Michael Oren zu den Folgen des 2. Libononkriegs


Von Michael Oren habe ich bisher „Six Days of War“ gelesen und sein „Power, Faith, and Fantasy“ wird mein Geburtstagsgeschenk. Ich schaetze ihn sehr als Historiker.

Im Wallstreet Journal hat er gestern einen Kommentar veroeffentlicht, der mir so treffend erscheint, dass ich ihn ins Deutsche uebersetzt habe und ihn hier einstelle:

Israels Disaster im Libanon

Ich habe schon in frueheren Kriegern gekaempft, aber so intensive Feuergefechte – Gewehrkugeln, Raketen, Artilleriegranaten – hatte ich noch nicht erlebt und noch nie einen so graesslichen Befehl ausgefuehrt . Meine Einheit eskortierte die Leichen der israelischen Soldaten, die in der letzten Nacht des zweiten Libanonkriegs gefallen waren, wenige Stunden bevor das UN-Waffenstillstandsabkommen in Kraft trat. Keiner von uns verstand den Sinn dieser Offensive in der letzten Minute oder ueberhaupt viele der katastrophalen Entscheidungen der Regierung waehrend dieses Kriegs. Wir waren einig, dass unsere Fuehrer, sowohl die militaerischen wie die zivilen, die Verantwortung trugen.

Jetzt, anderthalb Jahre spaeter verlangen die Kriegsveteranen, dass Premierminister Ehud Olmert die Verantwortung dafuer uebernimmt – andernfalls droht der Konsens zu zerbroeseln, von dem Israels Existenz abhaengt.

Der Krieg began am 12. Juli 2006. Hisbollahkaempfer lockten eine israelische Patrouille in einen Hinterhalt, toeteten acht und entfuehrten zwei Soldaten. Die isralische Oeffentlichkeit unterstuetzte Herr Olmerts Reaktion – eine grossangelegte Kampagne mit dem Ziel, Hisbollah zu zermalmen und die Soldaten zurueckzuholen – jedenfalls bis schwere Fuehrungsfehler im Krieg sichtbar wurden. Israelische Truppen bekamen unzureichende oder defekte Ausruestung – mein Gewehr zerfiel mir buchstaeblich in den Haenden – und wurden daran gehindert, in den Suedlibanon einzudringen und die Katjusha-Raketen zu neutralisieren, die auf Israels Staedte niedergingen. Stattdessen bombardierten israelische Flugzeuge die libanesischen Strassen, ueber die Syrein Nachschub an die Hisbollah schickte und zerstoerte das Hauptquartier der Organisation in Beirut.

Diese Angriffe zerstoerten einen grossen Teil der Infrastruktur der Hisbollah und toetete ein Viertel ihrer Kaempfer. Sie zerstoerten aber auch einen grossen Teil des Libanons, toeteten Zivilisten und vergeudeten so die anfaengliche internationale Unterstuetzung fuer Israel. In der Zwischenzeit schlugen Hunderte Raketen im israelischen Norden ein und zwangen eine halbe Million Zivilisten zur Flucht. Erst am 13. August, nach einem Monat des Kampfes und mit der UN-Waffenstillstand bereits angenommen, genehmigte die Regierung eine Bodenoffensive im Libanon. Diese Operation erreichte nichts, weder militaertisch noch diplomatisch und kostete 33 israelischen Soldaten das Leben.
In einem anderen Land wuerde ein solcher grober Fehler vielleicht nur zum Ruecktritt der hohen Offiziere, aber nicht notwendigerweise der gewaehlten Politiker fuehren. In Israel dagegen kann niemand ueber der Verantwortung stehen. Geradestehen fuer Entscheidungen ist eine Grundlage des zionistischen Ethos, auf dem dieser Staat beruht. Anders als die meisten Nationen hat Israel eine Buergerarmee, in der die ueberwaeltigende Mehrheit der Bevoelkerung, Politiker eingeschlossen, dient. Besonders einzigartig ist, dass Israel taeglich in seiner Sicherheit und langfristig in seiner Existenz bedroht wird. Israelis sich koennen keinen Regierungschef leisten oder stillschweigend dulden, der die Verantwortung an die Armee abschiebt und sich vor der Pflicht zur Verteidigung des Landes drueckt. Die Person, die uns in die Schlacht schickt, muss die Verantwortung fuer unser Schicksal uebernehmen.

