Victor Kocher und die NZZ: Zur Kenntlichkeit entstelltt


Die Hamas wird sowohl von den USA wie auch von der EU als Terrororganisation definiert. Die NZZ weiss das natuerlich, hat aber keine Hemmungen, in der Zeitung einen Propagandatext zu veroeffentlichen. Charakteristisch ist, dass der interviewte Hamas-Funktionaer als „stellvertretender Leiters des Hamas-Politbüros, Musa Abu Marzuk“ vorgestellt wird. Dabei gaebe es noch ein paar andere Fakten, die interessant zu wissen waeren:

Musa Abu Marzouk is the Deputy Chief of HAMAS’s Political Bureau based in Damascus, Syria. His activities include directing and coordinating terrorist acts by HAMAS against soldiers and civilians in Israel and the West Bank and Gaza. Marzouk maintains relationships with other terrorist organizations.

The Holy Land Foundation for Relief and Development, designated as an SDGT under EO 13224 in December 2001 based on its support of HAMAS, received start-up funding and instructions from Marzouk. Marzouk is implicated in receiving financing for HAMAS terrorist attacks, funds that have been used to mobilize military activity inside Israel and the West Bank/Gaza.

In seiner Charmeoffensive fuer die Hamas in der NZZ «Israel will ein Palästina-Ghetto erzwingen»

legt Victor Kocher Herr Marzuk in den Mund:

Ihre Ziele sind denjenigen von Abbas in vielem ähnlich. So stellte Abu Marzuk klar, dass die Hamas einen Staat auf der gesamten Fläche von Cisjordanien, Ostjerusalem und Gaza erringen will.

Ich neige dazu, diese Einschaetzung zu teilen: Tatsaechlich ist auch die Fatah unter Abbas nicht bereit, Israel das Existenzrecht als juedischer Staat zuzugestehen und verfolgt weiterhin den Phasenplan Arafats. Aber Kocher meint natuerlich das Gegenteil: Da Abbas als Moderater gehandelt wird, sei auch die Hamas moderat.

Derselbe Marzuk hat sich uebrigens im Februar 2006 so geaeussert:

Senior Hamas member Musa Abu Marzuk described the Palestinian Authority’s recognition of Israel as „an error, which can be rectified,“ speaking to reporters in Cairo Sunday.

„Where are the borders of this country? Are the settlements included in them? What will happen with the right to return?“ Abu Marzuk demanded. „Until these questions are answered satisfactorily, we will not even consider changing our stance.“

Abu Marzuk’s comments came shortly after Damascus-based Hamas leader, Khaled Mashaal said last week that Hamas would never recognize the legitimacy of the „Zionist state which was established on our land“.

Und im Juli dieses Jahres schrieb er in der LA Times folgendes:

(…)

Yet in my many years of keeping an open mind to all sides of the Palestine question — including those I spent in an American prison, awaiting Israeli „justice“ — I am forever asked to concede the recognition of Israel’s putative „right to exist“ as a necessary precondition to discussing grievances, and to renounce positions found in the Islamic Resistance Movement’s charter of 1988, an essentially revolutionary document born of the intolerable conditions under occupation more than 20 years ago.

(…)

I look forward to the day when Israel can say to me, and millions of other Palestinians: „Here, here is your family’s house by the sea, here are your lemon trees, the olive grove your father tended: Come home and be whole again.“ Then we can speak of a future together.

Hier finden wir die altbekannte anitsemitische Leier, dass Israel die USA kontrollierte. Und als Loesungsvorschlag bietet Marzuk an, dass Israel den Palaestinenser einfach das Land uebergeben koennte, dann koenne ueber eine gemeinsame Zukunft gesprochen werden.

Und gestern feierte die Hamas so ihr 20jaehriges Bestehen:

Hamas on Saturday marked its 20th anniversary by vowing to continue the „jihad“ against Israel and never recognize its right to exist.

(…)

Haniyeh pointed out that those who believe in the „resistance“ and the concept that „Islam is the solution“ have scored a number of victories over the past few years: the Israeli withdrawal from southern Lebanon in 2000, the Israeli withdrawal from the Gaza Strip in 2005, the abduction of IDF Cpl. Gilad Schalit in 2006 and the beginning of the „defeat“ of the Americans in Iraq and Afghanistan this year.

Haniyeh said that „Whoever insists on not recognizing Israel, clings to Allah and doesn’t surrender in the face of the Israeli and US blockade, his popularity grows despite American hostility.“ „As long as the Israeli oppression grows, so will his popularity.“

(…)

Syria-based Hamas leader Khaled Mashaal [Marzuks Chef, RB] threatened during a televised speech to launch a „third and fourth intifada“ against Israel. He added that his movement had a lot of patience „despite the ongoing conspiracies and the blockade against the Gaza Strip.“ He, too, said one of Hamas’s biggest achievements was to „expel“ Israel from the Gaza Strip in 2005.

