ein fast gewoehnlicher Donnerstagabend


Am Mittwoch ist der Kuehlschrank schon ziemlich leer. Spaetenstens der Donnerstag ist also fuer den Wocheneinkauf im Supermarkt reserviert.

Am Ende einer Arbeitswoche bin ich meistens schon ziemlich erschoepft. Ausserdem haben beide Maedchen am Donnerstag Balletstunde und zwar zeitlich so unguenstig, dass ich die Logistik mit mindestens noch einer Mutter zu koordinieren versuche. Bis wir nach Hause kommen, ist es spaet. Ich muss auf die Schnelle Abendessen richten. Die Aussicht, dass ich, wenn die Kinder schlafen, noch einkaufen gehen muss, macht mich nicht an. Ich versuche, meinen Mann zu animieren, dass er uebernimmt. Er winkt ab. Auch seine Woche war anstrengend und er ist noch erkaeltet.

Ich bringe die Kinder ins Bett. Beim Singen faellt mir ein, dass beide morgen „Mishloach Manot“ (eine Zusammenstellung von Suessigkeiten, Knabberzeug zu Purim) fuer die Soldaten mitbringen sollen. Unsere Schule hat wie viele andere Schulen in Israel auch eine Beziehung zu einer Armeeabteilung. Ich weiss aber gar nicht, zu welcher Truppe. Weil mir die ganzen Ausdruecke nichts sagen, vergesse ich solche Informationen umgehend. Da ich nichts Passendes im Haus habe, schluepfe ich in die Schuhe.

Als ich durch’s Wohnzimmer komme, laufen schon Nachrichten. Eine Kassamrakete hat ein Wohnhaus in Sderot getroffen, es gab Verletzte. Ich will mich nicht aufhalten und frage meinen Mann nur, ob er etwas Besonderes braucht. Ja, Aftershave, ich solle bitte aufpassen, es gaebe zwei sehr aehnliche Verpackungen, er wolle das ohne Jod.

Ich komme im Supermarkt an und gehe gleich in die Drogerieabteilung. Bei den Aftershaves sehe ich tatsaechlich zwei fast identische Verpackungen. Das eine heisst Hydro Soothe, das andere Hydro Cool. Ich drehe die Verpackung um, kann aber das Wort „Jod“ nirgends finden. Da rufe ich meinen Mann auf dem Handy an und bitte ihn, mir zu sagen, was er benutzt. Ich hoere ihn stoehnen und will mich schon beschweren, was denn diese Reakton soll, da sagt er mit dumpfer Stimme „ein Attentat in Jerusalem, schrecklich, viele Tote“ und nach einer Pause „Hydro Cool“.

Ich fuehlte mich vorher schon schwach, jetzt habe ich Lust, mich auf den Boden zu setzen. Aus Versehen lehne ich mich an. Etliche Zahnpastapckungen fallen herunter. Ich hebe sie wieder auf und mache weiter. Der Supermarkt ist am Donnerstag immer voll. Allmaehlich wird es stiller. Viele haben ein Handy am Ohr. Von Zeit zu Zeit ruft jemand „Acht Tote“ oder „Drei Schwerverletzte“, „in einer Jeshiva“, „es sollen zwei Attentaeter gewesen sein“ usw. Bis ich zur Kasse komme, habe ich schon einige Bruchstuecke zusammengetragen. Der Waechter am Ausgang versucht mir den Hergang auf Russisch zu erzaehlen, dann in gebrochenen Hebraeich. Im Auto schalte ich gleich das Radio ein. Einer der Jeshivastudenten wird interviewt.

Zuhause laeuft CNN. Als ich hereinkomme, sieht man gerade Freudeszenen aus Gaza. Mein Mann meint, es wuerde ihn nicht wundern, wenn der Attentaeter aus Ostjerusalem waere. Ich sage zu meinem Mann „Wenn ich jetzt Schnaps haette, wuerde ich ihn trinken.“Als wir mit vereinten Kraeften die Einkaeufe aufgeraemt haben, draengt es mich zum Computer. Ich weiss nicht, warum ich das Beduerfnis habe, das hier aufzuschreiben. Mein Mann sitzt vor dem Fernseher. Ich kann die Bilder vom Krankenhaus, vom Tatort und von feiernden Palaestinenser nicht vertragen. Buchstaben sind mir lieber.

