Die „wahren Interessen“ der Menschen im Gazastreifen


moechte 1eye7 mit mir zusammen ueberlegen

Der Titel ist ein Zitat aus seinem Kommentar, nur die Anfuehrungszeichen stammen von mir. Mir wird immer ein bisschen schmuch (das ist der Schwyzerduetschkurs fuer Manfred), wenn jemand versucht, die „wahren Interessen“ von anderen zu definieren. Das schmoeckt (Schwyzerduetsch fuer riechen/stinken) mir nach Paternalismus. Leider spezifiert 1eye7 nicht, welche „ausgiebigen Erfahrungen“ ihn dazu befaehigen.

Hier ist seine Liste. Die Nummerierung stammt von mir, ansonsten wieder Zitat:

1. Bewegungsfreiheit,
2. die Inbetriebnahme eines Hafens,
3. Zugang zu Jobs (z.B. in Israel),
4. die Wiederinbetriebnahme der Industrie im Gazastreifen,
5. innere Sicherheit (Polizeisystem) und weniger Mafia, Unberechenbarkeit und Korruption,
6. äussere Sicherheit (Ende der Bombardierungen),
7. eine Regierung die im Interesse aller handelt,
8. einen Staat,
9. Hoheit über die eigenen Grenzen,
10. eine Lösung für die Flüchtlingsfamilien,
11. Selbstachtung.

Ich glaube diese Liste ist, auf Grund meiner ausgiebigen Erfahrungen, in etwa zutreffend. Der Iran ist den Menschen in Gaza ziemlich egal. In ihrer Sichtweise, und zum Teil auch in der Realität hindert vor allem die Besetzung das Erlangen oben gennanter Ziele. Deshalb richtet sich auch die Aggression gegen die Besetzer. Die Korruption, die Mafiastruktur und das Sicherheitschaos gedeihen aus der gegebenen Situation heraus und sind nicht per se dem Volke Gaza innewohnend.

Ich stimme mit 1eye7 ueberein, dass der Iran per se den Menschen im Gazastreifen ziemlich egal sein duerfte. Was sie anspricht ist dessen aggressive Rhetorik gegenueber Israel. Seinerzeit haben sie aus genau denselben Gruenden dem irakischen Diktatur Saddam Hussein zugejubelt, der gleichzeitig der Erzfeind des Irans war. Dass damals Hussein und heute Iran Gelder zahlen, tut ihrer Beliebtheit sicher keinen Abbruch, ist aber mit Sicherheit nicht der Anlass fuer die Attraktion. Die USA und Europa zahlen schliesslich wesentlich mehr, ohne dass sie deswegen geliebt werden.

Ich stimme auch ueberein, dass wohl die meisten Menschen im Gazastreifen Israel und die „Besetzung“ fuer alle ihre Miseren verantwortlich machen. Selbst 1eye7 scheint nicht zu glauben, dass diese Einschaetzung durch die Bank richtig ist. Ich halte sie fuer ueberwiegend falsch, aber dass sie so in den Koepfen der Menschen besteht, wird regelmaessig durch innerpalaestinensische Umfragen belegt.

Ich gehe die Punkte mal ganz unsystematisch durch:

7) Die Hamas gelangte in demokratischen Wahlen an die Regierung. Ich persoenlich wuerde diese Wahlen nicht als voellig frei beschreiben (es stoert ein bisschen, wenn manche Parteien ihren Wahlkampf mit Waffen befoerdern koennen und andere nicht), aber ueberwiegend spiegelte sie den Waehlerwillen wohl wider und die unterlegene Fatah hat das Wahlergebnis deshalb auch akzeptiert. Hamas erhielt im Gazastreifen deutlich mehr Unterstuetzung als in der Westbank, und zwar auf Kosten anderer Parteien, nicht der Fatah. Zu diesem Punkt schrieb ich im November

es waere an der Zeit, mit der paternalistischer Abwiegelung aufzuhoeren, die Palaestinenser haetten es mit der Wahl von Hamas ganz anders gemeint.

Meine Schlussfolgerung ist, dass die Menschen im Gazastreifen die Regierung haben, die sie mehrheitlich gewaehlt haben. Eine Einmischung durch Israel (etwa wie die Wahlen in Algerien annulliert wurden, weil FIS sie gewann) haette die pal. Bevoelkerung kaum wohlwollend geduldet.

