Armut in Israel


Wir hoeren und reden viel ueber Armut hier bei uns in Israel.

Meine Firma „ermuntert“ ihre Angestellten, ehrenamtlich taetig zu werden. (Freundlicherweise waehrend der Arbeitszeit und nicht wie die fruehrere Firma meines Mannes, die in ihrem Jahresbericht stolz das soziale Engagement betonte, die Angestellten aber zwang, in ihrer Freizeit wohltaetigen Werken nachzugehen.) Letzte Woche war ich dann zum ersten Mal eingeteilt. Mit meinem Firmenwagen und einer Helferin aus unserer Produktion meldete ich mich bei einer gemeinnuetzigen Organisation, die gespendete Lebensmittel in einigermassen gleichwertige und ernaehrungsmaessig ausgewogene Saecke packt. Wir bekamen eine Liste von fuenf Familien und fuenf Sets von Lebensmittelsaecken.

Meine Mitarbeiterin war etwas nervoes und fuerchtete sich vor allem bei der ersten Adresse, dass wir unter Drogenabhaengige geraten wuerden. Ich dagegen war vor allem neugierig, mir endlich einen eigenen Eindruck bilden zu koennen.

Bevor ich den schildere, sollte man sich klar machen, dass der Staat Israel Armut so definiert hat. Die Haelfte des Durchschnitt aller Einkommen bildet die sogenannte „Poverty Line“. Wem weniger als 50% des Durchschnittseinkommens zur Verfuegung steht, ist arm.

Im Unterschied zum „Warenkorb“, wo die Lebenshaltungskosten objektiv ermittelt werden sollen, ist das eine relative Definition. Wenn wir mal eine statistisch gleichmaessige Verteilung der Einkommen annehmen und das Ganze vierteln, dann haetten wir das untere Viertel (also 24.99% der Bevoelkerung) als arm definiert. Tatsaechlich liegt der Anteil niedriger, ich finde Zahlen zwischen 18% und 22%.

Diese Art Definiton misst nicht wirkliche Armut, sondern soziale Ungleichheit. Das heisst natuerlich noch lange nicht, dass diese Menschen nicht wirklich arm sind.

the poverty line (…) in January 2006 stood at 1,804 NIS (US$403) for a single person and 4,618 NIS (US$1,032) for a family of four

zitiert aus Worsening Poverty in Israel

The ‚poverty line‘ in Israel in 2002 was NIS 4,500 a month ($937.50) for the average Israeli family of four – mother, father and two children.

zitiert aus Israel Poverty: One In Three Children Are Hungry

Wir sehen, dass die Armutsgrenze in diesen vier Jahren um 2.22% angestiegen ist. Eine Bereinigung wegen Inflation scheint nicht noetig zu sein:

In Israel the November consumer price index or “Madad” in Hebrew is historically a non event. In fact, during the years 2002-2006 the November CPI had been negative.

Gefunden bei Global Perspective.

Da ich ja auch hier lebe und zwar mit der typischen israelischen vierkoepfigen Familie, habe ich ein gewisses Gespuer fuer die Kosten der Lebenshaltung. Mit 4600 NIS ueber die Runden zu kommen, scheint mir sehr knapp. Auf der anderen Seite haben wir Ausgaben z.B. fuer die Stadtsteuer, Kinderbetreuung, Fernsehgebuehren, die dann wegfallen wuerden. Aber das ist alles immer noch graue Theorie.

Wir brauchten fast eine Stunde, um die erste Adresse ueberhaupt zu finden, obwohl wir die Handynummer der Frau hatten und auch mit ihr sprachen. Sie sagte uns, ihr Sohn sei zuhause, sie selber aber nicht. Es gibt bei uns eine besondere Bauform, wo kleine Haeuser und ihre Vorgaerten eng aneinandergebaut, aber durch hohe Mauern getrennt werden. Sinn der Uebung war erstens moeglichst viel Schatten zu gewinnen und zweitens eine autofreie Nachbarschaftszone zu erhalten, wo die Kinder unbeaufsichtigt spielen koennen. Ich schaetze, die Architektur stammt aus den 60er und 70er Jahren. Wo ein solche Nachbarschaft (es gibt mehrere, ich kenne drei) gut instandgehalten wird, ist sie sehr attraktiv. Als ich nach Beer Sheva kam, sahen wir uns auch dort nach einer Wohnung um und ein Kollege von mir hat jahrelang gern und gut dort gelebt. Diese Adresse liegt ebenfalls in einer solchen Nachbarschaft im angeblich schlechtesten Viertel von Beer Sheva. Beim Durchstreifen der schmalen Wege sahen wir grosse Unterschiede. Die urspruenglich gleichen Haeuser sahen inzwischen sehr verschieden aus: Mehrere waren liebevoll gepflegt und geschmueckt, bemalt und bepflanzt. Andere dagegen waren halbe Ruinen, wo der Muell im Hof lagerte und wieder andere sahen zwar bewohnbar, aber heruntergekommen aus. Wir fragten drei Personen dort nach der genauen Adresse. Eine konnte unsere Frage nicht verstehen, sprach offensichtlich kein Hebraeisch. Ein anderer reagierte ueberhaupt nicht und der Dritte, der Inhaber des kleinen Tante-Emma-Ladens in der Nachbarschaft, wusste zwar mit Sicherheit die Antwort, wollte sie uns aber nicht geben. Vielleicht hielt er uns fuer irgendwelche Buerokraten, Sozialarbeiter oder aehnliches. Zum Schluss riefen wir die Frau noch einmal an und sie kam mit ihrem Sohn zu dem Laedelchen, um die Ware in Empfang zu nehmen. Sie wirkte auf mich viel zu alt, um einen halbwuechsigen Sohn zu haben. Ihre Haare waren blond peroxiert und vom vielen Wasserstoff schon ganz strohig. Sie schien keine Zaehne mehr zu haben, ihr Gesicht war wie Leder gegerbt. Der Junge wirkte ca. 14jaehrig, etwas aufgedunsen und ansonsten sehr uninteressiert. Immerhin half er die Tueten tragen.

