Mal wieder: Victor Kocher in der NZZ


Der Artikel Viel Geld für Gaza – kein Partner am Ort in der NZZ von gestern ist mal wieder so schraeg daneben, dass ich mich nicht beherrschen kann und einen Blogeintrag daraus mache. Das beginnt schon im ersten Satz:

Eine grosse Konferenz mit hohen Vertretern von über 70 Staaten hat am Montag in Sharm ash-Sheikh Bereitschaft zur Wiedergutmachung nach dem zerstörerischen Krieg der Israeli im Gazastreifen manifestiert.

Im Teaser war von „Wiederaufbauhilfe“ die Rede, die Redaktion hat sich gehuetet, Kochers „Wiedergutmachung“ aufzugreifen. Mit gutem Grund. In dieses eine Wort packt Kocher schon fast die Gleichsetzung Israels mit Nazideutschland, die nach der EU-Definition ein klares Kriterium fuer Antisemitismus darstellt.

Wiedergutmachung ist die Kompensierung eines Unrechts durch Beseitigung oder Abmilderung seiner Folgen oder Leistung eines Ausgleichs. Konkret kann sich der Ausdruck beziehen auf: * die Beseitigung einer moralischen Schuld, o etwa durch Sühneleistung, o in der Regel verbunden mit einer Entschuldigung; * die deutsche Wiedergutmachungspolitik als Versuch einer politischen Wiedergutmachung dessen, was die Opfer des Nationalsozialismus zu durchleiden hatten; * Reparationen durch eine unterlegene Kriegspartei;

  1. Demnach waere Israel moralisch schuldig, weil es sich gegen die massiven Raketenangriffe aus dem Gazastreifen verteidigt hatte  und/oder
  2. die Bevoelkerung des Gazastreifens haette Vergleichbares durchleieden muessen wie die Opfer des Nationalsozialismus und/oder
  3. Israel haette den Krieg verloren.

Herr Kocher lebt offensichtlich in einem Paralleluniversum. In meiner Welt sind die obigen Saetze alle drei geradezu lachhaft falsch.

So schliesst der kommende Regierungschef in Israel, Netanyahu, eine Zweistaatenregelung, wie die Konferenz sie will, explizit aus.

Kocher biegt hier die Wahrheit dermassen, dass man es auch eine glatte Luege nennen koennte. Was Netanyahu tatsaechlich macht: Er verweigert, eine Zweistaatenloesung, wie die Konferenz sie will, explizit als politisches Ziel zu deklarieren. Selbst die links-aussen Zeitung „Ha’aretz„, die in Netanyahu fast einen persoenlichen Feind sieht, traut sich keine derartig glatte Luege:

Prime Minister-designate Benjamin Netanyahu is refusing to declare his support for a two-state solution to the Israeli-Palestinian conflict.

Aluf Benn begnuegt sich damit, Netanyahu als denjenigen darzustellen, der die Soueveraeinitaet des Staates Palaestina in vier Punkten einschraenken moechte. Dabei vermeidet er daran zu erinnern, dass alle diese Punkte bereits im Osloabkommen (Chapter 2, Art. XIV, 1-4; Chapter 3, Art. XVII,5 ) so definiert wurden – unter der Regierung von St. Rabin. Netanyahu vertritt heute also die gleichen Positionen wie seinerzeit Yitzchak Rabin und Shimon Peres. Deswegen stellt er natuerlich ein Friedenshindernis dar! Die Logik erschliesst sich, sobald „Friede“ als Selbstaufloesung Israels definiert wird, das ist die Hamas‘ Auffassung und wir wissen ja bereits, dass Viktor Kocher ihr nahe steht.

Wir erfahren, dass die Forderungen des Nahostquartetts USA, EU, Russland, UN an die Hamas

Die Hamas müsse Israels Existenzrecht und alle Abkommen anerkennen, welche die Palästinensische Befreiungsfront bisher mit dem jüdischen Staat unterzeichnet hat, weiter sei ein umfassender Gewaltverzicht erforderlich,

eine pure Sprachregelung darstellen. Sarkozy hat anscheinend schon signalisiert, dass es auch ohne Gewaltverzicht und volle Anerkennung frueherer Abkommen ginge.

Laut Sarkozys Worten reicht eine Verpflichtung zum Dialog und zu einer politischen Lösung auf der Basis früherer Übereinkünfte aus.

Aber fuer Kocher ist das natuerlich nicht gut genug.

