Amos Oz zum Gazastreifen und mein Senf dazu


Der Text von Amos Oz ist zwar schon eine Woche alt, aber ich komme erst jetzt dazu, mich damit auseinanderzusetzen.

Amos Oz hat Recht mit seiner Beschreibung, was eine Bodenoffensive im Gazastreifen bedeuten wuerde:

The occupation of Gaza will not necessarily put an end to the rocket attacks on Sderot and its environs. In addition to the attacks on Sderot, the occupying forces will be attacked on a daily basis – roadside bombs, shooting attacks, and bloody suicide bombings.

Oz gleitet ein bisschen zu nonchalant darueber hinweg, dass das Niveau der Kassamraketen aus dem Gazastreifen signifikant niedriger war, als die IDF noch im Gazastreifen war. Trotzdem ist die Frage legitim, ob eine zeitweilige Beruhigung den Preis wert sein kann.

Relevant zum Theme finde ich diesen Beitrag von Michael J. Totten, auch wenn er ueber Hisbollah und nicht ueber Hamas schreibt:

American General David Petraeus proved counterinsurgency in Arabic countries can work. His surge of troops in Iraq is about a change of tactics more than an increase in numbers, and his tactics so far have surpassed all expectations. The “light footprint” model used during former Secretary of Defense Donald Rumsfeld’s tenure may have seemed like a good idea at the time, but American soldiers and Marines had no chance of defeating insurgents from behind barbed wire garrisons. Only now that the troops have left the relative safety and comfort of their bases and intimately integrated themselves into the Iraqi population are they able to isolate and track down the killers. They do so with help from the locals. They acquired that help because they slowly forged trusting relationships and alliances, and because they protect the civilians from violence.

The Israel Defense Forces did nothing of the sort in Lebanon. Most Lebanese Shias are so hostile to Israel that such a strategy might not work even if David Petraeus himself were in charge of it. Even then it would take years to produce the desired results, just as it has taken several years in Iraq. Israelis have no wish to spend years fighting Hezbollah in Lebanon. International pressure would force them out if they did.

Die beiden wirklich Einschraenkungen, die Israel gegenueber der Hamas und der Hisbollah auferlegt sind, sind
1) die internaitonale Gemeinschaft gesteht Israel kaum das Recht auf Selbstverteidigung zu
2) Israel ist in den arabischen Laendern so verhasst (die systematische und ueber Generationen erfolgende Verhetzung hat natuerlich Folgen), dass es kaum eine Chance hat, wirklich „hearts & minds“ der Bevoelkerung im Gazastreifen zu gewinnen, obwohl schon Stimmen gehoert wurden, die sich eine neue Besatzung wuenschten.

Die Vorstellung, dass internationale Truppen Israel im Gazastreifen abloesen koennten, ist einfach lachhaft, nicht zuletzt angesichts der Erfahrungen, die wir schon im Suedlibanon machen.

Vor diesem Hintergrund bin auch ich gegen eine Bodenoffensive im Gazastreifen. Die Frage, die Oz aber gar nicht stellt und die ich nicht beantworten kann, lautet: Kann es sein, dass wir die Verluste, die wir heute einsparen, spaeter teuer bezahlen muessen? Diese Erfahrung haben wir im Libanon gemacht: Die 6 Jahre vom unverhandelten Rueckzug 1999 bis zum Ausbruch des 2. Libanonkriegs waren ruhig, es gab kaum Verluste. Aber es war die Ruhe vor dem Sturm. In dieser rughin Phase konnte die Hisbollah sich in einer Weise bewaffnen und in Bunkern verschanzen, dass der Kampf fuer Bodentruppen im Libanon sehr verlustreich wurde. Das Gleiche blueht uns auch im Gazastreifen. Wenn wir ueberhaupt eine Bodenoffensive dort fuehren muessen, dann waere es mit Sicherheit besser, das so schnell wie moeglich zu tun.

Am Ende seines Artikels ist Amos Oz wieder bei den alten und inzwischen weithin als falsch erkannten Mantren angelangt:

we must not forget that the root of the Gaza problem has to do with hundreds of thousands of people who are rotting there in refugee camps; camps that are hotbeds of poverty and despair, ignorance, religious and national zeal, hatred, and violence.

Den Menschen im Gazastreifen – auch in den Fluechtlingslagern – geht es besser als Buergern arabischer Staaten in den dortigen Slums. Armut ist nicht die Ursache fuer Fanatismus und Gewalt.

From a historical perspective, there is no solution to the Gaza problem without having, at least on the horizon, a measure of hope for those desperate people.

Aus der historischen Perspektive kann es keine Loesung fuer den Gazastreifen geben, solange die Bevoelkerung dort die Hoffnung nicht aufgegeben hat, Israel zerstoeren zu koennen. Nicht ein Mangel an Hoffnung, sondern ein Uebermass an Hoffnung in diese Richtung ist der Grund dafuer, dass Hamas im Gazastreifen ihren eigenen Terrorstaat gruenden konnte. Mit etwas mehr Berechtigung als die Armut, koennte der Iran als „root cause“ fuer die Hamas im Gazastreifen bezeichnet werden.

And what can we do now? We can and should reach a ceasefire with Hamas in Gaza. Such ceasefire, of course, comes with a difficult political price. Yet out of all the prices that Israel may pay for a false and hasty decision, this is the least lethal and most tolerable price.

Zugestaendnisse an die Hamas waeren genau das Signal, dass sie sich auf dem richtigen Weg befindet und wuerden sie damit staerken. Abgesehen davon sehe ich nicht, welche Zugestaendnisse Israel ueberhaupt machen kann und was es dafuer bekommen koennte.

Dass Oz nur die Alternative Bodeninitiative oder Zugestaendnisse an Hamas sieht, ist Aktionismus: Er (und nicht nur er) tut sich schwer damit, dass Israel im Moment kaum Optionen hat.

crossposted bei Freunde der offenen Gesellschaft

2 Antworten

  1. *Aus der historischen Perspektive kann es keine Loesung fuer den Gazastreifen geben, solange die Bevoelkerung dort die Hoffnung nicht aufgegeben hat, Israel zerstoeren zu koennen. Nicht ein Mangel an Hoffnung, sondern ein Uebermass an Hoffnung in diese Richtung ist der Grund dafuer, dass Hamas im Gazastreifen ihren eigenen Terrorstaat gruenden konnte.*
    Da hast du so was von recht! Aber versuchen wir das mal den Amos Oz‘ et.al. (oder den Friedensstrategen in Europa) klar zu machen – das wollen sie einfach nicht akzeptieren. Sie kleben an ihren irrsinnigen Ideen und kein Fakt, so heftig und drastisch auch immer, kann sie davon lösen. Was für eine besch… Situation.

  2. […] leider sind wir wieder oder immer noch da, wo wir schon vor einem halben Jahr waren: Kann es sein, dass wir die Verluste, die wir heute einsparen, spaeter teuer bezahlen muessen? […]

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