eine traurige Geschichte


Mittwochs muss ich immer in der Mittagspause los hetzen, um die Grosse von ihrem Begabtenunterricht abzuholen. Diesmal war ich etwas frueher dran als sonst und so traf ich noch eine Freundin und Mutter einer Freundin der Grossen. Im Smalltalk kam das Gespraech auf einen meiner Kollegen, dessen Mutter mit meiner Freundin zusammenarbeitet.

Vor knapp fuenf Jahren hat G. im Warenlager angefangen. Bald danach warf er einmal hin, dass er eine Untersuchung in Jerusalem machen wuerde. Es sei zwar sicher nichts, aber ihm wuerde immer gesagt, er solle das doch einmal checken lassen. Wie sich herausstellte, war es Krebs. Er wurde operiert, danach Chemo und Bestrahlungen. Alles sah gut aus. Er kam wieder zur Arbeit, auch wenn er oft wegen Untersuchungen und Nachbehandlungen fehlen musste. Vor einem guten Jahr wurde auch G.s Frau fuer’s Lager eingestellt. Die Firmenleitung sagt zwar nichts Offizielles dazu, aber es ist allen voellig klar, dass damit das Familieneinkommen von G. aufgebessert werden soll. G. und seine Frau haben einen Sohn. D. ist gleichaltrig mit unserer Grossen und dem Sohn einer anderen Kollegin (die Tante des Maedchens aus Hebron). Die Kinder kennen sich und spielen auch gern miteinander.

In den Sommermonaten begann G. ueber starke Rueckenschmerzen zu klagen. Er glaubte, oder behauptete zu glauben, dass es ein Bannscheibenvorfall sei. Leider fanden die Aerzte, dass es eine von vier neuen Geschwulsten war. Eine Operation wurde diesmal nicht in Betracht gezogen. Anscheinend ging es nicht wegen der Wirbelsaeule. Die Chemotherapie und die Bestrahlungen brachten nicht den gewuenschten Erfolg. Eine Zeitlang war die Rede von einer neuartigen Behandlungsmethode in den USA. Die Krankenakte wurde bereits ins Englische uebersetzt. Die Firma teilte G. mit, dass Kosten keine Rolle spielten. Intern wurde bereits ein E-mail an alle Mitarbeiter verschickt, wonach jeder auf einen bezahlten Urlaubstag verzichten solle, der eingesparte Betrag solle G. zugute kommen. Niemand hatte Einwaende.

In der Zwischenzeit wurde G. immer schwaecher. Er wurde aus dem Krankenhaus entlassen und bekommt nur noch schmerzstillende Mittel. Weder seine Frau noch seine Mutter kommen zur Arbeit, sie wollen die verbleibende Zeit noch so viel wie moeglich mit G. zusammen sein. Auch der Junge ist so oft wie moeglich bei seinem Vater.

Gestern im Radio hoerte ich ein Fragment. Eine Frau erzaehlte, wie sie Aufzeichnungen ihres Vaters gefunden hatte. Der plante bereits, dass die eine Tochter die andere ausbezahlen solle, dass dann die Wohnung umgebaut werden sollte samt Kostenvoranschlag und Nutzung. Und am Ende dieser langen, sachlichen Eroerterungen der kurze Satz „Es tut mir so weh, euch verlassen zu muessen.“

Seit G. von seiner Krankheit weiss, versucht er, seinem Sohn und seiner Frau all die Liebe zu geben und zeigen, die er fuer sie fuehlt. Er hatte schon seit einiger Zeit den Verdacht, dass es fuer ein ganzes Leben reichen muss.

G. ist 34 Jahre alt.

Es tut mir so leid, dass er uns verlassen muss.

3 Antworten

  1. Das ist alles sehr traurig und mir geht es ziemlich nahe, mir ist zum weinen zumute. Ich finde es immer unfair und ungerecht, wenn ein Mensch so früh gehen muß.

  2. So traurig die Geschichte ist – ich habe aus ihr auch eine Art Trost geschöpft. Es hat mir richtig wohlgetan, wie die Leitung und die Mitarbeiter der Firma der geprüften Familie zur Seite stehen, ohne Aufhebens, ohne Frage. Schön, dass es das noch gibt, all denen zum Trotz, die uns weismachen wollen, „Wirtschaftlichkeit“, Effizienz, Optimierung von Gewinnen seien die einzigen erstrebenswerten Ziele im Leben.

  3. Vered,

    ich bin nicht sicher, ob sich dieses Verhalten fuer unsere Firma nicht auch wirtschaftlich rentiert.

    Jeder Mitarbeiter, der miterlebt, wie G. und seiner Familie beigestanden wird, denkt bei sich: Auch mir wuerde geholfen, wenn es wirklich noetig waere. Und nimt ein niedrigeres Gehalt oder andere schlechtere Bedingungen in Kauf, als er anderswo bekommen koennte. Meine Wut, dass ich dieses Jahr keinen Bonus bekomme (weil niemand einen bekommt), obwohl ich mein Budget mit 117% erfuellt habe, ist auch sehr schnell verraucht.

    Motivierte und loyale Mitarbeiter sind fuer eine Firma viel wichtiger als das Einsparen einer einmaligen Summe, auch wenn sie hoch ist.

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