ein Tag Ferien vom Krieg


Wir gehoeren der konservativen Gemeinde in Beer Sheva an. Davon gibt es in Israel nicht allzu viele. Dem entsprechend unterstuetzen sich die Gemeinden gegenseitig und haben viele Querverbindungen.

Die konservative Gemeinde in Zichron Yaakov hatte gestern Familien aus dem Sueden eingeladen, bei ihnen im Norden ein bisschen auszuspannen. Wir bestiegen um 8:10 den Bus, in Omer stiegen noch viele Familien (ausschliesslich Muetter mit Kindern, die Vaeter arbeiten) zu, dann ging es ueber Autobahn 6 nach Ramat HaNadiv.

Als wir ankamen, hatten Gemeindemitglieder schon ein israelisches Fruehstuecksbuffet auf den Picknicktischen aufgebaut. Erst schauten wir einen kurzen Film ueber Baron Rothschild. Dann machten wir eine kleine Wanderung zur Quelle Ein Zur. Zwar waren wir schon zweimal dort gewesen, aber was spielt das fuer eine Rolle? Weil es Winter war, sahen wir diesmal viele Zyklamen und Anemonen, die Maedchen waren ganz entzueckt. Sie rannten und tobten und genossen die frische Luft. Als wir danach wieder zum Picknickplatz kamen, wartete schon ein leichtes Mittagessen auf uns. Pitabrot, Gemuese, Spaghetti, Thunfischsalat, gekochte Eier. Anschliessend fuhren wir zum Gemeindezentrum in Zichron Yaakov. Dort waren fuer die Kinder verschiedene Aktivitaeten vorgesehen. Ballspiele und Judo fuer diejenigen, die weiter toben wollten. Dekorieren von Chamsot bzw. Schokoladenkugeln herstellen fuer die anderen. Die Eltern konnten in der Zwischenzeit Kaffee trinken (koestliche Kuchen gab es auch!) und sich mit den Gemeindemitgliedern unterhalten. Das tat ich gern und ausgiebig, schliesslich fehlte mir ja der Kontakt zu Erwachsenen. Das Herz wurde mir warm von dem guten Willen und der Empathie! Im Gespraech erfuhr ich, dass die Idee zu dieser Einladung von einem achtjaehrigen Maedchen kam. Ich fand Lilly und bedankte mich bei ihr. Auch die Maedchen sagten ihr, wie gut es ihnen tat, einmal wieder einen „normalen“ Tag zu haben.

Zum Abschluss setzten sich alle im Kreis zusammen und sangen mit Akkordeonbegleitung. Es gibt viele israelische Lieder, die genau passen, vermutlich mehr als in anderen Sprachen. Bei „al kol ele“ und „toda“ stiegen mir natuerlich die Traenen in die Augen. Auch „anashim tovim“ entsprach genau meinen Gefuehlen.

Noch bevor wir den Autobus fuer die Heimfahrt bestiegen, holte die Realitaet im Sueden uns wieder ein. Eine Gradrakete war nicht weit von unseren Haus eingeschlagen, auf freier Flaeche ohne Schaden anzurichten. Meine Schwiegermutter, die nichts von unserem Ausflug wusste, hatte frenetisch versucht, mich anzurufen. Aber waehrend des Singes konnte ich mein Handy nicht klingeln hoeren. Sie wiederholte ihr Angebot, dass die Kinder bei ihr sein koennten. Aus uns nicht ganz klaren Gruenden sind mein Mann und ich dagegen.

In der Nacht fielen zwei weitere Raketen, eine um halb zwoelf, die andere um halb eins. Die Erfahrung von einer Sirene aus dem Schlaf gerissen zu werden, habe ich jetzt auch erstmals gemacht. Mein Mann wachte von der ersten nicht auf, bei der zweiten dann schon. Zum Glueck muessen wir keine schlaftrunkenen Kinder aus den Betten reissen, weil sie ohnehin im Schutzraum schlafen. Wir setzten uns also fuer die vorgeschriebenen Minuten auf ihre Bettkante und legten uns wieder schlafen.

Heute morgen war ich so muede, dass ich wieder ins Bett schluepfte, nachdem ich meinem Mann sein Sandwich und den Tee fuer die Fahrt zur Arbeit gerichtet hatte. Als ich endlich aufwachte, fand ich die Kinder vor dem Fernseher, wie sie Nachrichten schauten. Im Norden sind vier Raketen auf Naharia abgefeuert worden. Vielleicht hat das noch nichts zu bedeuten, aber es kann auch sein, dass der Norden sich aufheizt.

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6 Antworten

  1. Es ist sehr schön zu lesen, dass du und deine Familie einen (mehr oder weniger) sorglosen Tag und eine offensichtlich schöne Zeit verbringen konnten.
    Hoffen wir zudem, dass es im Norden nicht zu einem Zweifrontenkrieg kommt.

  2. Raketen nachts. Ich sag dir, da würd bei mir was abgehen sag ich dir. Mein Schlaf, da geht nichts drüber… Die Erfahrung haben schon 2 Wecker gemacht…

  3. […] Tag Ferien … 8 Januar 2009 at 13:49 | In Fremde Federn | ruth berichtet von einem tag ferien – vom krieg. ich finde gerade solche berichtet “live aus dem israelischen leben” […]

  4. Passt nicht ganz zum Thema, aber sprichst du mit deinen Kindern ausschließlich hebräisch oder auch deutsch?

  5. Eigentlich wollte ich ausschliesslich schweizerdeutsch mit ihnen sprechen, aber das halte ich nicht durch, also eine Mischung aus Schweizerdeutsch und Hebraeisch.

  6. […] coping with stress situations; I am knitting a new scarf too at the moment – to inviting them to a day off from the war in the North. Yet I wouldn’t go as far as suggesting that the barriers that divide […]

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