ein Ausflug nach Jerusalem


Die letzten Tage hatte ich, bzw. die Firma, Besuch aus Deutschland. Weil die beiden Geschaeftsfreunde zum ersten Mal in Israel waren, sorgten wir dafuer, dass sie in der kurzen Zeit moeglichst viele Eindruecke sammeln konnten.

Heute vormittag, bevor ich sie zum Flughafen brachte, machten wir noch einen Spaziergang in Jerusalem. Ich verliess das Haus um sieben, nachdem die Frage, wie die Kinder ohne mich rechtzeitig in die Schule kommen, geloest worden war. Aber ich habe mich auf der Hinfahrt zweimal so verfahren, dass ich ebensogut eine Stunde spaeter haette starten koennen. Merke: Man soll nie versuchen, einen Stau zu umfahren, wenn man die Gegend nicht besser als die eigene Tasche kennt.

Mein zweites Herumirren fuehrte mich durch ein ultraorthodoxes Viertel. Retroaktiv wuerde ich es laut Karte als Mea Shearim identifizieren. Seit ich vor 14 Jahren ein paar Monate in Jerusalem gelebt habe, hat sich die Stadt sehr veraendert. Die ultraorthodoxe Bevoelkerung bestimmt immer mehr das Strassenbild. Deswegen hatte ich extra einen langen Rock angezogen und eine Bluse, deren Aermel ueber die Ellbogen reichen. Meinen Hut setzte ich auch schnell auf.  Mir war, als sei ich in eine fremde Welt geraten. Dank den Buechern von Naomi Ragen hatte ich das Gefuehl, mir wenigstens ansatzweise vorstellen zu koennen, wie diese Menschen leben.

Dank der Stadtmauer konnte ich mich schliesslich halbwegs orientieren. Ich hatte eine ungefaehre Vorstellung, wo das Hotel lag und wusste, dass es schon auf der Seite der Stadt war, die bis 1967 zu Jordanien gehoert hatte. Die unsichtbare Grenze ist immer noch sehr deutlich erkennbar. Auf einmal befand ich mich in einer arabischen Stadt. Schliesslich fand ich sogar das Hotel.

Unsere Gaeste wollten vor allem die Altstadt sehen. Da wir wenig Zeit hatten, parkte ich gleich am Damaskustor

Binnen Minuten befanden wir uns in den engen Gassen mit ihren gedraengten Geschaeften

Bisher hatte ich mich noch nie durch das Damaskustor getraut und auch sonst das muslimische Viertel nach Kraeften vermieden. In Begleitung von zwei offensichtlichen Touristen war ich weniger aengstlich.

Ich wusste, dass die Via Dolorosa bald im rechten Winkel unseren Weg kreuzen musste. Aber als wir dorthin kamen, haette ich sie doch fast verpasst. Ein aelterer, arabischer Reisefuehrer, der an dieser Ecke auf Kunden wartete, machte uns darauf aufmerksam. Im ersten Instinkt lehnte einer meiner Besuche die Dienste des Reisefuehrers ab. Waehrend der andere ein Photo schoss, schlug ich vor, dass wir vielleicht doch ganz gut daran taeten, einen kundigen Fuehrer zu haben. Ich ging auf ihn zu, erklaerte ihm unseren zeitlichen Rahmen und fragte nach dem Preis, den ich sofort auf die Haelfte herunterhandelte. Dank seiner Fuehrung sahen wir alle Ecken und Nischen der Via Dolorsa. Vor allem diejenigen, bei denen man ueber unscheinbare Tueroeffnungen und Treppen unter das Niveau der heutigen Stadt gelangte, haetten wir allein mit Sicherheit uebersehen. Der eine der Gaeste war sichtbar zunehmend erschuettert. Ich erinnerte mich an meine Gefuehle, als ich das erste Mal die Steine der Klagemauer beruehrte und konnte ihn gut verstehen. Als wir uns in dem ueberdachten Basar der Grabeskirche naehrten, warf ich einen Blick nach oben und dachte, dass vielleicht schon bald die naechste Schicht ueber dieser entstehen wuerde. Als wir spaeter auf das Dach der Grabeskirche stiegen, fuehlte ich mich bestaetigt. Zum Schluss zahlte ich unserem Fuehrer, das Honorar, wie er es zuerst gefordert hatte und bedankte mich herzlich.

Zum Abschluss sassen wir noch in einem Cafe direkt neben dem Tor. Waehrend wir das weitere Vorgehen in unserer geschaeftlichen Kooperation besprachen, rief der Muezzin zum Gebet: Allah Akbar. Auf der gegenueberliegenden Strassenseite sassen zwei junge israelische Soldaten, mit der Waffe ueber den Knien und tranken Orangensaft aus einer Flasche.

In Jersulem finden sich wie in ganz Israel, aber noch viel konzentrierter, die verschiedensten Schichten und Kulturen auf engstem Raum: unter den Kreuzfahrergewoelben die roemischen Pflaster, darueber der arabische Markt von heute, ganz in der Naehe das jiddische Stettl, wie weiland im polnischen Russland und die luxurioesen Apartments reicher Amerikaner. Die Geschichte ist nicht vergangen, sie spinnt weiter in unser Leben hinein.

4 Antworten

  1. Von welcher „Schicht“ über der Grabeskirche schreibst Du? Warum war der Mann erschüttert?

  2. Fuer meinen Gast war es ein religioeses Erlebnis, das ihn erschuettert hat.

    Auf dem Dach der Grabeskirche steht ein Kloster der aethiopischen Christen.

  3. Oh, Danke!

  4. […] erklärte mir ein zahnloser alter Mann, der täglich wohl viele Menschen anspricht, vielleicht auch beer7. Die Via Dolorosa bezeichnet den Weg, den Jesus mutmaßlich nach seiner Verurteilung in der […]

Schreibe einen Kommentar

Bitte logge dich mit einer dieser Methoden ein, um deinen Kommentar zu veröffentlichen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: