David Grossman und die Verblendung


MIt David Grossman habe ich mich nun schon zweimal in diesem Blog auseinandergesetzt. Anhand seiner Rede zu Rabins 11. Todestag habe ich bei ihm Projektion eigener Gedanken und Gefuehle auf die Palaestinenser diagnostiziert.

Zu Beginn der Aktion gegen Hamas insistierte David Grossman, Israel muesse das Muster, seine Gewohnheit, auf jede Provokation militaerisch zu reagieren, durchbrechen. Ich habe nachgewiesen, dass Grossman blind sein muss, um ein solches Muster zu unterstellen, nachdem Israel jahrelang den Raketenbeschuss aus dem Gazastreifen geduldet hatte. Ausserdem konnte ich an einem Beispiel aus der sog. 2. Intifada belegen, dass israelische Zurueckhaltung kontraproduktiv ist, wenn das Ziel Ruhe und weniger Tote auf beiden Seiten ist.

Meine Diagnose verschaerft sich stufenweise. Blinder Glaube, willentliche Blindheit, Verblendung:

In seinem neuesten Artikel in Ha’aretz schreibt Grossman:

maybe then we will settle accounts with those who, time after time, incite the Israeli public, whipping them into a frenzy of arrogance and a euphoria of power. Those who have taught us over the years to scoff at belief in peace and any hope for change in our relations with the Arabs. Those who have convinced us that the Arabs understand only force, and therefore that is the only language we can use in our dealings with them.

Wer moegen die mysterioesen „die“ sein?

Fuer mein Teil wuerde ich den Terroristen der Hamas und der Tanzim, Al-Aksa-Brigaden, Islamischer Jihad und wie sie sich alle nennen, die Schuld daran geben, dass „Friede“ fuer mich schon fast ein schmutziges Wort geworden ist.

Aber die hat Grossman kaum gemeint. Er duerfte an israelische Politiker denken. Das kleine Problem ist nur, dass die gegenwaertige Regierung unmoeglich als rechts charakterisiert werden kann. Olmert wurde seinerzeit gewaehlt, um den einseitigen Rueckzug aus der Westbank einzuleiten. Barak ist Vorsitzender der Arbeiterpartei und Livni galt als Taube neben Olmert. Wenn sie sich jetzt als Falke gebaerdet hat (Hat sie das? Mir ist das entgangen.), dann um sich gegenueber Netanyahu in den kommenden Wahlen zu profilieren. Selbst Meretz, die Partei am aeusserten linken Rand in der Knesseth, rief nach einer militaerischen Aktion gegen Hamas. Damit ist uebrigens die Frage von Reinhard Meier von damals endgueltig beanwortet: Ja David Grossman steht links von Meretz.

Olmert hat sich geradezu verbatim an Grossmans Anweisung gehalten.

Wenden Sie sich an die Palästinenser, Herr Olmert. Sprechen Sie sie über die Köpfe von Hamas hinweg an. Wenden Sie sich an die Gemäßigten unter ihnen, diejenigen, die Hamas und ihre Politik ebenso ablehnen wie Sie und ich. Wenden Sie sich an das palästinensische Volk.

In den Tagen vor Beginn der militaerischen Aktion wandte er sich ueber die Kopefe der Hamas hinweg an das Volk im Gazastreifen:

Israeli Prime Minister Ehud Olmert on Thursday issued a „last-minute“ appeal to Palestinians in the Gaza Strip to reject their Hamas rulers and stop rocket fire at Israel, warning them he would not hesitate to use force.

(…)

Olmert told Al Arabiya television, an Arab broadcaster widely watched in Gaza: „I didn’t come here to declare war.“

„But Hamas must be stopped — that is the way it is going to be. I will not hesitate to use Israel’s might to strike Hamas and (Islamic) Jihad. How? I will not go into details now,“ Olmert said, according to a statement issued by his office.

Olmert has resisted calls within Israel for a major military operation against Hamas, but rocket and mortar fire from the coastal enclave since a six-month truce brokered by Egypt expired last week has increased pressure on him to act.

Aber das gilt nicht bei Grossman. Denn die Wirkung war eben nicht, wie er meint, dass sie notwendig eintreten muss:

Yet even when the Palestinians act with indiscriminate violence, when they use suicide bombings and Qassam rocket fire, Israel is stronger than them, and it can have a tremendous impact on the level of violence in the conflict as a whole – and hence on calming it down and even bringing it to an end.

Am selben Tag, als Olmert so versuchte, das palaestinensische Volk zu erreichen und den Krieg zu verhindern, machte Hamas sehr deutlich, dass jede israelische Zurueckhaltung als Schwaeche verstanden wird:

Boasting that it had fired dozens of rockets and mortars at Israeli towns in the past few days, the group pointed out that Israel was „hopeless and desperate“ because it doesn’t know what to do to stop the attacks.

„The enemy is in a state of confusion and doesn’t know what to do,“ the leaflet read. „Their fragile cabinet has met in a desperate attempt to stop the rockets while thousands of settlers have found refuge in shelters which, by God’s will, will become their permanent homes.“

Grossman glaubt daran, dass Sprache alternative Realitaeten erschaffen kann.

We must speak to them, and create, within this closed-off, deaf reality, the very possibility for speech. We must create this alternative, so mocked and maligned today, which in the tempest of war has almost no place, no hope, no believers.

Als Schriftsteller erschafft Grossman tatsaechlich alternative Realitaeten und ich wiederhole noch einmal, dass ich ihn als Schriftsteller sehr schaetze. Dass er aber aufgrund seines literatischen Schaffens ernsthaft meint, seine Rezepte koennten Israel den Frieden bringen, wuerde ich unter Selbstueberschaetzung des Kuenstlers verbuchen.

Ich schlage David Grossman ein Experiment vor: Er stellt sich Hamas freiwillig als Geisel zur Verfuegung. Durch Reden wird er sie dann davon ueberzeugen, ihn und Gilad Shalit freizulassen, alle seine Buecher ins Arabische zu uebersetzen und gemeinsam mit Israel einen Lesezirkel zu eroeffnen.

P.S. Diesmal war ich Yaacov Lozowick eine Nasenlaenge voraus. Sein Text zu David Grossman erschien drei Stunden nach meinem. Ich moechte noch darauf hinweisen, dass ich Grossman nicht in der Serie Alibijuden behandle und Lozowick ihn nicht als antisemitic Jew kategorisiert. Entgegen den Unterstellungen von gelegentlichen Kommentatoren wird eben nicht jede andere Meinung in dieser Weise zurueckgewiesen.

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