Hinweise auf die Mechanismen von sekundaerem Antisemitismus


gefunden in einem Text von

Dr. phil. Bernd Nitzschke
Diplom-Psychologe – Psychoanalytiker (DGPT)
Psychologischer Psychotherapeut

so stellt sich der Herr auf seiner Homepage vor. Er war mir bis heute voellig unbekannt. Als ich fuer Sandmonkey nach dem deutschen Text des Freud-Briefes an Chaim Koffler suchte, bin ich auf seinen Text gestossen: „Versoehnung – diesseits von Gut und Boese, Siegmund Freuds transkulturelles Erbe“. Die Lektuere irritierte mich so, dass ich mir den Text ausdruckte und etwas genauer anschaute.

Die Grundlage dieses Textes wurde nach den Angaben des Autors auf S. 22 in den ersten Tagen nach dem Attentat vom 11. September verfasst. Offensichtlich handelt es sich um einen weltanschaulichen Artikel und nicht um einen psychologischen Fachtext.

Schon in der Zusammenfassung wird Triebverzicht als Verzicht auf Rache spezifiziert. Dass die historischen Beispiele dafuer ausser in Freuds Lebensgeschichte ausgerechnet im „juedisch-palaestinensischen“ Konflikt gesucht werden, scheint ein Verweis auf den angeblichen juedischen Rachegott zu sein, der spaetestens seit Martin Luther zum antisemitischen Repertoire gehoert.

Auffallend ahistorisch ist, dass Nitzschke das Begriffspaar „juedisch-palaestinensich“ waehlt. Das Adjektiv „juedisch“ wuerde eigentlich nach „arabisch“ als Komplement verlangen. „Palaestinenser“ war bis 1964 kein gebraeuchlicher Begriff fuer die arabischen Bewohner des britischen Mandatgebiets Palaestina. Im Gegenteil beanspruchten sie fuer sich „Araber“ zu sein oder allenfalls „Syrer“, so dass „Palestinian“ damals gerade signalisierte, dass Juden im Mandatsgebiet gemeint waren. Zum Beispiel wurde die heutige Jerusalem Post 1932 als Palestine Post gegruendet und erst 1950 umbenannt. Das Adjektiv „palaestinensisch“ dagegen verlangt als Ergaenzung nach „israelisch“, da es den Staat Israel zum Zeitpunkt der PLO-Gruendung gab und die PLO ganz bewusst einen nationalen Konflikt als Kernpunkt ihrer Agenda ansetzte, vgl. die PLO Charter, im Besonderen Art. 6. Es waere interessant zu erfahren, aus welchem Grund Nitzschke gerade diese Kombination waehlt. Koennte es darum gehen, Juden allgemein (also auch Nicht-Israelis) in diesem Konflikt verwickelt zu sehen, aber andererseits die Beteilung der arabischen Staaten und Muslime weltweit am Konflikt auszublenden? Auf diese Weise boete sich zahlenmaessig ein ausgewogeneres Verhaeltnis dar, bei dem die Juden tendenziell in der Uebermacht waeren.

Auf Seite 2 stossen wir auf diese als absolute Wahrheiten formulierten Saetze:

Im wirklichen Leben denken Erniedrigte immer an Rache. Und wenn sie sich nicht selbst raechen – dann reichen sie ihr Gedaechtnis an die naechste Generation weiter.

Mir scheint, hier haben wir die Grundlage der negativen Erwartungshaltung von Deutschen gegenueber Israelis, auf die ich hier schon zu sprechen kam.

Wenn Erniedrigte gar nicht anders koennen, als an Rache zu planen oder die Rachegedanken an ihre Kinder zu uebergeben, dann muss das auch fuer die von Opfer der Nazi-Judenverfolgung gelten. Mindestens die Nachkommen von europaeischen Juden in Israel und anderswo muessten dann von Rachegedanken vor allem gegenueber Deutschen beseelt sein, also auch gegenueber von Dr. Nitzschke.