1) Seit der Raeumung des Gazastreifens im Sommer 2005, gibt es keine Einschraenkung der inneren Bewegungsfreiheit durch Israel. (Mal von akuten Kaempfen abgesehen, die natuerlich ein Verkehrshindernis darstellen, ich komme noch darauf zurueck.) Dass die verschiedenen Fraktionen oder auch Sippen innerhalb des Gazastreifens selber Strassensperren errichten, ist natuerlich richtig. Aber auch hier sehe ich nicht, dass Israel sich das Wohlwollen der Bevoelkerung erwerben wuerde, wenn es eingriffe.

Dito 5). Viele, vor allem links orientierte israelische Analysten interpretierten die Wahlergebnisse vor allem als Wahl gegen Korruption und nicht so sehr als eine Wahl fuer Terror, obwohl pal. Umfrageergebnisse das kaum stuetzen. Ob und welche Anstrengungen unternommen wurden und werden, um die innere Sicherheit im Gazastreifen zu verbessern, kann ich nicht im Detail beurteilen. Wenn wir allerdings die Resultate nach zwei Jahren anschauen, dann scheint sich die innere Sicherheit nicht verbessert zu haben, waehrend der Raketenbeschuss auf Israel nicht nur weiter geht, sondern sowohl quantitiv wie auch qualitativ gesteigert wurde.

9) Die PA Regierung hatte die Kontrolle ueber ihre eigenen Grenzen bis zum Putsch im Gazastreifen im Sommer 2007 . Man muss sich darueber klar sein, dass jede Grenze mindestens zwei Seiten hat. Die Schweizer haben die volle Kontrolle ueber ihre Grenzen, was aber nicht heisst, dass z.B. die Deutschen alles und jedes aus der Schweiz nach Deutschland lassen und vice versa. Meine Mutter, die gern auch mal Einkaeufe schmuggelt, kennt sich da bestens aus. Israel behaelt sich selbstverstaendlich vor, seine Seite der Grenzuebergaenge zu kontrollieren. Rafah ist der einzige Grenzuebergang, wo nicht Israel der Grenzpartner ist, sondern Aegypten. Als die Raeumung des Gazastreifens verhandelt wurde, draengten die USA (vor allem Rice) darauf, dass Israel auf die Kontrolle der Grenze zwischen Aegypten und dem Gazastreifen verzichte. Als Zuckerl wurde eine EU-Beobachtertruppe eingefuehrt. Die ist seit Sommer 2007 de facto nicht mehr dort, aber Israel hat die Kontrolle nicht wieder an sich gerissen. Dazu habe ich in meinem Blog bereits mehrfach geschrieben.

2) Tatsaechlich kontrolliert Israel weiterhin die territorialen Gewaesser vor der Kueste des Gazastreifens. Dafuer fuehrt es Sicherheitsgruende an. Mir scheint nicht, dass die einfach von der Hand gewiesen werden koennen, da bereits belegt ist, wie durchlaessig der Uebergang von Rafah fuer Terroristen, Waffen und Gelder ist.

4) Die Industie im Gazastreifen wird von Israel beeintraechtigt, wo es sich um Betriebe handelt, die Waffen (vor allem Raketen) fertigen. Angesichts des anhaltenden Beschusses (gestern allein 40 Raketen) scheint diese Industrie damit ganz gut umgehen zu koennen. Wenn die Hamasregierung die Waffenproduktion vor jeder anderen Industrie vorzieht, so ist es ihr gutes Recht als kriegsfuehrende Nation die Prioritaeten so zu setzen.

6) Hamas-Regierung definiert sich in Worten und Taten offensichtlich als kriegsfuehrende Nation. Solange das der Fall ist, muessem kriegerische Handlungen des Feindes in Kauf genommen werden. Die Forderung: Wir schiessen soviele Raketen wie wir Lust haben, aber ihr duerft nichts gegen uns unternehmen, kann nur als lachhaft bezeichnet werden.

3) Vor demselben Hintergrund ist diese Forderung obsolet. Keine kriegsfuehrende Nation kann erwarten, dass ihre Angehoerigen waehrend des Kriegs ungehindert in Feindesgebiet einer Arbeit nachgehen koennen. Im 2. Weltkrieg haben die USA und England jeweils Auslaender feindlicher Nationalitaeten interniert und das obwohl diese Menschen teilweise lange vor Ausbruch der Feindseligkeiten nach Amerika bzw. England gekommen waren. Das tut Israel nicht.

