Die ZEIT: Beispiel fuer Desinformation zum Nahostkonflikt


Als Hintergrundinformation zu ihrer Berichterstattung ueber Nahost, bietet die Zeit eine Kartengalerie an. Das Problem ist, dass der dort vermittelte Hintergrund historisch unrichtig ist.

Das beginnt mit dem Titel:

60 Jahre Kampf

Kriege, Terror, verschobene Grenzen, immer wieder neue Anläufe zum Frieden – und dann doch wieder Gewalt. Eine kleine Geschichte des Nahost-Konflikts

Die 60 Jahre signalisieren, dass der Konflikt mit der Gruendung Israels begonnen habe. Das ist natuerlich Bloedsinn. Wann der Beginn des Konflikts genau angesetzt werden soll, ist Geschmackssache. Soll der Zionistenkonkress in Basel von 1897 als Beginn gelten? Auf ihm wurde das juedische Nationalbewusstsein begruendet. Spaetestens die Balfourdeklaration von 1917 muss aber als Teil des Nahostkonflikts aufgefasst werden. In Reaktion auf sie entwickelte sich ein arabisch-palaestinensich-muslimisches Nationalbewusstsein in der nicht-juedischen Bevoelkerung im spaeteren Mandatsgebiet.

Die erste Karte zeigt nur die Umgebung des Gazastreifens: Beer Sheva, Yavne, Kiriat Gat sind nicht zu sehen, so dass der Beschuss dieser Staedte und die Reichweite der Raketen unter den Tisch fallen. Die Karte suggeriert Vollstaendigkeit, so dass die Auslassung als Irrefuehrung bezeichnet werden muss.

Die zweite Seite ist besser: Ich beanstande nur die Schlussfolgerung

Israel durfte alle Gebiete behalten, die es bis dahin erobert hatte. Der palästinensische Staat rückte in weite Ferne.

Fuer die Autoren scheint a priori klar zu sein, dass ein palaestinensischer Staat nur auf Kosten Israels entstehen kann. Obwohl die arabischen Armeen den groessten Teil der von der UN fuer einen arabischen Staat vorgesehenen Gebiete erobert hatten, wird gar nicht nachgefragt, warum kein Staat oder wenigstens autonome Gebiete daraus wurden. Dabei unterstellt der Text, dass ein Teilziel der arabischen Aggression gegen Israel war, den Palaestinensern zu helfen.

Die dritte Seite stapelt tief, was den Hintergrund des 6-Tage-Kriegs angeht. Wer nur liest

Im Vorfeld war es zu Scharmützeln an Israels Nordgrenze zu Syrien gekommen. Ägyptens Präsident Abdel Nasser ließ seine Armee in den demilitarisierten Sinai einrücken und blockierte Israels einzigen Meereszugang in Richtung Afrika und Asien.

wird kaum erfassen, dass Israel in seiner Existenz bedroht war. Ausgelassen wird auch die Nassersche Voelkermordrhetorik.

Mit

1973 kam es abermals zum Krieg (Jom Kippur).

wird der Angriffskrieg der arabischen Staaten beschoenigt.

Und der Schlussatz:

Aufgabe der besetzten Gebiete heißt heute meist: Rückzug aus Gaza und dem Westjordanland – bis an die grüne Linie vor dem Sechstagekrieg von 1967.

verraet wieder die unhinterfragten Praemissen der Autoren. Das ist die palaestinensische-arabische Position, der hier unreflektiert die Deutungshoheit zugesprochen wird. Israel beansprucht, Siedlungsbloecke behalten und sie evt. durch Gebietstausch abgelten zu koennen. Dieser Ansatz wurde von den USA in Camp David II, Taba und zuletzt in Bushs Brief an Sharon 2005 anerkannt.

Vierte Seite:

Doch Terroranschläge, Siedlungsbau und Intifada machen das Ziel der Oslo-Pläne zunichte: mehr Autonomie für die Palästinenser, mehr Sicherheit für die Israelis.