Angesichts all dessen, was ich bei Pat Santy (alias Dr. Sanity) ueber die verschiedenen psychischen Abwehrmechanismen gelernt habe, scheint es mir geradezu lachhaft, dass hier ein diplomierter Psychologe nur eine Reaktion auf Erniedrigung, aber die immer und bei jedem wirksam, kennen will. Ohne, dass ich wirklich etwas davon verstuende, scheint mir, dass das Beduerfnis nach Rache vor allem bei narzisstischen Stoerungen zu erwarten waere:

(…)

Some societies like what the Palestinians have currently, mostly view each child as a soldier of the Jihad–without individual goals or ambitions– and from an early age route the child into service to the state. By the time the child has grown up, they have little ambition but to do the will of the omnipotent state and/or Allah. In this case, the grandiose self is not eliminated, but purposefully subjugated to act out the violent priorities of the state. The narcissistic defect is perpetuated when these children grow up and, those who do not blow themselves up in an act of ultimate union with an evil god, go on to mother and father more fragmented and horribly impaired individuals.

In fact, throughout most of history, it has been the grandiose self that society has most tried to control. Either by eliminating it entirely; or chaining the energy it brings to the achievement of union with the omnipotent other.

(…)

Dr. Santy schreibt hier ueber die palaestinensische Gesellschaft. Ich halte dafuer, dass die psychischen Mechanismen in Nazideutschland nicht viel anders waren. Das Aufgehen in und das Einswerden mit dem allmaechtigen Staat, der Herrenrasse, dem Fuehrer, das passt doch alles auch. Und dann koennte auch das Weitergeben des narzisstischen Defekts an die naechste Generation vorgekommen sein. Vielleicht liegt hier eine Projektion von Nitzschke vor: Ein Rachebeduerfnis, das ihm vermittelt wurde, wird der gesamten Menschheit unterstellt.

Auf den Umgang von Nitzschke mit der Person Freuds gehe ich nicht ein, obwohl es auch da einiges zu sagen gaebe. Ich springe gleich zu „3 Versoehnung – diesseits von Gut und Boese“. Da dieser Ueberschrift auch dem gesamten Text vorangestellt ist, gehe ich wohl nicht fehl darin, hier die zentralen Aussage zu suchen.

Vorangestellt sind zwei Zitate, das erste davon:

„Bis zur Gruendung Israels 1948 waren die Palaestinenser, die Juden und die Christen Gleiche in einem Land.“ Daniel Barenboim

Diese Aussage ist historisch voellig falsch, wie Nitzschke selber auf p. 15 belegt, als er auf das Massaker von Hebron 1929 zu sprechen kommt. Nun ist ein Musiker natuerlich nicht gerade die Quelle fuer historisch saubere Analysen. Barenboim hat fuer Nitzschke vor allem wohl den Vorteil, dass er Jude ist. Auf p. 18 betont Nitzschke ausdruecklich, dass Bernard Wasserstein ein juedischer Historiker ist. Nach meinem Empfinden handelt es sich hier um die Verwendung von Alibijuden, die selber ein Indiz fuer Antisemitismus ist.

Die Quellenangaben am Ende des Textes legen davon weiter Zeugnis ab:

Norman Finkelstein wird als Gewaehrsmann fuer den Konflikt im Nahen Osten und die 1. Intifada angegeben. Waehrend bei allen anderen Namen der Vorname ausgeschrieben wird, wird Finkelstein nur mit den Initialen N.G. identifisiert. Ich vermute, dass damit der Wiedererkennungseffekt etwas behindert werden sollte, denn Finkelstein kann unmoeglich als ernsthafter Historiker gehandelt werden, dagegen hat er einen eindeutigen Ruf als antisemitischer Alibijude.