Adresse 2 und 3 waren sehr aehnlich: In einem aermlichen, aber sauberen Viertel von Beer Sheva gelegen, in der Naehe der aethiopischen Synagoge und des dazugehoerenden Kulturzentrums.

In beiden Faellen antworteten uns sehr hoefliche Frauen in gutem Hebraeisch am Telefon und zogen es vor, uns die Tueten im Parkplatz abzunehmen, vermutlich um ihre Privatsphaere vor uns zu schuetzen. Beide Frauen waren im aethiopscher Stil gekleidet, sehr sauber. Die zweite hatte zwei Kinder bei sich, die ebenfalls sehr sauber und ordentlich gekleidet waren und ihrer Mutter die Tueten sofort abnahmen.

Bei der vierten Adresse stellte sich heraus, dass die Familie dort gar nicht mehr wohnte. Die freundliche Nachbarin, bei der wir klopften, erzaehlte uns, dass sie die Leute gar nicht mehr kennengelernt haette, aber es seien schon einmal Leute vom Sozialamt vorbeigekommenn und haetten nach ihnen gefragt. Die Nachbarin liess uns in ihre Wohnung, die, obwohl in einem alten und eher heruntergekommen Haus, behaglich und mit dem normalen Komfort eingerichtet war.

Die fuenfte Adresse schliesslich war eine Ueberraschung. Sie liegt im angeblich besten Viertel von Beer Sheva, wo auch ich wohne. Die Strasse ist so neu, dass sie auf dem Stadtplan noch nicht eingezeichnet ist und ich mehrfach anrufen musste, um sie zufinden. (Meine Helferin hatte mich inzwischen verlassen.) Ich kann die Immobilienpreise in der Gegend gut einschaetzen und kann mir nur vorstellen, dass sich die Familie mit dem Kredit uebernommen hat – vielleicht hat ein Ehepartner die Stelle verloren – und jetzt auf solche Hilfen angewiesen ist, wenn sie die Wohnung halten wollen.

Zum Schluss brachte ich noch die unzustellbare Lieferung zurueck.

Meine Eindruecke: Nur die erste Familie entsprach dem Bild, das meine Helferin und ich uns gemacht hatten. Die beiden aethiopischen Familien moegen jetzt arm sein, aber sie bewahren ihre Wuerde und werden wahrscheinlich die Armut hinter sich lassen, sobald die aelteren Kinder gross genug sind, um etwas zum Einkommen beitragen zu koennen. Die letzte Familie hat vermutlich nur einen Engpass. Dank Wohltaetigkeit sind sie nicht gezwungen, die neue Wohnung gleich wieder zu verkaufen. Wenn nicht ein ernsteres Problem dahinter steckt (Abhaengigkeit eines Ehepartner, schwere Krankheit oder aehnliches) duerften sie in ein paar Monaten nicht auf solche Hilfen angewiesen sein.

Hier habe ich noch einen interessanten Artikel vom letzten September zum Thema gefunden:

(…)

The real problem with applying the standard poverty measures to Israel is that they measure deficiencies in economic well-being, whereas the families being studied often (not always) view their own well-being quite differently.

In a speech at this year’s economic convention, Dr. Mumi Dahan of the Hebrew University gave a very succinct expression to this issue: Take two householders of the same income, he suggested. One decides he would like to have a large garden, the other decides he would like a large family. Each person is using his income for what he desires and thus improves his well-being, but the impact on measured poverty is vastly different. The official poverty statistics will almost certainly conclude that the first is not poor, and in all likelihood will conclude that the second, and all his household members, are poor.

(…)

Dr. Daniel Gottlieb of the Bank of Israel has pointed out that while this analysis makes sense for the parents, no one asked the children if they agree. But observation suggests that, in fact, most children of these families internalize the values of the parents and affirm the relative importance of family size compared to economic standard of living. The same applies, of course, in other countries; just this week the Wall Street Journal hosted a discussion forum on this exact topic, entitled „Can you have too many children?“ A typical comment from a pro big-family reader was: „I wouldn’t trade one of my siblings for anything.“

All this doesn’t mean that having large numbers of children with low economic standards of living is not a problem worthy of public attention. On the contrary, it is an important source of concern. It just means that we have to define the problem properly. Israel’s unique child poverty situation is not primarily due to an economy that fails to provide adequate employment opportunities to motivated citizens; it is primarily due to large sectors of the population who make different tradeoffs than others between large families and economic standards of well-being. Any steps taken to alleviate the situation will have to take this background into account.

(…)

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