Sieben Raketen und eine Beerdigung


Das war der Freitag. Um 7 Uhr wurden mein Mann und ich von der Sirene geweckt. Ich ass eine Kleinigkeit und ging gleich ins Buero. Meine Kunden kommen langsam aus dem Weihnachtsurlaub zurueck und ich kann von zuhause nicht in alle Programme gelangen.

Waehrend ich arbeitete, hoerte ich einen weiteren Alarm und hetzte in den Schutzraum. Ein paar andere Angestellte waren auch da. Einer erzaehlte, dass schon um 5 Uhr morgens Alarm gewesen waere, den haetten wir demnach ueberschlafen. Ein anderer sagte mir, dass gestern nacht unser Kollege Golan gestorben war.

Um 10 Uhr hatte ich das Groebste erledigt und fuhr nach Hause. Unterwegs erwischte mich ein Alarm. Ich helt am Strassenrand und kletterte die Boeschung in den tiefen Graben hinunter. Die Raketengefahr im Freien ist ja nicht so sehr, dass die Rakete einen direkt trifft, sondern die Splitter, die wie Geschosse in alle Richtungen spritzen. Um den Effekt zu verstaerken, fuellen die Hamasleute noch Schraubenmuttern und andere metallene Kleinteile hinzu. Richtiges Verhaltn bedeutet also, sich einen Ecke zu suchen, wo man moeglichst wenig getroffen werden kann. Im Strassengraben war ich denkbar geschuetzt, das Problem war hinterher wieder herauszuklettern. Ich war nicht die Einzige, die diese Zuflucht gewaehlt hatte, rechts und links sassen ganze Familien ebenfalls im Strassengraben und haetten mich notfalls auch herausgezogen. Zum Glueck habe ich es aber selber geschafft und sogar meinen Mantel nicht allzu dreckig gemacht.

Eigentlich hatte ich den Kindern versprochen, dass sie mit mir einkaufen gehen duerften. Aber angesichts der vielen Einschlaege erklaerten mein Mann und ich ihnen, es sei doch besser, wenn sie zuhause blieben. Ich hastete zum naechstgelegenen Supermarkt, um etwas Lebensmittel zu kaufen. Eigentlich wollte ich auch zur Post. Dort war aber ein Schild „Wegen der Sicherheitslage bis auf weiteres geschlossen.“ Der Inhaber des Zeitungsladens nebendran sagte mir, dass diese Postfiliale schon die ganze Woche geschlossen sei. Dort gibt es keinen Schutzraum und keine Firma darf Angestellte arbeiten lassen, wenn sie nicht ausreichend Schutzraum hat. Neben dem Zeitungsladen ist ein DVD-Verleih. Ich bin dort noch nie eingetreten, aber diesmal dachte ich, dass wir vielleicht etwas Abwechslung fuer die Kinder brauchen koennten. Ich fand drei nette, kindergeeignete Filme und an der Kasse wurden mir 60 NIS berechnet. Ich fragte, wann ich die Filme zurueckgeben muesse. „Gar nicht, die hast du jetzt gekauft.“ Das Geschaeft wird Ende des Monats zusperren und alle Filme werden guenstig abgegeben. Da langte ich zu und brachte insgesamt 14 Filme nachhause, fuer die ich insgesamt 200 NIS zahlte.

Im Supermarkt war gleich neben dem Eingang ein Berg an Knabberzeug und Suesswaren aufgebaut. Ein Mann mit weissen Sweatshirt mit roter Aufschrift „Ein Herz fuer Zahal“ hielt Kartons parat. Jeder konnte einen solchen Karton entweder nach Geschmack selber fuellen oder einen bereits gefuellten nehmen. An der Kasse zahlte man fuer diese Produkte nur die Haelfte und konnte auf einer Karte noch ein paar persoenliche Worte an die Soldaten schreiben. Das habe ich dann auch gemacht, hoffentlich ohne sinnentstellende orthographische Fehler.

Als ich mit den Einkaeufen nach Hause fuhr, kam die Benachrichtigung, dass die Beerdigung von Golan in einer Stunde stattfinden wuerde. Ich versorgte die Einkaeufe, fing schon ein bisschen zu kochen und ueberlegte, wie ich die Kinder unterbringen koennte. Mein Mann war zur Apotheke gefahren. Tatsaechlich kam er aber schneller zurueck als die beiden Nachbarinnen, die ich angerufen hatte. Ich schaffte es rechtzeitig zur Beerdigung. Die ganze Firma war gekommen, trotz Raketen und dem uebliche Shabbatvorbereitungsstress.

Waehrend der Rabbi in der Halle ueber seinem Koerper eine Rede hielt, dachte ich darueber nach, warum wir Golan geliebt hatten. Die Antwort ist denkbar einfach, er war ein so guter Mensch, dass wir alle unter seinem Einfluss bessere Menschen waren, wenigstens fuer ein kleines Weilchen. Etwa an dieser Stelle meiner Gedanken brach der Rabbi selber in Traenen aus. Das beeindruckte mich, weil fuer diesen Mann Beerdigungen wahrscheinlich Routine sind, aber auch er hatte Golan persoenlich gekannt und fuehlte den Verlust.

Bei juedischen Beerdigungen greift es mir immer ans Herz, dass die Leiche nicht in einem Sarg versteckt wird, sondern nur in Tuecher gewickelt wird. Die Form des Koerpers, vor allem der Kopf bleibt klar erkennbar. Bei dieser Beerdigung sah ich das aber nicht, weil ich hinten ging. Der Rabbi hatte die Frauen darum gebeten, sich nicht unter die Maenner zu mischen. Fuer mein Teil war ich damit zufrieden, aber einen Moment lang wurde ich wuetend, als ich die junge Witwe ebenfalls im hinteren Teil des Trauerzuges zum Grab sah. Von allen Menschen haette sie ihrem toten Mann am naechsten sein sollen!

