„Opfer“ fortgesetzt


Ich habe einen Text gefunden, der ziemlich genau dem Ansatz entspricht, den ich mir vorgestellt habe.

Opferriten scheinen eine sehr, sehr alte Praxis zu sein. Ich halte dafuer, dass ihr Ursprung hier zu suchen ist: Menschen wurden sich bewusst, dass sie zu ihrem eigenen Nutzen Leben nahmen (Jagdbeute, dann domestizierte Tiere und gesammelte, dann angebaute Pflanzen). Sie fuehlten sich unwohl, nur zu nehmen und empfanden das Beduerfnis, im Gegenzug auch etwas zu geben. (Diese Annahme beinhaltet natuerlich, dass „Handel“ ebenfalls eine sehr, sehr alte menschliche Praxis ist und dass somit die Grundlagen des Kapitalismus auch tief in der menschlichen Psyche verankert sind.)

Opfer waere damit eine Form von Bezahlung. Natuerlich kann nicht 1:1 bezahlt werden. Wuerde die gesamte Jagdbeute „dargebracht“, bliebe wieder nichts zum Nutzen des Menschen uebrig. Durch Rituale mussten also Teile so aufgewertet werden, dass sie als passender Gegenwert empfunden werden konnten.

In early hunting societies comprised of small groups of people, the hunted animal was the sacrifice. Life, death, and blood were consecrated in the act of killing one animal at a time, incrementally. The next sacrifice was as near as the next hunt. In agricultural societies, members performed sacrifices to assure the progression of the seasons and the growth of crops. If blood could keep man and animal alive, then it had life-giving qualities that could be brought to bear on the weather and the soil. Human blood in particular represented human vitality or life essence. If kings were perceived as something more than human-either extra-human or divine-then the blood of kings contained still more life essence. Sacrificing a king at the peak of vitality maximized the life-quality of the blood offering. Later as cultures adopted solar religions, members of the community were sacrificed instead of the king.[xix] In agrarian societies, a sacrifice covered an entire growing season or reign and extended to a larger number of settled people. The stakes were higher and the sacrifice was often dearer-a human life.

(a.a.O.)

Hier wird eine Hierarchie deutlich:

  1. Teil des erjagten Tiers – ausreichendes Opfer fuer die jagende Horde bis zur naechsten Jagd.
  2. Domestizierte Tiere (Teile wie Blut, Fett oder auch ganze Tiere) – ausreichende Opfer fuer groessere, menschliche Ansiedlungen und laengere Zeitraeume (landwirtschaftliche Zyklen).
  3. Menschenopfer – ausreichend fuer noch groessere, menschliche Kollektive und laengere Zeitraeume und/oder besondere Krisen
  4. Opfer von besonderen Menschen (Koenig oder Stellvertreter) – ausreichend fuer groessere, menschliche Kollektive und lange Zeitraume und/oder besondere Krisen.

Das Christentum fuehrt diese Linie logisch weiter:

5. Opfer des Gottessohns – ausreichend fuer alle Menschen und alle Zeit.

Die Opferung des Gott-Menschen waere damit das Ende aller Opfer. Ich sehe da aber ein Problem. Das Opferschema wird durch den Mythos noch verstaerkt, gleichzeitig wird den Menschen aber nur die Teilnahme an erinnerneden Ritualen angeboten (Abendmahl, Passion im christlichen Jahr). Ich glaube nicht, dass es Zufall ist, dass Pogrome gegen Juden gerade in diesen beiden Zusammenhaengen endemisch waren/sind.

Durch Passionsspiele etc. muessen die Teilnehmer in eine psychische Verfassung versetzt worden sein/werden, die nach einem richtigen Opfer verlangt. Der Vorwurf des Ritualmord ist dann eine typische Projektion. Ritualmord (=Opfer) ist genau das, wonach sich diejenigen, die den Vorwurf erheben, sehnen und unter dem Deckmantel der Bestrafung koennen sie ihr Beduerfnis dann ausleben. Aehnlich bei den Vorwuerfen des Hostienfrevels: Das Blut, das die „Frevler“ angeblich aus der Hostie ziehen, entspricht der Sehnsucht der entsprechenden Christen und durch das Blut der angeblichen Frevler wird sie befriedigt.

Im Judentum scheint mir eine andere Tendenz beim Thema Opfer vorzuliegen. Die erste Erwaehnung von Opfern im Tempeldienst findet sich in 2. Mos. 23.19f. Dort geht es um die Opfer an den drei Wahlfahrtsfesten. In 2. Mos. 29.38 ff werden die taeglichen Brandopfer beschrieben. Im 3. Buch Moses kommt dann der grosse Schub. Beim Suendopfer ist bemerkenswert, dass es gerade fuer unwissentlich, unbeabsichtigt oder durch Unterlassung Begangenes vorgesehen ist, wobei kein Unterschied zwischen ritueller Verunreinigung und moralischer Uebertretung gemacht wird. Nach heutigem Verstaendnis laege in bei den meisten Beispielen kein Vergehen vor oder aber eine geminderte Schuld (1. und 4.). Im Falle von wissentlich begangenen Uebertretungen kommt die Wiedergutmachung an erster Stelle (21 bis 24).

In den Psalmen und Propheten wird bereits deutlich gesagt, dass Opfer nur ein unzulaengliches Ritual sind und dass das Eigentliche eine innere Umkehr ist: Hosea 6.6, 1. Sam 15.22, Psalm 51.17 ff. Hier findet sich mehr zum Thema, auch dieser Text ist lesenswert.

Die Praxis der rituellen Opferung wurde im Vergleich zu gleichzeitigen religioesen Praktiken eingeschraenkt, vor allem geographisch – nur im zentralen Tempel -, und die Bedeutung des Opfers kontinuierlich heruntergestuft. Das erlaubte dem Judentum, den Verlust des zentralen Tempels und damit des Opferdienst zu verkraften. Gleichzeitig werden aber Elemente des Opfers in den Alltag uebernommen: Schaechtung und das Verbot, Blut und bestimmte Fette zu verzehren, stehen deutlich in Verbindung mit Opfer. Auch beim Backen gibt es ein Absondern und Verbrennen von Teig (ich gehe nicht in die Einzelheiten), das auf Opfer zurueckgeht.

Wenn „Opfer“ in der menschlichen Psyche verankert sind, dann scheint mir der juedische Umgang, haeufige Befriedigung auf einem sehr niedrigen, emotionalen Niveau, sinnvoll.

Vorlaeufig reicht mir das an Spekulationen. Bei Gelegenheit moechte ich aber weiterdenken und zwar ueber den Zusammenhang von Blutrache, Menschenopfern und Selbstopferungen.

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