Israel: Volk – Gott – Land


Ziad hat mich in unserer Diskussion (von Ziad inzwischen offensichtlich geloescht) um meine Gedanken zum religioesen Verhaeltnis zum Land im Judentum gebeten.

Ich habe ihm (auf Englisch) geantwortet und veroeffentliche den gleichen Text auf Deutsch hier:

Vorwort:

Ich lebe nicht nach den orthodoxen Regeln. Gleichzeitig lasse ich mich nicht als “saekular” klassifizieren. Als Kind habe ich keine juedische Bildung erhalten, ich arbeite daran, meine Kenntnisse und mein Verstaendnis zu erweitern. Das Folgende sind meine Gedanken auf der Grundlage eines Talmudkurses, den ich im vergangenen Winter besucht habe. Sie sind nicht identlich mit den Gedanken unserer Lehrerin. Ueberhaupt war sich unsere Studiengruppe nie ueber irgendetwas voellig einig, so gehoert sich das in solchen Kursen.

Versprechen

In der Thora verspricht Gott das Land Avraham Avinu (unser Vater) fuer seine zahlreichen (ein weiteres Versprechen) Nachkommen. Als dieses Versprechen gemacht wird, befindet sich Avram (wie er damals noch genannt wurde) bereits auf halbem Weg dorthin. Er hatte sein Vaterhaus verlassen und sich auf die Reise begeben, ohne zu wissen wohin, ein Akt des Glaubens. Aber Avraham muss das Land wegen einer Duerre verlassen und zieht nach Aegypten. Das ist ein Muster, das sich in der Thora und in der Geschichte wiederholt. Zur Zeit Josefs kommt sein Clan aus dem gleichen Grund nach Aegypten.

Volk

Israel war der Name, der Jakob (Josefs Vater) verliehen wurde, nachdem er einer geheimnisvollen Macht einen Segen abgerungen hatte. Seine Soehne und Nachkommen wurden so zu Bnei Israel (Soehne/Kinder Israels). In Aegypten wuchsen sie ueber den Clan hinaus und wurden zum Volk. Dessen Auszug aus Aegypten unter der Fuehrung von Moshe Rabbeinu (Moses, unser Lehrer) gilt als Geburt des Volkes Israel. Jetzt haben wir den ersten Teil der Dreiheit.

Gott

Am Berg Sinai nahm das Volk Israel den Bund mit Gott und Sein Gesetz an. Damit wird der zweite Teil der Dreiheit hinzugefuegt.

Land

Das Land ist demnach der letzte Bestandteil und von Anfang an war es von der Beziehung zwischen Volk und Gott abhaengig. (2. Mos. 23.20 ff)

Es wurde aber auch deutlich gemacht, dass vom Volk Israel erwartet wurde, um das Land zu kaempfen. Als der Bericht der 12 Vertreter der Staemme, die auf eine Erkundung vorausgeschickt worden waren, die Moral des Volkes sinken liess, wurde das Volk bestraft, 40 Jahre durch die Wueste ziehen zu muessen. Der auf dieses Verdikt folgende Versuch, das Land zu erobern, schlug fehl, weil Gott nicht dabei war. (4. Mos. 33-34).

Nach meinem Verstaendnis werden schon an dieser Stelle in der Thora die Bedingungen dargelegt: Das Land Israel war dem Volk Israel durch den Gott Israels versprochen worden. Aber es ist kein Geschenk, dass passiv angenommen werden kann, es muss erkaempft werden und Gottes Gesetz muss befolgt werden.

Spaeter kamen natuerlich die Exile Israels, die als goettliche Strafe dargestellt werden. Jede Rueckkehr in das Land bekommt demnach den Charakter eines goettlichen Segens. Wir sehen aber wieder, dass das Volk sich nicht zuruecklehnen kann, um auf den Segen zu warten, sie muessen ihn selber herbeifuehren.

Talmud

Wie wir wissen gibt es Haredim, die den moderen Staat Israel als Sakrileg ablehnen, waehrend es andere orthodoxe Juden gibt, nach deren Empfinden der Staat Israel auf goettlichem Recht beruht.

Beide Ansaetze gehen auf Ketubot 110 und 111 im Babylonischen Talmud zurueck. Dabei handelt es sich um einen Dialog zwischen den Rabbis Jehuda und Zeira. Ersterer ist ein frueher “Zionist”, waehrend der Andere die Rueckkehr ins Land ablehnt.

Auf der Grundlage des Hohen Liedes (2:7, 3:5, 8:4) versteht Rabbi Yossi ben Rabbi Hanina, dass drei Eide das juedische Volk in ihrerm Verhaeltnis zur nicht-juedischen Welt binden.
1. Dass die Juden nicht ins Land Israel zurueckkehren be-chomah – “wie eine Mauer”
2. Dass die Juden nicht gegen die Voelker der Welt rebellieren.
3. Dass die Voelker der Welt die Juden nicht uebermaessig unterdruecken.

Zitiert nach Steinsaltz

Mein Ansatz

Meinem Gefuehl nach wurden die drei Bedingungen erfuellt und zwar in umgekehrter Reihenfolge:

Die Shoah (von den Nazis und ihren Helfern veruebt, aber ermoeglicht durch die Gleichgueltigkeit der restlichen Welt) kann sicherlich als “uebermaessige Unterdrueckung” definiert werden. Da die Vereinten Nationen mehrheitlich fuer die Errichtung eines Juedischen Staates gestimmt haben, kann von einer Rebellion gegen die Voelker der Welt nicht die Rede sein. Die massenhafte Rueckkehr (wie eine Mauer) war daher gerechtfertigt.

Dem Volk Israel ist in unserer Zeit der Segen widerfahren, seinen eigenen Staat im Land Israel errichten zu koennen. Das ist keine bedingungslose und unumkehrbare Gabe, eher eine Leihgabe, die davon abhaengig gemacht ist, dass wir unser Land verteidigen und gleichzeitig darum bemueht sind, ethische Masstaebe einzuhalten. Wenn wir diese Bedingungen nicht erfuellen, koennen wir das Land wieder verlieren.

Eine Antwort

  1. Interessante Überlegungen.
    Und man kann nicht gerade sagen, dass der Allmächtige es den Juden erlaubt hat, ihr Land einfach mal eben so wieder einzunehmen. Besonders die Heiligen Stätten. 1948/49 ging die Altstadt verloren und Jerusalem fast auch – Latrun ein Bollwerk gegen Israel – 1967 aber fielen sie fast wie reife Früchte, scheinbar mit wenig Aufwand, wenn man vergleicht, wie heftig an anderen Fronten gekämpft werden musste; ich weiß, dass die Kämpfe um Jerusalem 1967 auch kein Spaziergang waren – das Museum auf French Hill macht das klar. Aber diese verhältnismäßig leichten Siege: Kamen sie, nachdem Israel sie sich „verdient“ hatte? Wer weiß.

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