Unbeantwortet bleiben jetzt nur noch 8. Staat, 10. Fluechtlinge und 11. Selbstachtung:

11) ist aus meiner Sicht der zentrale Punkt. Wie ich schon mehrfach besprochen haben, gehoeren die Palaestinenser zu einer Schamkultur.

The Arab world is suffering a crisis of humiliation. Their armies are routed not only by Americans, but also by tiny, Jewish Israel; and as Arthur Koestler once remarked, the Arab world has not, in the last 500 years or so, produced much besides rugs, dirty postcards, elaborations on the belly-dance esthetic (and, of course, some innovative terrorist practices). They have no science to speak of, no art, hardly any industry save oil, very little literature, and portentous music which consists largely of lugubrious songs celebrating the slaughter of Jews.

Now that the Arabs have acquired national consciousness, and they compare their societies to other nations, these deficiencies become painfully evident, particularly to the upper-class Arab kids who attend foreign universities. There they learn about the accomplishments of Christians, Jews, (Freud, Einstein, for starters) and women. And yet, with the exception of Edward Said, there is scarcely a contemporary Arab name in the bunch. No wonder, then, that major recruitment to al-Qaeda’s ranks takes place among Arab university students. And no wonder that suicide bombing becomes their tactic of choice: it is a last-ditch, desperate way of asserting at least one scrap of superiority—a spiritual superiority—over the materialistic, life-hugging, and ergo shameful West.

zitiert aus Saving Arabs From Themselves

Die empfundene Erniedrigung gerade durch Israel scheint derart traumatisch zu sein, dass es zur Wiedererlangung der Selbstachtung unerlaesslich ist, Israel zu zerstoeren oder mindestens, den Kampf gegen Israels Existenz nie aufzugeben. Das enstpricht, wie wir wissen, ziemlich genau dem Programm und der tatsaechlichen Politik der Hamas. (Die PLO Charter enthaelt das auch, aber die Politik waehrend der Oslojahre hat sich zumindest von der Exklusivitaet des bewaffneten Kampfes abgewandt.)

Wie Bernard Lewis eindrucksvoll ausfuehrt, ist ziemlich deutlich, dass es in diesem Konflikt nicht darum geht, dass den Palaestinensern ein eigener Staat fehlt, sondern darum dass Israels Existenz nicht akzeptiert werden kann. Damit ist 8. abgehandelt.

Und 10) Fluechtlinge sind das Mittel, mit dem der Staat Israel als juedischer Staat vernichtet werden soll. Bisher war keine pal. Fuehrung willens oder faehig, auf die Forderung zu verzichten, Fluechtlinge und ihre Nachkommen sollten das Recht haben, nach Israel zurueckzukehren.

auf 1eye7s Abschlussfrage

Die Frage bleibt: Wie sieht eine taugliche, langfristige Strategie Israels, angesichts diesen Umständen aus?
Ich interessiere mich sehr für Deine Auntwort auf diese Frage. Aus Deiner Perspektive.

antworte ich mit einem Zitat:

Because success is central to Islam’s promise, and the restoration of the Jewish commonwealth in its historic territory along with its ancient capital seems to validate Jewish scripture rather than the Koran, Israel offers an existential challenge to the Muslim world. Muslims will never accept the permanent presence of Israel unless compelled. But the bad news in this case is the good news, for if the Muslim world were to accept Israel’s existence, the collective humiliation would be so profound as to force the concept of humility into Muslim political life. The best thing Western governments could do to foster democracy in the Muslim world, in fact, is to move their embassies to Jerusalem.

Ein bisschen Kuechenpsychologie zum Abschluss kann ich mir nicht verkneifen. 1eye7 betont so ausfuehrlich, dass er an meiner Antwort, meiner Perspektive interessiert sei, dass ich das Gefuehl nicht ganz los werde „The lady doth protest too much“. Ich selber bin auch alles andere als sorgfaeltig im Korrekturlesen und aus diesem Blog liesse sich bestimmt eine eindrucksvolle Liste von Tippfehlern generieren. Aber dass 1eye7 gerade „Antwort“ zur „Auntwort“ geraet, koennte auch in diese Richtung weisen.

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