An modernen, israelischen Historikern finden wir Moshe Zuckermann, Tom Segev und Benny Morris. Die beiden ersteren sind ebenfalls beliebte Kronzeugen fuer Antizionisten und Antisemiten, wenn auch weniger anruechig als Finkelstein. Morris dagegen wird von Nitzschke in die rechtsradikale Ecke gestellt, weil er sich unter dem Eindruck der sog. Al-Aksa-Intifada von solchen Positionen distanzierte, nachdem er lange ebenfalls Kronzeuge fuer sog. Pro-Palaestinenser war. Nitzschke unterteilt also in solche Juden, die seine Auffassung bestaetigen einerseits und rechtsradikale Juden andererseits… Ueber diese eigenartige Verschiebung der politischen Masstaebe, sobald sie auf Israel angewendet werden, schrieb ich hier schon.

Die Vorstellung, dass Juden aufgrund ihrer juedischen Abstammung unmoeglich in der Lage sein koennten, antisemitisches Gedankengut zu vertreten, ist tendenziell rassistisch. Antisemitismus ist nicht genetisch verankert, sondern wird kulturell weitergegeben. Bei Kenneth Levin „The Oslo Syndrome“ habe ich genuegend Beispiele und Erklaerungen fuer Juden gefunden, die sich einer von Antisemitismus gepraegten Kultur nicht entziehen konnten oder wollten. Vor guten vier Jahren habe ich hier uebrigens ein Buch von Bernard Wasserstein besprochen.

Das zweite Zitat aus dem Kaufmann von Venedig

„Du nanntest mich einen Hund, bevor ich einer war; jetzt, da ich einer bin, nimm Dich in Acht vor meinen Krallen!“

verliert durch die Kombination mit Barenboims Zitat den urspruenglichen Sinn: Wenn es den Juden vor der Staatsgruendung genauso gut ging wie allen anderen, dann kann sich die „Hundwerdung“ nur auf die Palaestinenser beziehen.

Nitzschke beginnt damit, dass er Religion an sich als regressive und latent faschistische Fiktion darstellt. Absolut-gut und absolut-boese gibt es nicht, wie er Freud sagen laesst und geht gleich einen Schritt weiter: Gut und boese sind auch als nicht-absolute Beurteilungen obsolet und zwar (die Oberflaechlichkeit ist atemberaubend!) wegen der ungleichen Vermoegensverteilung auf der Welt!

Auf S. 10f schafft es Nitzschke noch ein bisschen Bush-Bashing und Antiamerikanismus einzubauen. Auf S. 12 geht es dann weiter mit Anti-Zionismus. Nitzschke unterstellt, dass Israels Gruendung vor allem aufgrund biblischer Ansprueche erfolgt sei. Das ist natuerlich Bloedsinn, wie jede noch so oberflaechliche Beschaeftigung mit Herzl und der zionistischen Fruehzeit belegen kann. Nitzschke haelt fest: „Auf diesem politisch-religioesen Fundament laesst sich wohl ein Staat, aber keine Demokratie aufbauen.“ Da Nitzschke von einer falschen Praemisse ausgeht, muss er nun wegdisputieren, dass Israel eine funktionierende Demokratie ist. Das tut er, indem er einen Artikel von Richard Chaim Schneider in der SZ vom September 2003 vorschiebt und darauf befindet, dass „die religioesen Fundamentalisten zunehmend die Politik bestimmen“. Die nach den Wahlen im Januar 2003 von Sharons gebildete Koalition enthielt zunaechst keine einzige religioese Partei, bis sich am 3. Maerz die Nationalreligioesen der Koalition anschlossen. Das widersprecht der angeblichen Verwandlung in einen Gottesstaat, aber Nitzschke geht es sichtlich nicht um Fakten, sondern um Untermauerung seiner vorgefassten Meinung.

