Lesen im Kaffeesatz von Gaza


Fuer jeden unvoreingenommenen Beobachter ist klar, dass Hamas es schon seit einiger Zeit darauf anlegt, dass die IDF eine Offensive im Gazastreifen unternimmt.

Der massenhafte Sturm auf die Grenzuebergaenge war ein angekuendigtes Szenario, mit dem Bilder von getoeteten und verletzten pal. Zivilisten* generiert werden sollten. Anscheinend ist die Bevoelkerung im Gazastreifen aber nicht mehr so leicht fuer’s Martyrium zu begeistern. Aus dem Sturm ueber die Grenze wurde einen Menschenkette in sicherer Entfernung von der Grenze und auch dazu kamen nur diejenigen Palaestinenser, die nicht anders konnten: Schulkinder, die extra dafuer schulfrei bekamen und Menschen, die mit der Hamas affiliert sind: 4500 bis 5000 Personen aus einer Bevoelkerung von 1.1 bis 1.4 Millionen. Das finde ich uebrigens ein sehr positives Zeichen, um auch auf die Lichtblicke hinzuweisen. Die misslungene Demonstration fand am Montag, den 25. Februar statt.

Also hielt sich Hamas wieder an die bewaehrte Taktik des Raketenbeschusses. Die Zahl der Raketen steigt ploetzlich und rapide am 27. Februar. Schwer verletzte Kinder in Sderot, ein toter Student an der lokalen Hochschule. Aber Olmert in Japan gibt (noch) kein gruenes Licht fuer eine Bodenoffensive, sondern nur „more of the same“. Luftangriffe und gezielte Vorstoesse auf pal. Teams, die Raketen abfeuern. Dabei kommen auch drei pal. Kinder um’s Leben. Wir koennen mit einiger Sicherheit davon ausgehen, dass diese Jungen in voller Absicht zu einem Kassamabschussgestell geschickt wurden, um Maertyrer zu schaffen. Nicht auszuschliessen ist, dass die Kinder selber damit einverstanden waren. Wir koennen der pausenlosen Erziehung zum Maertyrertod in den pal. Medien nicht einfach jede Wirkung absprechen.

Aber es reicht offensichtlich noch nicht aus: Weder fuer einen Aufstand der „arabischen Strasse“ zugunsten der Hamas, noch fuer einen IDF-Offensive im Gazastreifen.

Also muss weiter gesteigert werden: Die Gradraketen, von denen wir wussten, dass Hamas sie besitzt, bisher aber noch kaum eingesetzt hat, werden aus den Verstecken und Lagern geholt. Ashkelon ist etwa fuenfmal so gross wie Sderot und mindestens das Rutenberg-Kraftwerk gehoert zur strategischen Infrastruktur des Landes. 10 Gradrakten sind allein am Donnerstag auf Ashkelon und jetzt am Shabbat 12 abgefeuert worden. Eine der Raketen landete im Hof des Krankenhauses, eine andere nahe einer Schule. Das ist der sicherste Weg, eine IDF-Offensive im Gazastreifen zu erzwingen.

Amos Harel und Avi Issacharoff in Ha’aretz gehen davon aus, dass Hamas sich nur aus Versehen in diese Situation hereinmanoevriert hat. Das scheint mir eine naive Unterstellung. Hamas ist erstens nicht allein, wenn es um weitreichende, strategische Entscheidungen geht, sondern hat sich mit dem Iran mindestens zu beraten. Wahrscheinlich hat sich die Lage auch schon so weit entwickelt, dass Hamas in derselben Weise Befehlsempfaenger ist wie Hisbollah. Und Iran und Hisbollah haben im Sommer 2006 schon einmal erlebt, dass Israel nur bis zu einer gewissen Grenze still haelt. Nasrallah hat zu Protokoll gegeben, damals durch Israels Reaktion ueberrascht worden zu sein. Es kann kaum geleugnet werden, dass Iran, Hisbollah und Hamas Israel genau beobachten und daraus zu lernen versuchen. Die Parallele wird offensichtlich auch von Hamas gesehen.

Meine Schlussfolgerung ist daher, dass die Bodenoffensive gewuenscht wird. Ich vermute, dass sie als Ausloeser fuer einen neuen Angriff der Hisbollah herangezogen werden wird. Die Rhetorik aus dem Iran scheint so etwas anzudeuten. Ich scheine nicht die einzige zu sein, die den Kaffeesatz in dieser Weise deutet.

Aus welchem Grund koennte der Iran ein Interesse daran haben, jetzt einen lokalen Krieg nach dem Muster vom Sommer 2006 zu entfachen? Koennte das die Vernebelung (smoke screen) sein, mit deren Hilfe die letzten Huerden zur Atommacht genommen werden?

crossposted bei Freunden der Offenen Gesellschaft

P.S. Natuerlich mache ich den Fehler, zu ausschliesslich von der israelischen Perspektive aus den Kaffeesatz zu lesen. Zum Timing kommt mit Sicherheit hinzu: Am 11. Maerz soll das libanesische Parlament mal wieder den Praesident bestimmen. Obwohl es einen Kompromisskandidaten gibt, praesentiert Hisbollah bis dato zu hohe Forderungen. Syrien ist unter Druck. Die arabische Liga will den Termin Ende Maerz in Damaskus absagen, wenn Syrien weiterhin die Praesidentschaft im Libanon blockiert. Mit anderen Worten, Syrien und Hisbollah haben grosses Interesse daran, dass sich die arabische Strasse bis Mitte bzw. Ende Maerz mit Hisbollah solidarisch erklaert, was die Handlungsfreiheit der politischen Fuehrungen gegenueber Syrien und Hisbollah einschraenken wuerde.

P.S. II Zvi Barel in Ha’aretz geht wie ich davon aus, dass Hamas es ist, die den Konflikt ausweiten und damit die arabische Welt auf ihre Seite ziehen will.

P.S. III Auch Shrinkwrapped liest den Kaffeesatz sehr aehnlich.

6 Antworten

  1. Zu den drei Jungen, die getötet wurden: die Armee vermutet, daß sie angestellt wurden, um Reste der Raketen aufzusammeln oder so. Die Palästinenser setzen ja skrupellos Kinder für alle möglichen lebensgefährlichen Drecksarbeiten ein, zB durch Tunnel kriechen, und leider fällt es mir nicht schwer zu glauben, daß sie als Laufburschen von einem Qassam-Team eingesetzt wurden. In vollem Wissen der Erwachsenen, daß ein tödlicher Treffer auf diese Kinder ihnen in die Hände spielt.

  2. (Material für diese Vermutungen auch bei Omri Ceren, http://www.mererhetoric.com/archives/11274430.html )

  3. Davon kann man ausgehen. Wer Kinder und Jugendliche als Selbstmordattentäter einsetzt, wird sicher keine Skrupel haben, sie auch für diverse Hilfsdienste einzuspannen.

  4. […] geplante Menschenkette vom 25. Februar fiel enttaeuschend aus, weil ausser dazu verdonnerten Schulkindern und Hamasfunktionaeren niemand […]

  5. […] wuerde das wiederum so interpretieren, dass Iran ein Interesse daran hat, den Konflikt jetzt auf einer etwas hoeheren […]

  6. […] im Kaffeesatz III (die grossen Zusammenhaenge) Wie ich schon mehrfach betont habe: Es waere falsch, die Vorgaenge im und um den Gazastreifen als […]

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