Hier werden Terroranschlaege – ein klarer Verstoss gegen den Gewaltverzicht – und Siedlungsbau, der von den Oslovertraegen nicht tangiert wurde, gleichgestellt. Die Verwendung des Begriffs Intifada ist irrefuehrend. Die erste Intifada fand 1987 bis 1993 statt. Mit der Namensgebung „Al-Aksa-Intifada“ (oder 2. Intifada) seit 2000 wollte Arafat einen populaeren Aufstand suggerieren. Tatsaechlich handelte es sich um geplante, sorgfaeltig vorbereitete, gerade nicht spontane Feindseligkeiten.

Auf Seite 5 bemuehen sich die Autoren mit diversen Klimmzuegen die Schuld am Scheitern von Camp David II gleichmaessig auf Israel und Arafat zu verteilen. Die Autoren scheinen in Arafats Kopf zu schluepfen, seine Ueberlegungen zu kennen und zu rechtfertigen. Der Gedanke, dass Arafat nie in gutem Glauben verhandelt hat, wird nicht zugelassen.

Der saudische „Plan“ = eigentlich handelt es sich nur um einen Artikel in der New York Times, wird falsch dargestellt. Die Kernforderung nach einem Rueckkehrrecht fuer alle registrierten Fluechtlinge (als Fluechtlinge gelten auch Nachkommen von mindestens einem Elternteil mit Fluechtlingsstatus, nur Palaestinenser koennen den Fluechtlingsstatus vererben!) wird ausgeblendet. Dabei ist sie fuer Israel der Knackpunkt. Die prinzipielle Akzeptanz von 4-9 Millionen feindseliger Palaestinenser als Staatsbuerger Israel waere nichts weiter als staatliche Selbtaufloesung.

Auch die Road Map auf Seite 6 wird verzerrt widergegeben: Tatsaechlich wird gefordert:

At the outset of Phase I:

  • Palestinian leadership issues unequivocal statement reiterating Israel’s right to exist in peace and security and calling for an immediate and unconditional ceasefire to end armed activity and all acts of violence against Israelis anywhere. All official Palestinian institutions end incitement against Israel.
  • Israeli leadership issues unequivocal statement affirming its commitment to the two-state vision of an independent, viable, sovereign Palestinian state living in peace and security alongside Israel, as expressed by President Bush, and calling for an immediate end to violence against Palestinians everywhere. All official Israeli institutions end incitement against Palestinians.

Die Forderungen an Israel waren eine pure Uebung in Aequidistanz, waehrend die Palaestinenser bis heute Israels Existenzrecht nicht anerkennen.

Auf Seite 7 wird weitergeklittert

Daraufhin entzieht die Europäische Union der Palästinenserregierung ihre finanzielle Unterstützung

Tatsaechlich stieg die Finanzhilfe der EU und ihrer Mitgliedstaaten an die PA um fast 30%: Von 711 Millionen USD 2005 auf 911 Millionen USD 2006 und das wurde im Februar 2006 von EC Sprecherin Emma Udwin auch angekuendigt.

Auch Behauptungen auf Seite 8 sind nachweislich falsch:

Die Raketen auf nordisraelische Staedte wurden gleichzeitig mit der Grenzverletzung begangen, sie dienten als Ablenkung, damit die Entfuehrung glatt vonstatten ginge. Mit der Darstellung, es habe sich bei dem Raketenbeschuss auf Israel um eine Reaktion auf das israelische Bombardement gehandelt, soll die voellig unprovozierte Aggression durch Hisbollah verschleiert werden.

Ganz ausgelassen in diesem Hintergrund ist der Terrorkrieg gegen Israel, der auch schon vor der Staatsgruendung begann und auch im Ausland ausgetragen wurde, z.B.im olympisches Dorf Muenchen.

Ich frage mich, ob die Autoren sich ihrer Verfaelschungen bewusst sind oder ob sie sich selber schon auf tendenzioeses Halbwissen verlassen.

2 Antworten

  1. Die erste Karte zeigt nur die Umgebung des Gazastreifens: Beer Sheva, Yavne, Kiriat Gat sind nicht zu sehen, so dass der Beschuss dieser Staedte und die Reichweite der Raketen unter den Tisch fallen.

    Da hast du wohl etwas missverstanden: Die Karte soll ja im Wesentlichen gar nicht die beschossenen israelischen Städte zeigen, sondern die „Luftangriffe auf Gaza“.

  2. […] feststellen, dass die ziemliches Unwissen zur Schau stellen und historischen Unsinn von sich geben. Beer7 hat’s […]

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