Der politische Boykott gegen die Hamas nahm etwas abweichende Formen an, die allerdings wenig diplomatischen Spielraum liessen.

Schliesslich ist die offizielle Hamaslinie:

Der höchste Hamas-Exponent in Gaza, Mahmud Zahhar, hatte noch am Sonntag in einem Interview die westlichen Auflagen zurückgewiesen. «Wir haben einen ganzen Krieg geführt wegen dieser Bedingungen», versicherte er, «wir werden sie nicht jetzt über Nacht akzeptieren. Israel kann niemals als legitimes Staatswesen auf dem Boden Palästinas hingenommen werden.»

Waehrend die Forderungen an Hamas aufgeweicht werden, eben weil die Terrororganisation sich einen Dreck darum schert, wird die prinzipielle Bereitschaft Israels durch staendig gesteigerte Forderungen bestraft:

Die Konferenz richtete auch ungewohnt klare Forderungen an Israel. Hillary Clinton gelobte, sich trotz Netanyahus Vorbehalt energisch für die Zweistaatenlösung einzusetzen. Sarkozy verlangte eine schrankenlose Öffnung der Übergänge in den Streifen und bot die Dienste von EU-Beobachtern nebst Rafah auch für die anderen Passagen an. Der palästinensische Regierungschef Fayad machte am Schluss klar, dass nun einzig die israelische Blockade gegen Gaza im Weg stehe, denn internationale Hilfsfonds für den Aufbau stünden nun reichlich zur Verfügung.

Die Forderungen an Israel werden allerdings immer klarer und unverschaemter. Die EU-Beoabachter haben schon in Rafah gezeigt, dass sie genau dann ihren Posten verlassen, wenn sie gebraucht wuerden. Aber die EU war schon immer gut im Heucheln.

Im laengsten Absatz des Artikels (225 Worte von ingesamt 899, also 25%!) gibt Kocher die Ansichten von Amr Moussa, Generalsekretaer der Arabischen Liga wider, vermutlich deshalb so ausfuehrlich, weil er sie teilt. Auch die Wortwahl verraet Einverstaendnis:

Der Generalsekretär der Arabischen Liga, Amr Mussa, rieb der Runde unter die Nase,

Waehrend Berlusconis Ideen im darauffolgenden Absatz als unrealistisch charakterisiert werden, verwendet Kocher keine solche Einschraekung bei seiner Darstellung der arabischen Positionen. Und natuerlich endet der Artikel auf seinem Ceterum Censeo, dass mit Hamas verhandelt werden muesse:

Hamas sieht sich als Partner

Zahhar hatte in seinem Interview erklärt, die Hamas stelle im Gazastreifen die legitime und handlungsfähige Regierung, die der natürliche Partner für alle Reparationsvorhaben darstelle. Doch habe die Hamas nichts gegen Programme mit Hilfe von Uno-Organen, unabhängigen lokalen Gruppierungen oder Vertretern der Geberstaaten. Dann fragte er allerdings maliziös: «Wenn der Westen das Geld einzig Abbas geben will, wie soll es der dann in Gaza ausgeben?»

3 Antworten

  1. so schraeg daneben, dass ich mich nicht beherrschen kann und einen Blogeintrag daraus mache
    Und dafür sei gedankt!
    Hinsichtlich seiner Berichterstattung über Netanyahu und die Zweistaatenloesung unterscheidet sich Kocher indes nicht signifikant von den deutschsprachigen MSM. Einmal ganz unabhängig von den Fakten: Es entbehrt nicht einer gewissen Ironie, dass gerade diejenigen, die ansonsten stets darauf beharren, dass man Frieden „nur mit Feinden“ schließen könne, tagtäglich in die Welt posaunen, dass Netanyahu ein Hindernis für den Friedensprozess sei.

  2. Ups, da hat wohl was mit der Formatierung des Zitates nicht geklappt😉

  3. […] Viktor Kocher, NZZ, mal wieder – die Länder der Geberkonferenz in Ägypten „zeigten Bereitschaft zur Wiedergutmachung nach dem zerstörerischen Krieg der Israeli im Gazastreifen“. Wie bescheuert muss man eigentlich sein, um die „Wiederaufbauhilfe“ als „Wiedergutmachung“ zu bezeichnen? Machen jetzt die die Geberländer wieder gut, was Israel schlecht gemacht hat oder was? (Mehr zu dem Blödsinn von Kocher unter dem Link bei Beer7.) […]

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