Beduinen in Israel III


Hier habe ich noch einen Artikel aus der Feder eines beduinischen Professors an der Ben Gurion Universitaet in Beer Sheva gefunden. Dr. Ismail Abu-Saad konzentriert sich in seinem Artikel The Palestinian Bedouin Arabs in Israel: Historical Experience and Development Needs for the Future mehr auf die soziale Lage der beduinischen Bevoelkerung.

Der Titel signalisiert uebrigens, dass Abu-Saad wie Abu-Ras Interessenskonflikte zwichen dem isr. Staat und Beduinen in das Muster des pal.-isr. Konflikts pressen moechte.

Die Lage wird so beschrieben:

The family earned income of Bedouin in the towns is about half that of the average family in Beer Sheva, and generally less than half of the national average. Since the average household size in the Bedouin towns is roughly double that of the national average, and the family salary per person (per capita earned income) falls to under 25% of that of Beer Sheva and about 20% of the Israeli average.

Der Vergleich mit der Durchschnittsfamilie in Beer Sheva hinkt an mehreren Fuessen und Abu-Saad geht im folgenden teilweise auch darauf ein. Der typischen Familie in Beer Sheva stehen zwei Einkommen zur Verfuegung, da auch die Frauen arbeiten, obwohl sie in der Regel weniger Geld nach Hause bringen, dazu hat die durchschnittliche Familie in Beer Sheva weniger Kinder als die typische Beduinenfamilie (wo es auch mehr als eine Ehefrau geben kann).

Ein sehr viel passenderer Vergleich waeren die ultraorthodoxen juedischen Familien, die zu einem grossen Teil ebenfalls von nur einem Einkommen leben (dort sind ueberwiegend die Maenner nicht oder nur eingeschraenkt erwerbstaetig) und viele Kinder haben:

Moderate estimates place Israel’s current Haredi population at around 650,000, with more than 50% living below the poverty line. With a high fertility rate (some experts place it as high as 7.6 children per family), Haredim will continue to comprise an increasingly large percentage of the total Israeli population. This, combined with a 60% unemployment rate, means that addressing the Haredi community’s economic crisis is becoming more urgent with each passing year.

Ein Unterschied zu den Beduinen liegt darin, dass die Haredim in der Regel zwar keine saekulare Schulbildung oder Ausbildung haben, aber durch ihre religioesen Studien intellektuell sehr entwickelt sind. Sie koennen durch Fortbildung und spezielle Arbeitsbedingungen (Geschlechtertrennung) wesentlich leichter in den Erwerbsprozess integriert werden.

Wie ich hier schon einmal erwaehnt hatte, ist die beduinische Bevoelkerung in Israel das Schlusslicht bei der Bildung. Ich kann es nicht beweisen, gehe aber davon aus, dass das damit zu tun hat, dass diese Gesellschaft am konservativsten patriarchalisch organisiert ist. Hier hatte ich gestreift, dass gerade in Beer Sheva besondere Foerderung fuer Beduinen existiert. (Dass wir nun schon zwei beduinischen Professoren an der BGU begegnet sind, ist kein Zufall.)

The Bedouin do receive some compensation for these gaps in the form of greater benefits from transfer payments from the government. Child allowances for larger families are larger, but many Bedouin families do not receive them. In Israel as a whole, 98% of children receive child support allowances, but in the Bedouin towns, the proportion ranges from 49 to 92% (Lithwick, 2000). Unemployment benefits should also be higher, but again, their payments are lower than for non-Bedouin.

Das Kindergeld wird nicht nach ethnischer Zugehoerigkeit bezahlt. Bedingung ist, dass 1) das Kind beim Innenministerium registriert wurde und 2), dass die Mutter ein eigenes Bankkonto hat. Der Staat besteht darauf, Kindergeld nur an die Mutter zu ueberweisen. Der niedrigere Anteil von Beduinenkindern, fuer die Kindergeld bezahlt wird, bedeutet daher, dass manche Familienoberhaeupter lieber kein Konto auf den Namen der Frau einrichten, auch wenn sie dadurch auf das Kindergeld verzichten muessen. (Patriarchalische Geselschaft). Aehnlich bei der Arbeitslosenhilfe. Um sie zu bekommen, muss sich der oder die Arbeitslose regelmaessig beim Arbeitsamt melden, einmal in der Woche, wenn ich mich Recht erinnere. Dabei muessen lange Wartezeiten in Kauf genommen werden (wie bei jeder isr. Behoerde). Wer sich das sparen will oder wer seine Frau nicht so lange in der Oeffentlichkeit sehen will, der muss halt auf die Arbeitslosenhilfe verzichten.

Ich sehe im Ansatz von Abu-Saad einen gewissen Widerspruch. Einerseits moechten Beduinen den traditionellen Lebensstil weiter pflegen, andererseits wuenschen sie sich den Lebensstandard von Buergern einer Industrienation. Diesen Spagat koennen nur die arabischen Buerger von oelreichen Staaten schaffen…

crossposted bei Freunden der Offenen Gesellschaft

Beduinen IV

Eine Antwort

  1. […] die nach Ansicht der Organisation fürchterlich benachteiligt werden. Beer7 widerlegt die verdrehte Argumentation […]

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