hast, sondern wollte Dir nur darauf antworten, warum die Verlinkung soviel gereizte Reaktionen ausloeste.

  3. Eigentlich ein guter Artikel, nur mit dem „Bevölkerungsaustausch“ bin ich anderer Meinung. In Indien/Pakistan gab es einen Bevölkerungsaustausch. Die Polen/Deutschen wurden jeweils vertrieben. Die Palästinenser wurden auch vertrieben. Es sollte nicht von Bevölerungsaustausch gesprochen werden, wenn die Jeweilige Bevölkerung in mehrere Länder vertrieben worden sind. Die Juden in den Arabischen Ländern wurden auch vertrieben. Wobei man aus Europäischer überheblichkeit schon von einem Bevölkerungsaustausch sprechen kann, weil selbst in den Medien heißt es immer nur entweder die Asiaten, Nordafrikaner, Afrikaner oder Araber ohne zu differenzieren um welche Länder es sich tatsächlich handelt.

  4. Hallo Ruth,
    verstehe.
    Aber mach Dir mal nichts aus den Reaktionen: Das Eine hat ja mit dem Anderen nichts zu tun und schlussendlich kann man niemanden davon abhalten, Deinen Blog zu lesen. Ich bin ganz froh, dass Eran zu Dir bzw. dem Artikel verlinkte.
    (Was sehe ich auf dem Bild dort oben – dieses Denkmal in Richtung Omer?)
    Gruss und einen ruhigen Schabbat, Gerd.

  5. Hallo Gerd,

    Du scheinst Beer Sheva zu kennen. Ja, das ist die Andarta der Negevbrigade. Wir wohnen nicht weit davon entfernt. Wann warst Du denn das letzte Mal hier?

  6. Hi Ruth,

    in Beersheva und (Gane) Omer bin ich das letzte Mal Ende der 90er gewesen. Nur fuer einen Tag. Leider.
    Dann musste ich schon wieder zuerueck nach Yerushalayim, weil ich am naechsten Tag in Ma’alot sein wollte.
    Fuer gewoehnlich verlasse ich die Hauptstadt allerdings sehr ungern.

    Herzliche Gruesse, Gerd.

  7. Wenn Du mal wieder vorbei kommen solltest, melde Dich! Zeit fuer Kaffee sollte drin sein, so schoen Jerusalem auch ist.

  8. 🙂 Prima. Danke.

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