Was macht einen Faschisten aus?


Die Frage ist ganz ernst gemeint.

In Israel wird Moshe Feiglin allgemein als Faschist bezeichnet. Bis heute ist mir nicht ganz klar, wie er diese Schubladisierung verdient haben sollte.

Yossi Sarid / Feiglin, his cronies are fascists by any definition
Yossi Sarids Definition scheint zu sein: Wer Hitler nicht durch und durch verachtet, ist ein Faschist. Diese Definition ist an sich zu duerftig, Als Beleg dafuer, dass Feiglin Faschist sei, werden die Aeusserungen einer Ha’aretz Journalistin ueber ihn zitiert, die ihn vor 13 Jahren interviewt hat, sowie Exzerpte aus diesem Interview. Leider konnte ich den Text des Interviews nicht online finden. Aus meiner Erfahrung mit Ha’aretz wuerde ich aber vorsichtig sein. Auch nach der Darstellung von Yossi Sarid ist es wahrscheinlich, dass Ada Oshpiz kein unvoreingenommenes Interview fuehrte, sondern Feiglin erledigen wollte.

Feiglins Aussage, weder in der arabischen Welt noch in Afrika habe das moderne Konzept der Nation bisher echte Wurzeln geschlagen, die Zugehoerigkeit zu Staemmen habe Primat, haelt Sarid fuer ein weiteres Indiz fuer Faschismus. Fuer mein Teil halte ich das fuer eine zutreffende Tatsachenbeschreibung.

Carl von Israel Matzav meint, dass Feiglin zum Faschisten deklariert wurde, weil er in der Anfangszeit des Osloprozess zivilen Ungehorsam praktizierte und auch dazu aufrief. Eine solche Definition kann ich natuerlich auch nicht akzeptieren.

Schauen wir uns doch einfach das Programm seiner Bewegung an:

* Return to family values
* Traditional Jewish education for all Jewish children
* Security without the Oslo illusion
* Electoral reform in the court system

Nichts, was eindeutig als Faschismus erkennbar waere, aber auch nichts, was diese Moeglichkeit definitiv ausschliessen wuerde. Mit der ausfuehrlicheren Behandlung der Punkte, bin ich uebrigens einverstanden: Warum sollten unverheiratete Paar steuerlich besser gestellt sein?
Weil auch wir eine solidere, juedische Erziehung wollen, schicken wir unsere Toechter in diese besondere Schule.
Die Praemissen, die uns in das Oslodebakel gefuehrt haben, muessen neu ueberdacht werden.
Das Rechtssytem koennte dringend etwas Kontrolle gebrauchen.

Haariger wird es, wo ich mir die Plaene fuer den ersten Tag im Amt nach einem etwaigen Wahlsieg Feiglins und seiner Bewegung anschaue:

Thanksgiving prayer of newly elected Prime Minister and his future government on the Temple Mount.

Ein solcher symbolischer Akt waere eine Kampfansage an die Muslime in Israel und weltweit. Innenpolitisch koennte das als Auftakt zum juedischen Gottesstaat verstanden werden. Allerdings mit vielen Vorbehalten. Eigentlich ist es meines Wissens nicht mit halachischem Judentum vereinbar, den Tempelberg als politische Buehne zu benutzen. Nach meinem Empfinden waere das Laesterung. Ob es orthodoxen Juden ueberhaupt gestattet sein sollte, ihn zu betreten, ist umstritten. Hier scheint Feiglin eher am juedischen Koenigreich anzuknuepfen als am Judentum, wie es nach der Zerstoerung des Tempels kodifiziert wurde.

Die Idee, maximale Hoechstgehaelter einzufuehren, ist absoluter Bloedsinn. Sie wuerde nicht dazu fuehren, dass die besten Leute in die Politik gingen, sondern die Abwanderung vor allem in die USA verstaerken.

Die Formulierung „liberating the land“ klingt nach Vertreibung der arabischen Israelis. Allerdings hat Zippi Livni Sprueche von sich gegeben, die so verstanden werden koennen. Daher Vorsicht!

Fuer die ersten drei Wochen im Amt plant Feiglin den kompletten Umbau des israelischen Staates. Die Einfuehrung von Wahlkreisen und ein zweikammriges System wuerde ich mir zwar wuenschen, aber sicher nicht per FIAT. Ueberhaupt verschwendet Feiglin hier keinen Gedanken daran, wie sich seine Plaene ueberhaupt umsetzen liessen. Angenommen Feiglin waere wirklich der Kandidat des Likuds und die Partei haette in den Wahl unglaublich gut abgeschnitten, sagen wir 57 Mandate erhalten und damit den einmaligen Rekord von Maarach zwei Jahre nach dem Sechs-Tage-Krieg uebertroffen, er muesste immer noch eine Koalition bilden, um ueberhaupt regieren zu koennen, geschweige denn so grundlegende Aenderungen im Staatssystem durchzusetzen. Sollte ein Putsch gemeint sein oder ist die Irrationalitaet System, indem Feiglin etwa als Messias begriffen wird?

In den naechsten drei Wochen geht es mit dem Umbau des Staates und der Gesellschaft weiter. Inzwischen kann mich nicht mehr viel ueberraschen, allenfalls dass das heutige Deutschland mit antisemitischen Staaten auf eine Stufe gestellt wird: Dort soll es keine israelische Botschaft mehr geben. Das klingt ziemlich ewiggestrig. Was den gegenwaertigen Antisemitismus angeht, koennen Grossbritannien, Schweden und Norwegen Deutschland leicht das Wasser reichen. Wer eine Botschaft als Instrument zur Bestrafung fuer Verbrechen in der Vergangenheit betrachtet, hat sehr eigenartige Begriffe von internationaler Politik. Die hat Feiglin natuerlich auch schon abgeschafft. Sein Staat Israel haette nur insofern Beziehungen zur Aussenwelt als noch Juden „heim ins Reich“ gebracht werden muessen. Die Vorstellung, dass eine Armee auf alle defensiven Waffensysteme verzichten sollte, passt zu einem Zeloten (im Gegensatz zu einem rationalen Menschen).

OK, ich bin ueberzeugt: Moshe Feiglin kann als Faschist bezeichnet werden, wobei in meiner Definition von Faschismus das Rueckwaertsgewandte, die Sehnsucht nach dem Goldenen Zeitalter, das es so nie gegeben hat, eine zentrale Position einnimmt.

3 Antworten

  1. Ob der Feiglin ein Faschist ist, will ich nicht beurteilen, eines ist er aber ganz sicher: Ein Trottel. Wer Hitler allen ernstes als „militärisches Genie“ lobpreist, der sollte möglichst weit weg von allen militärischen Entscheidungen gehalten werden.

  2. Lindwurm, ich bin nicht sicher, ob dieses Zitat stimmt. Nachpruefen konnte ich es nicht und weder Yossi Sarid noch Ha’aretz haben eine bluetenreine Weste, was den Umgang mit politischen Gegnern angeht.

  3. Würde es nicht stimmen, dann hätte sich Feiglin schon längst gemeldet und dagegen protestiert.

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