Die Weltanschauung, die ich aus dem Text destilliere, entspricht auffallend dem gegenwaertigen Mainstraem in Deutschland:

Die USA als gefaehrlicher Staat wegen der „Verquickung von Religion und Politik“ (p. 11). Der weisse Mann als Kolonialherr. Zivilisation und Barbarei als siamesische Zwillinge (alle Kulturen sind gleich gut, nur die Kultur des weissen Kolonialherren ist boese, weil sie ursaechlich fuer alles Schlimme in anderen Kulturen verantwortlich gemacht wird.) Israel als Produkt von religioeser Phantasie und nationalistischem Eifer, das in die Verantwortung fuer jede pal. Aktion traegt. Selbst das Massaker von Hebron haetten die Araber durchfuehren muessen, weil die zionistische „Betar“-Gruppe freien Zugang zur Klagemauer durch das muslimische Viertel gefordert hatte!

In all dieser Seichtheit besteht Nitzschke aber darauf, sein Gedankengebaeude gerade nicht auf den hohlen Fundamenten von „kompakten Majoritaeten“ zu errichten… (p. 12)

Na dann!

crossposted bei Freunden der Offenen Gesellschaft

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5 Antworten

  1. Mal was besonders abartiges von Finkelstein:

    Irshad Manji ist eine kanadische Schrifstellerin, Feministin, Lesbe und “a faithful Muslim”. http://www.irshadmanji.com/im-muslim-refusenik-letters-archive-part-105 Das macht sie bei anderen Moslems nicht gerade beliebt. Und so bekommt sie, ebenso wie Ayaan Hirsi Ali, Salman Rushdie, Ibn Warraq, regelmäßig Post von Angehörigen ihrer Religion, die es nicht gut mit ihr meinen. Vor drei Jahren gehörte sie zu den Unterzeichnern des “Manifests der 12” gegen den “neuen Totalitarismus”:

    Als daraufhin auf einer islamischen Website ein Posting erschien, das man als eine Morddrohung verstehen konnte, wandte sich Irshad Manji an die Öffentlichkeit mit der Bitte, sich mit den Unterzeichnern des Manifests zu solidarisieren. In kurzer Zeit kamen über 3.000 Unterschriften zusammen. Nur einer der angesprochenen “public intellectuals” mochte seinen Namen nicht hergeben.

    =Only one person emailed a disconcerting message. A gentleman named Norman Finkelstein wrote to say, “Is there a petition supporting the death threats?” Maybe he’s just a researcher.= http://www.irshadmanji.com/petition

    Was für ein Widerling.

    http://www.achgut.com/dadgdx/index.php/dadgd/article/a_gentleman_says_no/

    Dieser Mensch scheint geistig schwer krank zu sein.

  2. Mehr zu dem Thema auf:
    Antisemitismus in deutscher Psychoanalyse / Anti-Semitism in German psychoanalysis (german-english)
    https://psychosputnik.wordpress.com/2014/07/14/antisemitismus-in-deutscher-psychoanalyse-anti-semitism-in-german-psychoanalysis-german-english/
    und auf:
    Der Film „Im Labyrinth des Schweigens“ – Trailer, Rezension und Texte zum Film
    https://psychosputnik.wordpress.com/2014/11/23/der-film-im-labyrinth-des-schweigens-trailer-rezension-und-texte-zum-film/

  3. Hat dies auf psychosputnik rebloggt und kommentierte:
    Mehr zu dem Thema auf:
    Antisemitismus in deutscher Psychoanalyse / Anti-Semitism in German psychoanalysis (german-english)
    https://psychosputnik.wordpress.com/2014/07/14/antisemitismus-in-deutscher-psychoanalyse-anti-semitism-in-german-psychoanalysis-german-english/
    und auf:
    Der Film „Im Labyrinth des Schweigens“ – Trailer, Rezension und Texte zum Film
    https://psychosputnik.wordpress.com/2014/11/23/der-film-im-labyrinth-des-schweigens-trailer-rezension-und-texte-zum-film/

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