Der Krieg war kaum zuende, da verlangten die Israelis eine offizielle Untersuchung seiner Durchfuehrung. Warum gab die Regierung unrealistische Ziele fuer die Operation vor? Warum wurde kein Befehl zu einer Bodenoffensive gegeben, und warum wurde nichts unternommen, um die Heimat vor Raketenangriffen zu schuetzen? Vor allem aber wollten die Israelis wissen, warum Herr Olmert eine letzte Offenisive autorisiert hatte ohne jedes erkennbare Ziel ausser sein Image zu verbessern.

Herr Olmert widersetzte sich diesen Forderungen, aber oeffentlicher Druck zwang ihn dazu eine Untersuchungskommission einzusetzen unter dem Vorsitz des Richters vom Obersten Gerichtshof, Eliyahu Winograd. Obwohl die Kommission nicht das Mandat besass, Ruecktrittsempfehlungen auszusprechen, gab sie einen Zwischenbericht heraus, auf den hin Verteidigungsminister Amir Peretz und Generalstabschef Dan Halutz zuruecktraten. Der zweite Winogradbericht soll morgen veroeffentlicht werden und sich auf das Verhalten des Premierministers waehrend des Kriegs konzentrieren. Herr Olmert hat aber schon angekuendigt, dass er nicht zuruecktreten will, ganz egal, was der Report beinhaltet. Es geht nicht nur um die Zukunft der Regierung, es geht um den Zusammenhalt der israelischen Gesellschaft.

Israel hat keine Verfassung, ist aber durch einen ungeschriebenen Gesellschaftsvertrag gebunden. Israelis verteidigen ihr Land mit ihrem Leben, und ihre Fuehrer verpflichten sich, sie nicht leichtsinnig in den Krieg zu schicken. Premierminister Golda Meir und Menachim Begind sind in der Folge von enttaeuschend verlaufenen Kriegen zurueckgetreten, obwohl sie von Unfaehigkeit freigesprochen wurden. Indem Ehud Omert, dessen Verantwortung schon vor dem Krieg begann, als er einen gaenzlich unerfahrenen Verteidigungsminister ernannte, diese Prezendensfaelle ignoriert, droht er, den Gesellschaftsvertrag zu zerbrechen. Israelis werden sich es zweimal ueberlegen, bevor sie seinen Befehle in die Schlacht folgen – und vielleicht auch denjenigen von kuenftigen Regierungschefs. Der Zusammenhalt, der Israel durch 60 Jahre Konflikte erhalten hat, wird zerbroeseln.

Tausende Israelis verlangen Herr Olmerts Ruecktritt. Politisch Rechte, ueberzeugt davon, dass der Premierminister die Sicherheit des Landes nicht gewaehrleisten kann, schliessen sich mit Linken zusammen, die verstehen, dass ein Fuehrer, derim Krieg gescheitert ist, auch bei Friedensverhandlungen keinen Erfolg haben kann. Alle stimmen in ihrer Bereitschaft ueberein, die Last fuer Israelis Verteidigung zu schultern. Diese Selbstverpflichtung hat uns in der letzten Nacht im Libanon geeint,als wir die Bahren aufnahmen mit den sterblichen Ueberresten von jemandes Sohn, jemandes Ehemann und sie heimbrachten zur Beerdigung.

crossposted bei Freunde der offenen Gesellschaft

Eine Antwort

  1. […] anders sehen; einer davon ist Michael Oren, dessen Kommentar aus dem Wall Street Journal im Blog Blick auf die Welt – von Beer Sheva aus übersetzt wurde. Michael Freund stellt übrigens die Verdrehungen der Olmert-Clique richtig (englisch): Die […]

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