5 Antworten

  1. Es tut mir so leid.

    Ich war gestern Abend mit meinem Freund am Telefon, als dieser gerade die News gesehen hat. Ein Freund, der gerade bei ihm war, hat Bekannte in Jerusalem, die offensichtlich mehr wussten als das Fernsehen, und hielt die Beiden auf dem Laufenden.

    Besonders schockiert mich, dass in Gaza 1000e das Attentat gefeiert haben.

    Wie kann man nur so sein??

    Noch gestern Abend habe ich Trackbacks von einigen Artikeln gelesen. Das Attentat wird als unvermeidliche und verständliche Folge des Angriffs Israels auf Gaza gesehen.

    Ich kann gar nicht so viel essen wie ich kotzen möchte.

  2. Hallo Ruth,

    man möchte Dich so gerne trösten und weiß nicht, was man sagen soll.

    Denn das, was ich noch mitzuteilen habe, ist das Gegenteil von Trost: Dass die Palästinenser in Gaza gefeiert haben, ist in den hiesigen Nachrichten nicht gemeldet worden.

    Was berichtet wurde, und zwar im Deutschlandfunk von der linksfaschistischen Dreckschleuder Bettina Marx, waren die angeblichen „Gründe“ für das Attentat. Natürlich die israelische Siedlungspolitik – was sonst. Der übliche Dreck. Aber diesmal mit Sahnehäubchen: Auf „palästinensischem Gebiet“, so Frau Marx, entstehe

    „ein Luxuskomplex für reiche Juden“.

    Ich habe einen geharnischten Protest an den DLF gemailt, aber der wird wahrscheinlich auch nichts ändern. Und der Deutsche Presserat ist leider nur für Printmedien zuständig.

  3. ja. wirklich ein schrecklicher anschlag. der terror nimmt nicht nur kein ende, er nimmt immer extremere formen an.

    der schabbes war ziemlich traurig in meiner schul. habe ich meinem blogg darueber geschrieben (beitrag „schavua tov“) wobei von gut nicht die rede sein kann.

  4. „inksfaschistischen Dreckschleuder Bettina Marx“

    Also, mein lieber Manfred, mir ist das zwar auch aufgefallen, eben weil ich den Zusammenhang des Attentats zu „Nof Zahav“ nicht sehe und ich in einem Bericht der sich vorrangig um die Trauerfeier dreht „Politisierendes“ nicht leiden kann. Auch ist das „mögliche“ Motiv „um mit seiner Tat gegen die ungebremste Siedlungspolitik zu protestieren“ nicht gegeben, haltlos und absolut unnötig der Erwähnung. Es sei denn man setzt die passenden Wörter wie „in seinem Viertel entwickelte er den Haß der ihn zu seiner menschenverachtenden Tat trieb“. Anders ist die Überleitung zur eigentlichen Kernaussage von Marx: „In Israel wird befürchtet, dass sich hier [Ostjerusalem] ein Unruhepotential zusammenbrauen könnte, das nur schwer einzudämmen sein dürfte.“ nicht herstellbar. „Ein technischer Fehler, den man nicht überzeihen sollte: Am Rand des Viertels entsteht außerdem derzeit eine Luxussiedlung für reiche Juden.“

    Andererseits empfinde ich es persönlich als sehr störend das auch aus dem Anschlagsort selbst keineswegs nur Trauer zu berichten ist. Wenn Saphira und Kollegen meinen es sei jetzt angebracht politische „Richtingsänderungen“ anzumahnen, dann müssen sie auch mit der entsprechenden Kritik leben.

    PS: Falsch. In der Erstmeldung in den Morgenstunden berichtete Marx von „Im Gazastreifen wurde der Anschlag mit Freudenschüssen gefeiert.“ Interessanterweise wurde dieser Satz nachweislich von der Auslandsredaktion [mit der ich auch schon vor Kurzem das Vergnügen hatte] zensiert: http://www.tagesschau.de/ausland/israel76.html

  5. […] (In einem Kommentar an anderer Stelle habe ich besagte Frau Marx eine linksfaschistische Dreckschleuder genannt. Diesen Ausdruck nehme ich mit Bedauern zurück – schließlich kann ich nicht beweisen, dass sie Faschistin ist. Ich bitte daher alle Faschisten um Entschuldigung, dass ich sie in die Nähe von Frau Marx gerückt habe. Ich korrigiere mich also: Sie ist eine antisemitische Dreckschleuder.) […]

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