(…)

Diese laestige Kleinigkeit ist auch nicht wert, von Herrn Kocher erwaehnt zu werden:

Und diesen Mann und seine Bewegung will uns die NZZ als Verhandlungspartner andienen! Die politische Agenda der Zeitung wird immer deutlicher…

13 Antworten

  1. Ich will mich nicht ein deine mediale Auseinandersetzung mit deiner alten Heimat einmischen.

    Nur eine Anmerkung: Du kannst mich naiv nennen, aber dass Leute wie Abbas, Rabbo, Dahlan und Fajad an diesen Phasenplan arbeiten, glaube ich nicht. Die Frage ist m.E. eher, ob sie es schaffen den Vertretern des ewigen Kampfes -egal ob in Hamas, Jihad oder Fatah- erfolgreich Paroli zu bieten?

  2. Flowerkraut,

    ich habe nicht gesagt, dass Abbas, Rabbo, Dahlan und Fayad an diesem Phasenplan arbeiten, sondern dass die Fatah auch unter Abbas daran festhalte. Dass es sich um eine signifikante Mehrheit auch in der Fatah handeln muss, ist klar auszumachen an dem Storchentanz, den auch Abbas jedesmal auffuehrt, wenn es um Punkte wie Anerkennung des juedischen Staates, „Rueckkehrrecht“ fuer pal. Fluechtlinge und ihre Nachkommen usw. geht. Niemand versucht auch nur ernsthaft, dieser Mehrheit Paroli zu bieten oder wenigstens die naechste Generation zu einer anderen Einstellung zu erziehen.

    Ob der Phasenplan das persoenliche Ziel von Abbas und Co. ist, ist vor diesem Hintergrund vollkommen irrelevant.

  3. Du kannst meinen Einwand auch allgemeiner verstehen: Niemand spricht mehr von PLO, einmal weil sie an Wertigkeit verloren hat, aber auch weil der Begriff keine einheitliche politische Linie mehr beinhaltet. Eigentlich verhält es sich mit der Organisation Fatah ähnlich. Wenn man ihn h e u t e nutzt, was meint das im Anbetracht der Vielzahl von teilweise autonom agierenden Unterorganisation?
    Ich denke man sollte eher die dominante Störung nennen (Problem: mit welchen Namen?), aber wer ist dominant? Die von dir oft zitierten verbalen Eiertänze sind m.E. Ausdruck dieses Phantomschmerz-Problems, niemand will die Einheit expressis verbis aufgeben, weil in dem Moment der allgemeine Vertretungsanspruch hochgradig gefährdet wäre. Und einen weiteren Anlass zum Machtkampf/ Bürgerkrieg will dort wohl niemand. Ansonsten besteht Abbas nur auf seiner Verhandlungsposition, wie Israel auch, das ist normal, unnormal ist, dass der Sprung über den Rubikon nach so vielen Jahren nicht gelingen will.

  4. Er kann nicht gelingen, weil niemand auf palästinensischer Seite in der Lage ist, irgendwelche Zugeständnisse zu machen; in dem Moment, wo er das tut, verliert er sein Mandat, womöglich sein Leben (ebenso wie etliche Israelis, die dann der darauffolgenden palästinensischen Terrorwelle zum Opfer fallen würden). Ein Verhandlungsfriede scheitert daran, dass die Palästinenser keine verhandlungsfähige Partei sind.

  5. „Only free men can negotiate.“
    „For to be free is not only to cast of one’s own chains, but to enhance the freedom of others.“
    Nelson Mandela
    Da man langfristigen Frieden nur mit seinen Gegnern schliessen kann und nicht mit den eigenen Vasallen (Abbas, Dahlan, Rabbo etc.) rate ich der israelischen Regierung, mit der Hamas zu verhandeln. Denn Israels Volk braucht eine Lösung. Die Situation in Gaza und WB ist eine ethische und humanitäre Last auf den Schultern des israelischen Volkes und birgt langfristige Sicherheitsrisiken, die JETZT angegangen werden müssen.

  6. 1eye7

    dann sei doch mal so freundlich und lies nach, was ich speziell zu diesem Thema schon geschrieben habe:
    https://beer7.wordpress.com/2007/09/11/verhandeln-mit-hamas/
    https://beer7.wordpress.com/2007/09/17/verhandeln-mit-hamas-ii/
    https://beer7.wordpress.com/2007/09/24/verhandeln-mit-hamas-iii/
    https://beer7.wordpress.com/2007/09/24/verhandeln-mit-hamas-iv/
    https://beer7.wordpress.com/2007/09/24/politische-morde-im-libanon-und-verhandeln-mit-hamas-v/
    https://beer7.wordpress.com/2007/09/26/verhandeln-mit-hamas-vi/

    Wie Du siehst, habe ich mich mit dieser Frage schon etwas beschaeftigt.

    Im ersten Beitrag zu diesem Thema habe ich drei Punkte aufgefuehrt, was Israel ev. der Hamas zu bieten haette.

    Wie wir inzwischen gesehen haben, ist allenfalls der 3. Punkt relevant. Kaum hat Israel die gezielten Toetungen wieder aufgenommen, so bietet Hamas einen Waffenstillstand an.

    Ich habe gerade Ayn Rand „Atlas Shrugged“ zu Ende gelesen. Im Finale haelt der Held fest, dass Negatives kein Wert sei, der gehandelt werden koennte. Das Versprechen, nicht getoetet zu werden, sei ein solcher negativer Wert.

  7. Liebe beer 7,

    Deine Argumente sind mir grösstenteils bekannt und ich habe Verständnis für Sie. Darf ich Dir eine Frage stellen. Da Du Verhandlungen mit Hamas (und sogar Abbas) als nutzlos bezeichnest, möcht ich Dich folgendes Fragen.
    Angesichts der Tatsache, dass z.B. der Gaza Streifein eine abgeriegelte Hochsicherheitszone ist in der eine israel feindlich gesinnte Zivilbevölkerung vor sich hinserbelt, was für eine Zukunft siehst Du für Israel mit einem solchen Gebilde (Gaza) innerhalb seine Grenzen? Was soll aus all den Menschen in Gaza langfristig geschehen? Was passiert aus Israel, welches dieses Gebild in sich trägt? Kennst Du Menschen die in Gaza leben? Kannst Du Dir vorstellen wie sich Israels Schlagkraft anfühlt wenn man durch die Strassen von Gaza spaziert?

  8. Der Gazastreifen ist eben keine abgeriegelte Hochsicherheitszone, wie ich ebenfalls mehrfach behandelt habe. Die Zivilbevoelkerung „serbelt“ (schoenes schweizerisches Wort) nicht zuletzt auch, weil die ungeheuren Hilfszahlungen nicht bei ihr ankommen, sondern in Korruption und Waffen umgesetzt werden.

    Langfristig wuerde ich von den Menschen im Gazastreifen erwarten, dass sie sich desillusioniert von der Hamasregierung abwenden und sich mehr auf ihre eigenen Interessen besinnen, anstatt sich dem Iran als Fussvolk anzudienen. Ich kenne keine Menschen, die aktuell im Gazastreifen leben, ich kenne Menschen, die dort gelebt haben, aber politische Diskussionen vermeiden wir sorgfaeltig.

    Offensichtlich fuehlt sich Israels Schlagkraft nicht ueberzeugened genug an, sonst wuerde nicht jeder Kassamtreffer als Sieg gefeiert.

  9. Das wird ja ein wahrer Schwyzerdütschkurs hier. Und ich habe schon gegrübelt, was die Einwohner von Gaza mit den Serben zu tun haben könnten … 😀

  10. Dann überlegen wir uns doch mal was denn die wahre Interessen der Menschen in Gaza sein könnten.
    Bewegungsfreiheit,
    die Inbetriebnahme eines Hafens,
    Zugang zu Jobs (z.B. in Israel),
    die Wiederinbetriebnahme der Industrie im Gazastreifen,
    innere Sicherheit (Polizeisystem) und weniger Mafia, Unberechenbarkeit und Korruption,
    äussere Sicherheit (Ende der Bombardierungen),
    eine Regierung die im Interesse aller handelt,
    einen Staat,
    Hoheit über die eigenen Grenzen,
    eine Lösung für die Flüchtlingsfamilien,
    Selbstachtung.

    Ich glaube diese Liste ist, auf Grund meiner ausgiebigen Erfahrungen, in etwa zutreffend. Der Iran ist den Menschen in Gaza ziemlich egal. In ihrer Sichtweise, und zum Teil auch in der Realität hindert vor allem die Besetzung das Erlangen oben gennanter Ziele. Deshalb richtet sich auch die Aggression gegen die Besetzer. Die Korruption, die Mafiastruktur und das Sicherheitschaos gedeihen aus der gegebenen Situation heraus und sind nicht per se dem Volke Gaza innewohnend.
    Die Frage bleibt: Wie sieht eine taugliche, langfristige Strategie Israels, angesichts diesen Umständen aus?
    Ich interessiere mich sehr für Deine Auntwort auf diese Frage. Aus Deiner Perspektive.

  11. Was sind die Gründe für das Ausbleiben zukunftsgerichteter Antworten aus Israel?
    Israel braucht doch mutige, realistische, hoffnungsvolle Visionen für die Zukunft.
    Warum wagt es kaum jemand solche zu formulieren?
    Ich weiss ich rede von Europa aus und kann die Gründe dafür wahrscheinlich einfach nicht wahrnehmen von hier.
    Viele Grüsse nach Beer Sheva.

  12. 1eye7,

    mir scheint, Du siehst nicht, dass ich Dir in einem eigenen Beitrag geantwortet habe.
    Die „wahren Interessen“ der Menschen im Gazastreifen

  13. […] liegt. Victor Kocher, der NZZ-Nahostkorrespondenten und “Experte für Islamisten- und Antisemitenverstehen“, führt unter dem Titel «Wir bringen Palästina aufs Geleise zurück» ein Gespräch mit […]

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