Beduinen IV


Heute moechte ich diese Serie abschliessen.

Wir haben gesehen, dass selbst ernannte Sprecher fuer die Beduinen wie Abu-Ras und Abu-Saad versuchen, die realen Interessensgegensaetze und Probleme zwischen den Beduinen im Negev und dem Staat Israel an den pal.-isr. Konflikt anzukoppeln.

Ich glaube nicht, dass das fuer die Beduinen eine gute Strategie ist.

Die Beduinen sind keine „Ureinwohner“, sie sind es sogar noch weniger als die Palaestinenser. Die Interessen der Palaestinenser und der Beduinen waren sich jahrzehntelang diametral entgegengesetzt und konvergieren auch heute kaum.

Die Beduinen in Israel stammen zum groessten Teil aus dem Hejaz im heutigen Saudi-Arabien. Ihre Verdraengung von dort duerfte vor allem auf den Machtkampf zwischen Hussein von Mekka und Ibn Saud, dem Gruender des heutigen Saudi-Arabiens, zurueckgehen. Die Briten hatten im Machtkampf zwischen den beiden Dynastien auf das falsche Pferd gesetzt. Als Ibn Saud sich durchsetzte, fuehlten sie sich verpflichtet, der unterlegenen Dynastie in ihrem Einflussbereich ein Rueckzugsgebiet zu sichern. So setzten sie zunaechst Feisal (einen Sohn von Hussein) als Herrscher im Irak ein und dann Abdallah (einen anderen Sohn) als Koenig von Jordanien. Waehrend die Hashemitenherrschaft im Irak schnell gestuertzt wurde (die Franzosen, die dort mit den Briten um Einfluss konkurrierten, fuehlten sich der Familie nicht verpflichtet, warum sollten sie?), sitzt inzwischen mit Koenig Abdallah die vierte Generation auf dem Thron in Jordanien. Mit der Herrscherfamilie kamen natuerlich die Staemme, auf die sie ihre Herrschaft gegruendet hatten. Die jordanische Armee besteht noch heute ueberwiegend aus Beduinen und alle Schluesselpositionen der Macht in Jordanien sind mit Beduinen besetzt. Auf diese Weise kann sich die herrschende Elite gegenueber einer Bevoelkerungsmehrheit von Palaestinensern behaupten.

Wir sehen, dass in Jordanien immer noch ein klarer Gegensatz zwischen Beduinen und Palaestinensern besteht, obwohl die beiden Bevoelkerungsgruppen sich zunehmend miteinander vermischen. Als wir auf Hochzeitsreise in Petra waren, vertraute uns unser beduinischer Fuehrer an, dass er Palaestinenser hasse, aber mit einer Palaestinenserin verheiratet sei. Auch die derzeitige jordanische Koenigin z.B. ist Palaestinenserin.

Vor der israelischen Staatsgruendung war der Gegensatz zwischen Arabern und Beduinen auch hier sehr spuerbar. Ansaessige arabische Bauern litten nicht weniger als juedische Siedler unter den Raubzuegen der Beduinen. Noch in einer Studie von 1945 war fuer den Verfasser ganz selbstverstaendlich, dass arabischen Buerger und nomadische Beduinen unmoeglich in einer Kategorie zusammengefasst werden koennen.

Der Ansatz, die „Sache der Palaestinenser“ mit den Anliegen der Beduinen zu verschmelzen, beruht mE vor allem darauf, dass die „Sache der Palaestinenser“ als links-fortschrittlich empfunden wird und dass durch die Sympathie der Weltoeffentlichkeit fuer die Palaestinenser der Eindruck entsteht, sie seien erfolgreich in der Verfolgung ihrer Ziele. Diese selbst ernannten Sprecher gehoeren zur akademischen Elite in Israel. In diesen Kreisen ist marxistisches Gedankengut, vor allem auch die Tendenz durch die anti-imperialistische Brille zu sehen, immer noch weit verbreitet. Ben Gurion Univerisity hat ein geruettelt Mass an solchen Professoren. Ich wuerde daher vermuten, dass die politischen Ansichten von Abu-Ras und Abu-Saad nicht zuletzt aus diesem Zusammenhang stammen. Durch politischen Aktivismus uebernehmen sie mehr und mehr die Rolle als politische Fuehrung der Beduinen. Das duerfte in Konkurrenz zur traditionellen Elite sein, obwohl ich vermute, dass die Professoren der traditionellen Fuehrungsschicht entstammen und so auch ueber ihre Sippenzugehoerigkeit ueber Autoritaet verfuegen. Auch wenn die Professoren vorgeblich eine „eingeborene“ Kultur vor zerstoererischen, westlichem Einfluss schuetzen wollen, sind sie selber schon zu einem grossen Teil ein Produkt eben dieser westlichen Gesellschaft.

Im Gegensatz zu dem mE regressiven Ansatz von Abu-Ras und Abu-Saad steht der Ansatz, die beduinische Gesellschaft zu modernisieren. Dabei wird vor allem eine Verbesserung der Stellung der Frau zentral gesehen und der Weg dazu fuehrt ueber Schulbildung und Ausbildung.

Dabei duerfen wir uns nichts vormachen: So oder so befindet sich die beduinische Gesellschaft im Umbruch. Die romantischen Vorstellungen der „freien Wuestensoehne“ (Laurence of Arabia) gehoeren der Vergangenheit an, waren immer schon mythisch ueberhoeht, und selbst der Mythos sprach nie von freien Toechtern!

Die Beduinen in Israel stehen vor der Wahl, sich entweder dem letztendlich selbstzerstoererischen Kollektiv der Palaestinenser anzuschliessen oder sich in die moderne israelische Gesellschaft zu integrieren (mehr oder weniger, wie wir wissen, gibt es in dieser Gesellschaft sehr viele Subgesellschaften mit ihren eigenen Nischen, Beduinen koennen sich wie Haredim in einer Nische einrichten). Choose life!

crossposted bei Freunden der Offenen Gesellschaft

2 Antworten

  1. Marlène Schnieper aus Beer Sheva hat heute im Tages Anzeiger (CH) einen Bericht zur Diskriminierung der Beduinen veröffentlicht (ätzend tendenziös, wie ich finde).
    http://www.tagesanzeiger.ch/ausland/naher-osten-und-afrika/Israels-Beduinen-Die-andere-diskriminierte-Minderheit/story/24698158

    Gut, dass ich deinen Beduinen Artikel zu Hand hatte, um mich wirklich zu informieren.

  2. Marlene Schnieper schreibt ein Buch ueber das „Rueckkehrrecht“ der Palaestinenser. Nachdem auf diesem Blog schon ausreichend etabliert wurde, dass damit der Staat Israel demographisch aufgehoben wuerde, gehe ich davon aus, dass Frau Schnieper Israel als juedischen Staat nicht anerkennt.

    In ihrem Bericht nimmt sie alle Aussagen der Beduinen fuer bare Muenze. Dabei kennt sie angeblich den Orient! Hauptsache, es geht gegen Israel.

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