Das Grab befand sich an einer entfernteren Ecke des Friedhofs. Hier werden immer felderweise Graeber ausgehoben, die Grubenwaende mit Zement verstaerkt und erst bei den Feldern, die an die Reihe kommen, die Gruben mit Erde ausgefuellt. Wir standen also auf solchen auf Abruf vorbereitenen Gruben und spuerten den Himmel weit offen ueber uns. Angesichts der vielen Raketenalarme war das ein bedrohliches Gefuehl, umso mehr als wir Kriegslaerm aus der Ferne hoerten. Ob es die Moerser auf Sderot oder die Bomben auf Gaza waren, kann ich nicht sagen. Eine Kollegin fragte mich nervoes, ob da nicht gerade eine Sirene losgegangen waere. Ich beruhigte sie und fragte dann: „Und wenn, wohin waerst du gerannt?“ Wir haetten uns hoechstens zwischen Grabsteine kauern koennen. „Falls es uns erwischt, dann sind wir jedenfalls schon am richtigen Ort“ mit einer Handbewegung auf die wartenden Graeber. Da musste sie glatt lachen.

Ich musste immer wieder weinen, nicht so sehr ueber Golan, dem ich die Erloesung von seinen Schmerzen und seinem Leiden goenne, sondern ueber die Familie, die er zuruecklaesst. Seine Frau war vor Traenen blind. Erst ganz zum Schluss, als wir fast wieder beim Ausgang waren, sah sie mich und hielt sich an mir. Ich umarmte sie, so fest ich konnte, aber ich hatte keinen Trost fuer sie, ich konnte nur mit ihr zusammen schluchzen. Ihr kleiner Sohn stand daneben. Er sah aus, als stuende er unter Schock, was gut zutreffen koennte.

Ich fuhr die Kollegin, die ich zum Lachen gebracht hatte, nach Hause. Selber wieder daheim stuerzte ich mich voller Eifer ins Kochen und Putzen, nur noch wenige Stunden bis Shabbat und ausserdem lenkt das gut ab.

Die Maedchen hatten sich inzwischen von den vielen Filmen einen ausgesucht: A Series of Unfortunate Events. Sie waren bis zur Mitte gekommen, dann bekamen sie zuviel Angst. Sie warteten brav, bis ich mit allen Hausarbeiten zu Ende war und die Shabbatkerzen angezuendet waren, dann setzten wir uns zu dritt vor den Fernseher und schauten zusammen den Film an.

Nach dem Shabbatessen war ich erschlagen. Merke, man soll sich nie ueber Langeweile beschweren! Als ich frueh ins Bett ging, hoerte ich beim Einschlafen dreistimmiges Gelaechter aus dem Wohnzimmer. Anscheinend schauten sich mein Mann und die Maedchen ein Satireprogramm an. Ein letzter Gedanke an die Witwe Golans, die ich mir an ihrem Sohn geschmiegt vorstelle, wie sie vor lauter Weinen schliesslich erschoepft eingeschlafen ist.

8 Antworten

  1. Das tut mir sehr leid mit Ihrem Kollegen.

    Hoffentlich hören diese Raketen endlich auf. Falls Sie für eine Weile in sicherere Gefilde möchten, etwa nach Europa: Wir leben nach dem Motto, dass auch für sechs reicht, was für zwei genug ist. Falls Sie vom Wändestreichen gar nicht lassen könnten, würden wir auch Farbe besorgen.

  2. Herzliches Beileid auch von mir. Dein Kollege war wohl noch nicht so alt?

    Ach ja: Und danke, dass Du uns auch am Shabbat auf dem Laufenden hältst.

  3. Golan wurde 35 Jahre alt.
    Shabbat endet mit Einbruch der Nacht, Ich schreibe also Mozei Shabbat (nach Shabbatausgang).

  4. Danke Nam, ich habe natuerlich Verwandte in Europa, die ich auch heimsuchen koennte. Aber dazu gibt es keinen Anlass, Was sie Bewohner von Sderot und der Kibbutzim um den Gazastreifen jahrelang aushalten konnten, das stehen wir locker fuer ein paar Wochen durch.

  5. Herzliches Beileid. Krebs ist so eine furchtbare Krankheit. Die arme Frau und das arme Kind. So ein Tragödie erleben zu müssen ist schrecklich und dann noch die ganze furchtbare Situation drumherum.

  6. humor ist, wenn man trotzdem lacht…..
    danke fuer deinen interessanten blog!
    gruss aus arad

  7. Jetzt hab ich das mit Shabbat auch endlich verstanden durch deinen Kommentar.
    Aber bedeutet das dann, das Juden in Island derzeit gar keinen Shabat haben?

    Die DVDs sind mit durchschnittlich 2,80€ ja durchaus ein schnäppchen. Weißt du wie lange ich nicht mehr in einer Videothek war? Die in meinem Heimatort eh und hier bin ich noch ned dazu gekommen (obwohl ich direkt eine in der Straße habe), alleine Filme gucken macht mich depressiv. Und es gibt ja auch noch Live-Streams😛

  8. Andreas,

    auch die Juden in Island haben Shabbat. Er beginnt naemlich mit Einsetzen der Daemmerung am Freitag abend. In Island besteht Shabbat im Winter halt zum groesseren Teil aus Dunkelheit und im Sommer zum groesseren Teil aus Licht.

Schreibe einen Kommentar

Bitte logge dich mit einer dieser Methoden ein, um deinen Kommentar zu veröffentlichen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: