Kulturpessimismus


Auf Acht der Schwerter bin ich auf diesen Text gestossen:

Trauert nicht, Kinder Europas

Gestern abend fand zum ersten Mal in diesem (juedischen Jahr) wieder der Thora-Talmud-Kurs statt, dessen Themen mich schon mehr als einmal zu Blogeintraegen angeregt hat.

Als Thema fuer die naechsten Shiurim gab die Leiterin uns das Verhaeltnis zu Eretz Israel vor:

Im konkretesten Verstaendnis bedeutet Eretz Israel das Gebiet, das zu biblischen Zeiten den juedischen Koenigreichen zugerechnet wurde. Heute wird der Begriff von Antisemiten und Antizionisten missbraucht, die ihre eigenen Grossmachtambitionen auf den Staat Israel projezieren. Danach haette Israel Appetit auf das Gebiet vom Nil bis zum Euphrat. Den Unfug dieser Behauptung zeigen auch die weiter unten aufgefuehrten Karten auf dieser Seite, die genau mit dieser Projektion hausieren geht: Das biblische Israel hat selbst in seiner groessten Ausdehnung, den Nil und den Eurphrat nie auch nur annaehernd erreicht.

Abgesehen von diesem konkreten Verstaendnis steht ‚Eretz Israel‘ aber vor allem fuer eine Utopie. Das Land wurde schon Avraham (damals noch Avram) fuer seine Nachkommen verheissen. Dem Verheissenen Land entspricht der Bund. Wenn Israel den Bund nicht einhaelt, kann es aus dem Land vertrieben werden. Das ist die traditionelle Erklaerung fuer das babylonishe Exil. Diese Deutung wurde auch fuer die Zerstreuung durch die Roemer gewaehlt.

Angesichts der hohen Anforderungen fuehlen einige Stroemungen von Haredim (ultraorthodox ist die uebliche Beschreibung), dass Juden besser bis zur Ankunft des Messias gewartet haetten und dass die Gruendung des modernen Staates ein Sakrileg darstellt.

Auch in anderen politischen Zusammenhaengen ist das ein verbreitetes Denkmuster. Ein Beispiel kann dieser Blog sein, fuer den die Raeumung der juedischen Siedlungen im Gazastreifen klar in dieses Modell passt. Eine gute Zusammenstellung juedischer religioeser Texte zum Thema findet sich hier (nur die ersten sind hebraeisch, alle folgenden dann englisch).

Unsere Kursleiterin meinte zu Anfang der Stunde, eine Besonderheit im Verhaeltnis von Volk Israel zu Land Israel laege darin, dass wir nicht „von hier“ seien. Ich widersprach: Besonders ist nur, dass dieses Bewusstsein bewahrt wurde.

Die Voelker Europas koennen nicht als „Ureinwohner“ gehandelt werden. Das Stichwort „Voelkerwanderung“ sollte eigentlich jedem im Schulunterricht mal begegnet sein. Die Alemannen bespielsweise, von denen die Schweiz entscheidend gepraegt wurde, wanderten erst im 3. Jh n. Chr. in dieses Gebiet ein. Moeglicherweise gibt es Schweizer Juden, deren Vorfahren schon frueher dort ansaessig waren… Slawen sollen erst um 500 n.Chr. nach Polen gekommen sein, usw.

Die „Kinder Europas“ (europäischstämmig) sind also allenfalls eine poetische Ueberhoehung mit kurzem, historischen Gedaechtnis.

“Sie waren groß von Statur”, werden sie sagen, “und hatten Haare wie Gold und Augen wie ein tiefer See. Sie konnten wunderschöne Musik komponieren und eindrucksvolle Maschinen bauen. Aber ihr Wohlstand machte sie selbstzufrieden und träge, und sie beschlossen freiwillig, auf das Wertvollste zu verzichten, was sie hatten: Ihre Kinder. Und weil sie nun keine Kinder mehr hatten, da ließen sie in ihrer Verzweiflung die Menschen herein aus dem Ödland. So kam es, dass sie überrannt wurden von den Barbaren, die heute in diesen Landen herrschen, groben Menschen, deren Herzen erfüllt waren von lodernder Wut. Und die Barbaren zerstörten alles, was die Weißen erschaffen hatten, und ließen es verfallen, große, funkelnde Städte und grüne Gärten.

Mit der Karte der Voelkerwanderung im Hintergrund wird klar, welche Ironie darin besteht, diejenigen, die selber als Barbaren gekommen waren und eine entwickelte Zivilisation verfallen liessen, nun als die tragischen Helden zu sehen, denen dasselbe widerfaehrt, was durch sie dem Roemischen Reich geschehen war. Auch der Islam brachte eine Zivilisation hervor, gerade weil er das Erbe des ostroemischen Reiches unmittelbarer und schneller antrat als das christliche Abendland.

Mir scheint, dass in diesem Text zwei voellig unterschiedliche Konzepte, unzulaessigerweise vermischt werden. Was „Europa“ und den „Westen“ ausmacht, kann nicht mit der Hautfarbe gleichgesetzt werden. (Vom Bloedsinn der blonden Haare und blauen Augen mal ganz abgesehen.) Es geht um eine bestimmte Kultur, die moeglicherweise zu geschwaecht ist, um sich einer aggressiveren Kultur gegenueber durchsetzen zu koennen.

Zurueck zum Shiur: Unsere Kursleiterin liess jeden Teilnehmer zu Beginn einige persoenliche Assoziationen zum Begriff „Eretz Israel“ sagen. Ich war unangenehm beruehrt, dass die Mehrheit der Teilnehmer eine ambivalente bis ablehnende Position zum Besten gaben.

Kulturpessimus hat die Tendenz, eine „self-fulfilling prophesy“ zu sein. Das scheint mir ein ausreichender Grund zu sein, um eine solche Haltung abzulehnen.

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2 Antworten

  1. Richtig! Und man muss sich fragen, was im Westen in uns gefahren ist, dass wir glauben, unsere in jeder Hinsicht überlegene Zivilisation werde sich nicht durchsetzen. Es handelt sich schließlich um eine reine Willensfrage. Dass man sich vor dem Aufstieg Chinas fürchtet, kann ich ja noch verstehen. Aber sich vor dem ISLAM in die Hosen machen? Das ist doch degeneriert!

  2. Es gibt eine Variante des Kulturpessimismus (bei Acht der Schwerter und Fjordman, den diese Frau übersetzt, besonders stark ausgeprägt) , die eigentlich darauf ausgerichtet ist, totalitär-völkische Strukturen zu etablieren, indem man erstens mit der eigenen Angst kokettiert und sie zweitens den Mitmenschen so lange eintrichtert, bis sie ihr Urteilsvermögen verlieren.

    Alles schon mal da gewesen, und wir wissen was meistens darauf folgt.

    Wer nicht in der Lage ist, sich mit dem Islam rational und theologisch auseinander zu setzen (Was keine Schande ist) stützt sich oft nur noch auf seine Emotionen und Gefühle und – was noch bedenklicher ist – er lässt sich von anderen aufschwatzen, wie er mit dem Thema umzugehen hat. Dass das hinten und vorne nicht reicht weiß man auch nicht erst seit heute.

    So etwas nenne ich freiwillige Selbstentmündigung (Siehe gewisse Foren von „Islamkritikern“).

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