Beduinen in Israel II


Heute betrachten wir die Lage der Beduinen im Negev mal durch die Brille von Adalah. Mit Land Disputes in Israel: The Case of the Bedouin of the Naqab hat Dr. Thabet Abu-Ras fuer Adalah eine Analyse der Situation der Beduinen im Negev vorgelegt, die in der Ausrichtung nicht viel anders ist als die von HRW, aber den Vorteil hat, dass sie praezise und konkret geschrieben wurde und nicht im emotionalen Stil, wie er leider fuer viele Menschenrechtsorganisationen typisch ist.

Gestern hatte ich geschrieben:

Stattdessen suggeriert der Bericht, dass israelisches Staatland mit juedischem Landbesitz gleichzusetzen waere. Das ist demogogischer Unsinn. Die Beduinen sind genauso Staatsbuerger wie juedische Israelis.

Bei Abu-Ras finden wir genau diese Aussage:

As long as the discourse of Israeli citizenship runs parallel to the boundaries of Jewish nationalism – and not to the country’s geo-political boundaries – we will continue to speak about state land as the
land of the Jewish people and perpetuate the existing image of the country’s Arab citizens as land-grabbers, in particular with regard to the Bedouin inhabitants of the Naqab.

Ein nur angedeuteter „Diskurs“ (es geht wohl um Israel als juedischen Staat, wie ihn auch die PA nicht anerkennen will) genuegt Abu-Ras als Begruendung, warum Staatsland mit Land in juedischem Besitz gleichgestellt werden kann. Dazu wird auch gleich gedroht: Wenn Israel nicht bereit ist, auf den juedischen Charakter zu verzichten, dann werden Abu-Ras und Adalah weiterhin alles tun, um die Auffassung von Israel als Landraeuber in der Weltoeffentlichkeit zu verewigen.

Meine Rechenkuenste von gestern werden ebenfalls bestaetigt.

(…) over 93% of the land is state-owned. There is no free real estate market in Israel. Arab citizens of Israel, who represent 19% of the country’s population, hold only 3.5% of the land

Wieder sehen wir, dass die arabische Minderheit in Israel in Sachen Landbesitz positiv diskrimiert wird. Ein Fuenftel der Bevoelkerung besitzt die Haelfte des nicht-staatlichen Grundes.

Land has always been the most important resource in the lives of Bedouin. Those who held large tracts of land held a high social status; those with no land remained at the bottom rungs of Bedouin society in the Naqab. Most of the land in the Naqab was held by Bedouins who had inherited it, with no written record of any sort.

Das scheint mir geklittert. Land wurde nicht im engeren Sinn besessen (von sitzen, wie in sesshaft), sondern genutzt und zwar vor allem als Weideland. Die Groesse der Herden vermittelte den sozialen Status, das dazugehoerige Weideland duerfte ein untergeordneter Faktor gewesen sein.

Wie Abu-Ras festhaelt, wirkte das Einfrieren der Landansprueche 1974 zu Gunsten der Beduinen:

Over the past 20 years, the Bedouin have ceased their attempts to register their land. The clear result is a fait accompli with regard to the disputed territory: the Bedouin continue to cultivate the land and build light structures on it such as huts or sheds.

Vor diesem Hintergrund ist nachvollziehbar, warum die beduinische Bevoelkerung den Kompromissvorschlag von 1975 immer noch ueberwiegend ablehnt. Danach wuerden 20% der Ansprueche als Landbesitz anerkannt und fuer die restlichen 80% wuerde finanzielle Entschaedigung geleistet. (An dieser Stelle moechte ich daran erinnern, dass wir uns im Nahen Osten befinden, wo jedes Feilschen mit unerhoert hohen Forderungen beginnt. Bis zum Beweis des Gegenteils gehe ich davon aus, dass das Gros der Landansprueche an den Haaren herbeigezogen wurde, um einen ordentlichen Einstieg zum Feilschen zu haben. 20% sind moeglicherweise nicht weit von den tatsaechlichen Verhaeltnissen entfernt.)

Bei der wilden Besiedelung der umstrittenen Gebiete werden keineswegs nur „leichte Strukturen“ gebaut. Die Bilder in dieser Veroeffentlichung (die ich als staatliche Gegenpropaganda zu Adalah einordnen wuerde) geben einen Eindruck, den ich aus eigenem Augenschein bestaetigen kann. An den Strassen entlang stehen vor allem Wellblech- und Bretterhuetten. Etwas weiter von der Strasse entfernt, stehen dann die Villen. Der isr. Staat kontrolliert im Negev a priori nur die Strassen und das Gebiet, das problemlos mit dem Auto erreicht werden kann. Der Rest ist Beduinenland.

