Die Opferung Isaaks


Am Freitag hoerte ich waehrend der Hausarbeiten pausenlos Radio. Zwischen den Nachrichten telefonierte der Sender regelmaessig mit Hoerern, die ihren Senf zu Gott und die Welt, vor allem natuerlich zur Lage im Sueden abgaben.

Ein Mann fiel aus dem Rahmen. Er sprach darueber, wie Abraham willens war, seinen Sohn zu opfern. Diese Bereitschaft fand er unertraeglich. Kein Vater habe das Recht, ein Kind zu opfern, auch nicht auf Gottes Verlangen hin. Damit baute er die Bruecke zu seinem eigentlichen Anliegen. Er fand es unmoeglich, dass Rabbi Holtzberg und seine Frau, die in Mumbai ermordet worden waren, ihren vierjaehrigen, kranken Sohn in Israel zurueckliessen.

Am Abend hoerten wir in den Nachrichten, dass die Armee den hochrangigen Hamasfunktionaer Nizar Rayyan getoetet hatte. Leider nicht nur ihn, sondern zwei seiner vier Frauen und vier von seinen Kindern, darunter ein siebenjaehriger Bub.

Als Tolkienfan erinnere ich mich natuerlich an den Anfang von „Herr der Ringe“: Frodo erfaehrt durch Gandalf, dass Sauron ihn sucht und beschliesst sofort, das Auenland (Shire) zu verlassen, um die Gefahr, die ihm droht, nicht auf das Land und die Menschen zu ziehen, die er liebt.

Rayyan wusste, dass er gesucht wurde. Die gesamte Hamasfuehrung war bereits in den Untergrund gegangen. Rayyan umgab sich mit seiner Familie und seinen Kindern als menschlichen Schutzschilden.

Update: Hier die Bestaetigung, falls irgendjemand Zweifel an Rayyans Zynismus gehabt haben sollte: „He would tease us and ask if we wanted to die as martyrs with him,“ Rayyan’s daughter says

7 Antworten

  1. Darf ich – ungeachtet der dramatischen politischen Lage – mal Deine Kenntnisse der jüdischen Theologie anzapfen?

    Wollte Gott, als er Abraham die Opferung seines Sohnes befahl, eigentlich nach jüdischer Auffassung wirklich seinen Gehorsam testen? Ging es ihm nicht eher darum, seinen Ungehorsam herauszufordern und zu testen, ob Abraham fähig ist, eine eigenständige moralische Entscheidung zu treffen – die ja nur lauten konnte, den Sohn nicht zu opfern?

  2. Manfred,

    Du weisst, dass es im Judentum keine absolut verbindlichen Interpretationen gibt. Was Du oben angedeutet hast, war die Interpretation in unserer Thora-Talmudgruppe.

    Abraham hatte ja bereits mit Gott um die Stadt Sdom gefeilscht. Dieses Aufbegehren gegen den goettlichen Vernichtungsplan ist, was im Judentum Abraham positiv von Noah unterscheidet. Der hatte einfach die Ankuendigung der Sintflut akzeptiert und die Arche gebaut. Er hat nicht versucht, andere Menschen irgendwie zu retten oder Gott von seinem Plan abzubringen.

    Und derselbe Mann versucht nur eine milde Ausflucht „welchen Sohn?“ und macht sich dann allen Ernstes daran, sein Kind zu opfern. Unser Rabbi meinte, dass Abraham in dieser Pruefung versagt hat.

  3. hallo ruth,

    ich verstehe den zusammenhang jetzt nicht. die holtzbergs – a“h – liessen ihren kranken sohn zurück, weil seine versorgung in israel wesentlich besser gewährleistet war als in mumbai. ihren zweiten, gesunden, sohn hatten sie bei sich.
    natürlich würden juden ihre kinder niemals als schutzschilde benutzen – das entspricht nicht jüdischer auffassung, wie man mit menschen bzw. kindern umgeht.
    die herleitung zu rayyan in verbindung mit holtzbergs habe ich nicht nachvollziehen können.

    ich wünsche euch viel kraft dort unten im süden,
    schoschana

  4. Ja, informieren würde ich mich auch gerne wieder. PI ist leider einem ziemlich heftigem Cyber-Terrorangriff ausgesetzt und daher nicht erreichbar. So ist sie, die links-islamische Toleranz.

  5. „Du weisst, dass es im Judentum keine absolut verbindlichen Interpretationen gibt.“ – Nein, aber es gibt ja sicher so etwas wie einen Mainstream, oder das, was man bei Juristen die „herrschende Meinung“ nennt.

    Jedenfalls freut es mich, dass wir bei der Interpretation dieser Stelle offenbar übereinstimmen.

  6. Lest doch genau : in Genesis 22 geht es darum, das Menschenopfer abzuloesen. Anders als Kierkegaard dachte,
    geht es hier nicht um Seins-Haltung, sondern um einen geschichtlichen Einschnitt : durch des Herrn Guete wird das Kinderopfer nichtig und Abrahams Kinder (Genesis 22, 17ff)
    tragen den Segen fuer alle Voelker.
    Ums weniger pathetisch zu schreiben : unsere Kinder sind das Wertvollste in dieser Welt – das wissen Eltern schon ohne den Tanach : aber Zuversicht bekommen wir aus der Schrift!

  7. Schoschana, ich fand diese Anwendung auch ziemlich doof. Der Hoerer war offensichtlich der Meinung, dass die Holtzbergs bei ihrem kranken Kind in Israel haetten bleiben sollen. Dann waeren sie noch am Leben.

    Wenn das Ehepaar Holtzberg unbedingt mit dem Begriff „Opfer“ in Verbindung gebracht werden muesste, ergaebe es am meisten Sinn davon zu sprechen, dass sie ihr eigenes Leben geopfert haben.

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