The current government, led until recently by Ariel Sharon, and now by Ehud Olmert, has planned dozens of new settlements and isolated individual farms in the Naqab. These farms are not being created out of an essential need to strengthen outlying areas: 13,000 apartments in the Naqab currently stand empty, and several existing towns and villages are on the verge of collapse.

Hier fehlt der Kontext. Wie Abu-Ras mit Sicherheit weiss, aber lieber nicht erwaehnt, war nach dem Gazastreifen ein einseitiger Rueckzug auch aus dem Westjordanland geplant. (Das war das Wahlprogramm auf dessen Grundlage Olmert gewaehlt wurde!) Viele der aus dem Gazastreifen evakuierten Familien haben immer noch keine dauerhafte Bleibe, dabei waren das nur ca. 7000 Menschen. Im Westjordanland leben aber weitaus mehr Israelis. Bei einer etwaigen Raeumung muessen sie irgendwohin und der Negev ist eigentlich die einzige groessere Landreserve des Staates.

Schauen wir uns mal Dr. Abu-Ras‘ Empfehlungen an die Regierung an:

Recommendations to the Government of Israel
1. Relate to the issue of land in the Naqab and the unrecognized Arab Bedouin villages as a national problem. As such, special laws must be enacted to settle the matter and special resources must be allocated to that end.
2. Determine a solution to the issue based on ethical, not legal, grounds.
3. Do not impose a solution. Mediation between the two sides – the Bedouin and the state – may be the best strategy if the mediators are an independent international body with expertise in the area of land and indigenous populations.
4. Allow Bedouin claimants holding 240,000 dunams (less than 2% of the total area Naqab) and over and living on their land to register the land in their name. Allow all other claimants to lease the land in question for a period of 49 years.
5. Pay compensation for land expropriated for public purposes or land with legal owners according to its full value, to be determined by an independent assessor.
6. Offer a number of settlement options to Bedouin citizens, not only urbanization. For example, the model of the agriculture village, the Jewish moshav, is quite popular among the Bedouin.
7. Separate the question of land ownership from the granting of services and recognition of unrecognized villages.
8. Recognize all of the unrecognized villages under the jurisdiction of one or two regional councils.

Aus dem 2. Punkt wird klar, dass Abu-Ras genau weiss, dass seine Forderungen keine legale Grundlage haben. „Ethik“ ist eine sehr schwammige Grundlage fuer Konfliktloesungen. Gerade im arabischen Sprachgebrauch bedeutet „gerecht“ (s. auch den Namen der Organisation) in der Regel, dass die eigenen Forderungen absolut gesehen werden und keine Kompromisse moeglich sind.

Der 3. Punkt moechte auch die Streitpunkte zwischen den Beduinen und dem Staat internationalisieren, nach dem Vorbild des pal.-isr. Konflikts.

Punkt 4 bevorzugt eindeutig Grossgrundbesitz, damit wuerde die derzeitige Elite der Beduinen auf ein dauerhaftes Fundament gestellt. Ich koennte mir gut vorstellen, das Abu-Ras selber zu dieser Schicht gehoert und/oder sich als ihr Interessenvertreter empfindet.

Kein Einwand zu Punkt 5 und 6.

Zu 7: In Israel sind die Kommunen fuer die Infrastruktur und die dazugehoerigen Dienste, wie Wasser, Abwasser zustaendig. Fuer ihre Ausgaben erheben die Kommunen auch Steuern, die auf der Grundlage der Quadratmeterzahl berechnet werden, die sog. Arnona. In allen arabischen Kommunen wird kaum Arnona bezahlt, so dass die Kommune kein Geld hat, das sie in Buergersteige, Kanalisation etc. investieren koennte. Ich gehe davon aus, dass die Lage in den nicht anerkannten Doerfern noch schlechter ist.

Mit Punkt 8 muesste ich mich naeher beschaeftigen, aber eine Blankoanerkennung von „allen“ Doerfern (definiere Dorf?) waere sicher der falsche Ansatz, siehe meine Bemerkungen zum Feilschen oben.

crossposted bei Freunden der Offenen Gesellschaft

Beduinen IV

3 Antworten

  1. […] Titel signalisiert uebrigens, dass Abu-Saad wie Abu-Ras Interessenskonflikte zwichen dem isr. Staat und Beduinen in das Muster des pal.-isr. Konflikts […]

  2. […] haben gesehen, dass selbst ernannte Sprecher fuer die Beduinen wie Abu-Ras und Abu-Saad versuchen, die realen Interessensgegensaetze und Probleme zwischen den Beduinen im […]

  3. […] Israels, die nach Ansicht der Organisation fürchterlich benachteiligt werden. Beer7 widerlegt die verdrehte Argumentation […]

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